Buchrezension: Stalinismus

Die folgenden Bücher haben alle eines gemeinsam: Die Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen. Und wir wollen gleich vorneweg bemerken: Es geht uns hier nicht um Publikationen wie das Buch und die TV-Serie von Hugo Portisch und Sepp Riff, die nun schon durch alle Fernsehkanäle des deutschsprachigen Raumes gegeistert ist (eine Auseinandersetzung mit dem Vierteiler "Völker, hört die Signale" findet sich in der Zeitung "ArbeiterInnenstandpunkt" Nr. 36). Ihr Anliegen ist der "Nachweis", daß die Fehlentwicklung der russischen Revolution schon mit dem Geburtsakt, der Revolution selber, begann. Und die Konsequenz, die gezogen werden soll, ist ebenso eindeutig wie vordergründig: Hände weg von jeder revolutionären Veränderung! Sie muß in Terror, Anarchie und einer ärgeren Rechtlosigkeit als vorher enden.
Die vier Bücher, mit denen wir uns hier beschäftigen wollen, haben diesen Ansatz nicht. Sie gehen zwar von einem ebenso parteilichen, aber von einem linken, gesellschaftsverändernden Standpunkt aus und wollen eine genauere Aufarbeitung des Themas Stalinismus bzw. eine Auseinandersetzung mit bestimmten Ausformungen stalinistischer Politik liefern. Und sie sind deshalb für eine innerlinke Diskussion, eine Auseinandersetzung mit dem Thema Stalinismus tausendmal mehr wert als die oberflächlich-phänomenologischen Beschreibungen der bürgerlichen "Revolutions"- und "Stalinismus"-Forscher.

1. Spät, aber doch. Materialien zum Thema "Stalinismus"

Interessanter wahrscheinlich als das kleine, unscheinbare Bändchen ist der Herausgeber: das Bildungsreferat der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ), das mit der Broschüre einen "Impuls für die notwendigen Debatten geben" möchte (S.4). Es ist schon eigenartig: Die KPÖ hat jahrelang alles getan, um mit dem "Stalinismus" möglichst nicht konfrontiert zu werden. Noch in der Parteigeschichte von 1987 finden wir zu diesem Thema nur einige wenige Seiten, z.B. unter dem bezeichnenden Titel "Ursachen und Folgen des Personenkults um Josef Stalin" (S. 239-242), dem immerhin als großes Verdienst angerechnet wird, daß der "frühe und rigorose Kampf gegen die Fraktionsbestrebungen der Anhänger Leo Trotzkis" die gefürchtete Parteispaltung vermieden habe (241).
Die KPÖ stellt sich nun erstmals wirklich dem Thema Stalinismus - allerdings in einer Art und Weise, die von Inkonsequenz und Berührungsängsten geprägt ist. Das Ziel des Bändchens ist, "Anregungen für die Diskussion um die Ursachen des Scheiterns des 'realen Sozialismus'" zu geben (Vorwort von Walter Baier, S.4), und die erste Inkonsequenz besteht in einer äußerst fragwürdigen Auswahl der Dokumente: Konsequent ausgespart bleibt der Kronzeuge der Degeneration der Sowjetunion, der unerbittliche Kämpfer gegen den Stalinismus - Leo Trotzki. Und das sicher nicht zufällig: Trotzki ist noch immer das große Tabu, an das nicht herangegangen werden darf - die ganze Geschichte der KPÖ, die Biographien von Koplenig bis Baier müßten umgeschrieben werden. Denn ihre ganze persönliche Geschichte und die Geschichte der KPÖ war, was ihr Verhältnis zur Sowjetunion betrifft, immer von einem trotz aller Kritik an den "Überspitzungen" letztendlich positiven Verhältnis zum Stalinismus geprägt - der Sozialismus sei in einem Land aufzubauen, die Opfer der Industrialisierung seien notwendig gewesen, und der Kampf gegen Trotzki hätte die Einheit der Partei erhalten.
