| Friedrich Engels (1820-1895): Der Kampf für den Wissenschaftlichen Sozialismus Um den 100. Jahrestag von Engels' Tod herauszustellen, zeichnet Dave Stockton Marx' und Engels' Kampf für den Wissenschaftlichen Sozialismus in den Reihen der frühen deutschen Arbeiterbewegung nach und erläutert die bleibende Bedeutung von Engels' Buch "Anti-Dühring" für Generationen von Sozialisten. Der Beitrag von Friedrich Engels zum Marxismus ist Gegenstand vieler Kontroversen gewesen. Es sind viele Versuche unternommen worden, ihn als Fälscher von Marx' Doktrin und Methode hinzustellen. Es ist behauptet worden, Engels versuchte, den Marxismus in eine Naturwissenschaft zu verwandeln, ihn in eine starre Ansammlung an Voraussagen über den unausweichlichen Sieg des Sozialismus umzuformen. Kritiker brandmarken Engels als den Mann, der verantwortlich dafür sei, daß der Marxismus seines "humanistischen Grundgehalts" beraubt wurde, ebenso wie für die Degeneration der II. Internationale. In Verbindung damit wurde Engels für schuldig befunden, die Grundlage sowohl für den Stalinismus wie für die reformistische Sozialdemokratie gelegt zu haben. Kurz, Engels wurde für die meisten Probleme angeklagt, die den Marxismus seit Marx' Tod 1883 befallen haben. In den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts hat es schon eine Reaktion gegen den "Wissenschaftsfetischismus" der II. Internationale gegeben. Lukacs und Gramsci wollten den Marxismus durch eine "Rückkehr zu Hegel" verbessern - einen Appell an die Philosophie gegen die Wissenschaft. Sie zielten hauptsächlich auf Karl Kautsky, den "Papst des Marxismus" vor 1914. Aber sie kamen oft nahe daran, Engels anzugreifen. Nur der erdrückende Bürokratismus des Stalinismus stoppte den Anschlag der linken Intellektuellen auf Engels in den 30er Jahren. Als in den 60er Jahren die "Neue Linke" auftauchte, vervielfältigten sich die Attacken auf Engels. George Lichtheim behauptete in seinem Buch "Marxism - An Historical and Critical Study" von 1961: "Zum Besseren oder Schlechteren spiegelte die sozialistische Praxis über einen größeren Teil Europas hin eine Geisteshaltung wider, die letzte Bestätigung aus der materialistischen Doktrin bezog, wie sie Engels in seinen Schriften der späten 1870er und der 1880er Jahre ausführlich darlegte." Dies führte zur "Verwandlung des Marxismus in eine 'wissenschaftliche' Doktrin, die des ursprünglichen philosophischen Gehalts entleert wurde - und von daher machtlos war, den Zustrom des romantischen Irrationalismus aufzuhalten, der in den 1890er Jahren begann und in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts seinen verhängnisvollen Höhepunkt erreichte." (1) Nicht nur war Engels für Reformismus und Stalinismus verantwortlich, sondern auch für den Faschismus! Lichtheims Thema wurde von marxistischen wie "post-marxistischen" Literaten weiterentwickelt - wie z. B. Alfred Schmidt, Lucio Colletti, Shlomo Avineri, Louis Althusser und Lesek Kolakowski. Es erreichte in den 1980er Jahren einen Höhepunkt mit den Arbeiten von Norman Levine (2) und Terrel Carvers verschiedenen Ausarbeitungen. (3) Was diese Schreiber gemeinsam haben, ist die Idee, Marx und Engels seien "Gegensätze, nicht Zwillinge" gewesen. Marx - der sich auf Engels als "mein alter ego" bezog - war Dr. Jekyll im Vergleich zu Engels' Mr. Hyde. Um ihre eigenen Revisionen am Marxismus als Orthodoxie zu verkleiden, haben Intellektuelle des 20. Jahrhunderts alles, was sie an Marx' Marxismus nicht mochten, auf Engels abgeladen - dadurch haben sie in Engels eine Art Fetischobjekt geschaffen, eine Ironie, die den beiden Begründern des Wissenschaftlichen Sozialismus nicht entgangen wäre. Fast alle Attacken auf Engels beginnen bei seinem enzyklopädischstem Werk, "Anti-Dühring"(4), oder in seiner gekürzten und populären Version "Der Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft". Aber diese Werke stellen die abgerundetste und vollständigste Repräsentation sowohl der Methodologie des Marxismus wie seiner Hauptthesen dar: in Ökonomie, Politik und Geschichte. Diese Darstellung war Marx wohlbekannt und wurde von ihm ausdrücklich gutgeheißen, stellt die vereinten Ansichten der zwei Genossen im Rückblick auf 40 Jahre Zusammenarbeit dar. In diesem Artikel werden wir die Entstehung des "Anti-Dühring" betrachten, was er dem Marxismus hinzufügte und warum er bleiben sollte, was Lenin "ein Nachschlagewerk für jeden klassenbewußten Arbeiter" (5)nannte. Gewinnung der Arbeiterbewegung für den Marxismus Nach der Niederlage der Pariser Kommune (1871) hielt die Internationale Arbeiterassoziation (IAA) zwei Kongresse ab, in London 1871) und Den Haag (1872), um die Lehren der fehlgeschlagenen Revolution zu diskutieren. Diese Treffen markierten einen Wendepunkt in Marx' und Engels' Perspektiven für die Arbeiterbewegung. Die Zusammenstöße in der I. Internationale mit den Anarchisten, den britischen Gewerkschaftsführern und selbst den früheren Verbündeten, den französischen Blanquisten, überzeugten Marx und Engels, daß die Ära vorüber war, in der sie sich auf die in der IAA versammelten, existierenden Kräfte verließen. Marx und Engels hatten die politischen Schlachten in der Internationale gewonnen, aber noch nicht die Schaffung von Parteien in den europäischen Kernländern und Nordamerika erreicht, die dem Wissenschaftlichen Sozialismus verpflichtet waren. Der Fehlschlag der Pariser Kommune war die spektakulärste Bestätigung dessen. Marx und Engels erkannten nun, daß ein neues Stadium in der Geschichte der Arbeiterbewegung begann, das des Aufbaus disziplinierter, demokratischer Arbeitermassenparteien. Sie machten