Zur Geschichte der Planwirtschaft: Lehren aus den frühen Erfahrungen
Die Geburt der Planung aus der Tragödie des Kriegskommunismus

Das "Scheitern des Sozialismus", so versucht es uns die bürgerliche Öffentlichkeit seit Jahr und Tag einzuhämmern, stehe in ursächlichem Zusammenhang mit der Unmöglichkeit einer effektiven Planwirtschaft. Planung sei notwendigerweise autoritär, konsumentenfeindlich und vor allem ineffektiv und daher sei das Instrument des Marktes unverzichtbar. Der Zusammenbruch des Stalinismus hat denn auch den meisten links eingestellten ArbeiterInnen und Intellektuellen zur Genüge bewiesen, daß Planwirtschaft zurecht "out" ist. Übersehen wird dabei die Frage, ob denn stalinistische Planung tatsächlich die einzig denkbare ist und ob die Vorstellungen von Marx und Lenin wirklich durch das Scheitern des Stalinismus widerlegt worden sind. Eine Möglichkeit, dies zu überprüfen, ist der Blick auf die "gesunde Sowjetunion", also auf die SU vor Stalin. Wie wurde Planung in den ersten Jahren nach der russischen Revolution verstanden und umgesetzt? Besteht zwischen der leninistischen Frühphase der Planung und der späteren stalinistischen Kommandowirtschaft eine Kontinuität oder ein Bruch? Fritz Haller argumentiert im Folgenden die letztere Position.
Marx hat nichts davon gehalten, das Bild der zukünftigen Gesellschaft am grünen Tisch zu entwerfen. Er zog gegen den Utopismus der Frühsozialisten zu Felde, die in ihrer Phantasie ideale sozialistische Gesellschaften kreierten, ohne sich überhaupt in die Niederungen der materiellen Realität herabzulassen. Diese materielle Realität war es hingegen, mit der sich Marx sein Leben lang beschäftigte und deren Gesetze zu verstehen, das Anliegen seines Hauptwerkes bildete. Was Marx daher über die sozialistische Zukunft sagte, entsprang keiner vorgefertigten Utopie und keinem hehren Ideal, sondern ergab sich aus dem dialektischen Weiterdenken der kapitalistischen Widersprüche. Um sich nicht in Spekulationen zu verlieren, blieb Marx daher bei der Beschreibung der kommunistischen Gesellschaft recht allgemein, zumal die materielle Realität noch ziemlich weit vom Kommunismus entfernt war.
Soviel war allerdings klar: Ökonomische Gesetze, die unabhängig vom Willen der Menschen, d.h. "hinter deren Rücken", wirkten, gehörten zur kapitalistischen Gesellschaft und würden mit deren Abschaffung überwunden. Der Blindheit und dem Automatismus der kapitalistischen Ökonomie wurde schon recht bald die Idee eines "gemeinsamen Planes" zur Regulierung der Wirtschaft entgegengestellt. Die Produktion im Sozialismus, so schreibt Marx im "Kapital", würde unter die bewußte und vorbereitete Kontrolle der Gesellschaft kommen. "Die Arbeitszeit würde eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiedenen Arbeitsfunktionen zu den verschiedenen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gesamtprodukts. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbe4itsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution" (MEW 23,93).
Marx versuchte aber nicht, die Methoden und Instrumente einer gesellschaftlich geplanten Produktion zu beschreiben. Die kommunistische Organisationsform der Gesellschaft noch bleibt im Dunkeln. In der sozialistischen Gesellschaft würde es keinen Austausch mehr zwischen individualisierten Privatproduzenten geben. Die Arbeit aller Produzenten wäre vielmehr unmittelbar gesellschaftlich und zwar deshalb, weil "die Gesellschaft im voraus berechnen (würde), wieviel Arbeit, Produktionsmittel und Lebensmittel sie (...) verwenden kann" (MEW 24, 316-7). Diese Planung wäre keine Staatsfunktion, vielmehr würde die Planung den Staat überflüssig machen und die Gesellschaft selbst würde als bewußte und freie Assoziation organisiert sein.

Mängel in den theoretischen Voraussetzungen

Wenn Marx auch eine Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Kommunismus antizipierte ("Diktatur des Proletariats"), so versuchte er doch nie genauer zu klären, wie "die proletarische Diktatur" die Quantität der notwendigen Arbeit vorherberechnen und wie sie die Produktion "bewußt" kontrollieren würde. Auch keiner von Marxens Schülern und Nachfolgern vor 1917 machte in dieser Hinsicht irgendwelche bedeutsamen Fortschritte. Das Programm der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei von 1903 hielt zwar in klassisch marxistischer Terminologie fest: "Das Privateigentum an Produktions- und Austauschmitteln muß durch gesellschaftliches Eigentum ersetzt und eine geplante Organisation des gesellschaftlichen Produktionsprozesses muß eingeführt werden". "Aber", so schreibt E.H. Carr, einer der fundiertesten Historiker der Russischen Revolution, "nichts wurde getan, um die Konzeption des Plans in der bolschewistischen Literatur vor der Revolution weiterzuentwickeln" (The Bolshevik Revolution, vol. 2, p.8.
Auch die deutsche Sozialdemokratie hatte in dieser Hinsicht nicht viel mehr zu bieten. Karl Kautsky wiederholte im wesentlichen das, was Engels schon im Anti-Dühring über den Sozialismus geschrieben hatte und betonte v.a. die Bedeutung von Konzentration und Planung, um das Versagen der marktwirtschaftlichen Anarchie zu überwinden. Hilferding unterstrich die konzentrierende und organisierende Rolle der großen Banken, das "Finanzkapital" arbeite dadurch dem Sozialismus ein gutes Stück vor. Etwas konkreter wurde lediglich der sozialistische Ökonom Karl Ballod, dessen Buch "Der Zukunftsstaat" (deutsch 1903, russisch 1906) sowohl in deutschen als auch in russischen sozialdemokratischen Zirkeln viel gelesen wurde, der aber mehr utopisch-beschreibend als marxistisch-analytisch vorging. Nach Ballod sollte die Produktion in den effizientesten Betrieben konzentriert und jegliche Kleinproduktion überhaupt abgeschaft werden. Das Land würde nationalisiert und in große Staatsfarmen aufgeteilt. Die Produktion von elektrischem Strom sei für die sozialistische Wirtschaft essentiell. Das Problem der planenden Vorausberechnung der für die verschiedenen Bedürfnissen jeweils notwenigen Arbeitszeit wurde von Ballod nicht einmal berührt, insofern lieferte auch sein Buch keine über Marx hinausgehenden theoretische Erkenntnisse.
Praktische Erfahrung mit industrieller Konzentration und wirtschaftlicher Planung machte man in vielen kapitalistischen Ländern während des ersten Weltkrieges. Die Kriegswirtschaft stellte sich v.a. in Deutschland als hochgradig zentralisierte Angelegenheit dar und der Architekt des sogenannten deutschen "Kriegssozialismus", Walter Rathenau, stellte auch theoretisch den marktwirtschaftlichen Wettbewerb in Frage. Der später führende bolschewistische Ökonom Larin, während des Krieges noch Menschewik in Schweden, schrieb mehrere Artkel über die deutsche Kriegswirtschaft als Beispiel für die Möglichkeit einer zentralen Wirtschaftsleitung. Auch Lenin hatte diese Artikel von Larin gelesen und bildete seine eigene Vorstellung einer nach-kapitalistischen Wirtschaftsstruktur nicht zuletzt an diesem Beispiel.
Natürlich wollte Lenin die Deutschen nicht einfach kopieren: "Das, was die deutschen Plechanows (Scheidemann, Lentsch, etc) ´Kriegssozialismus` nennen, ist in Wahrheit staatsmonopolistischer Kapitalismus" (LW 25, 368) und "Die Einführung der Planmäßigkeit befreit die Arbeiter nicht davon, Sklaven zu sein, die Kapitalisten streichen ihre Profite (nur) ´planmäßiger` ein" (LW 24, 299). "Wir sind für den Zentralismus und für einen ´Plan`, aber für den Zentralismus und den Plan des proletarischen Staates, der proletarischen Regulierung der Produktion und Verteilung im Interesse der Armen, Werktätigen und Ausgebeuteten, gegen die Ausbeuter" (LW 26, 102). Aber auch Lenin konnte noch nicht angeben, worin sich - rein ökonomisch gesehen - proletarische Planung von kapitalistischer Planung unterscheiden würde. Nur auf Grund dieser Unklarheit konnte kurz nach der Oktoberrevolution folgender Ausspruch von Lenin entstehen: "Der Sozialismus ist bereits verwirklicht: die materielle, ökonomische Hälfte in Deutschland, in Gestalt des staatsmonopolistischen Kapitalismus, die politische Hälfte in Rußland, in Form der Diktatur des Proletariats".