Statt einer Auseinandersetzung mit der reichhaltigen Literatur von Trotzki zu diesem Thema finden wir einen Brief Antonio Gramscis aus dem Jahr 1926, in dem er die Parteimehrheit beschwört, "exzessive Maßnahmen" im Kampf gegen die Minderheit zu vermeiden, das "Testament" Lenins, einen Artikel Rosa Luxemburgs, der das Duo Lenin-Trotzky geißelt, und schließlich als "jüngere" Texte u.a. eine Arbeit von Lukacs aus dem Jahr 1967 und - sie nimmt den größten Raum ein - die Geheimrede Chruschtschows am 20. Parteitag der KPdSU aus dem Jahr 1956, die die KPÖ mit 35-jähriger Verspätung das ersten Mal (!) hier veröffentlicht.
Den Abschluß des Bändchens macht eine Dokumentation mit dem Titel "Die KPÖ und der 20. Parteitag der KPdSU", die die klägliche Rolle der KPÖ-Granden und ihre unehrliche Politik gegenüber der linken Öffentlichkeit, aber auch gegenüber ihrer Parteibasis offenlegt. Die "Volksstimme"-Leserinnen und -Leser, zutiefst beunruhigt und ratlos über das, was in der Sowjetunion vor sich ging, erfuhren, daß sich die UdSSR von den Fehlern der Vergangenheit freigemacht habe und sich daher nun "noch stürmischer vorwärtsentwickelt".
Aber leider sind diese durchaus lesenswerten Passagen so ziemlich alles, was wir über die Rolle der KPÖ erfahren. Es entsteht der Eindruck, daß mit dieser Auseinandersetzung das Bildungsreferat der KPÖ alles versucht hat, um die Verantwortung der KPÖ darauf zu begrenzen, daß sie nicht energisch genug protestiert habe gegen die Fehlentwicklungen in der UdSSR und den anderen Arbeiterstaaten. Daß die KPÖ sehr wohl eine eigenständige Rolle als stalinistische Partei gespielt hat, daß sie nicht nur die stalinistischen Verbrechen politisch abgedeckt hat, sondern auch für solche im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten selbst verantwortlich zu machen ist - daß diese also ein aktiver Faktor der Geschichte stalinistischer Politik mit all ihren Degenerationen und all ihren Verbrechen ist, davon schweigt der Dichter. Und genau das ist die große Schwäche dieses Buches.
Als Fazit kann also gesagt werden, daß das Buch dort versagt, wo es neue Erkenntnisse in die innerlinke Stalinismus-Diskussion einbringen sollte. Es ist aber ein guter Gradmesser für alle, die sich über den Stand der Stalinismus-Diskussion in der KPÖ ein Bild machen wollen und als ein solches "Barometer" durchaus interessant zu lesen. Denn die Frage der Aufarbeitung des Stalinismus ist für die KPÖ und alle anderen Parteien derselben Traditionslinie nicht irgendeine unter vielen. Ohne eine restlose Aufarbeitung jener Dogmen, mit denen Generationen erzogen wurden - vor allem ohne offene Diskussion der Rolle Trotzkis und der trotzkistischen Analyse der Degeneration der Sowjetunion - wird sich niemand in der KPÖ restlos befreien können von den Fesseln stalinistischen Denkens.
Wer die Geschichte der KPÖ kennt, weiß, was für ein gewaltiger Schritt so ein harmloses Buch sein muß, in dem ein bis dato sakrosankter Koplenig getadelt wird - für seine Generalabsolution des Stalinismus, die alle noch im Ohr haben, die vor einigen Jahren das zweifelhafte Vergnügen ideologischer Auseinandersetzungen mit KPÖ-Genossinnen und -Genossen hatten: Die Gegner der KPÖ versuchen, so belehrt uns der Langzeitversitzende Koplenig, "Zwietracht in unsere Reihen zu tragen. Dabei bedienen sie sich verschiedener Mittel. Eines davon ist das Schlagwort vom 'Stalinismus', der Versuch, die Kommunisten in Stalinisten' und 'Antistalinisten' aufzuspalten. Der Begriff des 'Stalinismus' ist eine Erfindung des Feindes" 'Volksstimme' vom 25.11.1956).
Wir wollen hoffen und das Unsere dazu tun, daß möglichst viele Genossinnen und Genossen den "Impuls" zur Aufarbeitung dieser "Erfindung des Feindes" dazu benützen, um sich ideologisch gegen die Offensive des bürgerlichen "Antistalinismus" zu wappnen und über eine konsequentere Analyse des Stalinismus, als sie hier
geleistet wird, zum proletarisch-revolutionären Standpunkt eines Lenin und Trotzki finden!