sich klar, daß die existierenden Formen von Arbeiterorganisationen die soziale Revolution niemals vollbringen würden. Die Kräfte in der IAA - eine Ansammlung geheimer Verschwörergesellschaften, reformistischer Gewerkschaften und der Propagandasekten des vorwissenschaftlichen (Früh-) Sozialismus - mußten sich dieser Aufgabe stellen oder unbedeutend bleiben. Marx und Engels schlugen deshalb eine Abänderung an den Statuten der IAA vor, die lautete: "In seinem Kampf gegen die kollektive Macht der besitzenden Klassen kann das Proletariat nur als Klasse handeln, wenn es seine eigene, besondere politische Partei bildet, die allen von den besitzenden Klassen formierten, alten Parteien entgegentritt. Die Schaffung einer politischen Partei durch das Proletariat ist unabdingbar, um den Triumph der Revolution und ihres letztendlichen Ziels, der Abschaffung aller Klassen, sicherzustellen. Die bereits in den wirtschaftlichen Kämpfen erreichte Koalition der Kräfte der arbeitenden Klasse muß auch als Hebel in den Händen dieser Klasse in ihrem Kampf gegen die politische Macht der Ausbeuter dienen. Die Herren über Grund und Boden sowie des Kapitals nutzen ihre politischen Vorrechte immer dazu aus, ihr wirtschaftliches Monopol zu verteidigen und verewigen, die Arbeit zu versklaven; und deshalb ist die Eroberung der politischen Macht die große Pflicht des Proletariats." (6) Nachdem sie ihren politischen Sieg über Bakunins Anarchisten erzielt hatten, schlugen Marx und Engels vor, die Internationale möge ihr Hauptquartier nach New York verlegen, um sie dadurch aus der Reichweite der europäischen Sekten zu bringen. Innerhalb von zwei Jahren war die Internationale jedoch tot. Sie konnte den vernichtenden Schlag der Niederlage der Pariser Kommune und den ideologischen Kampf, der als Ergebnis der aus diesem Experiment zu ziehenden Lehren ausbrach, nicht überleben. Engels vergegenwärtigte sich, daß die Erste Internationale ihre Funktion erfüllt und ihre Nützlichkeit ausgereizt hatte: "Um eine neue Internationale, wie die alte eine war, zu schaffen, - ein Bündnis aller proletarischen Parteien aller Länder - wäre eine allgemeine Unterdrückung der Arbeiterbewegung, wie sie von 1849 bis 1864 vorherrschte, notwendig. Dazu ist die proletarische Welt zu groß, zu ausgedehnt geworden. Ich denke, die nächste Internationale - nachdem Marx' Arbeiten einige Jahre gewirkt haben - wird direkt kommunistisch sein und offen unsere Prinzipien verkünden." (7) Sie merkten, daß ihre nächste Aufgabe in dieser Richtung darin lag, die größte und wachsende nationale Arbeiterbewegung unmittelbar für den Wissenschaftlichen Sozialismus zu gewinnen. Marx und Engels wandten ihre Aufmerksamkeit dem frisch vereinigten Deutschland zu, wo zwei kleine, aber stabile Arbeiterparteien schon existierten. Die erste war von Ferdinand Lassalle 1863 gegründet worden - der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV). Marx und Engels versuchten, Lassalle und seinen Nachfolger, J. B. von Schweitzer, zu beeinflussen. Ihre Versuche scheiterten an den Differenzen über die Frage, welche Seite im Konflikt zwischen Bismarck und der Fortschrittspartei (Liberale) über Verfassungsfreiheiten und der Methode zur Einigung Deutschlands unterstützt werden sollte. Marx und Engels pochten darauf, daß deutsche Sozialisten die großdeutsche Perspektive (d.h. die Einheit mit dem deutschsprachigen Österreich) aufrechterhalten und die liberale Bourgeoisie, wann immer sie mit Bismarcks Bonapartismus über demokratische Themen aneinandergeriet, unterstützen müßten. Lassalle und seine Nachfolger waren jedoch geneigt, auf Bismarcks Annäherungsversuche zwecks eines geheimen Blocks gegen die Liberalen zu reagieren. Sie waren bereit, Bismarcks Politik des Ausschlusses Österreichs und damit ein von Preußen und seiner Junker- (Gutsbesitzer) Klasse beherrschtes Deutschland sicherzustellen, zu akzeptieren. Bismarck war darauf gefaßt, das allgemeine Wahlrecht ins Auge zu fassen, solange einem gewählten Parlament die Kontrolle über die Exekutive und die Streitkräfte verwehrt blieb. Bismarck hatte gute Gründe zu glauben, daß das noch immer vorwiegend ländliche Wahlvolk von seinen landwirtschaftlichen Unternehmern, Pastoren und Pfarrern zur Wahl der Konservativen eingeschüchtert werden konnte. Solche "Demokratie", darauf beharrten Marx und Engels immer, war ein "Feigenblatt für den Absolutismus". Die zweite Linie in der deutschen Arbeiterbewegung, ins Leben gerufen vom Mitglied des alten Bundes der Kommunisten, Wilhelm Liebknecht, und dem jungen Arbeiter August Bebel, war die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Sie wurde 1869 auf einem Kongreß in Eisenach gegründet. Das dort angenommene Programm nahm nur die ersten Schritte weg vom radikalen Liberalismus in Angriff, besaß aber deutliche Vorzüge gegenüber dem der Lassalleaner. In einer von August Bebel (8), einem bedeutenden jungen Arbeiterführer, geschriebenen Artikelserie wurde der Trugschluß entlarvt, daß "ein halbfreier oder despotischer Staat jemals die Befreiung der Arbeiter vollbringen könne." Er stellte ausdrücklich fest, die Ersetzung des preußischen Staats durch einen, der den Willen der Mehrheit verkörpere - einen "Volksstaat" -, sei nötig. In einer für die Umgehung der Zensur gedrechselten Sprache bedeutete das nur eins - eine Republik. Im Mai 1875 hielten die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein einen gemeinsamen Kongreß in Gotha ab. Der Gothaer Kongreß nahm ein gemeinsames Programm für eine vereinigte Arbeiterpartei in Deutschland an. Nach einem späteren Kongreß in Erfurt wurde diese Partei als