abc des Marxismus: Quantität und Qualität

Unterscheidet sich Blairs New Labour noch von den Tories? Ist der Kapitalismus in Rußland restauriert? Ist der Irak eine imperialistische Macht? Ist der Kapitalismus reif für die Revolution?
Das sind nur einige der großen analytischen Fragen, denen SozialistInnen heute gegenüberstehen. Um sie zu lösen, müssen wir dialektisch an sie herangehen.
Dialektik ist eine von antiken griechischen Denkern entwickelte philosophische Methode, die im 18. Jahrhundert von Hegel wiederentdeckt wurde und der Karl Marx eine systematische materialistische Basis verlieh.
Im wesentlichen versteht die Dialektik jede Realität in ihrer Bewegung.
Heute haben die meisten Leute, mit Ausnahme einiger “New Age”-MystikerInnen, kein Problem mit der Idee des wissenschaftlichen Materialismus. Materialismus ist die Basis aller wissenschaftlichen Kenntnisse, und alles, was er aussagt, ist, daß die Realität über eine objektive und konkrete Unabhängigkeit verfügt: es gibt nichts über der Natur - keinen übernatürlichen Gott, kein Los oder Schicksal. Die Gesetze der Natur lassen sich in der Natur selbst finden.
Einige Leute werden ein Problem mit der Vorstellung haben, daß diese materialistische Realität sich in einem konstanten Prozeß der Veränderung und Transformierung befindet. Unter einem Mikroskop erweist sich scheinbar tote Materie als eine Menge lebender Zellen und Organismen. WissenschafterInnen haben den Beweis gefunden, daß sich das All immer noch ausdehnt.
Doch was sind die Gesetze dieser Bewegung? Können wir aus der Art, wie sich Dinge verändern, allgemeine Merkmale ableiten? Können wir diese Gesetze entschlüsseln und sammeln, ohne ein abstraktes Schema oder Modell über unsere Untersuchungen zu legen?
MarxistInnen erkennen diese Gefahren, glauben aber dennoch, daß die wesentlichen Gesetze der Bewegung - sowohl der Natur wie auch der Gesellschaft - zusammengefaßt werden können.
Bei den ersten Versuchen dessen wurde traditionelle bzw. formale Logik angewandt. Der griechische Philosoph Aristoteles systematisierte diese Gesetze, die - innerhalb gewisser Grenzen - heute noch gültig sind.
Im Mittelpunkt dieser Theorien stand die Idee, daß ein Ding sich selbst entspricht und daher nicht zur selben Zeit mit etwas anderem ident sein kann.
So entscheidend diese Idee für die Entwicklung von Arithmetik, Grundrechnungsarten und der Kategorisierung der natürlichen Welt war, beinhaltete sie doch einen grundlegenden Fehler.
Sie konnte nicht zur Veränderung führen, keinen Prozeß des Werdens erklären. Gerade wenn Dinge sich in einem Ablauf der Entwicklung von einem Zustand in einen anderen befinden, werden neue und höhere Formen der Logik gebraucht. Dialektik, angewandt auf die Studien aller sozialer und physikalischer Phänomene, zeigt, daß etwas es selbst sein und sich zur selben Zeit im Zustand der Entwicklung in etwas anderes befinden kann.
Es gibt einige Gesetze, die Veränderung beschreiben. Eines der wichtigsten ist das Gesetz der Umformung von Quantität in Qualität: die Idee, daß kleine, zunehmende quantitative Veränderungen an einem gewissen Punkt zu einer drastischen und totalen qualitativen Umgestaltung führen können.
Diese Gesetze können nicht einfach irgendwelchen Phänomenen schematisch übergestülpt werden. Nur durch sorgfältige Studie des Ursprungs, der Natur und der Entwicklung des Subjekts können wir herausfinden, wie dieses Gesetz im speziellen Fall arbeitet.
Der Prozeß der Revolution unter dem Kapitalismus ist ein gutes Beispiel. Jene, die den Weg zum Sozialismus als Folge kleiner quantitativer Veränderungen - Reformen - sehen, ignorieren alle bisher gemachten Erfahrungen.
Soziale und politische Reformen, die die Bedingungen der ArbeiterInnenklasse unter dem Kapitalismus verbessern, sind willkommen; in Zeiten der Expansion und steigender Profite können die KapitalistInnen und ihre Regierung sie zulassen. Sie mögen sie sogar begrüßen, wenn sie ihnen neue Märkte erschließen. Doch solche stückchenweisen Reformen können an einem gewissen Punkt mit der weiteren Entwicklung des Kapitalismus kollidieren, wenn hohe Löhne, das Sozialsystem und politische Rechte die Möglichkeiten zur weiteren Entfaltung der KapitalistInnenklasse einschränken.
Der Kampf um Reformen oder die Verteidigung bestehender Errungenschaften vor Angriffen kann plötzlich den gesamten institutionellen Rahmen (Parlamente, Gewerkschaften,...), in dem die Reformen gewährt und überwacht wurden, sprengen; die Reformen geben der Revolution und natürlich auch der Konterrevolution Auftrieb.
Die Widersprüche eines Systems, die sich langsam über viele Jahre angesammelt haben, brechen plötzlich an die Oberfläche der Gesellschaft. Der Smalltalk parlamentarischer Debatten wird von den Aktionen von Millionen auf der Straße abgelöst. Der ganze Charakter der Entwicklung beschleunigt sich; die Veränderung wird für alle sichtbar.
Die wissenschaftliche Schlüsselaufgabe der Politik ist es, die Natur der Widersprüche herauszufinden. Welcher Reformgrad ist akzeptabel, welcher intolerabel aufrechtzuerhalten, welcher wird das Gesellschaftssystem harmonisieren, und welcher wird es verzerren?
Ein wissenschaftliches Verständnis des Systems und seiner Veränderungsprozesse, der Widersprüche im feindlichen Lager wie auch im eigenen ist für jede Partei, die den Kampf anführen und ihm nicht hinterherhinken will, unumgänglich.
Eine Verpflichtung zum dialektischen Denken ist an und für sich keine Garantie für Erfolg. Die Universitäten des stalinistischen Rußlands waren voll von selbsternannten ExpertInnen der dialektischen Logik, die - wenn es an die Umsetzung ging - ihren Arsch nicht von ihrem Ellbogen unterscheiden konnten (um einen berühmten marxistischen Ausspruch zu verwenden).
Doch ohne jeden Versuch, Veränderungen systematisch zu verstehen, werden Möchtegern-RevolutionärInnen immer im Meer der Wandlung verloren sein. Vor 2000 Jahren entdeckten Philosophen, daß “alles fließt”. Nur der wissenschaftliche Sozialismus kann sagen, “wohin?”.