2. Die Betrogenen. Österreicher als Opfer des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion

Der breit angelegte Band setzt sich zum Ziel, die Geschichte der österreichischen Emigration in die Sowjetunion und insbesondere die Tragödie jener, die dort in die Fänge Stalins gerieten und in den 30er Jahren dem stalinistischen Terror zum Opfer fielen, aufzuarbeiten.
Durch systematische Recherchen in in- und ausländischen Archiven sowie Interviews mit Opfern ist eine umfassende Dokumentation entstanden. Zudem konnten aus Privatarchiven bislang unbekannte oder verschollen geglaubte Quellen verwertet werden, die wichtige Einblicke in die verschiedenen Aspekte der stalinistischen Repression vermitteln, aber gleichzeitig auch den mitunter zähen Kampf der Überlebenden um ihre Rehabilitation dokumentieren.
Ein Kernstück des Buches besteht in der Präsentation von 405 Kurzbiographien österreichischer Schutzbündler, Facharbeiter, KPÖ-Funktionäre und anderer Emigranten, die zwischen 1933 und 1939 in der Sowjetunion verhaftet und zum Teil dort ermordet wurden. Ein überraschender Befund in diesem Zusammenhang ist, daß die massive politische Repression gegen kommunistische Emigranten in der UdSSR nicht erst 1936 (mit dem 1. Moskauer Schauprozeß) einsetzte, sondern bereits 1933. Da die Forschungen in der Sowjetunion noch nicht abgeschlossen sind und im Laufe der Recherchen sich die Zahl der bekanntgewordenen Fälle dauernd vermehrt hatte, gehen die Autoren von etwa 500 österreichischen Stalin-Opfern in den 30er Jahren aus - zum überwiegenden Teil bewußte Kämpfer für die Sache des Proletariats, darunter viele Kommunistinnen und Kommunisten.
Etwa 120 von ihnen wurden aus der UdSSR abgeschoben bzw. direkt an Deutschland ausgeliefert, einige blieben in der UdSSR, und nur einige Dutzend kehrten nach zum großen Teil langen Haftstrafen nach Österreich zurück, sodaß damit gerechnet werden kann, daß mindestens 200 Österreicherinnen und Österreicher (wahrscheinlich "um einige" mehr) in den 30er Jahren dem stalinistischen Terror direkt zum Opfer fielen - verschollen sind, im Gefängnis oder in einem Straflager ums Leben kamen.
Ein kleiner Wermuthstropfen der Dokumentation ist, daß sie sich bewußt auf die Repressalien der 30er Jahre beschränkt und dadurch zwei größere Gruppen von politisch Verfolgten ausklammert: Die jüdischen Flüchtlinge in Polen, die 1939 von der deutschen Armee überrascht, zu großen Teilen an die Sowjetarmee übergeben und in der UdSSR verhaftet und deportiert wurden. Und zweitens die Massenverhaftungen von in der Sowjetunion lebenden Ausländern nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion ab Juni 1941.
Der Sammelband beinhaltet neben den Kurzbiographien auch biographische Beiträge über einzelne Stalin-Opfer (so etwa der über Boris Brainin, als Übersetzer für die "Sowjetliteratur" unter dem Pseudonym "Sepp Österreicher" ein Begriff), die politische Repression in Westsibirien gegen österreichische Facharbeiter (die im Gefolge der Wirtschaftskrise ab Ende der 20er Jahre in die UdSSR auswanderten) oder "Überlegungen zur fatalen Verstrickung von Opfern und Tätern". Täter, da beispielsweise viele bis 1937 oder 1938 "getreulich die Parteilinie befolgt" hätten, wie die KPÖ-Parteileitung in einer der ganz wenigen dokumentierbaren Interventionen zugunsten eines Verhafteten sagte, was nichts anderes hieß, als all die Wendungen, all die Verleumdungen gegenüber Abweichlern und wirklichen oder vermeintlichen "Trotzkisten" mitgetragen zu haben. Und Opfer, da sie schließlich von jener Maschine überrollt wurden, die sie selbst als notwendig gegenüber den Feinden und "Volksschädlingen" gerechtfertigt hatten. Das Resumee des kurzen Beitrages: "Insgesamt kann man feststellen, daß bei vielen überlebendene Opfern der stalinistischen Verfolgungen die ihre im Gefängnis oder Arbeitslager einen mitunter verheerenden Identitätsverlust nach sich zogen. In manchen Fällen läßt sich auch nach 1945 eine Kontinuität rational kaum nachvollziehbarer 'Loyalität' gegenüber jener Partei feststellen, die sie um alle Hoffnungen ihrer Jugend betrogen hatte. Offensichtlich war es für manche weniger schmerzhaft, weiterhin betrogen zu werden, als sich den Betrug einzugestehen" (S.12).
