| Marxismus und die nationale Frage Was ist die Nation? Die nationale Frage (nationale Unterdrückung oder Befreiung) gewinnt erst mit dem Erstarken des Bürgertums und seinem Kampf für den Nationalstaat jene Bedeutung, die wir heute kennen. Davor bestand durchaus auch nationale Unterdrückung, doch war sie viel mehr ein Ausdruck der Unterdrückung verschiedener sozialer Schichten als ethnischer Gruppen. Der Nationalstaat ist die territoriale Einheit des Bürgertums im Gegensatz zu den Lehensgebieten der Feudalherren. Geht man von dem geographischen Aspekt zu dem politischen: Die Nation ist die positive Aufhebung partikularer Eigenheiten (unterschiedliche Rechts-, Maß-, Geld-, Sprach-, Konfessions- und sonstiger Systeme) auf der Grundlage des bürgerlichen Marktes auf einem bestimmten Territorium. Gegenüber der vorbürgerlichen Ordnung ist dies Ausweitung, Befreiung und Gleichmacherei. Der bürgerliche Nationalstaat ist im weitesten Sinne das Ergebnis der bürgerlichen Revolution gegen die alte feudale Ordnung. Jede Revolution ist ein Kraftakt, der vieler helfender Hände bedarf. Die antifeudale Revolution mobilisiert das Kleinbürgertum genauso wie das Proletariat - als Volk. Das Erlangen demokratischer Rechte bindet schließlich diese Klassen an den bürgerlichen Charakter der Revolution. Aus dem Bauern der Vendee wird ein französischer Staatsbürger (die Nation verschleiert die Klassenspaltung in der bürgerlichen Gesellschaft, so wie die Religion in der feudalen Gesellschaft die Klassenspaltung rechtfertigt). 1913 entwickelte Stalin folgende Definition der Nation: Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart (...) Nur das Vorhandensein aller Merkmale zusammen ergibt eine Nation.. Mit letzterem Satz irrte Stalin gewaltig. So würde etwa der Schweiz, bloß weil sie mehrere Sprachen spricht, die Bezeichnung als Nation aberkannt. Streicht man diesen Punkt, so trifft man in etwa auf das Wesen dessen, was eine Nation ausmacht. Offensichtlich sind die von Stalin 1913 angeführten Kriterien wichtig, aber nicht immer alle gleichermaßen entscheidend. Das war auch das Verständnis Lenins und der Linken in der 2. Internationale. Konfession, vor allem aber auch Sprache sind zentrale Bestandteile einer gemeinsamen Kultur. Sprache verbindet und trennt oft ganz handgreiflich. Auch ein bestimmtes geographisches Gebiet ist in der Regel entscheidend dafür, daß eine Nation auch wirklich zusammenwachsen kann. Zentrales Element, ob ein Volk die Entwicklung zur Nation schon geschafft hat, ist aber die Wirtschaft. Wie weit ist sie von einer lokalen, z.B. auf Subsistenz fußenden Wirtschaft bereits zu einer nationalen Ökonomie zusammengewachsen? Und wie weit drängen daher die objektiven, materiellen Interessen bereits auf eine Vereinigung auf breiterer, auf nationaler Basis? Das sind die letztlich entscheidenden Fragen. Damit einher geht, wie weit sich eine Bourgeoisie herausentwickelt hat, die zur ideologischen Trägerin des nationalen Gedankenguts wird. Ihre HandlangerInnen sind es in der Regel, die aus realen oder fiktiven, mystischen Ereignissen eine nationale Geschichte konstruieren. Im Gegensatz zu den Jahrhunderte alten Geschichten der Nationen, die uns in den Schulen gelehrt werden, ist die Ausbreitung der heutigen Nationalstaaten oft das Ergebnis von Diplomatie und Kriegsglück in den letzten beiden Jahrhunderten. Hinter dem Kriegsglück steht aber letztlich nicht die Begabung der Militärs, sondern wirtschaftliche Überlegenheit oder die Frage, um welche Klasseninteressen gekämpft wurde - und das bedeutet, welche Klassen sich mit dem Krieg auf Dauer identifizieren. Mit der mystischen Geschichte hat das zumeist kaum etwas gemein. Jene Völker, die zwar einige der Aspekte einer Nation, jedoch ihre Klassenstruktur noch nicht so voll entwickelt oder noch keine nationalen