| AIDS - EINE KRANKHEIT DER UNTERDRÜCKUNG UND ARMUT Hintergründe AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) wird von einem übertragbaren Erreger verursacht - dem HIV (Human Immunodeficiency Virus). Es ist zur Zeit unheilbar, führt durchschnittlich zwei Jahre nach dem Ausbruch zum Tod. Charakteristisch ist eine fortschreitende Schwächung des Immunsystems, bis der Körper auch gewöhnliche Infektionen und Karzinome nicht mehr abwehren kann, die sich dann sehr schnell ausdehnen. AIDS wurde erstmals 1981 in den USA festgestellt - als mehrere homosexuelle Männer an einer schweren und unerklärlichen Immunschwäche litten. Dasselbe Syndrom tauchte bei fixenden Drogenabhängigen und Leuten auf, die Bluttransfusionen oder andere Blutprodukte erhalten hatten (z.B. wegen Bluterkrankheit). Auch bei Heterosexuellen bemerkte man Fälle. Frühe Studien legten nahe, daß das Syndrom durch einen ansteckenden Erreger verursacht wird, der durch sexuellen Kontakt oder verseuchtes Blut übertragen wird. Auch bei Kindern infizierter Mütter wurde er gefunden. Das Virus wurde 1983 in Frankreich und den USA isoliert. Die Entwicklung eines HIV-Tests erleichterte es Forschern, die Risikogruppen und die Übertragungswege der Krankheit herauszufinden und den Krankheitsverlauf von AIDS von der Infektion über den Ausbruch bis zum Tod nachzuvollziehen. HIV-Tests zeigten, daß sehr viele gesunde Menschen mit dem Virus infiziert waren. Die durchschnittliche Zeitspanne von der Infektion bis zum Ausbruch von AIDS (die Inkubationszeit) beträgt bei Erwachsenen in Europa und den USA etwa neun bis zehn Jahre. In dieser Zeit ist die infizierte Person gesund, kann aber die Infektion auf andere übertragen. Es gibt Grund zur Annahme, daß AIDS eine neue Krankheit ist, nicht nur eine, die erst kürzlich entdeckt wurde. Seit sie erstmals Mitte der 1970er-Jahre gehäuft auftrat, veränderten sich die Sterblichkeitsziffern in den betroffenen Gruppen - mittlerweile ist sie die häufigste Todesursache bei jungen Männern in den USA und in Teilen Europas sowie eine wichtige Todesursache bei jungen Frauen. Auch in Teilen Afrikas entwickelte sich AIDS zu einer häufigen Todesursache bei Männern und Frauen dieser Altersgruppe. Außerdem sind mittlerweile Untersuchungen älterer Blutproben angestellt worden, die nahelegen, daß es schon in den 1960er und möglicherweise den 1950er Jahren Fälle von HIV-Infektionen gab. Doch AIDS breitete sich bis Mitte der 1970er Jahre - und in manchen Teilen der Welt bis in die 1990er - nicht rasch aus. Es gibt keine überzeugenden Beweise dafür, daß HIV ein von Menschen geschaffenes Virus wäre, das vom US-Militär zur biologischen Kriegsführung entwickelt worden wäre, wie manche Verschwörungstheoretiker behaupten. Auch scheint es nicht wahrscheinlich, daß das Virus durch Impfungen gegen Kinderlähmung unter die Menschen gebracht wurde. HIV ist ein Teil einer Familie von Retroviren, die Primaten befällt, von denen einige krankheitserregend sind, andere nicht. Ein eng verwandtes Virus, SIV (Simian Immunodeficiency Virus), wurde bei vielen Primaten gefunden. Die Übertragung von Viren und anderen Organismen vom Affen auf den Menschen ist nichts ungewöhnliches. Es gibt lange Diskussionen darüber, wo das Virus als erstes in den menschlichen Wirt eindrang, und es scheint wahrscheinlich, daß das in Afrika, südlich der Sahara, war. HIV gab es bereits einige Jahre in Afrika; doch erst, als sich AIDS in den USA ausbreitete, wurde es als neue Krankheit gesehen. Es ist möglich, daß HIV und AIDS bereits einige Jahrzehnte in Afrika existierten, sich aber nicht zu einer Epidemie auswuchsen, bis sich die ökonomischen und sozialen Krisen der späten 1970er- und 1980er-Jahre verschärften. Der vermutete wahrscheinliche Ursprung des Virus in Afrika führte einerseits zu einem Anwachsen rassistischer Propaganda, andererseits zu einer Zurückweisung der Verbindung mit Afrika durch einige Nationalisten. Wir weisen die rassistischen Argumente zurück, nicht jedoch die Möglichkeit, daß eine solche neue Infektionskrankheit in Afrika entstehen kann bzw. konnte. Tatsächlich sind die Bedingungen in vielen Ländern Afrikas südlich der Sahara ideal für die Verbreitung der Epidemie - schnelle Verstädterung, Wohnortänderung durch Arbeitsmigration und Krieg, die Zunahme der Prostitution und ein allgemeines Ansteigen der Armut. Das sind ideale Umstände für jede ansteckende Krankheit, besonders für eine, die sexuell übertragen wird, und HIV ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. 