Ein Beitrag, auf den hier zum Abschluß noch gesondert eingegangen werden soll, beschäftigt sich mit der "Beteiligung des KPÖ-Apparats an den stalinistischen Verbrechen". Georg Scheuer zeigt hier auf, wie die KPÖ-Führung auch aktiv in die Verbrechen einbezogen wurde. Der Bogen spannt sich hier von der Verdrängung und ideologischen Rechtfertigung des stalinistischen Terrorregimes durch die KPÖ bis zu Ernst Fischers Broschüren wie "Vernichtet den Trotzkismus", mit denen er nicht nur die Arbeiterbewegung vom "Giftstoff des faschistischen Trotzkismus" reinigen wollte, sondern in denen er auch ausdrücklich die physische Vernichtung "wirklicher" oder auch nur "vermutlicher" Dissidenten, also in erster Linie von Trotzkisten, empfahl. Der Beitrag zeigt, wie Oppositionelle namentlich denunziert wurden, und schließt mit der Feststellung, daß die KPÖ-Führung um Koplenig, Hexmann, Fürnberg und Fischer ein aktiver Teil im Räderwerk des stalinistischen Systems war, der von A bis Z "alle Verbrechen Stalins und seiner Nachfolger
politisch, ideologisch und propagandistisch mitgemacht, gedeckt und gerechtfertigt" hat (S. 28) - und das, ohne daß später ein einziger seine Mitverantwortung je erläutert oder aufgearbeitet hätte.
Alles in allem schließen "DIE BETROGENEN" eine große Lücke in der Aufarbeitung des stalinistischen Terrors und seiner österreichischen Opfer und können nur empfohlen werden: als Nachschlagewerk, aber auch als immer wieder erschütternde Lektüre, die uns wieder ein Stück vertrauter macht mit den stalinistischen Verbrechen und ihren oftmals vom Kampf für den Sozialismus überzeugten Opfern.

3. "Ich habe den Tod verdient". Schauprozesse und politische Verfolgung in Mittel- und Osteuropa 1945-1956

Auch dieser Band unserer kleinen Bücherschau nähert sich dem Thema Stalinismus von der Seite der Repressionsmaschinerie und versucht eine Gesamtsicht der 'Schauprozesse' zu geben. Im Anschluß an ein Symposium u.a. des Wiener 'Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung' vom November 1990 liegt ein Band vor, der sich die "Analyse der inneren Logik und der politischen Strukturen stalinistischer Macht- und Terrorapparate" (S.8) von 1945 an bis zur (vorläufigen) Konsolidierung der degenerierten Arbeiterstaaten zum Ziel setzt. Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Zusammenschau stalinistischer Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen und ihrer konkreten Ausformung ist wirklich gelungen und bietet ein hervorragendes Bild über die wahren Dimensionen des stalinistischen Terrors, mit dem jede Masseninitiative und jede auch nur mögliche oppositionelle Regung im Keim erstickt werden sollte.
Viele der Autoren dieses Bandes waren selbst Betroffene, wie Lazar Brankov, der sich als diplomatischer Vertreter Jugoslawiens in Ungarn beim Bruch Stalin - Tito gegen letzteren wandte und trotzdem im ungarischen Rajk-Prozeß vor Gericht gestellt und verurteilt wurde. Neben einer allgemeinen Einführung und dem Rajk-Prozeß behandeln spezielle Beiträge in diesem Band die stalinistischen 'Säuberungen' in Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien und - besonders interessant - Jugoslawien. Interessant deswegen, weil das jugoslawische Beispiel sehr anschaulich zeigt, daß der Bruch Titos mit Moskau nichts Grundlegendes an der Form der Machtausübung änderte: Zehntausende "Kominformisten" verschwanden in den konkurrenz-stalinistischen Konzentrationslagern der norddalmatinischen Goli Otok, die "zum Schlimmsten, was die Geschichte der modernen Massenrepression zu bieten hat" (Bianchini), gehörten.