Von den "ersten" zu den "nächsten Aufgaben der Sowjetmacht"

Schon in den ersten Wochen nach der Revolution setzten die Bolschewiki eine Reihe wichtiger revolutionärer Maßnahmen um, etwa die entschädigungslose Enteignung der Gutsbesitzer am zweiten Tag nach der Machtergreifung! Andererseits mußte zuerst der Frieden von Brest-Litowsk unter Dach und Fach gebracht werden, bevor an einen systematischen Wirtschaftsaufbau ernsthaft auch nur gedacht werden konnte. Der errungene Friede sollte dann für die Umsetzung des bolschewistischen Wirtschaftsprogrammes genützt werden. In der praktischen Wirtschaftpolitik bis Mai 1918, also bis zum Beginn des Bürgerkrieges, stechen folgende fünf Entwicklungen ins Auge:
a) Da sich die konstituierende Nationalversammlung weigerte, die Enteignung des feudalen Grundbesitzes zu bestätigen, wurde sie von den Bolschewiki aufgelöst. Das "Grundgesetz über den Boden" vom 27.1.1918 verwirklichte das Programm der linken Sozialrevolutionäre und bestimmte, daß der Boden "in die Nutznießung des gesamten werktätigen Volkes" übergehen und möglichst gleichmäßig verteilt werden soll. Das Gesetz vollzog im wesentlichen nur nach, was durch die spontane Agrarrevolution eigentlich schon Tatsache war: die Auflösung der großen Gutswirtschaften, die Bildung zahlreicher neuer bäuerlicher Kleinbetriebe und die Abschaffung der schweren Steuer- und Pachtlasten für die Bauern.
b) Das Dekret vom 14.11.1917 über die Arbeiterkontrolle bestimmte, daß die alten Besitzer weiterhin ihre Betriebe leiten sollten, daß sie dies jedoch unter der Kontrolle der Arbeitervertreter des betreffenden Unternehmens zu tun hätten. Was die Organe der Arbeiterkontrolle beschlossen, war für die Unternehmer bindend. Dies half zwar, die unmittelbare Macht der Arbeiterschaft auszudehnen. Als Hebel zur Organisierung der Produktion und zur Verwaltung der Industrie erwies sich die Arbeiterkontrolle jedoch als ungeeignet. Es entwickelte sich ein halb-anarchistischer Betriebsegoismus. Auch kam es nicht dazu, daß die Arbeiter von den Kapitalisten die Fähigkeiten zur Leitung von Betrieben "erlernen" konnten, einerseits weil die Unternehmer dies sabotierten, andererseits, weil die linksradikalen Strömungen in der Arbeiterklasse. dies gar nicht zuließen.
c) Weitgehende Nationalisierungen von Unternehmen waren von den Bolschewiki zunächst nicht geplant, nicht einmal die Großindustrie sollte zur Gänze enteignet werden, da man einschätzte, nicht über das notwendige know-how zu verfügen, um die Betriebe weiterzuführen. Ausnahmen waren die Nationalisierung des Wassertransports (Jänner) und des Außenhandels (April). Jedoch kam es zu spontanen und v.a. zu strafweisen Enteignungen, wenn sich Kapitalisten über die Beschlüsse ihrer Arbeiterkontrollorgane hinwegsetzen. Bis zum 1.6.1918 waren von den enteigneten Unternehmungen 70% strafweise enteignet worden.
d) Besetzung der Staatsbank durch den Volkskommissar für Finanzen am 20.11.1917. Da sich die meisten Banken und Bankbeamten weigerten, Anweisungen der neuen Regierung entgegenzunehmen und Betrieben, die unter Arbeiterkontrolle standen, Kredite zu geben, wurden sie Ende Dezember durch revolutionäre Truppen besetzt. Ein Dekret von 27.12.1917 verwandelte alle Banken in Staatsbetriebe und verfügte ihre Vereinigung mit der Staatsbank. Aufgrund anhaltender Sabotage mußte im Jänner 1918 das Management der Banken ausgetauscht werden und erst im Februar konnte die kapitalmäßige Vereinigung der Geschäftsbanken mit der Staatsbank durchgeführt werden konnte.
e) Schon kurz nach der Revolution rief die neue Regierung ein Organ zur Durchführung der Leitung und Organisierung der Wirtschaft ins Leben. Per Dekret vom 5.12.1917 wurde der Oberste Volkswirtschaftsrat (russische Abkürzung: VNSK oder Vesenka) als oberstes Ministerium "für die Leitung und Organisierung der gesamten Wirtschaft" gegründet. Dieser Aufgabe sollte Vesenka zwar nie gewachsen sein und im ersten Halbjahr entwickelte Vesenka noch überhaupt keine praktische Wirksamkeit, da zunächst erst die entsprechenden Verwaltungsstrukturen geschaffen werden mußten, doch zeigt das Dekret vom 5.12. die Richtung, in die die Bolschewiki gehen wollten: vorsichtige Zentralisierung der Wirtschaft im Sinne einer zentralen Koordinierung der Einzelbetriebe, aber keine überstürzte Enteignung des Privatkapitals, sondern "Lernen" bei den Kapitalisten durch die Arbeiterkontrolle.

Im April 1918 konnte Lenin bereits eine erste Bilanz ziehen. Er anerkannte das Absinken der Produktivität, das monatelange Warten auf die Löhne, die Hyperinflation und das allgemeine Chaos in der Wirtschaft. Es galt gewissenhafte Rechnungsführung, Arbeitsdisziplin und Steigerung der Produktivität als Hauptziele im Bewußtsein der Massen zu verankern. Für Lenin war damals die Welle spontaner Konfiskationen und strafweiser Enteignungen bereits zu weit gegangen. Diplomatisch daran anknüpfend sagte er: "Bisher standen an erster Stelle die Maßnahmen zur unmittelbaren Expropriation der Expropriateure. Jetzt tritt an die erste Stelle die Organisierung der Rechnungsführung und der Kontrolle sowohl in den Betrieben, in denen die Kapitalisten bereits expropriiert sind, als auch in allen übrigen Betrieben" (LW 27, 236).
Im Mai 1918 begann in voller Schärfe der Bürgerkrieg gegen die konterrevolutionären weißen Armeen, die von zahlreichen westlichen Truppen unterstützt wurden. Dies ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Gründe für die relativ schroffe Änderung des Kurses in der sowjetischen Wirtschaftspolitik. Die gesamte Produktion und Verteilung wurde auf das Ziel ausgerichtet, den Krieg zu gewinnen. Jedoch gab es auch interne Gründe für einen Kurswechsel, insbesondere die zunehmende Sabotage der Bourgeoisie, die ein wachsendes Chaos in der Wirtschaft anrichtete. Als Reflex darauf ist das Erstarken des linken Parteiflügels nicht zu überschätzen, der natürlich auch die Imperative des Bürgerkrieges für seine zentralistischen Ambitionen verwenden konnte.

Bürgerkrieg und "Kriegskommunismus": Verhinderer oder Geburtshelfer der Planwirtschaft?