1995 ging die Weltgesundheitsorganisation WHO von einer Million AIDS-Fälle aus und schätzte, daß weitere zehn Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert sind. Die meisten Kranken gibt es zur Zeit in Afrika, doch die meisten neuen Ansteckungen werden sich in den nächsten Jahren in Indien ereignen. Die Verbreitung der Krankheit in Südostasien folgt dem afrikanischen Muster mit zehn- bis zwangzigjähriger Verzögerung. Es gab wenig HIV und AIDS Anfang und Mitte der 1980er-Jahre, doch, sobald der Virus eingeführt war, wurden daraus große Epidemien ähnlich wie im Afrika der 1980er. In Thailand schien die enorme Sexindustrie gegen die Infektion noch Mitte der 1980er immun zu sein, weniger als 5% der Prostituierten waren HIV-Trägerinnen bzw. Träger. Mit den 1990ern hat sich diese Situation geändert, und die Mehrheit der Prostituierten in Städten wie Chiang Mai ist infiziert. Die meisten Frauen, die in dieser Stadt als Prostituierte zu arbeiten beginnen, werden innerhalb von zehn Monaten mit dem Virus angesteckt. In den imperialistischen Ländern ist die Ausbreitungsform der Epidemie anders, weist aber trotzdem Bezug zu Unterdrückung und Armut auf. Die überwältigende Mehrheit der Infizierten gab es bei homosexuellen Männern. Die Epidemie trat auch bei drogeninjizierenden Menschen, bei männlichen und weiblichen Prostituierten einiger Gebiete und, besonders in den USA, in armen Gemeinden der Schwarzen auf. Wie andere Infektionskrankheiten betrifft auch AIDS/HIV in überproportionalem Ausmaß die Armen und Unterdrückten. Warum? Es gibt immer spezielle Gründe für jede Krankheit, aber das Grundmuster ist stets dasselbe. Für AIDS/HIV gibt es eine Menge Gründe: * Andere soziale Bedingungen: Zerrissene Familien und Arbeitsmigration hängen mit häufigerem Partnerwechsel beim Geschlechtsverkehr, einschließlich Prostitution, zusammen. Das erhöht das Risiko bei sexuell übertragbaren Krankheiten wie AIDS. * Unterschiedliches Sexualverhalten: In den Anfängen der Epidemie vermutete man, daß Homosexuelle und Afrikaner AIDS bekamen, weil sie Analverkehr praktizierten und so die Krankheit übertrugen. Das beruhte auf Vorurteilen und Unwissenheit. Es gibt keinen Beweis, daß Afrikaner mehr oder weniger Analverkehr praktizieren als sonst jemand - tatsächlich wissen wir überhaupt recht wenig über unser Sexualverhalten. HIV wird leichter durch Anal- als Vaginalverkehr übertragen, doch das erklärt nicht das erhöhte Risiko bei Homosexuellen und ignoriert die 10% oder mehr der Heterosexuellen, die zugeben, Analverkehr zu praktizieren. Homosexuelle hatten und haben durchschnittlich mehr Geschlechtspartner als Heterosexuelle. Das hat mit der sozialen Unterdrückung der Homosexuellen zu tun, die es ihnen einerseits schwermacht, längere akzeptierte Beziehungen zu führen, und die andererseits zu einer bewußten Zurückweisung der sie unterdrückenden Sexualmoral durch die Homosexuellen führte. Es ist Teil der Befreiungsbewegung, eine positive Haltung zu Sex, einschließlich des häufigen PartnerInnenwechsels, anzunehmen. * Es ist erwiesen, daß andere sexuell übertragbare Krankheiten, v.a. jene, die Geschwüre verursachen, zu einem erhöhten Risiko der HIV-Übertragung führen. In vielen armen Halbkolonien gibt es hohe Raten dieser Geschlechtskrankheiten (wie Tripper, Syphilis), die eine der Hauptursachen für Infektionskrankheiten unter Erwachsenen sind. Das erhöht auch die HIV-Ansteckung in diesen Ländern, in denen ein schlechtes Gesundheitswesen im allgemeinen und kaum Kontrolle über die Geschlechtskrankheiten im besonderen besteht. Diese wären leicht zu erkennen und zu behandeln, doch der Mangel an Geld für Krankenpflege, Medikamente und Gesundheitskampagnen bedeutet für viele weiterhin starke Gesundheitsbeeinträchtigung und nun auch erhöhtes HIV- und AIDS-Risiko. * Drogenkonsum ist mit und ohne Injektionsnadeln in armen Stadtteilen weit verbreitet. Injektionsnadeln gemeinsam zu verwenden, kann zu einer raschen Ausbreitung von HIV (und anderen Infektionen wie Hepatitis B und C) führen; auch Crack- und Kokainabhängige scheinen unter erhöhtem HIV-Ansteckungsrisiko zu leiden, wahrscheinlich aufgrund der "Crack-Prostitution", wo Sex gegen Drogen gehandelt wird. * Resourcen: Vielerorts wurde der Kampf gegen die Krankheit durch Mißachtung einfacher Maßnahmen verzögert. Blutkonserven wurden nicht überprüft, Nadeln für Injektionen und Impfungen wurden ungenügend gereinigt, Operationsbestecke nicht ausreichend sterilisiert; Kondome waren vergriffen oder unerschwinglich, auch wenn bekannt war, daß sie das Übertragungsrisiko senken. Neue Behandlungs- und Verhütungsmethoden, die für HIV und AIDS entwickelt wurden, sind oft gerade für