Alle Autoren begreifen die Prozesse nicht so sehr als Konsequenz des Kalten Krieges, sondern viel mehr als "prophylaktische" Maßnahme, um auch nur den leisesten Gedanken an einen "eigenständigen Weg zum Sozialismus" im Keim zu ersticken. Der Vorwurf des "Titoismus", in Osteuropa schnell bei der Hand und de facto ein Todesurteil, sollte beitragen zur Schaffung einer Atmosphäre permanenten Massenterrors, der als Beiwerk bürokratischer Machtausübung unbedingt notwendig war.
Trotz aller Unterschiede zeigen sich in Osteuropa gemeinsame Kennzeichen der Angeklagten: Aktivisten, die als potentielle Träger eines eigenständigen Kurses in Frage kamen. Bei all dem aber waren auch immer treu ergebene Anhänger und Schüler Stalins unter den Opfern zu finden, die vom Ankläger vor ihrem Tod zu hören bekamen: "Gegen tolle Hunde gibt es nur eine Methode der Abwehr: man muß sie erschlagen", "Den Hunden ein Hundetod". Ihr Andenken sollte ausgelöscht werden (in der CSSR wurde die Asche der Hingerichteten auf einer eisigen Landstraße verstreut...) und damit die Sinnlosigkeit, auch nur an Widerstand gegen Stalin und sein bürokratisches System zu denken, demonstriert werden.

Besonders interessant sind auch die Beiträge zur sowjetischen Besatzungszone in Deutschland bzw. zur DDR. Die Verfolgungen in der DDR zielten ursprünglich auf Ex-Sozialdemokraten in der SED, griffen aber bald, typisch für alle stalinistischen Säuberungen, auf Kommunisten selbst über und richteten sich besonders gegen ehemalige Westemigranten. Es gelingt den Autor/inn/en auch, den Nimbus Ulbricht's ins Reich der Fabel zu verweisen, er habe sich standfest gegenüber dem Druck Moskaus erwiesen und einen eigenen Schauprozeß gegen die DDR-Abweichler verhindert: Die Vorbereitungen waren bereits weit gediehen, als der Tod Stalins und die darauffolgenden innenpolitischen Veränderungen eine Modifikation der Anklagepunkte und der Prozeßmodalitäten erforderlich machten.
Den Band ergänzen vier Beiträge, die sich mit der Situation in Westeuropa befassen: Hier gelingt der Nachweis, daß in der BRD, in Frankreich, Österreich und in der Exil-spanischen KP die kommunistischen Parteien ihre Abweichler zwar nicht an den Galgen befördern konnten, daß aber frappierende Ähnlichkeiten zur Situation in Osteuropa bestanden. Die These, daß die Opfer genausogut die Rolle der Ankläger übernehmen hätten können (so wird der Hamburger Obersäuberer Müller in Ost-Berlin gekidnapt und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt), wird hier ebenso bestätigt wie die unappetitlichen Schnüffeleien der 'Kaderabteilungen', also innerparteilicher Spitzelapparate, die z.B. in der BRD sogar Homosexualität als Verdachtsmoment fraktioneller Tätigkeit zu Tage förderten!
Trotz der teilweise abstrusen Beschuldigungen hielt kaum jemand der "Bearbeitung" stand. Hier allerdings hätte die Forschung und die Diskussion weiter anzusetzen: Der Appell an die "Parteiloyalität", das latent vorhandene Schuldgefühl gegenüber einer Partei, die nicht irre, müßten in eine Gesamtcharakteristik des Stalinismus als System einfließen. Das leistet der Band allerdings nur in Ansätzen - und das ist wohl auch nicht gut zu verlangen, da sich explizit der Stalinismus als Repressionsmaschinerie als Thema stellte.