Wirtschaftsverflechtungen aufgebaut haben, bezeichnen wir als Nationalitäten. Was ist die nationale Frage? Jede Klassengesellschaft kennt Unterdrückung. Aber Unterdrückung ist nicht gleich Unterdrückung. Genauso wie für die persönliche Identität neben der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaftsklasse die Zugehörigkeit zu einer Nation oder Nationalität eine Rolle spielen kann, genauso werden ArbeiterInnen und BäuerInnen nicht nur als ArbeiterInnen und BäuerInnen unterdrückt, sondern auch, wenn sie Angehörige einer unterdrückten Nation oder Nationalität sind. Mit dem Bestehen von Nationen, insbesondere mit dem Eintritt in das Stadium des Imperialismus, werden nationale Rechte nicht nur für jene Nationen bedeutend, die sich bereits zu solchen in vollem Maße entwickelt haben, sondern auch für solche Völker, die noch keine Nation sind, die von anderen unterdrückt werden und nach ihrer eigenen Befreiung streben. Der Kampf für nationale Rechte wird also in Zeiten der nationalen Unterdrückung auch für jene Völker bedeutend, deren innere Wirtschafts- und Klassenstruktur noch nicht nach einer nationalen Vereinigung drängen würde. Damit wird es für die Haltung von RevolutionärInnnen unbedeutend, ob ein betreffendes Volk etwa eine Nation oder bloß eine Nationalität ist. Strebt sie aufgrund von nationaler Unterdrückung Autonomie oder Eigenstaatlichkeit an, so können wir dies als notwendigen Schritt im Kampf gegen Unterdrückung unterstützen. Auch in den imperialistischen Ländern gibt es eine nationale Frage. Die BaskInnen, die KorsInnen, die SardinierInnen und viele andere (meist auch Sprach-) Gruppen wollen ihre Kultur bewahren und weiterentwickeln. In dem Maße, wie dies durch regionale und klassenspezifische Widersprüche in den imperialistischen Ländern nicht erfüllbar erscheint und daher kulturelle Minderheiten benachteiligt und z.B. am Arbeits- und Wohnungsmarkt diskriminiert werden, entspannt sich ein Kampf um die Gleichberechtigung der Sprachen in den öffentlichen Räumen, um eine neue Aufteilung gesamtstaatlicher Ressourcen in die Regionen, um Autonomie, Selbstverwaltung bis hin zu staatlicher Lostrennung. Nicht nur Minderheiten, nein ganze Nationen und Nationalitäten werden unterdrückt. Nicht nur, indem die Staatswerdung verhindert oder Staatsgrenzen von außen (den Siegermächten oder den KolonialistInnen) aufgedrängt werden. Auch in dem Sinne, daß Nationen in der imperialistischen Epoche eine unterschiedliche Rolle zueinander einnehmen. Die Herren können ohne ihre Diener nicht existieren. Gäbe es die USA nicht, Mexiko hätte sich anders entwickelt - das trifft natürlich auch umgekehrt zu. Die Unterdrückung etwa Mexikos auf dem Weltmarkt und das Fernhalten von den internationalen Schalthebeln der Macht trifft Mexiko als Ganzes, d.h. seine Bourgeoisie, seine Arbeiterklasse, sein Kleinbürgertum. Alles Nationale (dazu gehört eben auch die nationale Unterdrückung) ist zuerst einmal klassenunspezifisch In einer Klassengesellschaft wird jedoch alles sehr schnell klassenspezifisch. Die nationale Unterdrückung verändert das Verhältnis der halbkolonialen Klassen und der Klassen innerhalb einer unterdrückten Nation oder Nationalität zueinander. Es schmiedet sie stärker zusammen gegen die imperialistische Welt und die national vorherrschende Klasse verschleiert somit die innerhalb der unterdrückten Nation real bestehenden krassen Klassengegensätze. Gleichzeitig geben die herrschende Klassen in den Halbkolonien den Druck, den sie durch den Imperialismus erfahren, auf die Masse der ArbeiterInnen und das verarmte Kleinbürgertum weiter - womit die nationale Verschleierung der Klassengegensätze immer wieder durchbrochen wird. So hängt die nationale Frage mit der antikolonialen und antiimperialistischen Frage zusammen, ohne restlos in diesen aufzugehen. Kämpfen etwa die