die Menschen und die Länder, die sie am dringendsten brauchen, nicht verfügbar. Beispielsweise zeigt eine Studie, daß das Risiko der Übertragung von HIV von einer Schwangeren auf ihr Ungeborenes um zwei Drittel gesenkt werden kann, wenn sie während der Schwangerschaft Zidovudine (AZT) einnimmt und das Baby direkt nach der Geburt behandelt wird. Doch diese Behandlung kostet mindestens 300 $ im Monat und ist für die Mehrheit der HIV-positiven Frauen einfach nicht bezahlbar. Das Auftauchen einer neuen Epidemie mit einem solchen Einfluß auf Gesundheit und Sterblichkeit in imperialistischen und halbkolonialen Ländern hatte große politische und soziale Folgen. Ursprünglich reagierten viele Regierungen langsam auf die neue Krankheit, da sie sie als unwichtig betrachteten, solange sie nur Homosexuelle und Drogenabhängige betraf. Das Versagen in dieser Hinsicht zeigt sich besonders in Bezug auf die Untersuchung von Blutkonserven für Transfusionen. In Frankreich erlaubte die Regierung auch einige Zeit, nachdem HIV-Tests in Gebrauch waren, nicht untersuchtes Blut zu verwenden, um Geld zu sparen. Ähnliches passiert überall. In Frankreich und anderen Ländern gab es Prozesse wegen Vernachlässigung gegen die Regierung und Blutbanken. Trotz des langsamen Anrollens wurde inzwischen in vielen imperialistischen Ländern einiges in die medizinische AIDS-Forschung investiert. Das spiegel die Angst wider, daß es eine weitverbreitete Krankheit sein bzw. werden könnte, die nicht nur Homosexuelle und Drogenabhängige betrifft, sondern durch heterosexuelle Übertragung auch auf die restliche Bevölkerung ausgeweitet werden könnte. Die Forschung erstreckt sich auf Vorbeugemaßnahmen, die Entwicklung eines Impfstoffes und verschiedene medikamentöse Behandlungen. AIDS wurde in der zweiten Hälfte der 1980er als Priorität in der medizinischen Forschung anerkannt, teilweise aufgrund der Überbetonung der Bedrohung durch diese Krankheit. AIDS wurde von einigen bewußt, von anderen aus Ignoranz dazu benutzt, eine moralische Panik bezüglich Sex und Tod zu erzeugen. Man erklärte, daß wir nun die Früchte der Jahre der sexuellen Promiskuität ernten würden - es war entweder Gottes Vergeltung (gegen Homosexuelle und andere Sünder und Sünderinnen) oder, in der weltlichen Version, das unausweichliche Ergebnis unseres unbefugten Eindringens in die "Natur" (womit Heterosexualität und Monogamie gemeint waren). In Britannien führte die Regierung 1986 eine große öffentliche Gesundheitskampagne durch, zeigte Grabsteine und todbringende Eisberge, die die Botschaft verkündeten, daß wir alle verloren wären, wenn wir nicht ihre Ratschläge befolgten. Und was war der Rat? - Nur mit einem Partner/einer Partnerin zu verkehren. Safer Sex durch den Gebrauch von Kondomen oder Alternativen zum Sex mit Penetration zu propagieren, fiel den Regierungen von jeher schwer. Das Ausmaß an Investitionen in die AIDS-Forschung war größer als das auf vielen anderen medizinischen Gebieten, was großen Unmut bei Patienten und Ärzten hervorrief, die mit anderen schweren Leiden wie Herzkrankheiten, Krebs oder Wahnsinn zu tun hatten. Außerdem lag die Richtung, in die die Forschungen lief, in Händen von Regierung und Pharmakonzernen und konzentrierte sich oft mehr auf die Entwicklung von Medikamenten als auf Vorbeugung und Pflege. In vielen Ländern war die Kirche ein besonderes Hindernis für effektive Gesundheitsmaßnahmen im Kampf gegen AIDS. Die feindliche Haltung der katholischen Kirche hinsichtlich der Verwendung von Verhütungsmitteln dehnte sich bis zur Verdammung des Gebrauchs von Kondomen zur Vermeidung der Ansteckung aus. Islamische Staaten antworteten mit grausamer Repression und deportierten Menschen, die "riskanter" Praktiken verdächtigt wurden, in Lager. Andere Religionen behinderten Präventionsmaßnahmen auf ähnliche Weise durch die Zurückweisung offener Diskussionen über Safer Sex mittels moralischer Einwände, indem sie leugneten, daß nichtmonogamer Sex überhaupt stattfinde, oder im Glauben, daß Homosexualität und Prostitution sündhaft seien und daß jede Kampagne für Safer Sex letztlich sündhaftes Verhalten fördere. Religiöse Gruppen sind gegen Aufklärungsunterricht in den Schulen, sie bevorzugen es, Angst und Unwissenheit über Sex weiterbestehen zu lassen, anstatt eine offene Haltung und eine bewußte Entscheidung zuzulassen. Die hohen Raten bei HIV und AIDS unter Schwulen führte zu vielen Antworten. Vor allem waren die Homosexuelleninitiativen - die sich durch politische oder soziale Aktivität definierten - in den imperialistischen Ländern unter den ersten, die die Krankheit