Der erste Kongreß der Volkswirtschaftsräte im Mai 1918 war ein Schlagabtausch zwischen den Vertretern der bisherigen Politik und den "linken Kommunisten", die in Vesenka besonders stark waren. Miliutin, einer der führenden Ökonomen, verteidigte ein vorsichtiges Programm in Bezug auf weitere Nationalisierungen, nicht zuletzt deswegen, weil die enteigneten Unternehmen unmittelbar dem Staatsbudget zur Last fielen und die Staatsbank ohnehin bereits mit dem Gelddrucken kaum noch nachkam. Finanz-Volkskommissar Gukowski versuchte zu erklären, warum ein ausgeglichenes Budget und die Konvertibilität des Rubel zum Gold auch unter den neuen Bedingungen anstrebenswerte Ziele blieben. In diesen Positionen war noch ein gewisses Verständnis dafür vorhanden, daß auch eine proletarische Gesellschaft ökonomische Maßeinheiten brauche und daß es zum Geld zunächst keine Alternative gab.
Smirnow argumentierte für die linke Opposition, daß man ein finanzielles Gleichgewicht gar nicht mehr anstreben sollte, da dieser Weg zum bürgerlichen System zurückführe. Vielmehr solle die Finanzkrise gelöst werden, indem man das monetäre System überhaupt abschaffe und zu einer sozialistischen Organisierung der Produktion übergehe. Gegen Lenin und Trotzki argumentierte Smirnow für eine Beschleunigung des Nationalisierungsprozesses und für hohe Industriepreise, um Geld aus der kleinbürgerlichen Landwirtschaft herauszuziehen. Die linken Kommunisten verstanden offenbar nicht, daß hohe Industriepreise nicht die Staatseinnahmen erhöhen, sondern die Agrarproduktion verringern würden, da es traditionell in der russischen Bauernschaft starke Tendenzen zur Selbstgenügsamkeit gab. Aber noch weniger verstanden sie, daß das monetäre System nicht einfach abgeschafft werden konnte, sondern daß es durch die praktische Entwicklung von Alternativen überwunden werden mußte.
Es kann hier nicht im Detail die weitere Entwicklung und innerparteiliche Diskussion zur Wirtschaftspolitik während des Kriegskommunismus nachgezeichnet werden, es gibt darüber ausführliche Literatur. Die grundlegenden Charakteristika dieser Periode sollen hier nur thesenhaft zusammengefaßt werden, um den polit-ökonomischen Hintergrund der ersten Gehversuche in Richtung Planwirtschaft zu verstehen. Stark vereinfacht läßt sich zusammenfassen, daß sich zwischen Mitte 1918 und Anfang 1921 die ursprünglich nur von den "Linken" vertretenen Auffassungen zunehmend praktisch, aber auch in der theoretischen Argumentation durchsetzten. Lenin z.B. lobte Bucharins Buch von 1920 über die "Ökonomik der Transformationsperiode". Darin vertrat dieser die Position, daß der Kriegskommunismus insoweit Teil des marxistischen Programms für die Übergangsgesellschaft sei, als in ihm die Kategorien Preis, Wert, Mehrwert und Profit abgeschafft und die spontanen Wirtschaftsgesetze durch einen bewußten gesellschaftlichen Regulator ersetzt worden seien.
a) Landwirtschaft: Der Auszug der linken Sozialrevolutionäre im Juli 1918 aus dem 5. Allrussischen Sowjetkongreß war ein Symptom des beginnenden Kriegskommunismus in Bezug auf die Landwirtschaft. Die Arbeiterabteilungen, ab August 1918 per Dekret legalisiert, griffen immer häufiger zum Mittel der einfachen Requirierung von landwirtschaftlichen Gütern, da in den Städten der Hunger ausbrach und viel zu wenige Güter vorhanden waren, um mit den Bauern einen geregelten Austausch durchzuführen. Um die Bauernschaft zu spalten hatten die Bolschewiki den Aufbau von sogenannten "Komitees der armen Bauern" vorangetrieben, die sie politisch kontrollieren konnten und die den Arbeiterabteilungen halfen, das versteckte Getreide der reichen und mittleren Bauern zu finden. Im Oktober 1918 versuchte man es mit einer Naturalsteuer, doch wurde auch daraus in der Praxis nichts. Das Getreide wurde entweder auf den Schwarzmarkt verschoben bzw wurde auch immer weniger erzeugt.
Die Bolschewiki versuchten auch Schritte in Richtung einer großflächigeren Landwirtschaft zu setzen. Einige große Güter waren in Staatsfarmen verwandelt worden und in einigen Gebieten konnten Bauern überredet werden, sich in landwirtschaftlichen Kommunen zusammenzuschließen. Insgesamt blieben diese Bemühungen aber relativ erfolglos, die Zahl der Staatsfarmen stieg lediglich von 3100 (1918) auf 4400 (1920). Der Bürgerkrieg erlaubte es auch nicht, die Bauern noch weiter zu entfremden, im Gegenteil. Um die Mittelbauern zumindest zu neutralisieren wurden die Komitees der armen Bauern 1919 wieder aufgelöst und die ganze Macht den (neugewählten) Bauernsowjets zurückgegeben. Die erhoffte Verbesserung der Kooperation mit den Mittelbauern trat aber nicht ein. Immer mehr Getreide verschwand am Schwarzmarkt, während immer größere Landstriche brach liegen gelassen wurden. Das Mittel der Requirierung taugte immer weniger, umso brutaler wurden ihre Methoden.
1920 stablisierte sich allerdings nur deshalb die Versorgung der Städte, weil sich aufgrund der militärischen Erfolge das Einzugsgebiet vergrößert hatte. Ende 1920 häuften sich - nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Hungersnöte am Land - die Bauernaufstände. Noch einmal versuchte die bolschewistische Mehrheit am 8. Sowjetkongreß (Dezember 1920) repressiv zu reagieren, indem sie eine "Verpflichtung auszusähen" einführte. Erst Lenins Kurswechsel zur NEP (Neue Ökonomische Politik) im März 1921 anerkannte die Erfolglosigkeit dieser Bemühungen und griff jene Vorschläge auf, die die linken Sozialrevolutionäre und Menschewiki am 8. Sowjetkongreß vertreten hatten.
b) Industrie: Die Industrie wurde in eine einzige Versorgungseinrichtung für die Rote Armee verwandelt. Dies bedeutete naturgemäß eine Tendenz zum Zentralismus. Jedoch drückte sich in der kriegskommunistischen Industriepolitik auch die ideologische Zielsetzung der neuen Führung aus, und zwar in einer kurzatmigen, noch unreifen Form. Dies läßt sich zunächst bei der Nationalisierung zeigen: im Mai 1918 wurde erstmals eine ganze Industrie verstaatlicht, nämlich die Ölindustrie, verständlicherweise, um die Versorgung mit Treibstoff sicherzustellen. Ein Dekret vom Juni 1918 nationalisierte mit einem Schlag die gesamte Großindustrie, auch ein unverzichtbares Mittel des Klassenkampfes angesichts der Sabotage der Bourgeoisie. Im Herbst 1918 wurde die städtische Kleinindustrie verstaatlicht und 1919 wandte man sich dem ländlichen Handwerk zu. Ein Schritt, der keinerlei ökonomischen Sinn mehr machte, war das Dekret vom November 1929, das alle Betriebe mit mehr als fünf bis zehn Beschäftigten verstaatlichte. Es handelte sich um zig-Tausende Kleinstbetriebe, die mit den damaligen Ressourcen unmöglich zu zentralisieren waren. Von den 37.000 staatlichen Unternehmen wurden wahrscheinlich kaum mehr als 10% wirklich staatlich kontrolliert.
Lenin und den Bolschewiki war es jedoch gar nicht so sehr um die Nationalisierung gegangen als vielmehr um eine sozialistische Verwaltung und Anleitung der Industrie. Diesem Zweck diente die branchenweise Zusammenfassung aller Betriebe in den sogenannten "Glavki" (d.h. Trusts), die ihrerseits wieder als Abteilungen von Vesenka betrachtet wurden. Die Zahl der Galvki schwankte, hatte aber Ende 1920 die Zahl von 74 erreicht. War die Zwangssyndizierung in vielen Bereichen offensichtlich sinnvoll, so "bleibt es schwierig zu erraten, warum im Dezember 1918 auch die Musikalien-Verlage und die Musikalien-Druckindustrie oder auch die Süßwaren-Industrie von Moskau und Petrograd verstaatlicht und staatlich verwaltet wurden" (Carr, vol.2, p.177). Vesenka hatte damals nicht die Kapazität, die tausenden Betriebe wirklich geplant miteinander zu koordinieren und dadurch ihre Leistung zu optimieren. Sie war für die Zuteilung von Krediten zuständig und konnte dadurch allgemeine Kriegsprioritäten leicht durchsetzen. Die wikliche Macht blieb aber bei den Glavki, in denen sich eine zunehmend verhaßte Bürokratie breitmachte. Doch auch die Glavki planten nicht längerfristig, ja vielfach verwalteten sie nicht einmal ordentlich, sondern intervenierten lediglich in unsystematischer Form. Der Austausch zwischen den Staatsbetrieben wurde zunehmend ohne Geld durchgeführt, am ehesten kann das System als Naturaltausch beschrieben werden, wobei jedoch die Proportionen keiner marktförmigen Steuerung sondern eher einer bürokratischen Willkür folgten.
