| abc des Marxismus: Trotzki 1937/38 stellte Stalin die letzten verbliebenen FührerInnen der Russischen Revolution und den Großteil der Kommandanten der Armee vor Gericht. Sie wurden unter anderem des Trotzkismus schuldig befunden und erschossen. 1944/45 gab es Streiks in britischen Bergwerken und Häfen. Die Regierung - eine Koalition von Konservativen, Liberalen und SozialdemokratInnen - verbot den Streik und warf den ArbeiterInnen vor, TrotzkistInnen zu sein. Erst kürzlich, 1989, als sich osteuropäische ArbeiterInnen gegen die stalinistischen Regime erhoben, wurden sie von den sterbenden kommunistischen Parteien eines - erraten! - trotzkistischen Aufstands bezichtigt. Doch die große Mehrheit der Befehlshaber der Roten Armee, der ArbeiterInnen des Hafens von Barrow und der osteuropäischen Protestierenden waren keine TrotzkistInnen. Viele hatten noch nie von Trotzki gehört. Sie wurden angegriffen, weil sie sich gegen skrupellose Herrschende auflehnten. Ihnen wurde der Trotzkismus zur Last gelegt, weil Trotzki zu einem Symbol des konsequenten revolutionären Sozialismus geworden war. Leo Trotzki wurde 1879 in der Ukraine geboren. Als 18jähriger Student arbeitete er in revolutionären Untergrundzirkeln. Von diesem Zeitpunkt an liest sich sein Leben wie ein Verzeichnis der größten Begebenheiten in der Geschichte der ArbeiterInnenkämpfe. Ins Exil nach Sibirien verbannt, schloß er sich Lenins Netzwerk Iskra an. Durch die russische Arktis entkam er nach Westeuropa und nahm am Londoner Kongreß teil, auf dem sich die Fraktionen der Menschewiki und die Bolschewiki bildeten. 1904 sagte er in einem Pamphlet voraus, daß die russischen ArbeiterInnen die Revolution gegen den Zar führen und, und hier stand er gegen alle anderen russischen RevolutionärInnen, sie in eine Revolution gegen den Kapitalismus verwandeln und sie in die entwickelteren Länder verbreiten würden. Als die Revolution 1905 ausbrach, wurde der 25jährige Trotzki zum Vorsitzenden des ArbeiterInnenrats (Sowjets) in der Hauptstadt St. Petersburg gewählt. Er wurde erneut verhaftet , entkam jedoch abermals. Bis 1917 blieb er außer Landes, aktiv in den ArbeiterInnenbewegungen Österreichs, des Balkans, Frankreichs und der USA. 1917, nach dem Sturz des Zaren, kehrte Trotzki wieder nach Rußland zurück. Obwohl er zuvor mit den Menschewiki sympathisiert hatte, erkannte er nun die Überlegenheit von Lenins Konzeption einer revolutionären Partei, schloß sich den Bolschewiki an und wurde sofort in ihre Führung gewählt. Wieder an der Spitze des Sowjets, leitete Trotzki die Oktoberrevolution und schuf, als der Bürgerkrieg ausbrach, die Rote Armee aus den Fabriksmilizen und führte sie zum Sieg gegen die Weißen und 16 ausländische Armeen. In den 1920er Jahren wurde er der härteste Gegner von Stalins zunehmend diktatorischen Methoden. In dieser Zeit, in der er darum kämpfte, die Ziele der Revolution zu verteidigen und gleichzeitig versuchte, eine Strategie für die internationale kommunistische Bewegung zu entwickeln, begann sich eine unverwechselbare politische Methode, der Trotzkismus, herauszubilden, wiewohl er selbst diesen Ausdruck nie benutzte. Der Kern, der später im Übergangsprogramm von 1938 formuliert wurde, war, daß in der modernen imperialistischen Epoche alle ArbeiterInnenkämpfe mit dem Kampf um die Macht verbunden werden müssen - oder sonst letztlich zum Scheitern verurteilt sind. Ob in China Mitte der 1920er, in der Sowjetunion, in Deutschland zur Zeit der Machtergreifung der Nazis oder im Spanischen Bürgerkrieg in den 1930ern, Trotzki entwickelte politische Strategien, die mit den unmittelbaren Angriffen auf die ArbeiterInnen begannen und mit dem langfristigen Ziel der sozialistischen Revolution verband. Er erstellte Taktiken, Forderungen und Methoden der Organisation, die diese Kämpfe in revolutionäre Kämpfe umwandeln konnten. Diese politische Methode brachte Trotzki in schärfsten Konflikt mit allen Kräften innerhalb der ArbeiterInnenbewegung, die, bewußt oder nicht, die Revolution zugunsten anderer, unmittelbarerer, angeblich praktikablerer Alternativen ablehnten. In den 1930ern waren diese Kräfte fast immer zahlenmäßig stärker und mächtiger als Trotzki und seine UnterstützerInnen. Nur die entschlossensten, weitsichtigsten und militantesten blieben bei Trotzki, als er den Kampf um den Aufbau einer neuen revolutionären Internationalen führte, die die ArbeiterInnenbewegung im Weltkrieg, den er nahen sah, führen sollte. Trotzki faßte diese Kampfmethode im Übergangsprogramm zusammen - dem Programm der Vierten Internationale. Die dem Programm zugrundeliegende Methode bleibt bis heute eine zuverlässige Anleitung für die ArbeiterInnenbewegung. In jeder Auseinandersetzung kämpfen wir darum, das Element der Selbstorganisation und Selbstkontrolle der ArbeiterInnen weiterzutreiben. Wir kämpfen für Betriebsräte, die Kontrolle ausüben und das Management in Frage stellen können. Wir kämpfen für betriebsübergreifende Delegiertenkomitees, in denen auch VertreterInnen der Wohnviertel, Jugendgruppen und Arbeitslosen einbezogen sein sollen. Sie können den Kampf nicht nur besser als jeder Gewerkschaftsbürokrat führen - sie können auch als Zentrum potentieller ArbeiterInnenmacht dienen. Was Streikposten betrifft, geben sich RevolutionärInnen nicht mit einer bloßen Verteidigung und passiven Widerstand und der Unterstützung linker GewerkschaftsbürokratInnen zufrieden, sondern kämpfen für organisierte, aktive Streikpostenteams. Im Kampf gegen Rassismus und Faschismus versuchen wir genauso eine alternative Kraft zu organisieren, um die ArbeiterInnenklasse besser für den Tag, an dem sie gegen den kapitalistischen Staatsapparat vorgehen muß, vorzubereiten und auszurüsten. Es gibt viele heroische Punkte in Trotzkis Leben: die Exile, die Schlachten und Aufstände, die kühnen Reden gegen seine VerfolgerInnen, das Attentat - das ist der Stoff, aus dem Filme gemacht sind. Doch das Hauptverdienst Trotzkis ist es, den Gedanken zu verstehen und aufrechtzuerhalten, daß der Sozialismus von den ArbeiterInnen selbst aufgebaut wird - und nicht von heldenhaften Individuen. Er verstand, daß die ArbeiterInnen in der Praxis lernen müssen, wie der Sozialismus aussehen wird - nicht nur aus Büchern und Zeitungen, sondern aus dem praktischen Kampf in ihren Betrieben, Wohnvierteln und Gewerkschaften. Und darum werden ArbeiterInnen - wo immer sie für ihre eigenen Bedürfnisse kämpfen, die Aufrufe der BürokratInnen nach Mäßigung ignorieren und neue Ziele und Kampfformen finden - als TrotzkistInnen denunziert. |