ernstnahmen und Information über Safer Sex herausbrachten. In Britannien hatten die von der Regierung bezahlten Kampagnen bis 1989, drei Jahre nach den Aufrufen an die "allgemeine Bevölkerung", Homosexuelle nicht als Zielgruppe. Die Kampagnen, die die Schwulen durchführten, waren ursprünglich sehr effektiv darin, das Sexualverhalten zu ändern, doch war es für viele zu spät, da sie bereits infiziert waren. Ein Teil des Erfolgs dieser Safer Sex-Kampagnen war es, daß sie in einem freieren Ton und nicht repressiv geführt wurden. Sex wurde immer noch positiv bewertet, und man trieb einigen Aufwand für die Bekanntmachung von Techniken für Safer Sex, anstatt die standardmäßige Verurteilung der häufigen Partnerwechsel, die die offizielle Regierungsliteratur beinhaltete, weiterzuverbreiten. Schwulengruppen organisierten sich, um Druck für mehr Forschung auszuüben, um Information über die Krankheit und laufende Untersuchungsergebnisse zu erhalten und um Unterstützung für Erkrankte zu leisten. Finanziert wurde das oft von Homosexuellenorganisationen und einigen "rosa Kapitalisten". Doch die Safer Sex-Kampagnen hatten auch, trotz ihrer "liberalen" Vielfalt, wichtige Grenzen. Erstens konnte sich Safer Sex in den lumpenproletarischen und marginalisierten Teilen der Arbeiterklasse und der Unterdrückten nicht wirklich durchsetzen, da in diesem Milieu medizinische und allgemein-gesundheitliche Empfehlungen als fremd und feig gelten und nicht befolgt werden. Zweitens bieten Kondome nur relative Sicherheit, da sie während des Verkehrs reißen können und so die Ansteckung erleichtern. Das gilt besonders für billige Kondome, die in billigen Sexshops gehandelt und in den unteren Schichten der Arbeiterklasse verwendet werden. Auch die Tatsache, daß homosexuelle Handlungen in vielen Ländern in irgendeiner Weise kriminalisiert sind, behinderte die Antwort auf AIDS. In Britannien bedeutet das unterschiedliche Mündigkeitsalter (ursprünglich 21 für homosexuelle Männer und 16 für heterosexuelle, kürzlich für homosexuelle auf 18 herabgesetzt), daß Gesundheitsempfehlungen, die an Schwule unterhalb dieses Alters ausgegeben werden, als Anstiftung zu einer kriminellen Tat interpretiert werden können. Homophobie bedeutete auch, daß das HIV- und AIDS-Problem in einigen Ländern geleugnet wurde, z.B. in den stalinistischen Staaten wie Rußland, Kuba und China, und daß kein Geld in Verhütung oder Forschung investiert wurde, dafür aber Menschen, die der Ansteckung oder bloß des Risikos verdächtig waren, verhaftet wurden. Die Verbindung von HIV und AIDS mit Homosexualität und insbesondere mit den USA führte viele halbkoloniale Nationalisten dazu zu leugnen, daß das irgendetwas mit ihnen zu tun haben könnte. AIDS wurde als Krankheit der imperialistischen Dekadenz gesehen, wie auch Homosexualität. Die Falschheit dieser Position zeigte sich in der ansteigenden Ausbreitung von HIV in Süd- und Mittelamerika, Asien und ganz Afrika. In vielen dieser imperialisierten Länder wird HIV hauptsächlich durch heterosexuellen Verkehr übertragen, doch es gibt auch viele Fälle von Schwulen und Fixern. Nicht alle Risikogruppen hatten eine gemeinschaftliche Antwort wie die Homosexuellen in Europa und den USA. Männer, die Sex mit Männern praktizieren, sich aber nicht als schwul sehen, wurden oft nicht von den Kampagnen, die an "offene" Homosexuelle gerichtet waren, erfaßt. Drogenabhängige kennen oft keinen Gruppenzusammenhalt und haben auch wenig Unterstützung durch die Familie oder andere. Kampagnen, die die Risiken, die mit Drogenkonsum verbunden sind, senken wollten - die Verteilung sauberer Nadeln und Spritzen, Behandlungsprogramme für Ersatzdrogen etc. - wurden durch die Kriminalisierung des Drogenkonsums geschwächt. In Schottland hatte die Polizei von Edinburgh einen sehr repressiven Zugang zum Drogenkonsum unter den armen Jugendlichen, die auf großen Plätzen lebten. Anfang bis Mitte der 1980er bedeutete dies die Konfiszierung von Fixerbestecken und das Verbot an Apotheker, saubere Nadeln zu verkaufen. Es gab wenig bis keine Behandlung oder Rehabilitation für Abhängige. Das Ergebnis war, daß sich hunderte Jugendliche der Stadt mit HIV ansteckten und nun krank sind und sterben. Viele Kinder wurden während dieser Zeit von HIV-positiven Frauen geboren. In Frankreich führte die widersprüchliche Regierungspolitik zu der absurden Situation, daß sich Drogenabhängige neue Spritzen in der Apotheke kauften, was durch das Gesundheitsministerium im Zuge der AIDS-Bekämpfung erlaubt war, um dann verhaftet zu werden, weil nach einem Erlaß des Innenministeriums der Besitz