Der 1. Mai: Kurzgeschichte eines Tages

 

Die Idee, den 1. Mai zu einem internationalen Kampftag der ArbeiterInnenklasse zu machen, wurde erstmals im Jahre 1889 diskutiert. Damals wurde zeitgleich zu den Feiern zu 100 Jahre französische Revolution in Paris der Gründungskongress der zweiten, der Sozialistischen Internationale abgehalten. Im Rahmen dieses Kongresses wurden jede Menge Resolutionen eingebracht und zur Abstimmung vorgelegt.

Eine dieser Resolutionen enthielt den Vorschlag, einen internationalen Aktionstag abzuhalten. Überall wo es möglich sei, sollten an diesem Tag Demonstrationen für die Einführung des 8-Stunden-Arbeitstages organisiert werden. Dadurch sollte der herrschenden Klasse demonstriert werden, dass die ArbeiterInnenklasse sich nunmehr nicht nur als internationale Bewegung organisiert hat, sondern auch in der Lage ist, über alle Ländergrenzen hinweg in für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen.

Dieser Vorschlag wurde ohne Gegenstimmen angenommen. Allerdings - auch das sei erwähnt - war diese Resolution auf dem Kongress sicher nicht das wichtigste Thema. Es war eine gute Idee, der jedeR zustimmte und über die auch nicht viel diskutiert werden musste. Sie stand auch nach dem Kongress nicht im Mittelpunkt der sozialdemokratischen Agitation und Propaganda. Die erste Zeitung, die davon Notiz nahm, war keine sozialistische, sondern eine gutbürgerliche. Der Gedanke an einen internationalen Kampftag der ArbeiterInnenklasse war damals für die Gruppen der II. Internationale sicher nicht das wichtigste und so verwundert es auch nicht, dass abgesehen von ein paar Ausnahmen die meisten Organisationen nur sehr langsam dafür zu mobilisieren begannen.

Als Datum für diesen Aktionstag, der damals noch als einmalige Aktion angesehen wurde und nicht als alljährliches Ereignis, wurde vom Kongress der 1. Mai 1890 festgelegt. Wenn wir bedenken, dass der Kongress im Juli tagte, so stellt sich die Frage, warum ein so später Termin gewählt wurde. Der Grund dafür war, dass die US-amerikanischen Gewerkschaften bereits in den Jahren zuvor Demonstrationen und Streiks rund um den 1. Mai organisiert hatten.

Denn der 1. Mai galt in den USA als der "moving day". An diesem Tag wurden sämtliche Betriebsvereinbarungen neu ausverhandelt. Und wie bereits erwähnt, fanden an diesem Tag regelmäßig Streiks und Demonstrationen statt. Die größten Proteste gab es im Jahre 1886. Zwischen 300.000 und 400.000 ArbeiterInnen traten damals in den Streik. Die heftigsten Kämpfe wurden dabei in Chicago ausgefochten. Bei einer Demonstration an der am 1. Mai 1886 bis zu 40.000 ArbeiterInnen teilnahmen, eröffnete die Polizei das Feuer und tötete mehrere DemonstrantInnen. Als Grund dafür gab die Polizei an, dass einige AnarchistInnen Brandsätze in ihre Richtung geworfen hätten. Wenig später wurden dann auch vier ArbeiterInnen verhaftet und vor Gericht gestellt. Ohne sich darum zu bemühen, Beweise zu sammeln oder den Tatvorgang zu rekonstruieren, wurden die Angeklagten in einem Schauprozess zum Tod durch den Strang verurteilt. Die amerikanische ArbeiterInnenbewegung war nach diesem Prozess geschwächt. Aber ab 1888 organisierten die Gewerkschaften dann doch wieder Proteste rund um den 1. Mai. Die II. Internationale trat also in die Fußstapfen der US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung als sie den 1. Mai 1890 zum internationalen Kampftag erklärte.

Als aber der 1. Mai 1890 näher rückte, kam es zu ersten Streitereien innerhalb der II. Internationale. Einige Delegierte, die auf dem Kongress für diesen Tag gestimmt hatten, dürften vor der Abstimmung wohl nicht im Kalender nachgeblättert haben, um welchen Tag es sich dabei handelte. Der 1. Mai 1890 fiel nämlich auf einen Donnerstag.

Um an einem Wochentag zu demonstrieren, war bei den zehn- und mehrstündigen Arbeitstagen nur möglich, wenn gleichzeitig gestreikt wird. Doch davon war in der Resolution nichts zu lesen. Und genau deshalb begannen sich nun vor allem die deutschen und die englischen Parteien und Gewerkschaften zu wehren. Der 1. Mai sei doch nur eine symbolische Aktion und für solch eine Kopf und Kragen zu riskieren sei unverantwortlich - so ihre Argumente. Demgegenüber setzten andere Parteien, allen voran die skandinavischen und die österreichischen SozialistInnen auf den Konfrontationskurs und argumentierten überzeugt für Streiks und Massenmobilisierungen.