Vesenka hatte zunächst auch eine demokratische Substruktur: So gab es unterhalb des Obersten Volkswirtschaftsrates und parallell zur Sowjetstruktur auch Orts-, Bezirks- und Department-Volkswirtschaftsräte, die alle einen gewissen föderalistischen Druck gegen den zunehmenden Zentralismus entwickelten. Ende 1918 wurden die Bezirks-VWR abgeschafft, die Orts-VWR in Wirtschaftsabteilungen der örtlichen Sowjets umgewandelt und die Department-VWR zu ausführenden Organen von Vesenka gemacht. Innerhalb von Vesenka verschob sich die Macht von dem breiteren 69 Mitglieder umfassenden Rat zu dem 9-köpfigen Präsidium, dessen Mitglieder vom Rat der Volkskommissare und vom Zentralen Exekutivkomitee des Obersten Sowjets entsandt wurden. Der Kampf zwischen den Zentralisten und den Dezentralisten setzte sich dennoch fort und erst im März 1920 fand der 9. Parteitag der KPR(B) einen Kompromiß, der die vertikale Zentralisierung entlang der Glavki beibehielt und entwickelte, diese aber gleichzeitig mit einer horizontalen Ko-Regulierung entlang der Regionen kombinierte.
Die Periode des Kriegskommunismus war von zwei weiteren Kontroversen geprägt, denen prinzipielle Bedeutung zukommt. Da war zunächst die Debatte über die Verwendung der bürgerlichen Spezialisten. Glaubten sich zunächst viele Bolschewiki auf Lenins "Staat und Revolution" stützen zu können, wo in einzelnen Passagen die Verwaltung der Industrie als leichte Angelegenheit dargestellt war, die jeder halbwegs intelligente Mensch ausführen könnte, so mußten diese bald von Lenin hören, daß "in verschiedenen Bereichen des Wissens, der Technik und der Erfahrung ohne die Führung durch Spezialisten der Übergang zum Sozialismus unmöglich ist". Lenin verteidigte nicht nur die Verwendung von bürgerlichen Spezialisten in der Wirtschaftsführung, er verteidigte auch deren privilegierte Bezahlung, da man anders deren Kooperation eben nicht erreichen könne. Auch als die linken Kritiker aufdeckten, daß in vielen Fabriken die ehemaligen Besitzer nun als Direktoren schalteten und walteten, und daß diese ihre Macht häufig zur Korruption mißbrauchten, ging Lenin von diesem Prinzip nicht ab. Er machte aber immer klar, daß dies eine Konzession war, die der Arbeiterstaat aufgrund der russischen Rückständigkeit machen mußte, daß aber viele Spezialisten Klassenfeinde geblieben seien, die amn so bald wie möglich ersetzen mußte.
Ähnlich setzte sich Lenin auch in der Frage der Ein-Mann-Leitung heftiger Kritik aus. Die weitverbreitete Verantwortungs- und Disziplinlosigkeit zwinge dazu, vom ursprünglich eingeführten Kollegialprinzip abzugehen und einzeln verantwortliche Funktionäre für Betriebs- und Abteilungsleitungen zu bestimmen. Lenin konnte sich dabei jedoch nicht sofort durchsetzen. Selbst 1920 wurde von der allrussischen Gewerkschaftsführung noch die Resolution von Tomsky angenommen, die sich gegen Lenin und emphatisch für die kollegiale Verwaltung in der Industrie, vom Präsidium von Vesenka bis hinunter zur einzelnen Fabrik aussprach. Am 9. Parteitag im März 1920 gab es darüber die stürmischsten Debatten, diesmal allerdings siegte Lenin.
Die Periode des Kriegskommunismus sah einen enormen Einbruch der industriellen Produktion. Dieser war sowohl auf den Niedergang der Arbeitsproduktivität (nicht zuletzt aufgrund der Unterernährung!) als auch auf die starke Verringerung der Zahl der Industriearbeiter zurückzuführen. Gab es 1917 noch 3 Mill. Arbeiter, so war ihre Zahl bis 1921 auf 1,3 Mill. geschrumpft. Die kriegsbedingte Unterbrechung vieler Rohstoffquellen und der Fast-Zusammenbruch des Eisenbahnwesens trugen nicht zuletzt dazu bei. Dies führte weniger zu städtischer Arbeitslosigkeit, als zu einer Rückwanderung der Arbeiter aufs Land. Die städtische Arbeiterklasse, die nun die herrschende sein sollte, schmolz dahin. Petrograd hatte in diesen Jahren 57,5% und Moskau immerhin 44,5% seiner Einwohner verloren.
1920 wurden nur noch 2% des Eisens von 1913 produziert. Die besten Zahlen gab es noch beim Öl: 1920 hielt man bei 41% des Niveaus von 1913. Der industrielle Niedergang brachte auch den Verfall der Autorität von Vesenka mit sich. Schon 1919 war es praktisch mit mehreren anderen Volkskommissariaten gleichgestellt worden. Das Volkskommissariat für Versorgung (Narkomprod), das für die Getreiderequirierungen zuständig war, mauserte sich sogar zum wichtigsten Wirtschaftskommissariat. Und 1920 ging auch formell die Oberaufsicht über die verschiedenen Wirtschaftsorgane endgültig an das "Komitee für Arbeit und Verteidigung" (russische Abkürzung :STO) über. Doch darüber wird noch weiter unten zu berichten sein.
c) Gewerkschaften: Die Frage des Verhältnisses der Gewerkschaften zum Arbeiterstaat war eine beständige Quelle von Diskussionen und Differenzen. Von Juni 1918 an, als alle großen Industriebetriebe verstaatlicht worden waren, hörte - theoretisch gesprochen - die Arbeitskraft auf, eine Ware zu sein. Sie verwandelte sich in eine Leistung an der Gesellschaft, und diese garantierte umgekehrt die Erhaltung des Arbeiters. Doch was bedeutete das konkret? Zunächst die allgemeine Arbeitspflicht, doch wurde diese außer bei den Mitgliedern der ehemaligen herrschenden Klasse nicht wirklich durchgesetzt. Im Jänner 1919 ging der zweite allrussische Gewerkschaftskongreß einen Schritt weiter, indem er, gegen anarchistischen und menschewistischen Widerstand, das Prinzip der Verstaatlichung der Gewerkschaften akzeptierte. Es sollte zu einer organischen Vereinigung zwischen dem Volkskommissariat für Arbeit und den Gewerkschaften kommen. Der Volkskommissar selbst wurde nun vom Zentralrat der Gewerkschaften gewählt. Umgekehrt bedeutete dies: "In einer Zeit, wo die Gewerkschaften die Löhne und Arbeitsbedingungen regulieren und die Ernennung des Volkskommissars für Arbeit von unserem Kongreß abhängt, kann es keine Streiks in Sowjetrußland geben. Laßt uns den Punkt auf dieses i setzen" (Tomsky).
Der 8. Parteikongreß im März 1919 fand in einer stürmischer werdenden Atmosphäre statt. Das neue Parteiprogramm legte fest, daß die Gewerkschaften de facto die gesamte verwaltung der Volkswirtschaft in ihre Hände nehmen sollten. Gleichzeitig sollten die Gewerkschaften die Hauptrolle bei der Durchsetzung der neuen sozialistischen Arbeitsdisziplin spielen. Und schließlich sollten die Gewerkschaften auch wesentlich dazu beitragen, Soldaten für den Bürgerkrieg zu mobilisieren. Und bald danach wurde überhaupt jegliche Trennung zwischen Militärdienst und Arbeit in Frage gestellt. Ein STO-Dekret erklärte alle Bergarbeiter einer bestimmten Altersgruppe für "mobilisiert" und quasi militärischer Disziplin unterstellt. "Kommunistische Samstage" wurden eingeführt, die für Parteimitglieder zunehmend Pflicht wurden. Mittels Arbeitsbüchern wurde begonnen, die Arbeitspflicht besser zu kontrollieren. Im Jänner 1920 legte ein Dekret des Rates der Volkskommissare ein Konzept für einen allgemeinen Arbeitsdienst vor. 6 Millionen Menschen wurden dafür allein im Bereich Holzindustrie mobilisiert. Auch die Arbeits- und Konzentrationslager. die für Kriminelle und Konterrevolutionäre eingerichtet wurden, sollten quantitativ nicht unterschätzt werden.