von Spritzen bestraft wurde, um dem Drogenmißbrauch Herr zu werden. In den USA konnte sich die Krankheit durch ähnliche Maßnahmen unter den Jugendlichen der Arbeiterklasse rasch ausbreiten - viele Staaten erlauben noch immer keine Spritzenausgabe, und Gesundheitsbedienstete dürfen nur Reinigungsmittel ausgeben, um die Fixer dazu zu bringen, das Besteck, das sie gemeinsam verwenden, zu säubern. Auch die Kriminalisierung der Prostitution erschwert die Vorsorgemaßnahmen. Prostituierte in den USA und Europa werden immer wieder verhaftet, und Kondome wurden in Verhandlungen dazu verwendet, die Prostitution zu beweisen. Deswegen sind einige Prostituierte nur schwer dazu zu bewegen, Kondome bei sich zu tragen. Das Verbot von Bordellen in vielen Länden führt dazu, daß Bordellbesitzer nicht zugeben, daß in ihren Etablissements Sex praktiziert wird, und verhindert, daß Leute aus dem Gesundheitswesen dorthin kommen und mit den Prostituierten über Safer Sex sprechen. In anderen Ländern, von Deutschland und Österreich bis Singapur und Uruguay werden Prostituierte vom Staat kontrolliert und müssen HIV-Tests durchführen. Alle, die ein positives Ergebnis aufweisen, verlieren ihre Arbeitsberechtigung. Das schafft jene Umstände, in denen Prostituierte, die zu den Risikogruppen gehören, versuchen, den staatlichen Kontrollen auszuweichen, womit sie aber den Anspruch auf Sozialfürsorge verlieren und dann höhere Raten bei HIV und anderen Geschlechtskrankheiten aufweisen. In den imperialistischen Ländern ist HIV zunehmend ein Problem der Migranten und Flüchtlinge. Hier ist der staatliche Rassismus ein Hindernis für die Verhinderung und Behandlung von HIV. Einige Länder führen Routineuntersuchungen an allen Immigranten aus stärker betroffenen Ländern durch, andere konzentrieren sich auf Schwarze. Infizierten wird oft jede Hilfe und soziale Unterstützung verwehrt, viele werden abgeschoben. Zusätzlich wurde AIDS so zu einem weiteren Argument für die rassistischen Attacken, denen Immigranten und Schwarze ausgesetzt sind. Die Position der LRKI AIDS ist ein bedeutendes soziales Phänomen und hatte wichtige soziale und politische Folgen, auf die wir antworten müssen. Eine der verbreitetsten Antworten auf diese neue Infektionskrankheit war, die Infizierten zu unterdrücken. Die anschaulichste Version davon gab es in Kuba, wo Menschen mit HIV und AIDS in Lager kamen. In anderen Ländern wurden die allgemeinen Gesundheitsgesetze dazu verwendet, HIV-Positive, von denen behauptet wurde, sie könnten andere anstecken, zu verhaften. Das betrifft vor allem Prostituierte und ist weit verbreitet, auch in "liberalen" Staaten wie Schweden. Wir sind gegen die zwangsweise Verhaftung von HIV-Positiven. Das ist keine effektive Strategie, um die Krankheit zu kontrollieren, und es schafft Bedingungen für Hexenjagden, insbesondere auf Schwule, Prostituierte und Afrikaner. Wir sind auch gegen Zwangstests bei Migranten. Wir verteidigen das Recht, selbst darüber zu entscheiden, ob man getestet wird oder nicht (die Tests sollten für alle kostenlos sein, einschließlich angemessener Beratung) und das Ergebnis vertraulich zu halten. Im besonderen weisen wir die verpflichtenden Tests für Prostituierte und die Verhaftung der Infizierten zurück. Für Frauen, Männer und Kinder, die als Prostituierte arbeiten, sind HIV und andere Krankheiten ein Berufsrisiko, und sie dürfen dafür nicht bestraft werden. Stattdessen fordern wir volle Versicherungs- und Pensionsrechte für Prostituierte, damit sie, wenn sie infiziert sind, leichter aussteigen und von einem sicheren Einkommen leben können. Aufklärungskampagnen für Prostituierte und Kunden sollen die Verwendung von Kondomen propagieren - wo das erfolgreich war, sank das Risiko von Prostituierten, und nur wenige Kunden, wenn überhaupt, steckten sich bei Prostituierten an. In Ländern, in denen Kondome bei käuflichem Sex kaum verwendet werden, hat sich HIV rascher ausgebreitet. Die Prostitution muß entkriminalisiert werden und jene, die Sex verkaufen oder konsumieren dürfen nicht verfolgt werden. Prostitution ist eine Erwerbstätigkeit für Frauen, Kinder und einige Männer. Sie gesetzlicher Schikane und staatlicher Repression auszusetzen, ist keine Lösung. Bis es Vollbeschäftigung mit guten Löhnen für alle gibt, Frauen und Kinder von der Familie befreit sind und der Kommerzialisierung von Sex ein Ende gemacht wird, wird Prostitution existieren, und wir sollten die Forderungen nach Rechten und gesetzlichem Schutz der dort Arbeitenden und nicht ihre Verfolgung unterstützen. Wir sind für die gewerkschaftlich Organisierung der