Kurzum, vor dem ersten 1. Mai sah die Sache also nicht so rosig aus. Doch dann traten zwei unerwartete Ereignisse ein, die dazu beitrugen, dass dieser ein fulminanter Erfolg werden sollte. In Deutschland wurden im Januar 1890 die "Sozialistengesetze", unter denen es kaum sozialistische Aktivitäten geben konnte, aufgehoben. Gleich darauf konnte die SPD ihre Stimmen bei den allgemeinen Wahlen verdoppeln. Einer Mobilisierung (wenngleich einer immer noch eher bescheidenen) stand damit jetzt nichts mehr im Wege. Und in England brachen kurz vor dem 1. Mai heftige Streiks bei den HafenarbeiterInnen aus. Ihr Resultat war ein rasches Anwachsen der Gewerkschaftsbewegung. Auch hier standen daher die Zeichen für eine breite Mobilisierung am 1. Mai nun günstig. Allerdings weigerten sich die englischen SozialistInnen trotzdem für den 1. Mai zu mobilisieren und wählten stattdessen Sonntag, den 4. Mai für ihre Proteste.

Dass der 1. Mai dann keine Eintagsfliege blieb, sondern zu einer festen Institution wurde, liegt allein im gewaltigen Erfolg der Maiaufmärsche, der damals wahrscheinlich alle überraschte. In London versammelten sich rund 300.000 ArbeiterInnen im Hyde Park, in Deutschland streikten und demonstrierten trotz zurückhaltenden Aufrufen an die 100.000 ArbeiterInnen, in Kopenhagen streikten 40% der ArbeiterInnen und viele Berufsgruppen, die nicht streiken konnten, verabschiedeten Grußadressen, die bei der Kundgebung verlesen wurden. In Wien folgten rund 100.000 ArbeiterInnen dem Streikaufruf und in dem kleinen Industriestädtchen Steyr traten alleine 9.500 ArbeiterInnen in den Ausstand. Der Erfolg des ersten 1. Mai war also schlicht und einfach überwältigend. Überall traten ArbeiterInnen den sozialistischen Parteien in Massen bei. All die zuvor erhobenen Drohungen der Regierungen und UnternehmerInnen zeigten sich angesichts dieser Mobilisierungskraft als machtlos.

Angesichts dieses Erfolgs wurde dann 1891 beim Kongress der Sozialistischen Internationale der Antrag eingebracht, nun jedes Jahr Maidemonstrationen abzuhalten. Gegen die Stimmen der deutschen und englischen Delegierten, die auch hier wieder auf die Bremse traten, wurde der Antrag angenommen. Gleichzeitig wurde der Aufruf für die folgenden Maiaufmärsche erweitert. Zur Forderung nach dem 8-Stunden-Tag gesellten sich nun für die folgenden Jahre zwei weitere Forderungen dazu: jene nach einem progressiven Arbeitsgesetz und die Forderung nach Frieden. Die ersten Maiaufmärsche waren also nicht nur ihrer Form nach, sondern auch ihrem Inhalte nach internationalistisch. An einem Tag konnte man auf den Strassen aller Länder dieselben Losungen hören. Später kam in vielen Ländern noch die Forderung nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht dazu.

Bis zum Ersten Weltkrieg wurde der 1. Mai Jahr für Jahr neu erkämpft. Er galt nirgends als Feiertag und musste den UnternehmerInnen immer wieder aufs Neue abgerungen werden. Auch wenn manche KapitalistInnen bald aufgaben und den Arbeitern an diesem Tag von Haus aus frei gaben, um die Konfrontation zu vermeiden (wie bei den Steyr-Werken oder den Zeiss-Jena-Werken), so folgten an diesem Tag doch hunderttausende ArbeiterInnen den Streikaufrufen.

Der 1. Mai war daher stets auch ein Kräftemessen zwischen Regierung und Unternehmen auf der einen und der ArbeiterInnenklasse auf der anderen Seite. Er war der "Generalstreik im kleinen".

Und darin lag auch seine zweite Bedeutung. Denn die Sozialdemokratie pflegte damals gerne mit dem Generalstreik zu drohen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Seit den Anfangsjahren des Jahrhunderts wurde etwa immer damit gedroht, einen internationalen Generalstreik zu organisieren, falls es zu einem imperialistischen Krieg kommen sollte. Und der 1. Mai - und darin liegt auch seine besondere Bedeutung - galt dabei als Unterpfand. An diesem Tage demonstrierte die Sozialdemokratie, dass es sich dabei um keine bloße Losung handelt, sondern dass sie tatsächlich in der Lage war, die Massen zum Generalstreik zu mobilisieren, falls erforderlich.