Der letzte Beitrag des Bandes beschäftigt sich mit Österreich. "Die KPÖ und die Schauprozesse in Osteuropa 1948 bis 1953" zeigt, was wir schon bei Besprechung des vorigen Bandes konstatieren mußten: Die historische Schuld der KPÖ war nicht allein die Rechtfertigung des systematischen Terrors in der UdSSR und Osteuropa. Sie ging in der hier beschriebenen Phase ebenfalls, so rigoros es ihr eben möglich war, gegen "Verräter in den eigenen Reihen" vor. Das Fazit: "Hätte die KPÖ über entsprechende staatliche Machtmittel verfügt, (hätten die Verfolgungen) ohne Zweifel die Dimension eines Schauprozesses angenommen" (S. 205).
Fritz Keller beschreibt in diesem Beitrag nicht nur die Wendungen und Windungen, die zur Rechtfertigung der Vorgänge in Osteuropa notwendig waren, sondern er zeigt auch das Ausmaß der innerparteilichen Säuberungen: So wurden 1951 in der KPÖ-Jugendorganisation mit dem Vorsitzenden (Vorwurf des Titoismus) gleich auch alle 37 Mitglieder des Bundesvorstands gesäubert, in Kärnten lahmte die Parteiorganisation überhaupt nach den Ausschlüssen vor allem in der slowenischen Minderheit, und die 'Kaderabteilung' (in deren Reihen viele KP-Staatspolizisten arbeiteten) sorgte für die innerparteiliche Ordnung. Mehr als die meisten anderen westeuropäischen KP's hatte sich damit die KPÖ unter dem Schutz der Roten Armee den Strukturen der kommunistischen Staatsparteien Osteuropas angenähert und sich mit ihrer "Volksdemokratie auf Probe" eine katastrophale Hypothek an Glaubwürdigkeit und stalinistischer Rückgratlosigkeit aufgeladen.
Es ist ein Verdienst dieses Buches, einen Überblick über die stalinistischen Verfolgungen vorgelegt zu haben, der nicht nur packend zu lesen ist, sondern auch einen hervorragenden Überblick bietet über die Verbrechen, die vom Stalinismus Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre im Namen des Sozialismus begangen wurden und damit der Idee der klassenlosen Gesellschaft unermeßlichen Schaden zufügten.

4. Zwischen NKWD und Gestapo. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazi-Deutschland 1937-1941

Auch das vierte und letzte Buch, das hier besprochen werden soll, ist das Ergebnis eines Symposiums. In Wien wurde im Oktober 1989 zum Hitler-Stalin-Pakt eine Tagung abgehalten, auf der Hans Schafranek, der Verfasser dieses Buches, einen Vortrag über die Auslieferung von Deutschen und Österreichern aus der Sowjetunion an Deutschland hielt. Der vorliegende Band geht aber in vielen Bereichen weit über das damalige Referat hinaus. So gelingt ihm der Nachweis einer Kontiunität der sowjetischen Ausweisungspraxis, die weit über das Jahr 1939 und den Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes hinausweist: Schon in der Phase von 1937 bis zum Abschluß des deutsch-sowjetischen Freundschafts- und Nichtangriffspaktes wurden mehr als 600 an Deutschland übergeben bzw. aus der UdSSR ausgewiesen. Meist waren es Spezialisten, die seit langem in der Sowjetunion lebten und dort Arbeit gefunden hatten - die also aktiv am sozialistischen Aufbau in der UdSSR teilhaben wollten. 1937 und 1938 wurden aber auch nachweislich mindestens 80 deutsche Antifaschisten, in der Mehrzahl KPD-Mitglieder und Juden, vom NKWD zur Ausweisung verurteilt und abgeschoben. Zumindest 47 in der UdSSR verhaftete Österreicher wurden ebenfalls allein zwischen April und Dezember 1938 des Landes verwiesen.
Schafranek beschreibt die Verquickung der Ausweisungsfälle mit dem großen Massenterror in der UdSSR und zieht die Schlußfolgerung: Schon vor dem Hitler-Stalin-Pakt mußte es eine entsprechende Kooperation zwischen der Gestapo und dem sowjetischen NKWD gegeben haben - eine wichtige Erkenntnis dieses Buches. 1939 gingen die Ausweisungen weiter. Zusätzliche 305 wurden im Herbst dieses Jahres an Nazideutschland übergeben, und zwar ganz überwiegend rassisch oder politisch vom Faschismus Verfolgte: Kommunisten und andere Antifaschisten; Juden, die zu großen Teilen umgebracht wurden.
