| Der Kapitalismus als geschichtliche Formation "Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch zu den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselbst um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein."(1) Mit einigen Bemerkungen zum Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie von 1859 wollen wir unsere Diskussion der marxistischen Krisentheorie beginnen. Diese Wahl fiel aus gutem Grund. Kein anderer Text von Marx hat in solcher Kürze und mit solcher Prägnanz die wesentlichen Grundlagen und Resultate seiner Arbeit zusammengefaßt. Zu Recht wird er als eine der wichtigsten Darstellungen des historischen Materialismus betrachtet. Von vielen marxistischen Epigonen wird dabei übersehen, daß Marx und Engels ihre Thesen als einstweiliges, vorläufiges Resultat ihrer Betrachtung der Geschichte ansahen. Ihnen schwebte also selbst keine mechanische, universelle Übertragung der Entwicklung innerhalb der Klassengesellschaften auf die kommunistische (oder auch 'primitiv' - urgesellschaftliche) klassenlose Gesellschaft vor. Wie alle grundlegenden Arbeiten bedeutender Geister ist auch das Vorwort einer Vielzahl gegensätzlicher Interpretationen unterzogen worden. Diese Tatsache mag einfache Gemüter, Parteigänger des "gesunden Hausverstandes", beunruhigen, ja manchen naiven Positivisten als "Wiederlegung" des historischen Materialismus dienen. In Wirklichkeit ist nicht viel Verwunderliches daran. Die Interpretation von Marxens Schriften - und so auch des Vorworts - wurde selbst zum Schlachtfeld verschiedener politischer Strömungen, hinter denen sich in letzter Instanz verschiedene Klassenstandpunkte verbergen. Nicht von ungefähr wurden die meisten Verballhornungen des Vorworts, mit deren Hilfe der dialektische und revolutionäre Marx ausgetrieben werden sollte, im Namen des Marxismus durchexerziert. Es ist daher auch kein Zufall, daß viele der bekanntesten und folgenschwersten Deutungen bzw. "Verbesserungen" des Vorworts aufs engste mit den beiden politischen Strömungen verbunden sind, die die internationale Arbeiterbewegung in diesem Jahrhundert wiederholt ans Krankenbett des Kapitalismus gebunden haben: Sozialdemokratie und Stalinismus. Vor allem auf die folgenden Passagen wollten sich diese "Marxisten" stützen: "Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktivkräfte treten nie an ihre Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformationen bezeichnet werden."(2)
Kautskys Deutung
Die sozialdemokratische Interpretation setzt hier an, um sich gegen revolutionäre Umwälzungen zu wenden. "Nur in einer Klassengesellschaft kann es vorkommen, daß eine unzufriedene Klasse, wenn besondere historische Verhältnisse ihr die Kraft dazu geben, den Versuch macht, neue, ihr günstigere Produktionsverhältnisse zu schaffen, auch wenn die Existenzbedingungen für diese neuen Verhältnisse noch nicht im Schoße der alten Gesellschaft ausgebrütet wurden. Doch wenn dies nicht der Fall ist, werden die Neuerungen keinen Bestand haben und rasch zu einer Plage werden und verfallen, trotz aller Dekrete und auch trotz allem Terrorismus, durch den man den Mangel an den historischen Vorbedingungen der neuen Produktionsverhältnisse wettmachen will. Diese Erkenntnis ist ein festes Bollwerk gegen jede Utopisterei. Es ist ganz unbegreiflich, daß es Anhänger des historisches Materialismus gibt, die gerade diesen Fundamentalsatz in ihrer Praxis ignorieren."(3) Mit dieser Darlegung versucht Kautsky zu "beweisen", daß die proletarische Machtergreifung in der Oktoberrevolution zwar als Ausbruch der Wut einer unterdrückten Klasse "verständlich", der Versuch, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse zu überwinden und die Grundlagen für den Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft zu schaffen, jedoch im voraus und objektiv zum Scheitern verurteilt war. Es lohnt sich, bei Kautskys Interpretation zu verweilen, da sie von den meisten sozial-demokratischen und stalinistischen Reformisten bis heute (wenn auch mitunter in modifizierter Form und weitaus primitiverer Form) wiederholt wird. Wer hat noch nichts von dem Argument gehört "Die Gesellschaft ist noch nicht reif für den Übergang zum Sozialismus, da die Produktivkräfte noch nicht weit genug entwickelt sind"? Kautskys Beweis? Die statistische Betrachtung der russischen Nationalökonomie! Der methodische Fehler liegt darin, daß Kautsky das imperialistische Rußland zu Beginn des Jahrhunderts nicht als Teil der kapitalistischen Weltwirtschaft auf einer bestimmten Entwicklungsstufe analysiert, sondern sich damit zufrieden gibt, die relative Rückständigkeit der ökonomischen und politischen Verhältnisse zu konstatieren. In seine Interpretation des Vorworts mischt sich eine Ignoranz gegenüber den Rückwirkungen der Metropolen in der imperialistischen Epoche auf die Entwicklungsbedingungen der Produktivkräfte in rückständigen Ländern, schwachen imperialistischen Mächten, halbkolonialen wie Kolonialländern. Schon Rosa Luxemburg wies in einem Brief an Luise Kautsky vom 24. November 1917 mit aller Schärfe auf den nationalbornierten Charakter der Kritik Karl Kautskys hin: "Freust Du Dich über die Russen? Natürlich können sie sich in diesem Hexensabbat nicht halten - nicht wegen der Statistik, die die zurückgebliebene Wirtschaftsentwicklung Rußlands nachweist, wie es Dein scharfsinniger Ehemann nachgezählt hat - sondern weil die Sozialdemokratie dieses höherentwickelten Westens aus niederträchtigen Hasenfüßen besteht, die als friedliche Zuschauer die Russen sich verbluten lassen. Aber ein solcher Tod wiegt mehr, als 'für das Vaterland am Leben zu bleiben', das ist ein Akt von welthistorischer Größe, der jahrhundertelang seine Spuren hinterlassen wird."