Als Trotzki zur Sanierung des Eisenbahnwesens eingesetzt wird, werden alle Eisenbahnarbeiter zum Arbeitsdienst mobilisiert. Trotzki ist es auch, der Teile der Roten Armee, die nach dem gewonnenen Bürgerkrieg nicht mehr gebraucht wurden, kurzerhand in "revolutionäre Arbeitsarmeen" umwandelt. Die "Militarisierung der Arbeit" hatte begonnen. Obwohl niemand sonst dieselbe militaristische Sprache sprach, stand das Zentralkomitee und das Politbüro zunächst hinter Trotzki. Auch Lenin sagte den Gewerkschaften, diese müßten eine ähnliche Disziplin entwickeln, wie wir sie in der Roten Armee hatten. Bucharin argumentierte, daß Arbeitszwang im Arbeiterstaat die aktuelle Form der "Selbstorganisation der Arbeiterklasse" sei. Längst wurde der Großteil der Löhne in Naturalien ausgezahlt, 1920 aber wurden Naturalprämien eingeführt, um die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Als sich aber herausstellte, daß dafür nicht genügend Güter da waren, war man wieder auf revolutionären Enthusiasmus und nackte Gewalt zurückgeworfen.
Erst gegen Ende des Jahres 1920 kam es innerhalb der Partei zu scharfen Differenzen über die Militarisierung der Arbeit. Das Zentralkomitee hatte auf die Empfehlung Trotzkis hin das Gewerkschaftskomitee der Eisenbahnergewerkschaft abgesetzt un durch Tsektran ersetzt. Anstatt nach dem Sieg über Wrangel aber zu entspannteren Beziehungen zu den gewerkschaften zurückzukehren, startete Trotzki Anfang November 1920 eine umfassende Attacke gegen die Gewerkschaften. Lenin bezog eine andere Position (Tsektran sollte in die Gewerkschaft eingegliedert werden) und setzte sich im ZK durch. Anfang 1921 wütete ein heftiger Meinungskampf in den Parteimedien, es war die Vorbereitungsphase zum 10. Parteitag. Bucharin hatte sich inzwischen Trotzki angeschlossen, ebenso Preobrashenski. Allerdings bildete sich auch die "Arbeiteropposition" unter Schljapnikow und Kollontai, die die Verstaatlichung der Gewerkschaften und die Militarisierung der Arbeit komplett ablehnten. Lenin bildete die "Gruppe der 10" und konnte sich nun als vermittelnde und gemäßigte Kraft darstellen. Seine Resolution sprach sich gegen jede rasche Verstaatlichung der Gewerkschaften aus und ermöglichte viel eher den Übergang zur NEP. Sie errang eine überlegene Mehrheit.
d) Geld: Die Nationalisierung der Banken hatte bis Mitte 1918 nicht den im Sinne der marxistischen Tradition erhofften Effekt gebracht, nämlich automatisch ein effektives Instrument für die Kontrolle und Finanzierung der Industrie hervorzubringen. Noch hatte die Nichtanerkennung der alten Schulden das Problem der Finanzierung der öffentlichen Ausgaben gelöst. Die Notenpresse blieb für die Regierung die einzige ernsthafte Quelle von Geldmitteln. Diese Methode führte natürlich zu rasender Inflation und damit zur Weigerung vieler Verkäufer (v.a. der Bauern) das wertlose Geld überhaupt noch anzunehmen. Der Kriegskommunismus zeichnete sich wesentlich durch die praktisch vollkommene Eliminierung des Geldes aus der Wirtschaft aus. Die Ersetzung Gukowskis durch Krestiniski (einem Vertreter der "Linken Kommunisten") als Volkskommissar für Finanzen im August 1918 symbolisierte den Übergang der Finanzpolitik auf die Linie der bewußten "Abschaffung des Finanzsystems". Im Oktober 1918 wurde sowohl eine Geldsteuer (die "außertordentliche revolutionäre Steuer") als auch eine Naturalsteuer eingeführt. Die Geldsteuer, die Krestinski bereits als "Maßnahme der Vergangenheit" bezeichnete, war ein totaler Fehlschlag. Sie brachte kaum 10% der erwarteten Einnahmen. Die Naturalsteuer, laut Krestinski "unsere Verbindung mit der Zukunft", brachte allerdings noch weniger ein, nicht zuletzt deshalb, weil die armen Bauern völlig befreit waren und man den Mittelbauern aus politischen Gründen nur eine geringe Steuerbelastung zumuten wollte. Die Kulaken aber waren bereits von den Arbeiterabteilung ausgeraubt worden, die Finanzbeamten kamen meistens zu spät. Die Erstellung eines Budgets erschien unter diesen Bedingungen wenig sinnvoll, und ab der zweiten Hälfte 1919 wurden tatsächlich keine Budgets mehr erstellt.
Die Finanzierung der Industrie, bis Mai 1918 eine Aufgabe der Banken, wurde diesen entzogen, da die Bankkreditkomitees zu harte Bedingungen für die Kreditauszahlung stellten und so viele Betriebe zusperren mußten, wodurch 100.000e Arbeiter arbeitslos wurden. Vesenka übernahm die Aufgabe, was allerdings eine Kritik Lenins nach sich zog, der die Entmachtung der Zentralbank für schlecht hielt, da dadurch keine Kontrolle der Geldgebarung mehr erfolgte. Von März 1919 an mußte sich Vesenka alle Kreditentscheidungen für die Staatsindustrie vom Volkskommissariat für Finanzen (Norkomfin) bestätigen lassen. Die Zentralbank wurde im Jänner 1920 allerdings überhaupt aufgelöst und alle finanziellen Kompetenzen bei Narkomfin konzentriert. Allerdings bedeutete diese Machtkonzentration immer weniger, da der Rubel bereits völlig entwertet war. Obwohl ununterbrochen Geld gedruckt wurde, repräsentierte Mitte 1920 die gesamte im Umlauf befindliche Währung nur mehr 3% des gesamten Währungswertes von November 1917. Da die offiziellen Preise, die von der Preiskommission von Vesenka bestimmt wurden, nicht mit der Hyperinflation Schritt hielten, und dadurch eine fantastische Schere zwischen den offiziellen und den Schwarzmarktpreisen entstand, gingen immer mehr Betriebe zu Natural- und Bartergeschäften über. Auch die Arbeiter wurden z.T. mit Waren ihres eigenen Betriebes "bezahlt" (bzw erhielten in dieser Form "ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum"). Sie mußten diese Waren allerdings weitertauschen, um zu den verschiedenen notwendigen Lebensmitteln zu kommen. 1920 ging man den Weg konsequent weiter und führte für grundlegende Güter und Dienstleistungen den Nulltarif ein. So gab es kostenlose Kantinen, Gratisverwendung von Post, Telegraf und Telefon, Wasser und Strom. Auch die Mieten wurden abgeschafft. Erst die NEP brachte 1921 den Umschwung.
Der hoffnungslose Wertverlust der Währung war kein primäres Ziel bolschewistischer Politik. Allerdings deutete man bald das Übel in eine Tugend um, was einen mahrfachen Nachteil hatte. Einerseits wurde dadurch natürlich das Massenbewußtsein in die Irre geführt und als dies schließlich offensichtlich wurde (mit der NEP) war der Marxismus als Wissenschaft bei vielen Arbeitern ziemlich diskreditiert. Zweitens erschwerte man auch die rechtzeitige Kurskorrektur am Ende des Bürgerkriegs. Hätte man den ultralinken "Geldabschaffern" während des Bürgerkrieges zumindest in der Analyse nicht so weit nachgegeben, dann hätte man bereits ab dem Frühjahr 1920 einen Kurswechsel in Richtung NEP vorbereiten können und sich und den Massen die ärgsten Auswüchse des "Kriegskommunismus" erspart. Es war wohl Ausdruck der allegmeinen Unreife der marxistischen Theorie auf diesem Gebiet, daß sich sogar ein Ökonom wie Preobrashenski zu der Aussage hinreissen ließ: "Die Notenpresse ist für uns jenes Maschinengewehr des Volkskommissariates für Finanzen, das das bürgerliche System von hinten durchlöcherte und die Währungsgesetze dazu verwendete, das alte Regime zu zerstören" (zit. nach Carr, vol.2, p.261).