Sozialdemokratische Partei (SPD) bekannt. Marx und Engels unterzogen dieses Programm einer vernichtenden Kritik - und die Wucht ihrer Argumentation war genauso gegen Bebel und Liebknecht wie gegen die Lassalleaner gerichtet. Die Forderung nach Staatshilfe für Arbeiterkooperativen hätte die Arbeiterorganisationen in "Rentner des Königs von Preußen" verwandelt. Sie bestanden darauf, daß alle Schemata für Produktionsgenossenschaften unterm Kapitalismus bestenfalls begrenzte und kurzfristige Maßnahmen bleiben konnten. Sie waren ein Beweis, daß die Arbeiter Produktion und Verteilung organisieren könnten. Aber in ihren begrenzten Ausmaßen - durch die Marktzwänge, die eingeschränkten Ersparnisse der Arbeiter oder, noch schlimmer, durch Almosen seitens eines autoritären Regimes - konnten sie niemals die Gesellschaft umwandeln. Als Allheilmittel präsentiert bedeuteten Kooperativen einen Rückschritt zum Utopismus, eine Ablenkung vom Klassenkampf, der auf die Ergreifung der politischen Macht abzielt. Nur wenn die Arbeiter die politische Macht eroberten und sie benutzten, um den Besitz der Kapitalisten zu enteignen, wäre die Kreation einer sozialistischen Ökonomie möglich, argumentierten Marx und Engels. Marx und Engels attackierten den eigentlichen Begriff von Volksstaat. Dies überraschte Liebknecht und Bebel, weil das der Titel ihres Parteiblatts war. Wie wir sahen, drückte er ihre Bejahung einer grundlegend demokratischen Umwandlung aus - zu einer Republik. Doch Marx sortierte die folgende Formulierung für einen besonders schweren Angriff darauf aus: "Die Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei erstrebt mit allen legalen Mitteln den freien Staat und die sozialistische Gesellschaft." Marx' Kritik daran war zweifach. Erstens war das selbst als demokratische Forderung ausweichend - und Deutschland war ein Land, wo demokratische Aufgaben dem Proletariat direkt bevorstanden. Zweitens ließ sie die Schlüssellektion außer Acht, die die Pariser Kommune über den Charakter des Staats aufgeworfen hatte, den die Arbeiterklasse zur Erringung einer sozialistischen Gesellschaft benötigte. Marx hielt daran fest, daß von da an jedes wissenschaftlich-sozialistische Programm aufzeigen müsse, daß eine demokratische Republik nur die "Staatsform der bürgerlichen Gesellschaft" darstelle, "(in der) der Klassenkampf definitiv auszufechten ist." (9) Die demokratische Republik war nicht das Endziel des Kampfes des Proletariats, sondern ein Schauplatz dieses Endkampfs. Als Staatsform war sie auch dazu verdammt zu verschwinden, nachdem das Proletariat alle Macht (eine Diktatur) in seinen Händen konzentriert hatte. Die Kommune hatte gezeigt: "Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats." (10) Wegen dieser Irrtümer und Unterlassungen betrachteten Marx und Engels das Gothaer Programm als "durchaus verwerfliches und die Partei demoralisierendes Programm". (11) Das Verhalten der 'Eisenacher' Parteiführer zu diesem Ratschlag drückte den Zorn von Aktivisten aus, die von sich glaubten, vor Ort zu sein und zu wissen was zu tun sei. Liebknecht stellte trocken fest, "die Partei stehe nicht unter der Fuchtel von Theoretikern." Aber die Entwicklungen nach der Vereinigung zu Gotha sollten Marx und Engels recht geben. Die Hilfe der "Theoretiker" wurde eher gebraucht als Liebknecht erwarten konnte. Herr Eugen Dühring Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es einen beträchtlichen Zustrom bürgerlicher Intellektueller, die von der Größe und dem potentiellen Einfluß einer Massenpartei angezogen wurden. Das Zentralorgan der Partei öffnete seine Seiten für alle möglichen Scharlatane und Kurpfuscher auf den Gebieten von Ökonomie und Philosophie. Der prominenteste unter ihnen war der Berliner Universitätsprofessor Eugen Karl Dühring (1833 - 1921). Dührings Errungenschaften angesichts seiner Behinderung (er war blind), sein mutiger Standpunkt gegen die Universitätsautoritäten und die Tatsache, daß er sich öffentlich als Sozialist bezeichnete, empfahlen ihn für viele Führer der SPD. Das Gros der Führer, Journalisten und Parlamentarier hatte seinen Sozialismus in der verworrenen und lückenhaften Schule Ferdinand Lassalles gelernt. Einige, z. B. Johann Most, waren von halbanarchistischen Ideen verpfuscht. Dies schuf ein empfängliches Milieu, in dem sich Dührings Einfluß wie eine ansteckende Krankheit über die gesamte Partei verbreiten konnte. Die Tatsache, daß Wilhelm Liebknecht - Marx' und Engels' längstjähriger Gefolgsmann - ein Kompromißler von Beginn an und schon immer gewesen war, half dabei nicht gerade. Durch seine Schriften und gut besuchten Vorlesungen begann Dühring, einen Kreis sozialdemokratischer Intellektueller in Berlin, einschließlich des jungen Eduard Bernstein, zu beeinflussen. Marx und Engels wurden wirklich alarmiert, als sein Ausfluß sich auf Johann Most ausweitete, sozialdemokratischer/s Reichstagsmitglied und Zeitungsredakteur. Als Bebel, bis dato von zentraler Bedeutung für die marxistische Fraktion, schrieb, daß eines von Dührings Büchern über Politische Ökonomie das beste sei, was nach Marx' Kapital geschrieben wurde, erwachte endlich Wilhelm Liebknechts Sinn für die Gefahr. Vor lauter Panik bat er Marx und Engels, auf Dühring zu antworten, der Marx und tatsächlich auch alle vorherigen sozialistischen Verfasser anzugreifen begonnen hatte. Dühring, ein unglaublicher, sich ständig in den Vordergrund rückender Mensch, betrachtete sie alle - von den großen Utopisten wie Saint Simon bis zu Marx - als seine Rivalen und als Hindernisse für sein frisch zusammengebrautes 'sozialitäres' System. Und Dühring nahm seine