(4) Anders als für die Internationalisten am Beginn des Jahrhunderts stellt der Imperialismus für Kautsky eben kein weltweites System der Ausbeutung und Unterdrückung dar, in dem der Kapitalismus aufgehört hat, ein fortschrittliches ökonomisches System zu sein, sondern vielmehr seine inneren Widersprüche immer wieder zu massiven revolutionären (und konterrevolutionären) politischen Verwerfungen führen müssen. Der Imperialismus ist als gesamte Epoche dadurch gekennzeichnet, daß die Produktivkräfte mal offener, mal aufgrund von massiven Niederlagen der Arbeiterbewegung verdeckter längst über die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse hinausdrängen. Nicht zuletzt führt das in zahlreichen Ländern der Erde dazu, daß die Produktivkräfte nicht einmal mehr wachsen. Für Kautsky hingegen ist die imperialistische Politik vielmehr ein Anachronismus, die nicht wie bei Lenin und in der revolutionär-marxistischen Tradition auf der Vorherrschaft des Finanzkapitals, sondern vielmehr auf dem Einfluß relativ rückständiger agrarischer Großgrundbesitzer fußt. Kautsky zieht die "Unreife der Produktivkraftentwicklung" jedoch nur hinsichtlich Rußlands (bzw. der Versuche sozialistischer Machtergreifung in anderen rückständigen Ländern) als Begründung für die Unmöglichkeit der proletarischen Revolution heran. In Deutschland oder den anderen fortgeschrittenen imperialistischen Mächten wäre dieser Schritt zwar durchaus mit der Entwicklung der Produktivkräfte vereinbar gewesen, nicht jedoch mit dem politischen und ökonomischen "Kräfteverhältnis" im nationalen oder internationalen Maßstab. Diese Begründung teilt Kautsky mit den meisten - egal ob "linken" oder rechten - Sozialdemokraten seiner Zeit. So haben die Austromarxisten von Renner bis Bauer die Unmöglichkeit der Revolution in Österreich gerade mit dem internationalen Kräfteverhältnis begründet, dem die proletarische Machtergreifung nicht "entspreche". Die Philosophie des "Kräfteverhältnisses" taugt wissenschaftlich rein gar nichts. Ihre Kriterien sind beliebig und dienen nur dem Zweck, in Situationen revolutionärer Gärungen das Proletariat "wissenschaftlich begründet" von der Machtergreifung abzuhalten. Als geschichtliche Prognose wurde die ganz und gar objektivistische Theorie des Kräftverhältnisse wiederholt von allen handelnden Klassen blamiert. "Zwei Jahre vor dem Weltkriege setzte mir Karl Renner, damals noch nicht Kanzler, sondern 'marxistischer' Anwalt des Opportunismus, auseinander, daß das Zarenregime vom 3. Juni, d.h. der von der Monarchie gekrönte Bund der Großgrundbesitzer und Kapitisten, sich in Rußland unausbleiblich im Laufe einer ganzen historischen Epoche halten würde, weil sie dem Kräfteverhältnis entspreche"(5) Tragischer ist sicher das Beispiel Rudolf Hilferdings, der noch Ende 1932 bewiesen zu haben glaubte, daß der Faschismus und Deutschland nicht an die Macht käme - wegen des Standes der Produktivkraftentwicklung und weil es dem Kräftverhältnis nicht entspreche. Die Nazis haben sich an Hilferdings "Kräfteverhältnis" nicht gehalten und die deutsche Arbeiterbewegung für den verharmlosenden Objektivismus ihrer Theoretiker, den Deckmantel für die politische Feigheit, Passivität und Anpassung ihrer Führer, blutig bestraft.(6)
Stalinistische Etappentheorie
Im Grunde legt schon Kautsky jene Etappentheorie dar, für die später die stalinisierte "kommunistische Weltbewegung" berühmt-berüchtigt werden sollte. Den Satz, daß "in großen Umrissen (...) asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformationen bezeichnet werden" können, haben die Stalinisten in den 20er und 30er Jahren zu einer strikten Stufenfolge der Gesellschaftsentwicklung umgemodelt. Von den schon im Satz enthaltenen Relativierungen dieser Aussage ("in großen Umrissen") blieb in der Hochblüte der sogenannten Etappentheorie nichts übrig. Im Gegenteil: Stalin selbst "verbesserte" die Marxsche Version, indem er die für jede Etappentheorie sehr widerspenstige und gerade für das Verständnis der russischen Geschichte so wesentliche asiatische Produktionsweise aus seiner Geschichtsfolge strich: "Die Geschichte kennt fünf Grundtypen von Produktionsverhältnissen: die Produktionsverhältnisse der Urgemeinschaft, der Sklaverei, des Feudalismus, des Kapitalismus, des Sozialismus."(7) In der Tat läßt sich so, wenn auch nur mit äußerster Ignoranz gegenüber dem historischen Material und den Schriften von Marx, die Geschichte leichter in das mechanische Schema pressen, daß alle Gesellschaften, bevor sie für den Sozialismus "reif" seien, das feudale und bürgerliche Entwicklungsstadium vollständig durchschritten haben müßten. Natürlich hat diese Interpretation mit Marx nichts zu tun. "Vom historischen Standpunkt aus gesehen ist das einzige ernsthafte Argument, das zugunsten der unvermeidlichen Auflösung der Gemeinde der russischen Bauern angeführt werden könnte, folgendes: Wenn man sehr weit zurückblickt, findet man überall in Westeuropa das Gemeineigentum eines mehr oder weniger archaischen Typus'; es ist mit dem gesellschaftlichen Fortschritt überall verschwunden. Warum sollte es demselben Schicksal in Rußland entgehen? Ich antworte: Weil in