Arbeiterinnen und Arbeiter im Sexgeschäft, damit sie besser für ihre Ansprüche kämpfen können. In vielen imperialistischen Ländern betreffen HIV und AIDS hauptsächlich Schwule, Drogenabhängige und Afrikaner. Das führte zu gesteigerter Unterdrückung dieser Gruppen durch das Gesetz und zur Medienhetze gegen sie. Körperliche Angriffe und Attacken nahmen dramatisch zu, AIDS wurde zum Schüren von Homophobie, Rassismus und zur Unterdrückung von Fixern verwendet. Wir bekämpfen diese Tendenz und nutzen unsere Propaganda, um die Rechte der Homosexuellen zu verteidigen, bekämpfen den Rassismus und verteidigen Fixer gegen staatliche und anderweitige Schikanen. AIDS und HIV lenkten viel Aufmerksamkeit auf die politische Aktivität von Homosexuellen. Wir unterstützen Kampagnen für die Entkriminalisierung der Homosexualität. Wir unterstützen auch Kampagnen, die mehr Geld für HIV-Positive und AIDS-Kranke sowie angemessene Forschungs- und Vorbeugeprogramme fordern. Doch die Befreiung des Lesben und Schwulen wird durch diese Kämpfe allein nicht erreicht werden, sie müssen sich mit größeren Kampagnen für gleiche Rechte und gegen Diskriminierung verbinden. Die Orientierung auf die Arbeiterklasse, den Kampf aufzunehmen und Unterstützung in der Arbeiterbewegung aufzubauen, ist notwendig, wenn die Aktion vom dominierenden Einfluß bürgerlicher und kleinbürgerlicher Lesben und Schwulen weggebrochen und mit den Kämpfen der Arbeiterklasse für den Sozialismus verbunden werden sollen. Kampagnen wie "Act Up" trugen viel dazu bei, wichtige Fragen in bezug auf AIDS aufzuwerfen und Scheinheiligkeiten aufzudecken, doch so manche ihrer Taktik wie das "Outen" von Lesben und Schwulen können kontraproduktiv sein. HIV-positive Menschen wurden sehr schlecht behandelt - sie wurden entlassen, man gewährte ihnen keine Krankenversicherungen und andere Fürsorgemaßnahmen, sie bekamen keine Wohnung. In einigen Spitälern wurden sie behandelt, als hätten sie eine ansteckende Krankheit wie das Lassa-Fieber, das Personal wollte sie nicht berühren oder operieren - Vorbehalte, die völlig unnötig sind. Wir sind gegen jede Diskriminierung von HIV-positiven Menschen bezüglich Arbeit, Fürsorge, Wohnung und Therapie und fordern qualitativ hochwertige ärztliche Behandlung. Beschäftigte im Gesundheitswesen müssen vor Ansteckungsrisiken durch Patienten geschützt werden, vor HIV wie vor anderen wie Hepatitis B oder C. Es muß für eine gute Versorgung mit Nadeln und anderer Ausrüstung gesorgt werden, für eine Ausbildung bezüglich der Reduktion von Ansteckungsrisiken durch Nadeln, für sichere Entsorgungsmöglichkeiten von infiziertem Material. Es gibt sehr wenige Situationen, in denen Patienten einem Ansteckungsrisiko durch HIV-infizierte Ärzte und dgl. ausgesetzt sind, daher sind Rufe nach verpflichtenden Tests aller Mitarbeiter im Gesundheitswesen nicht gerechtfertigt. Wir sind auch gegen verpflichtende Tests an Patienten. Die Risiken können minimiert werden, indem man für maximalen Schutz vor Kontakt mit Blut bei Operationen und anderen Eingriffen sorgt. Wenn jemand vom Personal mit HIV infiziert ist, sollte er ermutigt werden, Beratung zu suchen und nötigenfalls ohne Gehaltsverlust an eine andere Arbeitsstelle versetzt werden. Wo gelegentliche Übertragung dennoch geschieht, sind wir für maximale Entschädigung wie bei allen Arbeitsunfällen. Wir sind gegen verpflichtende Tests für alle oder für Teile der Bevölkerung. Der effektivste Weg, Übertragung zu vermeiden, ist Aufklärung, Offenheit bezüglich Sex und Sexualität, Bereitstellung von Kondomen, kostenlose Diagnose und Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten und die Förderung von Verantwortung bei sexuellen Aktivitäten. Das beginnt mit gutem Aufklärungsunterricht in der Schule - etwas, das viele Regierungen nicht gerne fördern oder finanzieren. In Britannien hat sich der Aufklärungsunterricht in den letzten zehn Jahren verschlechtert, was sich in einem Ansteigen von Schwangerschaften bei Teenagern äußerte. Um die Übertragung von HIV oder anderen Geschlechtskrankheiten zu vermeiden, muß es möglich sein, die Risiken zu besprechen und sich über den Gebrauch von Kondomen oder die Vermeidung von Sex mit Penetration einig zu werden. Die Unterdrückung der Sexualität, insbesondere jene der Teenager und Homosexuellen, erschwert einen solchen Zugang. Doch verpflichtende Tests für jedermann sind keine Alternative. Um effektiv zu sein, müßten sie alle drei Monate durchgeführt werden, die Ergebnisse müßten ständig unfälschbar mit sich getragen und unter Partnern ausgetauscht werden, bevor Sex stattfindet. Es ist