Vorwürfe nicht zurück. Folgende Anschuldigungen gegen Marx verleihen einen Geschmack von seiner Argumentationsmethode: "Ohnmacht der konzentrierenden und ordnenden Fähigkeiten...deformiert in Gedanke und Stil, unwürdig affektierte Sprache ... anglisierte Eitelkeit ... Düpierungen ... wüste Konzeptionen, die in der Tat nur Bastarde logischer und historischer Phantastik sind ... persönliche Eitelkeit ... schnöde Manierchen ... lümmelhaft ... Possenreißerei, die sich als geistreich ausgibt ... Chinesengelehrsamkeit ... philosophische und wissenschaftliche Rückständigkeit." (12) Marx arbeitete geradewegs an den Bänden 2, 3 und 4 des Kapital. So schrieb Engels: "Als Konsequenz aus der Arbeitsteilung, die zwischen Marx und mir existierte, fiel es mir zu, unsere Ansichten in der periodisch erscheinenden Presse und deshalb besonders im Kampf gegen entgegengesetzte Standpunkte zu präsentieren, damit Marx Zeit für die Ausarbeitung seiner großen Grundsatzarbeit haben sollte. Deshalb mußte ich unsere Anschauungen in der Mehrzahl der Fälle in polemischer Form auseinandersetzen, sie anderen Sichtweisen gegenüberstellen." (13) Engels entschied, es sei grundlegend, nicht nur Marx' Lebenswerk gegen Dühring zu verteidigen, sondern die SPD für die ganze Reihe an Ideen zu gewinnen, an denen er und Marx seit den 1840er Jahren gearbeitet hatten. Nach der Niederlage der Pariser Kommune hatte die deutsche Arbeiterbewegung, wenigstens für eine Periode, die Avantgarderolle für die ganze internationale Bewegung übernommen. Engels sah es als nötig an, die Parteiführer und -kader in konsequentem Materialismus, in der dialektischen Methode, im gesamten Gebiet von Marx' Politischer Ökonomie (nicht nur im Band I des Kapital - dem einzigen bis dahin veröffentlichte Teil) zu erziehen. Kurz, er machte sich daran, den Wissenschaftlichen Sozialismus und Historischen Materialismus zu erklären. Von September 1876 bis Juni 1878 schrieb er eine Polemik voll beißenden Humors, die die Blase des anmaßenden Dühringschen Systems zerplatzen ließ. Sie wurde in Teilen im Vorwärts, dem Berliner Organ der SPD, veröffentlicht. Diese wurden dann 1878 in Buchform unter dem Titel Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft herausgebracht - in der Kurzform als Anti-Dühring bekannt. Anti-Dühring - ein Klassiker des Wissenschaftlichen Sozialismus Engels unterzog Dührings selbsternanntes System einer durchdringenden Kritik. Es war keine aus dem Ärmel gezogene Polemik; ihr Wert überlebte den unglücklichen Dühring lange. "...; ich war genötigt, ihm überallhin zu folgen und seinen Auffassungen die meinigen entgegenzusetzen. Die negative Kritik wurde damit positiv; die Polemik schlug um in eine mehr oder minder zusammenhängende Darstellung der von Marx und mir vertretnen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung, ..." (14) Das erste Resultat des Anti-Dühring bestand darin, einer neuen Generation von Sozialisten die grundlegende Methode verfügbar zu machen, die Marx und Engels zusammen in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre entwickelt hatten und die Marx in der Kritik der Politischen Ökonomie (1859) und Band I des Kapital (1867) angewandt hatte. Er sprach auch eine Zahl wichtiger neuer Herausforderungen für revolutionäre Theorie an. Er stellte die erste zusammenhängende Darstellung des Marxismus als vollständiges Ideengerüst dar, das durch eine wissenschaftliche Methode verknüpft ist - die materialistische Dialektik. Dies war Engels' Werk, aber Marx half sowohl bei dessen Planung wie sogar bei Teilen des Schreibens. Er half notwendiges Material zu sammeln, schrieb einen kritischen Abriß zu Dührings Buch über die Geschichte ökonomischer Doktrinen, den Engels in gekürzter Form als Kapitel X des Teils II benutzte. Schließlich las ihm Engels das ganze, vollständige Manuskript vor. Diese Tatsachen - offenkundig, wenn man den Briefwechsel der beiden Männer liest - waren völlig in Übereinstimmung mit der Weise, in der Engels Marx bei dessen Arbeit half (einschließlich des Kapital). Doch wurden sie wiederholten Anzweiflungen von jenen unterzogen, die zu behaupten wünschen, Marx und Engels hätten fundamental verschiedene Methoden. Die entschiedenste Zurückweisung des Fälschungsvorwurfs ist der Inhalt des Anti-Dühring selbst. Materialismus und die dialektische Methode Dührings Theorie versuchte, selbst als Form von Materialismus oder Determinismus durchzugehen. Für Dühring aber war die politische Gewalt, im Gegensatz zu den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen, die entscheidende Triebkraft der Geschichte. Um diesen Standpunkt zurückzuweisen, mußte Engels Marx' materialistische Geschichtskonzeption neu formulieren; das bedeutete, die zugrundeliegende Logik des Historischen Materialismus zu umreißen. Weil Dühring seine Theorie als universelle hinstellte - anwendbar auf die Natur wie auf die Gesellschaft - war Engels zusätzlich verpflichtet, ihm in diese Sphäre zu "folgen". Diese Aufgabe griff Engels mit Lust auf - er berührte solch verschiedene Themen wie Infanterietaktik und euklidische Mathematik. Bei diesem Vorgehen skizziert Engels die essentielle Differenz zwischen dem marxistischen Historischen Materialismus - der materialistischen Konzeption von menschlicher Geschichte - und dem Philosophischen (oder Dialektischen) Materialismus, der die ganze Natur umfaßt. Gleichzeitig weist Engels auf die fundamentale Ähnlichkeit der sowohl in der Gesellschaftsgeschichte wie in der Natur ablaufenden dialektischen Prozesse hin. Engels' zeitgenössische Forschungen und Kommentare zur Naturwissenschaft wurden später in den 1920er