Rußland, dank eines einzigartigen Zusammentreffens von Umständen, die noch in nationalem Maßstab vorhandene Dorfgemeinde sich nach und nach von ihren primitiven Wesenszügen befreien und sich unmittelbar als Element der kollektiven Produktion in nationalem Maßstab entwickeln kann. Gerade auf Grund ihrer Gleichzeitigkeit mit der kapitalistischen Produktion kann sie sich deren positive Errungenschaften aneignen, ohne ihre furchbaren Wechselfälle durchzumachen. Rußland lebt nicht isoliert von der modernen Welt, noch weniger ist es Beute eines fremden Eroberers wie Ostindien. Wenn die russischen Verehrer des kapitalistischen Systems die theoretische Möglichkeit einer solchen Evolution verneinten, dann würde ich sie fragen: Ist Rußland wie der Westen gezwungen, eine Inkubationsperiode der Maschinenindustrie durchzumachen, um Maschinen, Dampfschiffe, Eisenbahnen etc. benutzen zu können? Mögen sie mir außdem erklären, wie sie es zustande gebracht haben, im Handumdrehen den ganzen Tauschmechanismus (Banken, Kreditgesellschaften etc.) bei sich einzuführen, dessen Herausbildung dem Westen Jahrhunderte gekostet hat? Wenn die Dorfgemeinde im Augenblick der Bauernemanzipation von vornherein in normale Umstände versetzt worden wäre; wenn ferner ungeheure Staatsschuld, die zum großen Teil auf Kosten und die Lasten der Bauern abgetragen wird, mit den anderen Riesensummen, die vom Staat (und immer auf Kosten und zu Lasten der Bauern) den 'neuen Stützen der Gesellschaft' gewährt werden, die sich in Kapitalisten verwandelt haben; wenn alle diese Aufwendungen der Weiterentwicklung der Dorfgemeinschaft gedient hätten, dann würde heute niemand über die 'historische Unvermeidlichkeit' der Vernichtung der Gemeinde grübeln: Alle würden in ihr das Element der Wiedergeburt der russischen Gesellschaft erkennen und ein Element der Überlegenheit über die Länder, die noch vom kapitalistischen Regime versklavt sind. Ein weiterer für die Erhaltung der russischen Gemeinde (in ihrer Entwicklung) günstiger Umstand ist der, daß sie nicht nur Zeitgenossin der kapitalistischen Produktion ist und auch jene Periode überdauert hat, als sich dieses Gesellschaftssystem noch intakt zeigte, sondern daß sich dieses Gesellschaftssystem heute, in Westeuropa ebensogut wie in den Vereinigten Staaten, im Kampfe befindet gegen die Wissenschaft, gegen die Volksmassen und gegen die Produktivkräfte, die es erzeugt."(8) Das Zitat zeigt sehr deutlich, daß Marx die später zur Norm gewordene Auflistung notwendig zu durchlaufender gesellschaftlicher Entwicklungsepochen fremd war. Er hat - nebenbei bemerkt - ganz offensichtlich auch schon das Gesetz der ungleichzeitigen und kombinierten Entwicklung gekannt, das lt. Stalin von Lenin "entdeckt" worden wäre. Der Zweck von Stalins "Entdeckungen" auf dem Gebiet der Geschichte und der Theorie bestand nun freilich auch nicht darin, die Arbeiterbewegung weiterzubringen, sondern vielmehr das Kommando der sowjetischen Partei- und Staatsbürokratie über die Arbeiterklasse und die Komintern zu errichten. Es ist daher kein Wunder, daß die Etappentheorie Hand in Hand mit der Theorie vom Aufbau des Sozialismus in einem Land und gegen die Theorie der permanenten Revolution entwickelt wurde. "Jedes fortgeschrittene Land, das sich dem Kapitalismus anschließt, macht verschiedene Stadien seiner bald sinkenden, bald steigenden Abhängigkeit von den übrigen kapitalistschen Ländern durch, im Ganzen aber führt die Tendenz der kapitalistischen Entwicklung in die Richtung der kolossalen Zunahme der Weltverbindungen, was sich in dem wachsenden Umfange des Außenhandels äußert, einschließlich des Kapitalhandels. Die Abhängigkeit Englands von Indien trägt natürlicherweise qualitativ einen anderen Charakter als die Abhängigkeit Indiens von England. Dieser Unterschied wird im wesentlichen durch den Unterschied des Entwicklungsgrades der Produktivkräfte, nicht aber durch den Grad ihrer wirtschaftlichen Selbstgenügsamkeit bestimmt. Indien ist Kolonie, England Metropole. Würde man jedoch heute über England die ökonomische Blockade verhängen, dann würde es eher zugrunde gehen als, unter einer gleichen Blockade, Indien. Das ist nebenbei gesagt die überzeugendste Illustration für die Realität der Weltwirtschaft. Die kapitalistische Entwicklung - nicht im Sinne der abstrakten Formeln des zweiten Bandes des 'Kapital', die ihre volle Bedeutung als eine Etappe der Analyse behalten, sondern im Sinne der historischen Wirklichkeit - vollzog sich durch die systematische Verbreiterung ihrer Basis, und konnte sich nicht anders vollziehen. Im Prozesse seiner Entwicklung, folglich im Kampfe mit seinen inneren Widersprüchen, wendet sich jeder nationale Kapitalismus in immer steigendem Maße an die Reserven des 'Außenmarktes', d.h. der Weltwirtschaft. Die unaufhaltsame Expansion, die aus den permanenten inneren Krisen des Kapitalismus erwächst, bildet eine fortschrittliche Kraft, bevor sie für den Kapitalismus tödlich wird."