viel praktischer und wirksamer, die Leute aufzufordern, Kondome zu verwenden und, sollten sie ungeschützten Sex haben wollen, ihnen einen HIV-Test mit anschließendem Ergebnisaustausch zu empfehlen. Da sexuelle Beziehungen aufgrund von Alter, Geschlecht, ökonomischen und anderen Faktoren unausweichlich unvergleichbar sind, kann das nur Teil der Lösung sein. Es muß mit dem Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung verbunden werden, wenn diese Ungleichheiten überwunden werden sollen. Die Zurückweisung verpflichtender Tests bedeutet nicht, daß wir gegen die Kontrolle über die Ausbreitung der Krankheit in der Bevölkerung durch anonyme Untersuchungen sind. Hier würde Blut, das für andere Zwecke entnommen wurde (z.B. von schwangeren Frauen) auf HIV untersucht werden, nachdem jede Identifikationsmöglichkeit entfernt wurde. Das ermöglicht dem Gesundheitspersonal, die Verbreitung von HIV in bestimmten Bevölkerungsgruppen einzuschätzen, ohne die infizierten Individuen zu identifizieren. Das trägt dazu bei, Vorbeugemaßnahmen zu erstellen und für die Zukunft die voraussichtlich notwendige Behandlung zu planen. Diese Form der Kontrolle sollte immer parallel zur Verfügbarkeit von HIV-Tests für einzelne Freiwillige erfolgen. Wir sind gegen die Anwendung des Gesetzes, um jemandem in AIDS-Fällen die Schuld zuzuweisen, außer wenn die Krankheit durch institutionelle Vernachlässigung übertragen wird, beispielsweise durch die Bereitstellung infizierten Bluts bei Bluttransfusionen. In solchen Fällen kämpfen wir für eine Arbeiterkommission, zusammengesetzt aus Gesundheitspersonal und infizierten Patienten, um die Schuld der Involvierten festzustellen. Jede Ansteckungskrankheit wird übertragen, doch wir verschwenden selten unsere Zeit damit, die jeweilige Person für unser Mißbefinden zu beschuldigen. Weil AIDS eine tödliche Krankheit ist, gibt es einen größeren Spielraum für Beschuldigungen der Überträger, sofern klar ist, wer es ist. Wenn wissende HIV-Positive ungeschützten Sex mit anderen haben, handeln sie klarerweise unverantwortlich. Doch da das Virus schwer übertragbar ist, gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen glücklichen Ausgang - weniger als eine von 200 Frauen wird durch einen einzelnen Vaginalverkehr mit einem HIV-positiven Mann infiziert. Angst vor gesetzlicher Verfolgung ist kaum das beste Mittel, um Menschen, die um ihre HIV-Ansteckung wissen, von ungeschütztem Verkehr abzuhalten - einige haben keine andere Wahl (Prostituierte brauchen den Verdienst zum Leben, viele Frauen sind nicht in der Lage, auf Verwendung eines Kondoms zu bestehen, andere wollen Kinder und benützen daher keinerlei Verhütungsmittel). HIV-Positive über die Möglichkeiten der Fortführung von Sex, ohne andere dem Risiko auszusetzen (und sie selbst aufzufordern, auf ihre eigene Gesundheit zu achten), ist, parallel zu allgemeiner Aufklärung, ein besserer Zugang. Bei Fällen erzwungenen Sexualverkehrs - z.B. Vergewaltigung durch HIV-Positive - sollte das Gesetz für Vergewaltigung ausreichend sein. Es ist relativ einfach, sich mit dem ganzen Problem auf der Ebene von Individuen, Aufklärung und Rechten auseinanderzusetzen. Doch für eine Krankheit der Unterdrückung und Armut sind fundamentalere Veränderungen erforderlich, um die globalen Auswirkung von AIDS einzudämmen. In den Halbkolonien muß massiv ins Gesundheitswesen und in Aufklärungskampagnen investiert werden. Die Kontrolle über sexuell übertragbare Krankheiten erfordert die Ausbildung von Gesundheitsbediensteten, die Bereitstellung von Arbeitsmitteln und vor allem von Medikamenten. Das wiederum bedeutet, die Kontrolle über Investitionsmaßnahmen den Händen der Regierungen, die unter dem Pantoffel der Weltbank und des IWF stehen, zu entreißen, und die Schulden zu streichen. Es bedeutet die Verstaatlichung der Medikamentenproduktion unter Arbeiterkontrolle, um die Bedürfnisse der Bevölkerung und nicht die der Bosse zu erfüllen. Für die Überprüfung des Bluts, das für Transfusionen und andere Gelegenheiten gebraucht wird, müssen Mittel verfügbar sein, infizierte Proben müssen ausgesondert werden. AIDS kann besiegt werden. Allerdings sind wir zur Zeit weit davon entfernt. Der Hauptgrund dafür ist einfach: Regierungen sind nicht bereit, der AIDS-Forschung Priorität einzuräumen. Auf der ganzen Welt wird die medizinische Forschung, die sich nicht auf AIDS konzentriert, massiv zurückgefahren und staatliche Forschungseinrichtungen sind bedroht. Die Geschichte von AIDS zeigt, wie kurzsichtig und gefährlich diese Politik ist. Zu Beginn der 1980er wollte man das französische