Jahren veröffentlicht als Dialektik der Natur. (15) Engels' Buch war auf den von ihm selbst und Marx von Mitte der 1840er bis Mitte der 1870er Jahre gelegten Grundlagen gebaut. Es ist am bemerkenswertesten, daß es sich auf die Deutsche Ideologie stützt. Engels zog seine eigene wie Marx' ausführliche Belesenheit, Kenntnis von Philosophie, Politischer Ökonomie, Geschichte, Anthropologie wie seine eigenen Nachforschungen in Naturwissenschaften und Militärfragen heran. Viele dieser Interessensgebiete teilte er voll mit Marx. Nicht nur Wirtschaft und Politik, sondern auch Biologie und Anthropologie. Marx war nicht weniger begeistert über die Arbeiten Charles Darwins und Lewis Morgans als Engels. Es existieren schriftliche Beweise großen Umfangs, daß beide Männer die Arbeit solcher Denker als Bestätigung der dialektischen und historischen materialistischen Methode auffaßten. In der Einleitung zum Anti-Dühring umreißt Engels in Kürze die Herausentwicklung des theoretischen Ausgangspunkts und der Methode des Wissenschaftlichen Sozialismus. Während er dem Verdienst der großen utopischen Sozialisten Saint-Simon, Fourier und Owen volle Anerkennung zukommen läßt, hebt er hervor, daß für sie gelte: "Der Sozialismus ist der Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit, und braucht nur entdeckt zu werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; ..." (16) Im Gegensatz zu den Utopisten ließ Marx den Sozialismus in der Entwicklung und Überschreitbarkeit der kapitalistischen Produktionsweise und dem Klassenkampf, den sie hervorbrachte, wurzeln. Nur auf dieser Basis konnte man einen zusammenhängenden Materialismus erreichen. Die alten Utopisten waren wie die Materialisten des 18. Jahrhunderts unfähig, ihren Materialismus auf das Reich menschlichen Denkens und der Entwicklung von Ideen auszudehnen. "Hiermit", schreibt Engels, ",war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung...vertrieben, und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären." (17) Engels bekräftigte, es seien Marx' zwei große Entdeckungen gewesen, das materialistische Geschichtsverständnis und die Mehrwerttheorie, die die theoretischen Fundamente eines wahrhaft Wissenschaftlichen Sozialismus legten. Mit "wissenschaftlich" meinte Engels nicht zu beanspruchen, daß der Marxismus eine Art Naturwissenschaft sei. Engels unterscheidet vielmehr wiederholte Male zwischen den Sphären der Naturgeschichte, der Menschengeschichte und menschlichem Denken, ohne natürlich ihre Verbindungen zu würdigen vergessen. In Teil I des Anti-Dühring erläutert Engels eine grundlegend materialistische Herangehensweise an die Lösung des von früheren Philosophien aufgeworfenen Fundamentalproblems. Engels behauptet gegen Dühring: "Die Einheit der Welt besteht nicht in ihrem Sein...Das Sein ist ja überhaupt eine offene Frage von der Grenze an, wo unser Gesichtskreis aufhört. Die wirkliche Einheit der Welt besteht in ihrer Materialität , und diese ist bewiesen nicht durch ein paar Taschenspielerphrasen, sondern durch eine lange und langwierige Entwicklung der Philosophie und der Naturwissenschaft." (18) Das Denken ist sowohl Teil wie Produkt eines materiellen Ganzen - dies existiert vor und unabhängig von unserer Fähigkeit, es zu begreifen. Die Gesetze des Denkens, seien sie formale Logik oder Dialektik, müssen den Objekten des Denkens, der Welt, dem Universum und ihren Gesetzen entsprechen. Engels besteht darauf, daß "... es sich für mich nicht darum handeln [konnte], die dialektischen Gesetze in die Natur hineinzukonstruieren, sondern sie in ihr aufzufinden und aus ihr zu entwickeln." (19) Engels zeigt den untrennbaren Zusammenhang zwischen Materie und Bewegung: "Die Bewegung ist die Daseinsweise der Materie. Nie und nirgends hat es Materie ohne Bewegung gegeben...Alle Ruhe, alles Gleichgewicht ist nur relativ, hat nur Sinn in Beziehung auf diese oder jene bestimmte Bewegungsform." (20) Die Welt ist in andauernder Bewegung, dauerndem Wandel. Die Natur schreitet nicht nur in langen Phasen evolutionärer Entwicklung voran, sondern manchmal in Sprüngen, in denen neue Phänomene auftauchen, die sowohl vorherige zerstören wie bewahren. Dialektik ist die einzig mögliche Form, das angemessen zu verstehen. Metaphysische Denkweisen sind gänzlich nutzlos: "Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachten, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung." (21) Die dialektische Methode nimmt die Dinge und ihre Gedankenspiegelungen in ihren wechselseitigen Zusammenhängen, in der Bewegung, ihrem Erscheinen und Verschwinden auf. Moderne Kritiker des Marxismus machen viel aus dem Bild von "Widerspiegelung", unterstellen, Engels meine, daß das geistige Leben, Bewußtsein passiv sei - genau wie ein Bild im Spiegel. Dies war natürlich der von den vormarxistischen Materialisten des 18. Jahrhunderts eingenommene Standpunkt; so verglich der französische Philosoph Diderot das menschliche Gehirn mit einem Trommelfell aus Wachs, auf dem äußere Dinge ihre Abdrücke hinterlassen. Aber Engels sah wie Marx Erkenntnis als interaktives Geschehen an. Engels hob besonders die Arbeit (d. h. menschliche Praxis) nicht nur als Veränderer der äußeren Natur, sondern auch als Veränderer der Gattung Mensch hervor und vor allem des menschlichen Bewußtseins. Aber er beharrte darauf, daß das Sein dem Denken vorausgeht. Ohne dieses Herangehen ist gar kein konsequent materialistischer Standpunkt möglich. Engels untersucht detailliert das Gesetz von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze, der Umwandlung quantitativer Veränderungen in qualitative sowie das Gesetz von der