(9) Diese dialektische Auffassung der Entwicklung des Kapitalismus zeigt recht einfach, wie ein Mittel zur Lösung der der Expansion des Kapitals zugrundeliegenden Widersprüche - die Ausdehnung des Weltmarktes - ab einer gewissen Stufe selbst zum Hindernis für die weitere gesellschaftliche Entwicklung wird, zur Fessel der Entwicklung der Produktivkräfte. Hier schlägt Trotzki in dieselbe Kerbe wie Lenins Imperialismustheorie. Ab einer bestimmten Stufe der Entwicklung führen Konzentration und Zentralisation des Kapitals zur Bildung des Monopols, zur Bildung des Finanzkapitals und dessen Dominanz über andere Kapitale. Das Monopol - oder, wer es lieber hat, der heutige Multi - treibt einerseits den gesellschaftlichen Charakter der Produktion im Kapitalismus auf die Spitze, reproduziert aber gleichzeitig auf höherer Stufenleiter die Anarchie der Produktion auf der Basis des Privateigentums an Produktionsmitteln. Imperialismus ist dabei immer schon ein weltweites System, ein System internationaler Arbeitsteilung, das von den großen Monopolen beherrscht und den imperialistischen Staaten, auf deren Basis sie erwachsen sind, politisch und militärisch abgesichert wird. In diesem System ist der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen auf die Spitze getrieben. Die Produktion treibt über die engen Grenzen des Nationalstaates hinaus, während sie gleichzeitig - aller Globalisierungseuphorie zum Trotz - seinen Grenzen verhaftet bleibt. Für unsere Argumentation entscheidend ist, daß im Gegensatz zur stalinistischen oder sozialdemokratischen Auffassung die Revolution nur internationalen Charakter haben kann, daß der Aufbau des Sozialismus in einem Land - und sei es auch noch so fortgeschritten! - eine reaktionäre Utopie darstellt. Gleichzeitig können in diesem System die "unterentwickelten" Länder nicht einfach dem Pfad der historisch gewachsenen kapitalistischen Großmächte folgen. Marx weist in seinem Brief an Sassulitsch darauf hin, daß bestimmte Entwicklungsstufen in einem Land, das von der kapitalistischen Produktionsweise neu erfaßt wird, nicht erst mühsam über Jahrzehnte wiederholt, sondern "übersprungen" werden müssen. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich in allen kolonialen oder halbkolonialen Ländern. Die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution - Zerstörung der gesellschaftlichen Macht vorkapitalistischer Klassen, bürgerliche Demokratie, Landreform, nationale Unabhängigkeit - können gar nicht verwirklicht werden, ohne daß das Proletariat zur führenden Kraft in der Revolution wird, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse in Industrie und Finanz und den Großgrundbesitz angreift und versucht, die Revolution zu internationalisieren. In dem Maße, wie der Kapitalismus in der imperialistischen Epoche aufgehört hat, eine fortschrittliche Produktionsweise im Verhältnis zu den Möglichkeiten der Produktivkraftentwicklung zu sein, hat auch die Bourgeoisie in ihrer Gesamtheit aufgehört, eine fortschrittliche Klasse zu sein. Gerade am Ausgang dieses Jahrtausends erweist sich der Imperialismus wieder als letztes (Niedergangs-) Stadium des Kapitalismus, als Epoche von Krieg und Revolution, der scharfen inneren Konflikte, massiver Klassenkämpfe, von Bürgerkriegen und als Übergang zur Diktatur des Proletariats.
Katastrophistische Fehlinterpretation
Eine andere gängige Interpretation des 'Vorworts zur Kritik der Politischen Ökonomie' legt nahe, daß die Produktivkräfte zu wachsen aufgehört haben müßten, um die objektive Basis für die sozialistische Revolution zu legen. Diese Position wirkte und wirkt bis in die Reihen der heutigen sogenannten Trotzkisten hinein weiter. Die Quelle dieser Interpretation ist erstens in einer dogmatischen Fortschreibung einer konjunkturellen Einschätzung Trotzkis im Gründungsprogramm der IV. Internationale zu suchen: "Die wirtschaftlichen Voraussetzungen der proletarischen Revolution sind schon seit langem am höchsten Punkt angelangt, der unter dem Kapitalismus erreicht werden kann. Die Produktivkräfte der Menschheit stagnieren." (10) Zweitens diente sie einer Reihe von Organisationen dazu, ihren realen Opportunismus hinter einer formalen "Orthodoxie" zu verbergen, indem die Lehre von der Stagnation der Produktivkräfte von den 1930er Jahren bis zur Gegenwart zum Kernpunkt der "wahren Lehre" erklärt wurde, neben der jeder andere politische Bruch mit dem Programm Trotzkis zur "Kleinigkeit" heruntergeredet wurde (wie z. B. bei Healyisten und Lambertisten). Drittens wurde eine Reihe subjektiver Revolutionäre dabei Opfer ihres eigenen revolutionären Willens. Geht man nämlich einmal davon aus, daß die Möglichkeit der proletarischen Revolution von der Stagnation der Produktivkräfte abhängt, so muß diese geradezu ständig "bewiesen" werden, will man nicht gegen den eigenen revolutionären Willen zum Utopisten werden. Dann muß - was jeder revolutionären Theorie schlecht zu Gesicht steht - die reale Entwicklung umgedeutet werden. Die gigantische Entwicklung der Produktivkräfte seit 1945 muß geleugnet und zur "Entwicklung" von "Destruktivkräften" umbenannt werden. Daß damit nichts gewonnen ist, liegt auf der Hand. Methodisch gesehen wurde ein dialektisches Widerspruchsverhältnis zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen auf die Betrachtung einer Seite reduziert. Für die kapitalistische Produktionsweise ist es jedoch gerade kennzeichnend, daß sie die Produktivkräfte ständig, wenn auch auf Kosten von Arbeiter und Natur (insofern natürlich destruktiv!) umwälzen muß. Die Umwälzung selbst ist jedoch krisenhaft und gelingt, historisch betrachtet, immer schwieriger und ist mit immer größeren gesellschaftlichen Konflikten verbunden. Damit ist keine lineare Zunahme von Klassenkämpfen über die ganze Epoche gemeint, sondern die notwendige Zuspitzung der gesellschaftlichen Gegensätze bis zur Entscheidung: Sozialismus oder Barbarei! Wobei 'Barbarei' etwa