KurdInnen im Nordirak gegen das Baathregime um demokratische Rechte und nationale Selbstbestimmung, so ist dies zwangsläufig noch kein antiimperialistischer Kampf. Obwohl erst durch eine antiimperialistische Perspektive die KurdInnen Chancen auf Erfolg hätten. Weshalb die nationale Frage nicht von der Tagesordnung verschwunden ist Viele interessierte und engagierte ZeitgenossInnen haben sich in der ersten Hälfte der 1990er Jahre gewundert, weshalb nationalistische Kriege wieder den Boden des zivilisierten Europas betreten haben: Berg-Karabach, Kroatien, Bosnien. Ab 1995 ging es hurtig weiter: Tschetschenien 1996, Kosovo 1998 usw. Die Verwunderung war einer Resignation gewichen. War nun Aufklärung völlig umsonst? Können im Schulunterricht Vorurteile über andere Nationalitäten doch nicht ausgeräumt werden? In den 1970er Jahren wurde um mehr Demokratie und soziale Verbesserungen gekämpft; in den 1980er Jahren kam als dialektische Ergänzung die ökologische Dimension dazu und in den 1990er Jahren die nationalistische? Wie ist dieser Rückfall in die Barbarei - wo sich Leute wegen ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk die Schädel einschlagen - möglich? Jedoch ist all dieser Verwunderung ein idealistischer Zugang eigen. Der Materialismus braucht sich über das Wiederaufleben auch blutiger nationaler Konflikte nicht zu wundern und sich in moralischer Hilflosigkeit zu winden - letztere ist im übrigen (wie bei den Grünen, KP und SJ) zumeist ein Ratgeber für reaktionäre Lösungen (wie der Entsendung von irgendwelchen Friedenstruppen in die Unruhegebiete). Dort, wo es zu gewaltsamen nationalistischen Konflikten kommt, existiert offensichtlich eine ungelöste nationale Frage, gibt es nationale Unterdrückung. Nationale Unterdrückung ist nichts anderes als die Limitierung demokratischer Rechte und sozialer Lebenschancen aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Sprachgemeinschaft, einer ethnischen Minderheit. Nationale Unterdrückung ist viel mehr verbreitet, als sie gewaltsam ausgetragen wird. Weshalb? Praktisch alle Staaten der Welt haben eine oder mehrere ungelöste nationale Fragen. Das hängt zuerst einmal mit ganz banalen Dingen zusammen: Praktisch keine Staatsgrenze dieser Welt wurde durch den Willen der Volksmassen selbst diktiert oder besser gesagt: entschieden. Sondern durch Kriegsglück, Gewalt und ökonomische Überlegenheit. Danach sprechen die Lineale und Zirkel am Tisch von Siegermächten und irgendwelchen ExpertInnen der herrschenden Klassen das letzte Wort. In praktisch jedem Land gibt es ein de-facto Staatsvolk und die Negation dazu, irgendwelche Minderheiten. Selbst im zivilisierten Österreich sind SlowenInnen, KroatInnen und Roma in den höheren und herrschenden Klassen, an den Schalthebeln der Macht (im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung) unterrepräsentiert. Wir sagen nicht, daß sie stärker zu dem Beruf der Wirtschaftskapitäne und Offiziere herangezogen werden sollen - aber wir sagen das deswegen nicht, weil wir die Wirtschaftskapitäne und Offiziere nicht leiden können. Aber das ist nur ein Beispiel für (geographisch) nahe liegende nationale Unterdrückung. Da braucht man nicht den finsteren Balkan oder den wilden Kaukasus herbeizitieren. Die Frage ist also nicht so sehr Wo gibt es nationale Unterdrückung, sondern vielmehr: Wann spitzt sie sich zu und welche Bedeutung wird dies für den Klassenkampf haben. Generell kann man folgenden materiellen Zusammenhang herstellen: Je größer der allgemeine Mangel, um so größer ist die Unterdrückung - und daher auch nationale Unterdrückung. Umgekehrt: Je stabiler und größer das Wirtschaftswachstum, um so eher lassen sich Unterschiede in der Konsumption und Investition ausgleichen oder etwa kulturelle Förderprogramme finanzieren. Das ist natürlich nur ein sehr allgemeiner