Von der Werteinheit zur Arbeitseinheit und zurück

Auf dem zweiten Kongreß der Volkswirtschfatsräte im Dezember 1918 wurde recht offen die Frage diskutiert, wie die Staatsbetriebe ihren Güteraustausch regeln sollten. Larin gab die allgemeine Linie vor, wenn er meinte, daß Vesenka konkrete Aufträge an bestimmte Unternehmen geben und dafür sorgen würde, daß der einzelne Betrieb die notwendigen Vorprodukte und Rohstoffe erhält. Es wäre da sinnlos, daß dieses Unternehmen für die Vorprodukte und Rohstoffe "bezahlen" würde oder daß es für sein fertiges Produkt eine "Zahlung erhalten" sollte. Geld brauche man nur für die Arbeiterlöhne. Auch als ein Vertreter des Volkskommissariats für Finanzen dagegen protestierte, und die Kontrollierbarkeit der Transaktionen einmahnte, wurde von Larin nicht geklärt, ob er meinte, daß nur keine reale Geldbewegung erfolgen oder ob überhaupt nicht mehr in monetären Größen gebucht werden sollte. Auch die einstimmig beschlossene Resolution behielt diese Ambivalenz bei, wenn sie von "der Abschaffung des bisjerigen Ausmasses an Geldzirkulation im Wirtschaftsleben" sprach. Der Gütertransport zwischen Staatsunternehmen sollte jedenfalls von den Staatsbahnen und den staalichen Schiffen kostenlos durchgeführt werden. Alte zwischenbetriebliche Schulden sollten kurzerhand gestrichen und keine Zahlungen zwischen verschiedenen Staatsbetrieben mehr getätigt werden. Die enthusiastischer Delegierten interpretierten dieses Ergebnis sicherlich in der Richtung, daß es in Zukunft keine monetäre Buchhaltung mehr geben würde, und, da es keinerlei alternatve Wertberechnung gab, die Buchhaltung überhaupt abgeschafft sei.
Das neue Parteiprogramm vom März 1919 bestätigte diese Linie, wenn es meinte, daß das Geld zwar kurzfristig nicht völlig abgeschafft werden könnte, daß jedoch die Bereiche der geldlosen Wirtschaft ausgeweitet und dadurch das endgültige Ende der Geldwirtschaft vorbereitet würde. Hypostasiert wurde dieses Ziel als "proletarische Naturalwirtschaft". Im Mai 1919, auf einem Kongreß der führenden Beamten des Volkskommissariats für Finanzen, stellte zwar Miliutin klar, daß eine geldlose Wirtschaft kein System ohne Zahlungen und Berechnungen sei. Natürlich müsse für In- wie Outputs buchhalterisch Rechnung gelegt werden, und zwar in Geldsymbolen. Nur dadurch könne man feststellen, ob ein Betrieb Fortschritte mache oder zurückfalle. Völlig überflüssig sei nur der Umlauf von realem Geld. Auch Krestinski anerkannte widerwillig die Buchhaltungsfunktion des Rubel.
Praktisch hatte man damit zwar erst recht nichts erreicht, denn der in Hyperinflation befindliche Rubel taugte so und so nicht als Wertmaßstab, weder physisch noch buchhalterisch. Und theoretisch stand man ohne es richtig zu merken eigentlich wieder am Anfang. Denn Systeme des bargeldlosen Geldverkehrs entwickelte man zu dieser Zeit auch im kapitalistischen Westen, von einem Sprung in eine geldlose Zukunft konnte jedenfalls nicht die Rede sein, wenn Geld als Rechnungs- und Berechnungseinheit von Wertflüssen und Produktivitätsentwicklungen verwendet wurde. Zwei große Unterschiede aber blieben zum Kapitalismus und daher kann nicht außer Zweifel stehen, daß der Kriegskommunismus den Kapitalismus als Wirtschaftssystem zerstört hatte. Erstens war nicht anzunehmen, daß die buchhalterisch verrechneten Preise reale Wert- geschweige denn Marktverhältnisse widerspiegelten, vielmehr drückten sie politische (wenn auch nicht systematisch geplante) Schwerpunktsetzungen des Preiskomitees von Vesenka aus. Und zweitens hatte die Feststellung eines Zurückbleibens in der Produktivität keine automatische, rein finanziell bedingte Wirkung (etwa im Sinne eines Konkurses), sondern die Frage der Weiterführung oder Einstellung einer Produktion wurde von politischen Gremien gefällt.
Die Unbrauchbarkeit des Rubel regte die Finanzexperten des kriegskommunistischen Regimes an, über Alternativen nachzudenken. Schon Ende 1919 meinte einer von ihnen: "Buchhalten erfordert eine neue, stabile Einheit. Das wird wahrscheinlich die Einheit Arbeitszeit sein, und diese kann in Zukunft in eine universelle Einheit der Lebensenergie umgerechnet werden - die Kalorie" (zitiert nach Carr, vol.2, p.266). Der dritte Kongreß der Volkswirtschaftsräte im Jänner 1920 schloß sich der Zielsetzung an, die ´Arbeitszeit` als zukünftige Rechengröße zu entwickeln, und beauftragte eine Kommission. Diese beschäftigte über viele Monate hinweg die besten ökonomischen Köpfe des Landes und die Diskussion ist aus theoretischen Gründen auch heute noch interessant. Aber praktisch wirksam wurde keine der entwickelten Ideen und als 1921 die NEP eingeführt und Marktmechanismen (und damit auch das Geldsystem) wieder stärker eingesetzt wurden, bedeutete dies auch das Ende für diese spezielle theoretische Diskussion.

Die historische Stellung des "Kriegskommunismus"