Der Autor untersucht die Kooperation zwischen dem Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten (Narkomindel) und den deutschen Vertretungsbehörden in der Sowjetunion, beleuchtet bislang unbekannte Aspekte der Zusammenarbeit zwischen den Polizeiapparaten beider Staaten und zeigt damit eines der zynischsten Verbrechen der Geschichte des Stalinismus in seiner ganzen Tragweite auf, soweit es sich um die Zusammenarbeit mit dem Faschismus auf diesem speziellen Bereich und die unmittelbaren Konsequenzen für die Betroffenen handelt.
Das Buch ist in fünf Abschnitte geteilt: Die ersten beiden beschäftigen sich mit den deutschen bzw. österreichischen Emigranten in der Sowjetunion von 1936 bis 1941 und dem Schicksal der "Rußlandrückkehrer" in Deutschland. Beachtenswert erscheint in diesem Zusammenhang, daß es der Nazi-Propaganda nur in wenigen Einzelfällen gelang, die Ausgewiesenen für ihre politischen Zwecke als "geläuterte Bolschewiken" zu instrumentalisieren.
Der vierte Abschnitt besteht aus 305 Kurzbiographien von Ausgewiesenen, und der fünfte bringt Dokumentenmaterial, das nicht nur deutsche Akten aus der Zeit von 1937 bis 1940 beinhaltet, sondern auch Materialien zum dritten Abschnitt, den "Kontroversen um die Auslieferungsproblematik nach 1945", von dem später noch zu reden sein wird. In den Kurzbiographien finden wir manch bekannten Namen, wie den des österreichischen KPÖ-Gründungsmitglieds Franz Koritschoner, des KPÖ-Redakteurs Paul Meisel, des deutschen jüdischen Komponisten und aktiven KPD-lers Hanns David Walter und vieler anderer. Alle drei hier Genannten wurden von den Faschisten umgebracht.
Die deutschen Akten zeigen auf erschütternde Weise, wie die Ausgewiesenen zwischen die Mühlsteine von Stalinismus und Faschismus gerieten. Juden wurden sofort in Haft genommen, Emigranten (gemeint sind offensichtlich politische Flüchtlinge) und alle, die sich vor der Auswanderung in die UdSSR politisch betätigten und auch jetzt noch an ihrer Überzeugung festhielten, ebenfalls.
Doch die Zusammenarbeit zwischen Gestapo und NKWD war keine Einbahnstraße. So wurden Juden aus Ostpolen, die von den Deutschen in ihre nun sowjetisch besetzte Heimat abgeschoben werden sollten, meist zurückgeschickt. Jegnarow, der sowjetische Unterhändler, lehnte die Aufnahme ausdrücklich ab und erklärte dem diensthabenden SS-Führer Wächter nach dessen Aufzeichnungen, die Deutschen "würden schon andere Wege finden, um die Juden zu beseitigen"...
Nicht zufällig hat gerade die hier in diesem Buch belegte Zusammenarbeit von Stalinismus und Faschismus im Lager des offiziellen "Kommunismus" immer schon zu beträchtlicher Aufregung geführt. Bis vor kurzem hatte noch alle der Bannstrahl, "Trotzkist" zu sein, getroffen, wenn sie es auch nur wagten, die Frage der Existenz eines Freundschaftsvertrags zwischen Stalin und Hitler öffentlich zu bejahen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, daß der Inhalt dieses Buch auch heute noch Staub aufwirbelt: Auf den Seiten 117 bis 119 mußte der ISP-Verlag vier Stellen durch schwarze Balken unleserlich machen, da der Vizepräsident des Buchenwald-Komitees und prominente KZ-Häftling Emil Carlebach Strafantrag gegen den Verlag und den Autor gestellt hatte. Worum geht es?