im Sieg des Faschismus oder im völkermörderischen Desaster des Zweiten. Weltkriegs historische Niederlagen für die Arbeiterklasse bedeutet, von denen sich die Klassenorganisation und das Klassenbewußtsein des Proletariats u. U. erst nach Jahrzehnten wieder erholen kann. Ökonomisch liegt dieser Zuspitzung zugrunde, daß die Selbstverwertung des Kapitals mit fortschreitendem Reichtum immer prekärer wird; es wird immer deutlicher, daß das Kapitalverhältnis zur Schranke seiner und durch seine eigene Entwicklung wird - mit steigender organischer Zusammensetzung sinkt auch die Profitrate tendenziell! Damit müssen auch die krisenhaften Entwertungsvorgänge auf immer höherer Stufenleiter eklatieren (Weltkriege, internationale Handelskriege), falls die sozialistische Revolution nicht die unter der Herrschaft des Kapitals geschaffenen Produktivkräfte für die menschliche Entwicklung retten kann. Es wird daher bei Marx auch nicht gesagt, daß eine Umwälzung nur dann eintritt, wenn die 'Produktivkräfte' (hier verflachend mit Lebensstandard, Wachstum usw. gleichgesetzt) stagnieren, sondern wenn sie in Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen geraten, d.h. von ihnen gefesselt werden. Mit anderen Worten: hier wird eine objektive Beschreibung des abkürzend-zusammengefaßten Ausdrucks aller (in diesen Gesellschaften) stattgefundenen sozialen Revolutionen gegeben. Diese brechen aus, wenn "die unten" die herrschenden Verhältnisse als anachronistisch empfinden und "die oben" nicht mehr "ihre" Verhältnisse als gesellschaftlich akzeptierte durchsetzen können. Wobei "die unten" in vorhergegangenen sozialen Revolutionen eher neue Ausbeuterklassen als die ausgebeutete Mehrheit repräsentierten und durchaus keine lineare Progression ökonomischer Effizienz zwischen asiatischer, antiker und feudaler Produktionsweise besteht. Der Kapitalismus stellt in dieser Hinsicht einen 'Knotenpunkt' gesellschaftlicher Entwicklung innerhalb der Klassengesellschaften dar. Der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus kann darüber hinaus auf ein wesentliches Moment innerhalb der Transformation von einer Klassengesellschaft zur anderen nicht zurückgreifen: die Arbeiterklasse kann nicht im Schoß der alten Gesellschaft, des Kapitalismus, die ihnen entsprechenden Produktionsverhältnisse vorbereiten. Vielmehr ist hier die Zerschlagung des staatlichen usw. Überbaus die Voraussetzung zur Schaffung neuer Produktionsverhältnisse. Proletarische Produktionsverhältnisse können sich nicht im Schoße des Kapitalismus entwickeln, jedoch entstehen aufgrund der zunehmenden Vergesellschaftungstendenzen unterm Kapitalismus sehr wohl Elemente von Produktionsverhältnissen, die über den Kapitalismus hinausweisen und Anknüpfungspunkte jeder siegreichen proletarischen Revolution wären (Arbeitergenossenschaften, moderne Planungstechniken und partizipatorische Arbeitsorganisationsformen in kapitalistischen Konzernen, staatliche Sozialsysteme, Arbeitszeitbeschränkungen etc. Gibt's aber innerhalb des Kapitalismus keine unter der Regie des Proletariats embryonal entwickelte neue Produktionsweise, wird das revolutionäre Klassenbewußtsein des Proletariats zum entscheidenden Faktor für das Gelingen der Revolution und der Umwälzung der Gesellschaft im internationalen Maßstab! Aus diesem Grund haben sich auch alle revolutionären theoretischen und politischen Vertreter und Vertreterinnen des Proletariats zeitlebens mit der Frage der Organisierung des Proletariats zur Klasse, mit dem Verhältnis von Reform und Revolution, von Avantgarde und Klasse usw. usf. beschäftigt und versucht, diese Probleme auch praktisch, d.h. durch den Aufbau revolutionärer Arbeiterparteien, zu lösen. Der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, der sich im Kapitalismus als Schranke des Kapitals selbst darstellt, einerseits die Produktivkräfte zu entwickeln, andererseits aber nur zum beschränkten Zweck der Verwertung (Diktatur der toten über die lebendige Arbeit), kann vom Proletariat in seinen Konsequenzen erfahren, aber nicht automatisch, d.h. ohne Hinzutreten des wissenschaftlichen Sozialismus, in systemüberschreitendes Bewußtsein überführt werden. In diesem Sinne ist der spontane Klassenkampf notwendiger Nährboden, aber allein nicht hinreichend, zu erkennen, daß letztlich die Warenproduktion abgeschafft werden muß, um aus der beständigen Reproduktion des Kreislaufs seiner Qualen zu entrinnen. In seiner ökonomistischen Form, d.h. von trade-unionistischem und reformistischem Bewußtsein erfüllt und unter ebensolcher Führung führt der spontane Klassenkampf nur zur immer neuen Wiederherstellung eines kapitalistischen Gleichgeweichts. Doch ist der Klassenkampf auch die Quelle praktisch-organisierender Ansätze zur Systemüberwindung. Der wissenschaftliche Sozialismus ist ebenso Resultat des Klassenkampfes im Reflektionsprozeß von Intellektuellen, die die Höhen der bürgerlichen Wissenschaft erklommen haben und zusätzlich durch den Anachronismus zwischen unterentwickelten bürgerlichen Verhältnissen und der bürgerlichen Ideologie (der "deutschen Philosophie") in Gesellschaften des Übergangs (Deutschland in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts) sensibilisiert und über den Bruch mit den Linkshegelianern (radikaler Flügel der deutschen Bourgeoisie) zur Arbeiterbewegung gestoßen sind (Marx und Engels), muß mit dem realen Klassenkampf verschmelzen, um zu einer geschichtsträchtigen Kraft zu werden!