Wir haben bereits festgestellt, daß das wirtschaftliche Regime in Sowjetrußland zwischen Mitte 1918 und Anfang 1921 als post-kapitalistisch charakterisiert werden kann, da die Sowjetmacht das Wertgesetz in zentralen industriellen Bereichen und in essentiellen Aspekten außer Kraft gesetzt hatte. Kann man aber sagen, daß es Planung war, was die Ökonomie dominierte? Durchaus, allerdings losgelöst vom Übergang zum Sozialismus. Proletarische Planung im Sinne des marxistischen Programms wäre genau das gesellschaftlich bewußte Setzen jener Schritte gewesen, die in Richtung sozialistische (also staatslose) Wirtschaft weisen. Das war 1919/20 allerdings nur in Worten die Hauptleitlinie der sowjetischen Wirtschaftspolitik. Die politisch-militärische Lage ließ es nicht zu. Kriegskommunismus bedeutete daher v.a. einmal das Zusammenziehen der Industrie in Branchenmonopolen unter zentralisierter Koordination und Kontrolle des Ausstosses, mit dem Ziel den Bürgerkrieg zu gewinnen. In diesem Sinne verteidigte er die Diktatur des Proletariats und damit die Möglichkeit eines Überganges zum Sozialismus. Aber die unmittelbaren und konkreten Effekte auf die Wirtschaft und auf die plebejischen Klassen wirkten sich als ein enormer Rückschlag für den tatsächlichen Übergang aus.
Wie bereits festgestellt, war es ein Fehler und zugleich ein Ausdruck der theoretischen Unreife der Mehrheit der Bolschewiki, daß sie den Kriegskommunismus als unmittelbaren Übergang zum Sozialismus/Kommunismus theoretisierten. Bucharin erklärte den Kriegskommunismus überhaupt zu einem Teil des revolutionären Programms, Lenin lobte sein Buch im großen und ganzen. Auch Trotzkis Vorschläge in den Jahren 1919/20 suggerierten, daß der Kriegskommunismus direkter Ausgangspunkt für den Übergang zum Sozialismus sein könnte. Im Februar 1920 stellte er dafür folgende Bedingungen auf: a) eine Naturalsteuer für die Bauern und die Möglichkeit, das verbleibende landwirtschaftliche Mehrprodukt in staatlich festgelegten Proportionen gegen Industriewaren zu tauschen, b) die Militarisierung der Arbeit, die auch als Ausgangspunkt für eine Arbeitszeitrechnung auf gesellschaftlicher Stufenleiter dienen sollte und c) die Beschneidung des exzessiven, zentralistischen Bürokratismus der Glavki. Daß diese Reformierung des Kriegskommunismus den Weg zum Sozialismus eröffnen würden, erkannten sowohl Trotzki als auch Lenin erst ein Jahr später (Frühjahr 1921) als Irrtum.
Auch wenn der Kriegskommunismus von Lenin und Trotzki, im Unterschied zu den linken Kommunisten, ursprünglich als pragmatische Reaktion auf die Anforderungen des Bürgerkrieges betrachtet und nicht aus programmatischer Überzeugung befürwortet wurde, so gaben sie dennoch später den linken Argumenten nach und teilten eine ganze Phase lang die vorherrschenden Illusionen. Hätte es aber überhaupt eine Alternative gegeben? Für die Zeit des eigentlichen Bürgerkrieges, d.h. bis Anfang 1920 wohl nicht. Wenn man den Krieg gewinnen wollte, mußte man die Armee und die Stadtbevölkerung ernähren, und da man keine Waren für den Tausch gegen landwirtschaftliche Produkte hatte, konnte man letztere eigentlich nur requirieren. Das Geld mußte seinen Wert verlieren und auch die Militarisierung der Arbeit war unter diesen Umständen unvermeidlich. Jedoch hätte ein gefestigteres theoretisches Fundament und eine korrekte Analyse ein früheres Abgehen von der kriegswirtschaftlich bedingten Hyperzentralisierung und Naturalisierung der Wirtschaft erlaubt. Das Jahr 1920 hätte bereits genützt werden können, den Wert des Geldes zu stabilisieren und gezielte Marktmechanismen im Austausch mit dem Land einzuführen.

Lehren für die Theorie der Planwirtschaft

Was beinhaltet eine Planung, die für den Übergang zum Sozialimus tauglich ist? Und was fehlte dem kriegskommunistischen System dazu? Dazu müssen wir kurz rekapitulieren, welche Ansätze zur Wirtschaftsplanung es zwischen 1918 und 1921 gegeben hatte:
a) Frühjahr 1918: Nach Brest-Litowsk beauftragte Lenin die Russische Akademie der Wissenschaften, Fachleute für eine "Reihe von Kommissionen zu berufen zwecks möglichst rascher Ausarbeitung eines Plans für die Reorganisation der Industrie und den ökonomischen Aufstieg Rußlands" (LW 27, 312). Der Plan sollte u.a. "eine rationelle Standortverteilung der Industrie", eine "rationelle Zusammenfassung und Konzentration der Produktion in wenigen Großbetrieben" und Maßnahmen für "die Elektrifizierung der Industrie und des Verkehrswesens" (ebd.) beinhalten. Vesenka erforschte damals u.a. "den Plan", die Kohlenvorkommen des Kusnetz Beckens in Westsibirien mittels einer 1700 km langen Eisenbahnlinie mit den Industrieanlagen im Ural zu verbinden. Andere Projektpläne betrafen die Elektrifizierung von Petrograd mittels lokaler Wasserkraft oder die Bewässerung der turkestanischen Baumwollfelder zwecks Ertragserhöhung. Das frühe bolschewistische Verständnis von "Plan" war also ziemlich breit. Es enthielt langfristige Studien und Expertenvorschläge über die nationale Wirtschaftsstruktur ebenso wie konkrete Großprojekte, die als Fokusse für die regionale Wirtschaftsentwicklung dienen sollten. Der Bürgerkrieg machte alle diese Pläne zunichte, der Kriegskommunismus bedeutete also von Anfang an einen schweren Rückschlag für die planwirtschaftliche Entwicklung.
b) Ende 1918 und 1919: Die Einführung des Glavki-Systems bedeutete eine hochgradige Zentralisierung der Industrie, wobei unter Zentralisierung v.a. die zentral geplante Verteilung von Rohmaterial, Zwischen- und Endprodukten verstanden wurde. Das System litt aber von Anfang an darunter, daß Vesenka die Material-Verteilung nicht in den Griff bekam, da einige andere Volkskommissariate ebenso Verteilungskompetenzen hatten. Larin und Kritsmann setzten große Hoffnungen für einen Fortschritt der Planung in die Bildung des sogenannten "Verbrauchs-Komitees" im Frühjahr 1919. Das Komitee sollte in sogenannten Verbrauchsplänen für jedes einzelne Produkt dessen Verteilung zwischen Armee, Industrie, privatem Konsum und Export festlegen, sowie dazugehörige Groß- und Einzelhandelspreise festlegen. 325 Produktsorten wurden solcherart "geplant". Die Verteilung erfolgte in physischen Einheiten, enthielt also keine Einschätzung der vergegenständlichten Arbeitszeit und auch die Preisgestaltung bezog sich nicht auf die Arbeitszeit. Dies gewährleistete zwar die Durchsetzung überragender politischer Ziele, jedoch eine wissenschaftliche Analyse und Bewertung der Unternehmensstruktur war dadurch unmöglich.
c) 1920/21: Larin schloß sich Trotzkis Forderung nach einem einheitlichen Wirtschaftsplan an und erklärte neuerlich die Organisierung der Material-Verteilung für die noch ungelöste Schlüsselfrage. Die Verteilung müßte endlich zentralisiert und von der Produktion getrennt werden, für erstere sollte das Verbrauchs-Komitee und für letztere Vesenka zuständig sein. Da jedoch aufgrund der rasenden Inflation an eine wirkliche Planung auch weiterhin nicht zu denken war, neigte die Parteiführung eher zu einer gewissen Dezentralisierung, um der Hyperzentralisierung der Bürgerkriegszeit entgegenzusteuern. Trotzkis Vorschlag, die regionalen Verteilungsorgane aufzuwerten und die Aufgabe der Wirtschaftsplanung in einem sehr losen Sinne im "Komitee für Arbeit und Verteidigung" (STO) zu konzentrieren, setzte sich am 9. Parteitag durch. Das STO war bis März 1920 eine lediglich informelle Körperschaft am Rande des Rates der Volkskommissare, nun wurde es formalisiert und umfaßte alle Volkskommissariate, die mit Wirtschaftsfragen befaßt waren. Zum Entwurf eines einheitlichen Wirtschaftsplanes kam es erwartungsgemäß nicht, allerdings wurde Anfang 1921 eine spezielle Arbeitsgruppe für diese Aufgabe eingesetzt. Ihr Name war Gosplan. Lenin hielt jedoch damals die Debatten über den einheitlichen Wirtschaftsplan für abgehoben und theoretisch, ja sogar für bürokratisch-utopisch und attackierte Kritzmann stellvertretend heftig dafür. Er bevorzugte konkrete Einzelpläne. Deshalb lobte er besonders Trotzkis Plan für das Transportwesen, der als Befehl Nr. 1042 bekannt geworden war und den er als Vorbild für entsprechende Treibstoff- und Getreidepläne anpries. Und deshalb begeisterte er sich auch derartig für den Elektrifizierungsplan, der in einer Kommission namens GOELRO ausgearbeitet wurde. Er bezeichnete diesen sogar als "unser zweites Parteiprogramm". Erst Mitte 1921 interssierte sich Lenin wieder für umfassendere Planung, doch nun hatte die Entwicklung der NEP die Frage des einheitlichen Wirtschaftsplanes auf die lange Bank geschoben.
Eines kann hier ohne Zweifel festgestellt werden, nämlich daß keine der Varianten, die in der Frühphase der Sowjetunion diskutiert wurden, weder der "einheitliche Wirtschaftsplan" eines Larin oder Kritzmann, geschweige denn die von Lenin favorisierten Teilpläne, irgendeine Ähnlichkeit mit den später unter Stalin eingeführten monsterhaften Kommandoplänen hatte. Planen war in dieser noch nicht bürokratisch degenerierten Phase der Sowjetgeschichte allemal als Dialog mit den Massen verstanden worden. der Plan GALT als Hypothese, der sich in der Realität bewähren mußte, und noch nicht als Befehl, dem sich im Zweifelsfall die Realität zu beugen hatte.
Zumindest zwei zentrale Hürden trennten den Kriegskommunismus von gesunder proletarischer Planung. Zunächsteinmal fehlte eine Methode zur wirtschaftlichen Rechnungsführung und damit auch zur planenden Berechnung. Eine exakt definierbare Maßeinheit ist notwendig, wenn man die Effizienz von Investitionen bewerten, Veränderungen der Arbeitsproduktivität evaluieren oder Entscheidungsgrundlagen für volkswirtschaftliche Verteilungsfragen errechnen will. Man muß wissen, wo wieviel bzw. wo mehr und wo weniger gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit verausgabt wird. Letztlich ist alle Ökonomie eben Ökonomie der Zeit. Dafür braucht man entweder ein System von Arbeitsgutscheinen oder man braucht Geldpreise. Geldpreise sind bekanntlich nur eine indirekte und sehr grobe Annäherung an den "Arbeitszeitwert" einer Ware, da - wie hier allerdings nicht näher ausgeführt werden kann - die Produktionspreise in einem marktwirtschaftlichen System wesentlich von den Werten abweichen können. Doch sind marktgesteuerte Preise immer noch besser als das Fehlen jeglicher Orientierung, wie es für die kriegskommunistische Phase typisch war. Es wurden zwar Teile der Wirtschaft "geldlos" geführt, jedoch war dies zum großen Teil eine Illusion. Denn so sehr auch der Naturaltausch zwischen den Staatsfirmen beschlossen wurde, so sehr scheiterte dies in der Praxis, da auch die Staatsfirmen für viele Produkte auf den Schwarzmarkt zurückgreifen mußten. Deshalb mußte ja gerade so viel Geld gedruckt werden. Um erfolgreich große Teile des Wirtschaftslebens "demonetarisieren" zu können, müßte man eine hohe Entwicklung der Produktivkräfte haben, die eine freie Verteilung der wesentlichen Lebensgüter erlaubt, ohne sofort zu Versorgungsmängel und damit zur Schwarzmarktbildung zu führen. Dies war offensichtlich in Rußland nicht der Fall.
Zweitens ist der Übergang zum Sozialismus nur unter der Bedingung von beständigem Wirtschaftswachstum einerseits und von abnehmender sozialer Ungleichheit andererseits möglich. Der Kriegskommunismus hatte zwar klar egalitäre Tendenzen, aber die Dynamik des Elends hatte trotzdem zu zunehmender Ungleichheit geführt. Nicht nur daß ganz offiziell die erlaubten Lohnspannen zwischen den schlechtest- und den bestbezahlten Arbeitern hoch waren und 1919/20 weiter angehoben wurden, die Zulassung von betriebsweisen Bartergeschäften zwischen Industrieunternehmen und Bauernwirtschaften brachte eine noch weit größere Ungleichheit. Sie wurden zwar 1920 wieder verboten, lebten in der Grauzone aber dennoch fort. Und der systemimmanente Schwarzmarkt sah natürlich viele Neureiche und Kriegsgewinnler, die der Staat teilweise sogar gewähren lassen mußte, wenn er keine alternative Versorgung anbieten konnte. Wo repressiver Egalitarismus mit wirtschaftlicher Stagnation, ja sogar Verfall kombiniert ist, wird in den Poren der Gesellschaft nur umso krassere Ungleichheit erzeugt. Man kann Gleichheit nicht einfach erzwingen, sie ist materialistisch an die Entwicklung der Produktivkräfte gebunden. Und auch Planung verlangt ein Mindestmaß an wirtschaftlicher Entwicklung, um nämlich überhaupt ein nationales, integriertes System der Wirtschaftsverwaltung aufrechterhalten zu können. Es war daher sehr richtig von den Bolschewiki, anfangs nur die Banken und einen Teil der Großindustrie zu verstaatlichen. Der administrative und planende Apparat mußte schließlich erst geschaffen werden und ein solcher ist ja auch nicht einfach zu dekretieren, sondern er muß ein Stück weit organisch wachsen. Die Frage, wie sich proletarische Planung schrittweise die Wirtschaft einer post-kapitalistischen Gesellschaft unterwerfen kann, hat auch in den späteren zwanziger Jahren in der SU eine wesentliche Rolle gespielt. Wir werden uns diese Entwicklungen bei Gelegenheit in einem weiteren Artikel dieser Zeitschrift ansehen.