Schafranek dokumentiert den Prozeß Buber-Neumann gegen Carlebach. Margarethe Buber-Neumann, die Frau des 1937 in der UdSSR hingerichteten KPD-Funktionärs Heinz Neumann und Autorin von "Als Gefangene bei Stalin und Hitler", war nach Gulag-Haft 1940 an Deutschland aus- und dort ins Frauen-KZ Ravensbrück eingeliefert worden. Emil Carlebach hatte die hier geschilderten Verbrechen geleugnet, Leute wie Buber-Neumann als "5. Kolonne" bezeichnet und im allgemeinen das Vorgehen Stalins gegen Oppositionelle in der typischen Manier gerechtfertigt: "Die Sowjetregierung hat diese Bande und ihren gesamten Anhang unschädlich gemacht. Die Rädelsführer und Hauptverbrecher wurden an die Wand gestellt, der Rest dahin geschickt, wo er hingehört."
Carlebach wurde letztinstanzlich wegen Ehrenbeleidigung und übler Nachrede verurteilt.
In diesem Prozeß kam auch die Rolle Carlebachs als Blockältester im KZ Buchenwald zur Sprache. Prominente Häftlinge bezeugten unter Eid, Carlebach habe Mithäftlinge zu Tode prügeln lassen und sei, wie andere KP'ler auch, gegen nicht linientreue Kommunisten im Lager vorgegangen. Carlebach hatte zwar nicht die Möglichkeit, den Abdruck der Dokumente zu verhindern, er ließ aber Passagen schwärzen, in denen sich Schafranek auf diese Dokumente bezog. Carlebach verlangt nun "Schmerzensgeld", dessen Höhe noch nicht klar ist. Wir bringen deshalb einen Spendenaufruf, der mithelfen soll, die Prozeßkosten etc. abzudecken.
Jedenfalls zeigt dieser Fall, daß es auch heute noch genügend "weiße Flecken" aufzuarbeiten gibt - auch was das Verhalten von Stalinisten gegenüber Trotzkisten und anderen Oppositionellen in faschistischen Konzentrationslagern betrifft. Hier geht's gar nicht so sehr um Carlebach, sondern um ein politisches Denkmuster, das es nicht zulassen will, daß von Linken stalinistische Verbrechen aufgearbeitet und als solche auch benannt werden. Wie schrieb Carlebach in der "UZ", der Zeitung der DKP, am 13.9.1991? "Es steht zu erwarten, daß Schafranek und die ihn stützende Gruppe von rechtsextremen Historikern und Antikommunistischen Politikern alles unternehmen werden, um dieses Urteil zu Fall zu bringen."
Es ist das alte Grundgerüst stalinistischen Denkens: Nicht Stalin und sein bürokratisches Systems sind verbrecherisch, sondern jene, die sich um eine Aufarbeitung bemühen. Wie im übrigen alle, die Kritik am Stalinismus übten, nur rechtsextreme Historiker und antikommunistische Politiker sein könnten. Nein: Wir wollen die Beschäftigung mit den Verbrechen nicht den antikommunistischen Rattenfängern überlassen - es ist die Aufgabe der Arbeiterbewegung selbst, restlose historische Klarheit zu erlangen und die politischen Konsequenzen zu ziehen. Wahrlich: So lange dieser Ungeist nicht aus der Arbeiterbewegung verbannt ist und die Verbrechen des Stalinismus restlos aufgearbeitet sind, wird es Bücher wie "Die Betrogenen", "Ich habe den Tod verdient" und "Zwischen NKWD und Gestapo" geben müssen.

* Bildungsreferat der KPÖ: Spät, aber doch. Materialien zum Thema "Stalinismus". - Globus Verlag, 232 Seiten, 130.- öS
* Hans Schafranek: Die Betrogenen. Österreicher als Opfer stalinistischen Terrors in der Sowjetunion. - Picus Verlag, 244 Seiten, 248.- öS / DM 36.-
* Wolfgang Maderthaner, Hans Schafranek, Berthold Unfried (Hrg.): "Ich habe den Tod verdient". Schauprozesse und politische Verfolgung in Mittel- und Osteuropa 1945 - 1956. - Verlag für Gesellschaftskritik, 224 Seiten, 248.- öS / DM 36.-
* Hans Schafranek: Zwischen NKWD und Gestapo. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Emigranten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937 -1941. - ISP-Verlag, 224 Seiten, 24.- DM