Negation der Negation. Daraufhin haben viele anti-Engels 'Marxisten' dieses Gesetz als soviel Mystik und Verwirrung gebrandmarkt. Tatsächlich ist die einzige Person, die wahrscheinlich verwirrt und mystisch umwoben ist, ein hoffnungsloser Empiriker. Engels weist auf, daß im Gegensatz zum gemeinhin üblichen Verständnis von Negation als ausdrücklich Zerstörung bzw. Aufhebens eine dialektische Negation den Erhalt gewisser Qualitäten des verneinten Dings beinhaltet; diese Qualitäten selbst werden in einem neuen Ganzen verkörpert. Engels demonstriert anhand zahlreicher Beispiele aus der Mathematik, den Natur- und Sozialwissenschaften und der Ökonomie, daß das ein genereller Zug aller Entwicklung ist. Das Gesetz der Negation der Negation, schreibt Engels, ist: "Ein äußerst allgemeines und eben deswegen äußerst weitwirkendes und wichtiges Entwicklungsgesetz der Natur, der Geschichte und des Denkens; ..." (22) Engels untersucht auch, wie ein dialektisches Verständnis vom metaphysischen Verständnis philosophischer Schlüsselbegriffe abweicht: Notwendigkeit und Zufall, Wesen und Erscheinung, Ursache und Wechselwirkung. An zentraler Stelle erklärt er die marxistische Erkenntnistheorie und weist die Vorstellung zurück, irgendein philosophisches System könne absolute Wahrheit erlangen. Dührings Behauptung, sein System sei eine Ausnahme, wird als nicht eingestandener Diebstahl von Hegels Idealismus bloßgestellt. Engels zeigt, daß alle Wahrheit relativ ist, aber deswegen nicht minder wissenschaftlich erkennbar. Wahrheit kann nur durch Wechselbeziehung mit der objektiven Welt begründet werden. In den Naturwissenschaften erfolgt das durch Beobachtung, Analyse und Versuch. In den historischen (gesellschaftlichen) Wissenschaften muß es durch Sammeln wirtschaftlicher und politischer Daten geschehen, durch ihre Analyse und Überprüfung in theoretisch angeleiteter Praxis. Indem er Dührings subjektive und willkürliche Sicht kritisierte, untersuchte Engels die Korrelation zwischen Freiheit und Vorherbestimmung. Er zeigte anschaulich die Wechselbeziehung zwischen diesen zwei entgegengesetzten oder polaren Kategorien. Er zeigt, daß Freiheit in Wirklichkeit auf dem Verständnis von Notwendigkeit beruht (d.h. der Determinanten, die sowohl aus natürlichen wie sozialen Umständen erwachsen). Sie liegt im aktiven Gebrauch der objektiven Gesetze in Natur und Gesellschaft, um beide, Natur wie Gesellschaft, zu modifizieren und umzugestalten: "Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußern Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein der Menschen selbst regeln...Freiheit besteht also in der, auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur; sie ist damit notwendig ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung." (23) Der Kapitalismus hat einen historischen "Sprung nach vorn in der Entwicklung der Produktivkräfte" erreicht, "mit deren Hülfe allein ein Gesellschaftszustand ermöglicht wird, worin es keine Klassenunterschiede, keine Sorgen um die individuellen Existenzmittel mehr gibt, und worin von wirklicher menschlicher Freiheit, von einer Existenz in Harmonie mit den erkannten Naturgesetzen, zum erstenmal die Rede sein kann." (24) Engels' Kritiker, die behaupten, er sei ein passiver Optimist gewesen, haben sich grundlegend geirrt. Es gibt keinen starren Determinismus in seinem Denken, der entweder zu pessimistischer oder optimistischer Passivität führt. Engels besteht nur einfach darauf, daß die gesellschaftliche Entwicklung Bedingungen geschaffen hat, wo unsere Vorstellungen von Freiheit durch die Produktivkräfte verwirklichbar geworden sind, die durch geschichtliche Entwicklung ins Leben gerufen wurden. Aber es ist die Menschheit allein, und insbesondere bestimmte Klassen innerhalb des Menschentums, die diese Möglichkeit realisieren oder frustrieren kann. Die politische Ökonomie von Kapitalismus und Sozialismus Dührings Sozialismus, wie der so vieler anderer Scharlatane und Irreführer vor- und nachher, lief im Grunde auf eine Kritik kapitalistischer Distribution, nicht Produktion hinaus. Engels wies Dührings Theorie mittels einer didaktischen Neufassung der Grundlagen von Marx' Politischer Ökonomie zurück. Erst in dieser Form lernte eine ganze Generation von Sozialisten zuerst etwas über die revolutionäre Kapitalismuskritik. Der Wirtschaftsabschnitt des Anti-Dühring nimmt die Errungenschaften von Marx' Lebenswerk in politischer Ökonomie in Anspruch. Engels nutzte und popularisierte nicht nur Band I des Kapital, sondern auch die Gedanken von Marx, die enthalten sind in zu der Zeit noch unveröffentlichten ökonomischen Manuskripten - vor allem in denen von 1857-1858 (Grundrisse) und denen von 1861-1863. (25, 26)Er verteidigte und erläuterte gleichfalls die Positionen, die Marx in der Kritik des Gothaer Programmentwurfs absteckte. Engels erklärt einfach und klar die Bedeutung von Marx' Entdeckungen über notwendige Arbeitszeit, Gebrauchs- und Tauschwert, Kapital und Mehrwert. In Abwesenheit der Bände II und III des Kapital war der Anti-Dühring ein zusätzlicher Beitrag zur veröffentlichten Politischen Ökonomie des Marxismus. Engels war fähig, erstmals aufzuweisen, daß das Grundgerüst des Wissenschaftlichen Sozialismus in Marx' Beweisführung von kapitalistischer Ausbeutung als Aneignung des Mehrwerts bestand. Engels gibt einen klaren Überblick über die Theorie kapitalistischer Krisen (eine Theorie, die in Kapital Band I nur kurz gestreift wurde) und pochte darauf, daß sie Überproduktionskrisen seien, nicht aus mangelnder Konsumtionskraft der Massen, sondern aus Überfluß an Kapital und der Unfähigkeit, es