Epochen und Perioden in der Entwicklung des Kapitalismus
Mit der Entstehung des Imperialismus, dem höchsten Stadium des Kapitalismus, um die Jahrhundertwende wurde für den überwältigenden Teil der Menschheit auch diese Produktionsweise zur dominierenden innerhalb ihrer Gesellschaftsformationen. Nunmehr halten die entwickelten Länder den weniger entwickelten aber nicht mehr den Spiegel ihrer eigenen Zukunft vor Augen (Marx). Diese Länder werden vielmehr auf die Peripherie des Weltmarkts, die Nischen innerhalb der imperialistischen Arbeitsteilung verwiesen. Der Entwicklungsabstand vergrößert sich. Die Kraft der kapitalistischen Bewegungsgesetze reicht zu einem völlig einseitigen Wachstum und für die Zersetzung und Umformung vorkapitalistischer Sektoren aus, aber nicht zur Erfüllung der ehemaligen zivilisatorischen Mission des Kapitalismus: der gleichmäßigen Produktivkraftentwicklung in Form der Großen Industrie. In vielen Ländern können wir nicht nur eine chronische relative, sondern absolute Verelendung beobachten (Afrika), und das während der Boomjahre nach dem Zweiten Weltkrieg! Der Imperialismus treibt also deutlich die anachronistischen Züge dieses Gesellschaftssystems heraus. Als Epoche des Entwicklungsbruchs geht sie mit Kriegen und Revolutionen schwanger. Dies bedeutet jedoch nicht, daß die imperialistischen Metropolen seit der Jahrhundertwende in eine permanente strukturelle Überakkumulation (11) geschlittert wären. Dies ist erst wieder seit Mitte der 70er Jahre der Fall. Rein ökonomisch war dort das Entwicklungspotential mitnichten ausgeschöpft. Innerhalb der 'normalen' Prosperität, also der Phasen beschleunigter Akkumulation, unterscheiden wir zwei Etappen. Die erste währte bis 1913: unter der Vorherrschaft Großbritanniens etablierte und vervollkommnete sich sukzessive die spezifisch kapitalistische Produktionsweise (Schaffung der Großen Industrie) in den heutigen Weltmarktzentren. Die zweite, wesentlich kürzere (!) Etappe umgreift den Zeitraum nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs bis Anfang der 70er Jahre. Unter Hegemonie der USA vollzog sich die Vollendung der kapitalistischen Entwicklung: Herausbildung der auf großindustrieller Grundlage basierenden 'abgeleiteten' Sektoren wie die Schaffung eines adäquaten Geld- und Kreditwesens, des bürgerlichen Sozial- und Interventionsstaates, Entkolonisierung und Schaffung formell gleicher Beziehungen zwischen den Nationen. Daß dieses ökonomische und politische Gesamtsystem in einer tiefen Krise steckt, ist heute eine fast allgemein anerkannte Tatsache. Es gibt keinen theoretischen und empirisch ausgewiesenen Anhaltspunkt, daß wenn tiefgreifende soziale und politische innerkapitalistische Veränderungen vollzogen würden, kurz: falls ein neuer Akkumulationstyp etabliert worden wäre, dieser die ehemals erreichte Prosperität übertreffen könnte. War deshalb die Hoffnung auf erfolgreiche sozialistische Revolutionen in den imperialistischen Metropolen vor 1970 verfrüht? Mitnichten! Die Kehrseite der ökonomischen Zusammenbruchstheorie ist stets der sozialdemokratisch-opportunistische Fatalismus, solange es keine Beendigung des Wachstums der Produktivkräfte gebe, sei Sozialismus nicht angesagt. Marx und Engels sahen in der Existenz des Proletariats, den Konjunkturkrisen und Klassenkämpfen ihrer Zeit allemal genug Interventionschancen. Lenin und Trotzki entdeckten die Potenzen der Kolonialrevolution und sahen völlig zu Recht das revolutionäre Potential der Zwischenkriegsperiode innerhalb der imperialistischen Länder. Sowenig man also automatisch auf die Überwindung des Kapitalismus setzen kann, wenn dieser in eine Phase struktureller Überakkumulation getreten ist, sowenig kann ohne eine solche von letztendlich zwangsläufiger Stabilität gefaselt werden, weil es sich 'nur' um 'Durchsetzungskrisen' handle (so etwa Stefan Krüger). Zumal weil letzteres streng genommen nur für die Metropolen gilt. Nur umgekehrt wird ein Schuh daraus. Das immanente ökonomische Entwicklungspotential der Metropolen erklärt auf dem Hintergrund des Versagens des subjektiven Faktors, d.h. der proletarischen Führung, warum zwischen der ersten erfolgreichen proletarischen Revolution in Rußland und der in den Metropolen viele Jahrzehnte liegen, warum die Expansion des Stalinismus nach dem Zweiten Weltkrieg trotzdem mit einem ungeahnten Boom der imperialistischen Zentren einherging, warum die ökonomische Unterhöhlung des Ostblocks seit 1989 offensichtlich wird. Doch zurück zur imperialistischen Epoche. Die Zwischenkriegsperiode, innerhalb derer wir zahlreiche revolutionäre Chancen sahen (Italien, Deutschland, Großbritannien, Spanien, Frankreich ), ist durch den Verlust der Dominanz Großbritanniens gekennzeichnet, ohne daß eine andere Hegemonialmacht unmittelbar an seine Stelle getreten wäre. Auf dem Weg zur absoluten Weltherrschaft der USA waren u. a. durch zwei Weltkriege mit all' ihren Ungewißheiten und revolutionären Chancen die notwendigen politisch-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erst zu schaffen und das Korsett der alten Weltordnung zu zerbrechen. Die immanenten ökonomischen Tendenzen setzen sich eher nicht naturwüchsig durch. Ein Sieg der Achsenmächte über die Alliierten hätte somit verhindern können, daß der Imperialismus einen nur unter Hegemonie der USA möglichen (nicht notwendigen) Aufschwung erfährt. Wobei der Sieg der Alliierten nicht zufälliges, aber auch nicht unvermeidliches Resultat der ökonomischen Stärke der USA war! In der historischen Entwicklung der Weltmarktbeziehungen zwischen den jeweiligen Zentren lassen sich zwei große Perioden voneinander unterscheiden. In der ersten, vor der Entstehung der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise, existierten verschiedene 'Demiurgen' (Schöpfer) des Handelskapitals: nacheinander Venedig und Genua, Portugal, Holland. Das treibende Motiv des Handelskapitals ist reiner Veräußerungsprofit, die Exploitation der zwischen verschieden entwickelten Gebieten existierenden Preisdifferenzen. Im 18. Jahrhundert beginnt die zweite große Phase nationaler Dominanzen, die nun auf das industrielle Kapital gegründet ist. Ende