Exkurs: Alternativen zum Tauschwert?

Hier soll noch der Ausblick genügen, daß auch viele andere Aspekte kriegskommunistischer Wirtschaftspolitik für eine weitere Diskussion proletarischer Planwirtschaftskonzepte von Bedeutung sind. Etwa das Verhältnis von ökonomischer Recheneinheit und Revenue des einzelnen Arbeiter. Die von der Vesenka-Kommission 1920 vorgeschlagene Arbeitseinheit "tred" (trudovaia edinitsa) sollte beispielsweise dafür dienen, ein Verhältnis zwischen einer bestimmten Menge verausgabter konkreter Arbeit und einer bestimmten Menge an Gebrauchsgütern herzustellen. Der tred wäre dementsprechend eine Maßeinheit für konkreter Arbeit und gleichzeitig für die Konsumberechtigung gewesen und hätte lediglich individuelle und zufällige Schwankungen der Tagesverfassung, des Fleisses usw. ausgeglichen. Für die gesellschaftliche Rechnungsführung war damit aber wenig gewonnen. Denn ich muß gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitsquanten vergleichen, wenn ich den gesellschaftlichen Wert der Produkte vergleichen will und nur wenn ich den vergleiche, kann ich die Produktivität verschiedenen Produktionsstätten vergleichen. Ich muß also zuerst, mittels einer statistischen Maßnahme, die zur Herstellung eines Produkts durchschnittlich notwendige Arbeitszeit berechnen, um dann feststellen zu können, wieviel Prozent davon ein konkreter Produktionsvorgang ausmacht. Anders als in kapitalistischen Systemen, würde im gesunden Arbeiterstaat die variierende Produktivität allerdings nicht in die konkrete "Bezahlung", also die individuelle Konsumberechtigung, einfließen. Der Wert ist nicht als Gesetz anzuwenden, er ist lediglich als statistische Größe wichtig, die praktische Konsequenz daraus ist als politisches Problem zu diskutieren.
Ein anderer Aspekt der frühen sowjetischen Diskussion über Alternativen zum Geld war der Versuch, die Arbeitszeit in Energiemengen umzurechnen. Der verständliche Hintergedanke war der, daß es ja sehr verschieden anstrengende Arbeiten gibt, daß Körper und Geist sehr verschieden beansprucht und ausgelaugt würden und daß sowohl eine "Bezahlung" als auch eine gesamtgesellschaftliche Wertberechnung ausschließlich nach der Arbeitszeit ungerecht bzw, falsch wäre. Klepikow schlug daher den "ened" als eine auf Energie basierende Recheneinheit vor. Der Wert eines Produktes sollte die Menge der bei seiner Produktion verausgabten ened definiert werden. Der Gedanke ist berechtigt, wenn auch die Schlußfolgerung falsch ist. Erstens fließt in jede Energierechnung natürlich auch die verwendete nicht-menschliche Energie ein, etwa Strom, Wasserkarft etc. Nun erhöht zwar die Verwendung von Elektrizität die Produktivität der Arbeit, nicht aber den Wert der Produkte. Anders käme man auf völlige Abwege. Zweitens ist die menschliche Verausgabung nicht mit dem jeweiligen Energieverbrauch identisch. Man würde also das konkrete Arbeitsleid nicht "gerecht" kompensieren, würde man etwa den Kalorienverbrauch der "Bezahlung" zugrundelegen. Richtig aber ist, daß für die Bemessung der individuellen Konsumberechtigung ein "Arbeitsbelastungsfaktor" eingerechnet werden muß, der sich etwa an der Menge des zu ertragenden biologischen Stresses orientieren könnte, jedenfalls aber demokratisch auszudiskutieren wäre.