für die Ausbeutung lebendiger Arbeitskraft einzusetzen [resultierten]: "In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch. Der Warenumlauf ist momentan vernichtet; das Zirkulationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis; alle Gesetze der Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt. Die ökonomische Kollision hat ihren Höhepunkt erreicht: die Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschweise, die Produktivkräfte rebellieren gegen die Produktionsweise, der sie entwachsen sind." (27) Engels lenkt auch die Aufmerksamkeit auf die jüngsten Entwicklungen des Kapitalismus [zur damaligen Zeit], die zu zentralen Charaktermerkmalen in der Ära des Monopolkapitalismus werden sollten - des Imperialismus. Er registriert das Entstehen und die Vorherrschaft in der Wirtschaft von riesigen Aktiengesellschaften sowie den Übergang ganzer Wirtschaftszweige in Staatseigentum. Engels fragt, welche Haltung die Arbeiterklasse zu diesem Prozeß einnehmen sollte. Seine Antwort fügte dem marxistischen Programm eine lebenswichtige, neue Zutat hinzu. Er hebt hervor, daß diese Entwicklungen den kapitalistischen Charakter der Produktion weder in den betreffenden Sektoren noch in der gesamten Volkswirtschaft ändern werden: "Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staatseigentum, hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf....Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist....Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben...Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung." (28) Engels legt dar, warum Revolutionäre die Konzentration der Produktionsmittel in Staatshand - staatskapitalistische Nationalisierungen - unterstützen sollten, ohne auch nur für einen Moment zu glauben dies sei Sozialismus oder ein Reformprozeß werde allmählich zu seinem [des Kapitalismus'] Verschwinden führen. Engels behandelt im Anti-Dühring auch breiter, als Marx oder er selbst es bis dato getan hatten, die ökonomische Natur der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft. Dabei formulierte Engels zum ersten Mal in ihren modernen, konzeptionell verschiedenen Formen die Ideen über Kommunismus, Sozialismus und den Übergang zum Sozialismus. Dieser theoretische Rahmen sollte eine bedeutende Waffe in den Händen der Bolschewiki werden, während der ersten Jahre nach der Revolution, als sie sowohl gegen die Überbleibsel des Kapitalismus kämpften wie auch gegen jene in ihrer eigenen Partei, die dachten, sie könnten direkt zum Kommunismus 'springen'. Engels schlägt eine Anzahl entscheidender Maßnahmen vor, die nötig sind, wenn das Wertgesetz als Regulator von Produktion und Verteilung unterdrückt werden soll. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf den Planungscharakter ihrer [der Übergangsgesellschaft] Entwicklung, nachdem die Arbeiterklasse die Macht errungen hat und die krisenfreie beidseitige Wechselbeziehung zwischen Erzeugung und Verteilung dann möglich sein wird. Engels schreibt: "Aus ihr folgt die weitere Einsicht, daß die Verteilung, soweit sie durch rein ökonomische Rücksichten beherrscht wird, sich regeln wird durch das Interesse der Produktion, und die Produktion wird gefördert am meisten durch eine Verteilungsweise, die allen Gesellschaftsgliedern erlaubt, ihre Fähigkeiten möglichst allseitig auszubilden, zu erhalten und auszuüben." (29) Er spricht von der Notwendigkeit einer vernünftigen Verteilung der Produktivkräfte und prophezeit gewisse Eigenschaften, die der Arbeit unterm Kommunismus anhängen. Die neuen Produktionsverhältnisse werden die "Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ausschließen und die Anarchie in der Produktion überwinden. Aber sie werden anfangs nicht die Ungleichheit abschaffen. Dazu muß das Wachstum der Produktivkräfte zunehmen. Indem endlich die Knappheit - Ursache aller Formen gesellschaftlicher Ungleichheit - überwunden wird, wird eine höhere Phase des Sozialismus, der Kommunismus, erreicht werden. Die unvorhergesehenen, schädigenden Auswirkungen auf die Natur, die alle Klassengesellschaften erzeugt haben, können vermieden werden. Die Macht der Menschheit über die Natur wird aufhören, die eines zerstörerischen Tyrannen zu sein und wird die eines sorgfältigen Planers werden. Die negativen Auswirkungen der Arbeitsteilung für die freie Entfaltung des Individuums werden verschwinden. Die Arbeit wird sich von einer drückenden Last in das erste Bedürfnis eines fruchtbaren Lebens verwandeln. Die Gegensätze zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen Stadt und Land werden verschwinden. Ausbildung wird mit Arbeit verbunden sein. Engels fährt fort, die Staatstheorie, die er und Marx ausgearbeitet oder vielmehr vervollständigt haben, als Ergebnis des Experiments der Pariser Kommune und der Debatten mit den Anarchisten in den 1870er Jahren, zu erklären. Die Diktatur des Proletariats ist ein vorübergehendes Stadium. So wie die Klassen absterben, wird auch der organisierte soziale Zwang verschwinden: "An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht "abgeschafft", er stirbt ab." (30) Unterm Kommunismus werden die Leute wirkliche und bewußte Meister der Natur wie Gesellschaft werden: "Die objektiven, fremden Kräfte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen....Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit." (31) Religion wird somit verschwinden, wie die Menschheit dazu kommt, sowohl die Natur wie ihr eigenes gesellschaftliches Leben zu verstehen und zu dirigieren, schreibt Engels. Sie muß nicht unterdrückt oder abgeschafft werden. Schluß Engels' Arbeit hatte nicht einfach nur die Zerstörung von Dührings Einfluß auf die deutschen Sozialdemokraten zum Ergebnis. Sie führte auch zur geschwinden Aufnahme des Marxismus seitens der führenden Repräsentanten der wachsenden Bewegung der Arbeiterklasse auf dem Kontinent und später in der ganzen Welt. Nach ihrem eigenen Eingeständnis wurden viele Führer der Zweiten und Dritten Internationale durch dieses Buch für die Weltanschauung des Marxismus gewonnen. Erstmals gab es unter einem Einbanddeckel einen Text, der eine wissenschaftliche Methode, eine Kritik der Ausbeutung sowie eine strategische und taktische Anleitung für den Klassenkampf miteinander kombinierte. Für den modernen Leser sehen Aspekte dieses Buchs altmodisch aus. Es ist jedoch nicht die Komplexität der Sprache, die moderne Akademiker beleidigt - sie sind an unergründliche 'post-moderne Diskurse' gewöhnt. Was sie beleidigt, ist Engels' Wille, die marxistische Methode - innerhalb selbst definierter Grenzen - anzuwenden, um die größeren Fortschritte, die sich in der Naturwissenschaft vollzogen, in einen Zusammenhang zu stellen und zu verstehen. In einem Buch, das Philosophie, Ökonomie, Physik und Militärgeschichte behandelt, sehen sie nur das Werk eines 'Systembildners', eines philosophischen Amateurs. Hätte er heutzutage gelebt, wann nicht einmal die abenteuerlustigsten Wirtschaftswissenschaftler, Naturwissenschaftler und Philosophen wirklich wagen, im Reich der jeweils anderen herumzustreunen, wäre Engels vielleicht verpflichtet gewesen, eine solche Arbeit anders zu strukturieren. Sicherlich sind manche der wissenschaftlichen Daten und Theorien, an die er sich anlehnte, durch spätere Forschung überholt - und Engels hätte dies ohne Zögern anerkannt. Aber der Anti-Dühring besteht den Test der Zeit als eines der Gebäude des Wissenschaftlichen Sozialismus. Seine Grundkomponenten wurden von den Bolschewiki in deren Debatten über alles von Wirtschaftspolitik bis hin zur Militärstrategie in der Roten Armee benutzt. Auf beiden Gebieten bestehen die Hauptlektionen darin, daß der Sozialismus möglich ist, weil er einen Vorteil aus dem niedergehenden Kapitalismus ziehen kann, daß der Sozialismus auf den Grundlagen des Kapitalismus aufgebaut wird und daß er die kapitalistische Technik erobern muß, bevor die Menschheit einen "Sprung in die Freiheit" vollführen kann. Vor dem Marxismus träumten Männer und Frauen vom Sozialismus in der Art, wie die Vorfahren vom Fliegen des Menschen träumten. Sie mythologisierten, idealisierten ihn und sehnten sich nach ihm, besaßen aber keine Vorstellung, wie sie ihn bekommen. Marx und Engels "erfanden" nicht die Straße zum Sozialismus - sie entdeckten sie in den inneren Gesetzen des Kapitalismus, wie die frühen Pioniere der Luftfahrt das Fliegen entdeckten, indem sie die Gesetze der Aerodynamik und Gravitation meisterten. Sie entdeckten auch, daß die am besten die Realität widerspiegelnden Denkweisen gemeinsame Gesetze teilen - ob im Labor der Flugzeugentwickler oder in der revolutionären Partei. Die wissenschaftliche Natur des Sozialismus, der dialektisch-materialistische Grundzug all dessen, was in der Wissenschaft wahr und objektiv ist, das ist der thematische Gegenstand des Anti-Dühring". Seine Aussagen treiben die modernen Apologeten des Kapitalismus - vom Kabinettsminister bis zum Chemieprofessor - in Ablenkungsmanöver. Sie sind aber wahr und ihren letzten Beweis werden sie in der Zerstörung des kapitalistischen Systems finden. Es gibt keinen besseren Weg, die Erinnerung an den Mitbegründer des Marxismus angemessen zu begehen, als sein größtes Werk zu lesen und den Kampf von neuem zu führen, dem Engels sein Leben widmete. Fußnoten: 1 G. Lichtheim, Marxism - An Historical and Critical Study, London, 1961, S. 243 2 N. Levine, The Tragic Deception: Marx contra Engels, Santa Barbara, 1975 3 Vgl. T. Carver, Marx and Engels: the intellectual relationship, Brighton 1981 und Engels, London, 1981 4 F. Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft ("Anti-Dühring"), Berlin/Ost 1970 (Dietz Verlag) 5 W.I. Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, in: Ausgewählte Werke, Moskau 1985 (Progress), S. 18 6 "Amendment to Statutes of the IMWA, 7 (a)", MECW, Vol. 23, S. 243 7 Engels an Friedrich Adolf Sorge, 12. September 1874, MECW, Vol. 45, S. 42 8 August Bebel (1840 - 1913). Diese Artikel wurden später in einem Pamphlet mit dem Titel "Unsere Ziele" zusammengefaßt. 9 Randglossen zum Programm der Deutschen Arbeiterpartei, Berlin SW 61/ Leipzig 1922, S. 33 10 a.a.O., S. 32 11 Begleitschreiben von Marx zum Programmbrief von 1875 (5.5.1875), a.a.O., S. 44 12 "Anti-Dühring", a.a.O., S. 30 13 MECW, Vol.. 26, S. 427 14 "Anti-Dühring", a.a.O., S. 8 15 Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, Berlin/DDR 16 "Anti-Dühring", a.a.O., S. 18 17 ebd., S. 25 18 ebd., S. 41 19 ebd., S. 12 20 ebd., S. 55 [Hervorhebung im Original] 21 ebd., S. 20 22 ebd., S. 131 23 ebd., S. 106 24 ebd., S. 107 25 Vgl. MEW Bde. 42, 26.1-26.3; MECW Vols. 28 - 34. 26 Die Theorien über den Mehrwert (MEW Bde. 26.1 - 26.3) bilden den größten Teil des Manuskriptentwurfs Zur Kritik der politischen Ökonomie (August 1861 bis spätestens September 1863), der aus 23 römisch numerierten Heften bestand (Hefte VI - XV, XVIII). Das gesamte Manuskript erschien in Karl Marx/ Friedrich Engels: Gesamtausgabe (MEGA), Abtlg. II/ Bd. 3.1 - 3.6. Vgl. dazu Karl Marx: Exzerpte über Arbeitsteilung, Maschinerie und Industrie (Hrsg.: Rainer Winkelmann), Frankfurt/M - Berlin - Wien, S. 232, 239 (Anm. 9) 27 "Anti-Dühring", a.a.O., S. 257f. 28 ebd., S. 260 29 ebd., S. 186 30 ebd., S. 262 31 ebd., S. 264 |