des 17. Jahrhunderts sind in Großbritannien alle Momente der ursprünglichen Akkumulation zusammengefaßt. Neben dem dadurch geschaffenen inneren Markt werden jetzt auch die Kolonien im Unterschied zu früher ein wichtiger Absatzmarkt für industrielle Fertigwaren. Zuerst (1770 - 1815) gründete sich Großbritanniens Weltmonopol auf die industrielle Produktion von Massenkonsumtionsmitteln (Textilien), dann auf die Expansion der Schwerindustrie (maschinelle Produktion von Maschinen). Bis Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich die großindustrielle Produktionsweise hier in Gänze aus. Der internationale Handel mit Groß-Britannien als Zentrum erweitert sich qualitativ und zieht alle noch nicht industrialisierten Gebiete tendenziell in die Ausbeutung durch die entwickelten Nationen ein. Mit dieser Schaffung des Weltmarkts als Produkt und Bedingung der neuen Produktionsweise beginnt zugleich die charakteristische Verlaufsform der Akkumulation in Gestalt industrieller Zyklen (1825). Der industrielle Zyklus des Demiurgen diktiert auch dem Rest der entwickelten kapitalistischen Welt (auf dem Weg über das Weltmonopol für entwickelte Produktionsmethoden und gewisse Waren) seinen Rhythmus. In erster Linie erfolgt diese Übertragung durch die durch Im- und Exportstrukturen verflochtenen nationalen Reproduktionsprozesse. Charakteristisch in diesem Prozeß ist einerseits eine Tendenz zur Synchronisation der nationalen Konjunkturzyklen, andererseits ein zeitlicher Abstand zwischen der primären Weltkonjunktur und sekundären 'National'konjunktur in den nachgeordneten kapitalistischen Ländern. Die herrschende Nation besitzt, gestützt auf ihre Dominanz im Welthandel und ihren Exportüberschuß für industrielle Fertigwaren auch die Gläubigerposition, gestärkt durch auswärtige Kapitalanlagen (Direktinvestitionen, Geld-/ Portfolioanlage). Die nationale Währung wird zur dominierenden, später zur internationalen Reservewährung. So wie in der konjunkturellen Aufschwungsphase der Kredit v.a. auf die Kapitalakkumulation der Empfängerländer beschleunigend wirkt, so vermittelt er die in allen Ländern auftretende Überproduktion (Umkehrung der Zahlungsbilanzen, wenn die Reihenfolge der Krise an das jeweilige Land gekommen ist). Auch über den Kredit ergibt sich also eine Synchronisation! Nicht nur die konjunkturellen, sondern auch die langfristigen Bedingungen beschleunigter Kapitalakkumulation des Weltmarktdemiurgen werden Grundlage und Bedingung für ihre internationale Verallgemeinerung. Die um den Hegemon zentrierte Weltmarktentwicklung führt zu einem doppelten Resultat: durch die Außenhandelsgewinne spannen sich die immanenten Grenzen der Akkumulation weiter, andererseits werden sie im internationalen Ausgleichungsprozeß der Produktions- und Verwertungsbedingungen zugleich verallgemeinert; die Führungsrolle wird unterhöhlt. Durch die Vergabe von Krediten an Nationen, in denen die kapitalistische Produktionsweise Fuß gefaßt hat, züchtet sie sich ihre eigene Konkurrenz. Besonders der Aufstieg der USA und des deutschen Reichs läutete das Ende der Epoche der britischen Vorherrschaft zum Ausklang des 19. Jahrhunderts ein. Bereits jetzt sind die USA größter Industrieproduzent der Welt. Die Erschließung des inneren Marktes bildete zunächst ihr Hauptbetätigungsfeld. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden viele technisch-organisatorische Neuerungen eingeführt, die die Arbeitsproduktivität gewaltig steigerten und neue Industriezweige schufen (langlebige Konsumgüter), auf die sich neben der Landwirtschaft und extraktiven Industrie das spätere Weltmarktmonopol stützte. Bis zu dieser Zeit traten die USA v.a. als Rohstoff- und Agrarwarenlieferant auf dem Weltmarkt auf. Konkurrenzvorteile waren hier durch das faktische Fehlen des kapitalistischen Grundeigentums und damit der (absoluten) Grundrente gegeben. Die Ablösung des Weltmarkthegemonen vollzog sich jedoch langsam. In der Zwischenkriegszeit existierten mehrere Zentren: GB, USA und Deutsches Reich. Im Vergleich zur Vorkriegszeit verkürzte sich die Zyklendauer und bis auf die Mitte der 20er Jahre ist ein bemerkenswerter Gleichlauf der Konjunkturen der drei Nationen festzustellen. Die Zuwachsraten sinken leicht, bis 1929-32/33 die Weltwirtschaftskrise die Periode beschleunigter Akkumulation schlagartig abschließt. Ein Resultat des Ersten Weltkrieges ist eine deutliche Zunahme des Gewichts der USA auf dem Weltmarkt. Aus einem früheren Schuldnerland verwandeln sie sich in eine Gläubigernation. Großbritanniens Gewicht in der internationalen Hierarchie sank weiter, auch international ist es nicht mehr die Gläubigernation. Trotzdem reetablierte sich London wieder als herrschender Finanzplatz. Hiermit ist eine äußerst labile Situation auf den Weltmärkten geschaffen; die politisch - militärischen Verhältnisse spiegeln nicht die Veränderung der ökonomischen Rangordnung wider! Neben dem Fehlen institutioneller Anerkennung gewandelter Strukturen und Kräfteverhältnisse (es existierte keine als Weltgeld anerkannte Währung!) kommen zwei weitere, die Asymmetrie in den internationalen Beziehungen verschärfende Faktoren hinzu: eine fast permanente Agrar- und Rohstoffkrise, weil die im Gefolge der Kriegsanstrengungen aufgebauten außereuropäischen Potentiale der extraktiven Industrie mit zeitlicher Verzögerung auf den Markt drängen. Schließlich die politischen Schulden, interalliierte Kriegsschulden und deutsche Reparationsverpflichtungen. Aufgrund dessen spielt das Deutsche Reich eine prekäre Rolle im internationalen System: führend im Welthandel und zweitgrößter Industrieerzeuger nach den USA, ist von Auslandsanleihen abhängig und kämpft mit Zahlungsbilanzungleichgewichten, die durch keinerlei Reserven kompensiert werden können (hinsichtlich der Kreditbeziehungen ähnelt es eher einem unterentwickelten Land!). Dadurch induzierte Deflationsprozesse gehen mit oben genannten Disproportionen eine verhängnisvolle Symbiose ein. Der zyklische Umschlag der Industriekonjunktur wird hierdurch verschärft. Besonders verheerend ist die tendenzielle Auflösung des Weltmarktzusammenhangs zwischen den Metropolen. Dumpingkonkurrenz