Labor, das das AIDS-Virus entdeckt hatte, schließen, da man den Gegenstand der Forschung für zu obskur hielt. Heute brauchen wir sowohl die massive Förderung der Studien über AIDS als auch die Verteidigung der allgemeinen Forschung als Teil des Gesamtkampfes um Gesundheitsfürsorge und die Entwicklung neuer Behandlungsformen. Es sind weiterhin Investitionen für die AIDS-Forschung zur Entdeckung von Methoden, wie die Übertragung anders als durch Kondomgebrauch vermieden werden kann und für die Entwicklung eines Impfstoffes nötig. Einige dieser Forschungen werden notwendigerweise Tierversuche, auch an Primaten, beinhalten, daher sind wir gegen die Tierschutzbewegungen, die nach einem Ende aller Tierversuche rufen. An einem Impfstoff wird gearbeitet. Doch selbst wenn es einen gäbe, würde er das Problem von Millionen in der Welt nicht lösen. Es gibt 10 Millionen bereits Infizierter, die innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre sterben werden, die Sozialfürsorge und die Versorgung ihrer Familien beanspruchen. Außerdem zeigt die Erfahrung, daß es für die Bevölkerung der Länder, die solche Impfungen am meisten brauchen, am schwersten ist, sie zu bekommen. Die gesamte medizinische Forschung muß von öffentlichen Institutionen durchgeführt werden; jedes daraus resultierende Medikament, jede Impfung muß durchs staatliche Gesundheitswesen kostenlos an jene verteilt werden, die es brauchen. Die Pharmakonzerne, die die Forschungen finanzieren und davon profitieren, müssen entschädigungslos enteignet werden. Wie die Forschung derzeit finanziert wird, ist das Gegenteil von Effizienz. HIV wurde zuerst in Frankreich, später in den USA erkannt. Anstatt die Erkenntnisse dieser verschiedenen Forschungsgruppen zu vereinen, stritten sich die zwei Labors auf wissenschaftlicher, später auch gesetzlicher Ebene darum, wer die Entdeckung zuerst machte. Untersuchungen über die sozialen Aspekte von AIDS, die die Rolle des Kapitalismus und der Unterdrückung zeigen würden, werden abgewürgt, die Finanzierung muß oft von Konzernen geleistet werden, deren Interesse sich nicht auf Vorbeugung oder Heilung, sondern auf marktfähige Waren (Medikamente und Impfungen) erstreckt. In imperialisierten Ländern ist die Finanzierung der Forschung, der Vorsorge und Pflege normalerweise an neoliberale Austeritätsprogramme gekoppelt. Wir fordern ein Ende dieser Verbindungen und die Bereitstellung von Mitteln zur Bekämpfung von AIDS ohne Bedingungen sowie eine Infrastruktur für die Forschung in diesen Länden. Die Linderung der städtischen und ländlichen Armut ist eine Vorbedingung für eine wirksame Kontrolle von Ansteckungskrankheiten wie AIDS. Vor allem Faktoren, die zu Prostitution als Haupteinnahmequelle für Frauen beitragen, müssen berücksichtigt werden - andere Beschäftigungsmöglichkeiten am Land, in Fabriken und Büros sind nötig, mit ausreichenden Löhnen und Sozialleistungen. Der Trennung von Familien durch die Arbeitsmigration muß durch die Forderung nach adäquaten Löhnen und Wohnmöglichkeiten in der Nähe des Arbeitsplatzes, bezahlt durch eine steile Steuerprogression für die Unternehmer, Einhalt geboten werden. Der Kapitalismus hat HIV nicht geschaffen, doch er hat die Bedingungen für seine epidemische Ausbreitung und die sozialen Härten, die es Millionen weltweit eingebracht hat, erzeugt. Der Kapitalismus ist auch für die Misere, die durch andere Krankheiten entstanden ist, verantwortlich - trotz des Bestehens von Impfungen und Behandlungen. Forderungen nach kostengünstigeren Gesundheitsmaßnahmen und einem Ende der Diskriminierung sind wichtig und werden durch die Arbeiterklasse und fortschrittliche Bewegungen weitgehend unterstützt. Doch selbst die Errichung einer elementaren, allgemein zugänglich Versorgung in einigen Ländern, von Äthiopien bis zu den USA, erfordert, den Kapitalismus an seinen Wurzeln, die Profite und die Unternehmer, die davon leben, anzugreifen. Wir unterstützen jeden unmittelbaren Kampf für bessere Gesundheitsfürsoge und gegen die von AIDS hervorgerufenen katastrophalen Zustände, doch in jedem Fall muß er mit dem Aufbau einer revolutionären Internationale verbunden werden, die den Kapitalismus selbst bekämpft. Das Ende des Kapitalismus wird nicht das Ende von Krankheiten bedeuten, doch es wird eine effizientere Verwendung von Ressourcen zur Minimalisierung ihrer Folgen und Auswirkungen erlauben und Investitionen auf die Pflege und Heilung der Kranken wie auf die Forschung zur Vorbeugung und Vermeidung weiterer Leiden konzentrieren. Angenommen durch das Internationale Exekutivkomitee der LRKI, 11. Juli 1995 |