Wenn sie nur gewollt hätte ... Denn als der Krieg dann tatsächlich da war, stellte sich heraus, wie es ums 'Wollen' bestellt war. Eine nach der anderen kapitulierten die Sozialdemokratischen Parteien, verteidigten das Vaterland. Die internationale Solidarität war vergessen! Und damit musste auch der 1. Mai vergessen werden. Nur vereinzelt organisierten kleine linke Gruppen während des I. Weltkriegs Maiaufmärsche. Und wo sie taten, mussten sie damit rechnen, festgenommen zu werden und längere Zeit im Gefängnis verbringen zu müssen. So erging es auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, als sie im Namen des Spartakusbundes am 1. Mai 1916 in Berlin eine Demonstration gegen den Krieg organisierten.

Mit dem Ende des I. Weltkriegs wurde der 1. Mai wieder eine feste Institution. Er hatte bereits eine Tradition, die nicht so leicht zu besiegen war. Das mussten auch die bürgerlichen Parteien erkennen. Weder die Verbote eines Dollfuß, noch Stacheldrahtverhaue und Maschinengewehre konnten die ArbeiterInnen davon abhalten zu "Spaziergängen" auf die Strasse zu gehen. Weder Verbote, wie sie der Berliner SPD-Polizeipräsident 1929 verhängte, noch der von ihm gegebene Feuerbefehl auf einen von der KPD organisierten Maiaufmarsch, waren erfolgreiche Mittel zur Verhinderung von Protesten am 1. Mai.

Vielfach versuchten reaktionäre Regime daher, sich den 1. Mai anzueignen. Wenn sie diese Tradition schon nicht auslöschen konnten, so versuchten sie doch zumindest, sie zu okkupieren und ihr einen anderen Inhalt zu geben.

So schrieb etwa Göbbels 1933 in einem Artikel: "Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt. Gleichschaltung auch auf diesem Gebiet. ... Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehören sie uns." Und so geschah es auch. Doch selbst unter dem Nazi-Regime blieb der 1. Mai ein Tag des Widerstands. Er war ein Tag, an dem traditionell illegale Flugblätter der Linken publiziert wurden und an dem auch manchmal symbolische Aktionen des Widerstands stattfanden. So fällten anonyme "Holzfäller" in einer Nacht- und Nebelaktion, die von Adolf Hitler eigenhändig an einem 1. Mai gepflanzte 'teutsche' Eiche am Tempelhofer Feld in Berlin.

Seit 1945 ist der 1. Mai in vielen europäischen Ländern ein offizieller Feiertag. In den 1980er Jahren wurde sogar ein Beschluss der EG gefasst, dass der 1. Mai in allen Mitgliedsländern ein Feiertag sein muss. Einer rechtskonservativen Margaret Thatcher war das freilich zu fiel - da würde doch dem Kommunismus Tür und Tor geöffnet werden. Und weil die EG damals vergessen hatte, festzulegen um welchen Feiertag es sich handeln soll, erließ die Thatcher-Regierung die Verordnung, am 1. Mai einen Bankenfeiertag einzuführen. Autsch! Und seither ist er in Britannien also nur mehr für Bankangestellte arbeitsfrei.

Wenn wir uns die heutigen Demonstrationen am 1. Mai in Österreich ansehen, so kann dabei das Gefühl entstehen, dass es dabei um politische Fronleichnamsumzüge handelt. Einer jahrelang erprobten Choreographie folgend, gibt es Jahr für Jahr denselben feierlichen Umzug, der das Stadtbild prägt. Doch die Tradition des 1. Mai erfordert mehr als Brauchtumspflege.

Der 1. Mai muss wieder ein wirklicher Kampftag der ArbeiterInnenklasse werden. Gerde heute, wo jedeR von Globalisierung und vom Krieg gegen dem Terror spricht, wäre es von enormer Bedeutung, würden die Maiaufmärsche, so wie es in ihren Anfangstagen der Fall war, wieder unter einem gemeinsamen, international vereinbarten Motto stehen, würden überall die gleichen, zentralen Forderungen erhoben werden: Gegen die imperialistischen Kriege und für höhere und gleiche Sozialstandards weltweit, um der Ausspielung der Produktionsstandorte gegeneinander entgegenzutreten. Damit könnte der 1. Mai wieder an die Tradition anknüpfen für die er einst gestanden ist: Internationaler Kampftag der ArbeiterInnenklasse zu sein!