und Protektionismus sind Ausdruck der labilen Verhältnisse und des Exports der Deflation. Der Zusammenbruch des internationalen Kreditsystems unterstützte den Kollaps. Der 'schwarze Freitag' und die folgenden Bankzusammenbrüche sowie die Austeritätspolitik der meisten Regierungen tragen weiter zu Tiefe und Länge der Krise bei. Einerseits wird die Dimension einer zyklischen Krise deutlich überschritten, andererseits markiert die Weltwirtschaftskrise noch keineswegs aus sich heraus einen vorläufigen Endpunkt der Entwicklung und Expansion aus den immanenten Widersprüchen des Kapitalismus. Der Umschlag in Überakkumulation ist eher ein Abbruch ihrer früheren beschleunigten Bewegungsform, hervorgerufen durch Kumulation verschiedener, die Selbstverstärkungseffekte der Krise erheblich steigernder oder hervorrufender Faktoren. Im Gefolge dieser Krise und namentlich durch die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges konnten die USA zum Demiurgen des bürgerlichen Kosmos auf höherer Stufenleiter werden. Großbritannien mußte die letzten wirtschaftlichen Machtstellungen, insbesondere die Abschließung seines Kolonialreichs aufgeben. Ganz West- und Zentraleuropa war finanziell und durch Lebensmitteleinfuhren von den USA und den von ihr kontrollierten Ressourcen der Überseeländer abhängig. Die USA produzierten 40% aller Industriewaren auf der Welt, verfügten über große Lebensmittelüberschüsse und billiges Erdöl. Auf der Konferenz von Bretton Woods sanktionierten sie den Freihandelsimperialismus als Weltsystem, überschwemmten die westliche Welt mit Kapitalexporten. Ihre nationale Konjunktur bestimmt in den folgenden Jahren den internationalen Takt. Gegenüber der Zwischenkriegszeit verkürzen sich die Zyklen nochmals. Ende der 60er Jahre, markiert durch die Krisen des Weltwährungssystems 1967 bis '71/'73, geht die unumschränkte Hegemonie zu Ende. Der Dollar als wichtigstes Transaktions- und Reservemittel war die bedeutendste Institution, auf die sich die Vorherrschaft des US-Kapitals gestützt hatte. Als zugleich nationale Währung konnte er von Regierung und Zentralbank beeinflußt werden. Alle Auslandsoperationen ließen sich nahezu unbeschränkt auf Kredit finanzieren, ohne den Dollar abwerten zu müssen. Bis weit in die 60er Jahre hinein war die Leistungs- und v.a. Kapitalbilanz negativ. Dies führte zum Aufbau an Reservewährungsbeständen in der ganzen Welt (in Gold und Dollars). In den 60er Jahren fielen diese Abzugskanäle nach und nach weg und der Dollar wurde wegen sinkender Nachfrage zu einer weichen Währung. Anhaltender Kapitalexport, Vietnamkrieg und weitere Unterstützungszahlungen (z. B. an Israel), negative Handelsbilanz (Erdölimport) sowie das Steigen der Goldpreise durchlöcherten das System fester Wechselkurse. In Gestalt des Pfund, der DM und des Schweizer Franken existierten Alternativen zum Dollar, der jetzt zusehends spekulativen Bewegungen ausgesetzt wurde. Es ist also kein Zufall, daß in der Periode der strukturellen Überakkumulation die Weltmarktdominanz einer Nation dem Polyzentrismus zwischen Deutschland, Japan und USA Platz gemacht hat. Dasselbe Phänomen konnten wir für die Zwischenkriegsperiode konstatieren, also die Zeitspanne zwischen beiden Prospertitätsperioden der Hegemonie GB's einer- und der USA andererseits. Das Zusammentreffen zwischen beschleunigter Kapitalakkumulation und gesicherten Vorherrschaftsverhältnissen auf dem Weltmarkt ist keine Koinzidenz, sondern gesetzmäßiger Zusammenhang: die Erlahmung der Wachstumsdynamik aufgrund ihrer inneren Widersprüche fällt aufgrund der allgemeinen Gesetze hinsichtlich des internationalen Zusammenhangs notwendig mit dem Verlust der Demiurgenrolle einer Nation zusammen. Fassen wir also zusammen: die Zwischenkriegsära, der Trotzki ungeheure revolutionäre Möglichkeiten zuschrieb, war weder durch Stagnation im allgemeinen noch vom letzten Ausschöpfen der immanenten Entwicklungstendenzen des Kapitalismus geprägt, sondern stellte eine labile, krisenanfällige Zwischenetappe zwischen den beiden großen Prosperitätsperioden der entwickelten kapitalistischen Länder dar, die in einer mehr als konjunkturellen Abbruchkrise der beschleunigten Akkumulation endete. Ihr Ausdruck war der (vorübergehende) Verlust der Weltmarktdominanz einer Nation und ein Polyzentrismus, hinter dem sich gewaltige Widersprüche verbargen. Fußnoten: (1) Karl Marx, Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, S. 9 (2) Ebenda, MEW 13, S. 9 (3) Karl Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, Dietz Verlag 1988, S. 585/586 (4) Rosa Luxemburg, Brief an Luise Kautsky vom 24.11.1917, in: R. Luxemburg, Gesammelte Briefe, S. 329 (5) Leo Trotzki, Terrorismus und Kommunismus, S. 1 (6) Die politisch abenteuerliche Prognose der KPD-Führung der 30er Jahre, daß nach Hitler Thälmann rasch an die Macht komme, ist das ultra-linke Spiegelbild dieser im Grunde subjektlosen Berechnungen des Kräfteverhältnisses. Schon damals hatte die Politik der Stalinisten mehr mit ihrem sozialdemokratischen Gegenpart gemein, als beiden lieb ist. (7) J. Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, in: ders., Fragen des Leninismus, Berlin (Ost)1951, S. 670 (8) Karl Marx, Entwürfe einer Antwort auf den Brief von Vera I. Sassulitsch, Erster Entwurf, in MEW 19, S. 384/385 (9) Leo Trotzki, Theorie der permanenten Revolution, S. 14 (10) ders., Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der IV. Internationale, Essen 1975, S. 5 (11) Akkumulation bezeichnet die Anhäufung von Mehrwert in der Form der Erweiterung des Kapitals (Erweiterungsinvestitionen); beschleunigte Akkumulation bezeichnet in dieser Terminologie eine Boomperiode mit ungebrochener und beschleunigter Ausdehnung der Mehrwertmasse trotz evtl. fallender Profitrate; Überakkumulation bedeutet, daß in der Konjunktur am oberen Wendepunkt die fortgeführte Akkumulation keine Steigerung der Profitmasse mehr bewirkt, worauf eine konjunkturelle Krise einsetzt, um das für die Verwertung 'überschüssige' Kapital zu vernichten; strukturelle Überakkumulation bedeutet eine Periode, die von diesem Phänomen nicht nur innerhalb des Konjunkturzyklus geprägt ist. |