Zusammenhang. Was die nördliche Hemisphäre betrifft, so waren in den Jahrzehnten des langen Booms und des kalten Krieges (bzw. des stalinistischen Terrors im Osten) viele nationale Konflikte aus Blocksolidarität unter den Teppich gekehrt oder abgeschwächt. In dieser Periode reduzierte sich die Zuspitzung nationaler Konflikte auf (im wesentlichen) Palästina, Nordirland und Südafrika. Natürlich gab es auch in dieser Phase in der halbkolonialen Welt eine Unzahl von blutigen nationalen Konflikten. Und natürlich könnte man auch die Periode 1948-1989 einer Feingliederung unterziehen. Doch die grundlegenden Bedingungen haben sich mit Ende des langen Booms in Kombination mit 1989 verändert. Mit dem weitgehenden Zusammenbruch der stalinistischen Bürokratien in Osteuropa, Rußland und Zentralasien wurde nationale Unterdrückung - und der Widerstand dagegen - offener ausgetragen. Mit dem Ende des stalinistischen Bleideckels kamen die ungelösten nationalen Fragen Eurasiens der 1920er und 1940er Jahren zum Ausbruch. Ja selbst in China, wo die Bürokratie die politische Macht noch relativ straff in den Händen hält, kamen zu den Fragen Tibet und Taiwan noch andere hinzu, wie jene der Moslems im Nordwesten Chinas. Dort bildeten die UigurInnen - wie 1997 bekannt wurde - sogar eine bewaffnete Untergrundorganisation. In Westeuropa und Nordamerika konnte die konterrevolutionäre Phase seit 1989 nur in den seltensten Fällen vom Imperialismus genutzt werden, um einen demokratisch-konterrevolutionären Frieden durchzusetzen (d.i. ein Friede, der im großen und ganzen die Interessen des dominierenden Imperialismus wahrt und durch eine demokratische Legitimation Stabilität für den Imperialismus schafft). Eine Ausnahme bildet vielleicht Nordirland, wo aus ökonomischen Gründen das protestantische Klassenbündnis im Zerfallen begriffen ist und sich ein Friede - so limitiert auch immer - abzeichnet. Eine wirkliche Lösung der nationalen Frage wäre aber nur eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland, die die Wunden der Vergangenheit auch heilt und eben das könnte nur eine revolutionäre Vereinigung, die von den Massen und nicht von oben durchgesetzt wurde. Eine andere, ebenfalls limitierte Lösung zeichnet sich bei der deutschsprachigen Minderheit in Norditalien ab. Die bürgerliche Mittelinks-Regierung ist angetreten, um den italienischen Kapitalismus für eine EURO-Teilnahme zu modernisieren. Zu deren Modernisierungskonzept gehört auch die Dezentralisierung der römischen Verwaltungskompetenzen. Im Norden Italiens sehen die Prodi-Leute die SVP als relative Stütze gegen die Lega Nord. Dies alles könnte zu Zugeständnissen an Südtirol führen. Auch Südafrika hat die über Jahrzehnte brennende nationale Frage im Sinne einer Modernisierung des Kapitalismus mit der Abschaffung der offiziellen Apartheid (für einige Zeit) entschärft. In Palästina gelang ähnliches offensichtlich trotz Bemühungen Anfang der 1990er Jahre nicht - da die ökonomischen Grundlagen Israels schwächer sind. In Westeuropa und Nordamerika konnten auch in der demokratisch konterrevolutionären Phase die meisten nationalen Konflikte nicht gelöst werden. Jüngstes Beispiel für eine Eskalation wäre etwa Quebec. Und eine Lösung wird immer unwahrscheinlicher, da ökonomische Schwächen des Imperialismus (tendenzieller Fall der Profitraten) und damit die Konfrontation zwischen den drei imperialistischen Blöcken eher zunehmen und der Verhandlungsspielraum geringer wird. In einer Zeit der potentiellen globalen Wirtschaftskrisen spitzen sich nationale Gegensätze zu. Das hervorstechende Beispiel ist wohl Indonesien, wo die Abwertung des Rupiah zu Pogromen gegen die chinesische Minderheit (Kleinbürgertum und Bourgeoisie) führte. Wir werden nicht ein Verschwinden der ach so atavistischen nationalen Gegensätze sehen, sondern ganz im Gegenteil: eine Zunahme davon. Das bedeutet nicht, daß die soziale Frage im Gegenzug an Bedeutung verliert. Im Gegenteil, das bedeutet, daß die soziale Frage an Bedeutung gewinnt, aber oft als nationale Frage in Erscheinung tritt. Das beste Beispiel hierfür ist der Kosovo. Massenarbeitslosigkeit, Ausbildungsmisere und eine stagnierende Wirtschaft sind soziale Probleme, aber der Auslöser war die serbische Repression (z.B. Entlassung aller AlbanerInnen aus dem öffentlichen Sektor). Die soziale Revolution wird in solchen Gebieten meist nur als nationaler Aufstand beginnen. Nur wer ein völlig klares Verständnis der nationalen Frage besitzt (was die Ursachen sind, worin sich der Nationalismus der Unterdrücker vom Nationalismus der Unterdrückten unterscheidet, wie als RevolutionärIn in diesen Prozeß zu intervenieren ist), kann die permanente Revolution weitertreiben. Das bedeutet in keinster Weise, daß im progressiven Nationalismus ein neues revolutionäres Subjekt per se entsteht oder eine Wiedergeburt des unbewußten Trotzkisten der VS-Tradition. Aber wir müssen verstehen, daß in vielen Gebieten die permanente Revolution nur als nationaler (und politisch: nationalistischer) Protest der Unterdrückten beginnen wird. Die Linke und die nationale Frage im Schatten der konterrevolutionären Phase 1989 Es gibt natürlich nicht eine gemeinsame Position der Linken. Aber es gibt eine Tendenz, die sich vor allem seit 1989 gezeigt hatte: Ein Zurückschrecken vor den Aufgaben, die die nationale Frage den RevolutionärInnen stellt: Die Arbeiterstaaten Osteuropas zerbröseln, es gibt weltweit immer weniger Streiks und reinen Klassenkampf und immer mehr schmutzige, nationalistische Konflikte. Nun, es gibt kaum jemals einen reinen, sauberen Klassenkampf und wenn es nationalistische Konflikte gibt, dann gibt es wohl auch nationale Unterdrückung. Zu dieser gilt es konkret Stellung zu beziehen. Sich davon abzuwenden, mit dem Argument, daß Nationalismus schmutzig sei und nichts mit Klassenbewußtsein zu tun habe, bedeutet eigentlich, nationale Unterdrückung nicht ernst zu nehmen und auf einige demokratische Rechte zu pfeifen. Subjektive SozialistInnen (die Linke) tappen leicht in die Falle, den Nationalismus der Unterdrückten mit dem Nationalismus der Unterdrücker gleichzusetzen. Eben deswegen, weil aus der Sicht jener, die Klassenkampf und Sozialismus vor Augen haben, Nation, nationaler Kampf und nationale Unterdrückung an sich unnötig, rückschrittlich, reaktionär sind. Sich gegen Unterdrückung wehren ist aber keineswegs reaktionär. Wenn sich heute ArbeiterInnen gegen die Unterdrückung von UnternehmerInnen und Regierung wehren und in einen Streik treten, so wird dieser in 99% der Fälle unter einer falschen, nämlich reformistischen Führung stattfinden. Dennoch werden alle SozialistInnen solch einen Streik gerne unterstützen. Wenn sich heute eine nationale Minderheit gegen die nationale Unterdrückung zur Wehr setzt, so wird dies in 99% der Fälle unter einer falschen, nämlich kleinbürgerlich nationalistischen Führung stattfinden, die die notwendige Spaltung des nationalen Kampfes entlang der Klassenlinie fürchtet. Im ersteren Fall machen die Linken die Streikenden offensichtlich nicht für ihre falsche Führung verantwortlich, im letzteren Fall aber sehr wohl. Genau da ist die Linke in die Falle getappt. In beiden Fällen geht es aber letztlich um etwas ganz einfaches: Wir wollen am Ende der Unterdrückung arbeiten. Das heißt: sich an der konkreten Aktion bedingungslos beteiligen, weil man im Kampf keine Vorbedingung an dem Bewußtsein der Kämpfenden machen kann. Sonst müßte man lange auf ein gemeinsames Handeln warten. Der Kampf und unsere Beteiligung dient ja gerade dazu, das Bewußtsein der Kämpfenden zu entwickeln. Deswegen beteiligen wir uns ja auch im Kampf nicht unkritisch, sondern im Gegenteil so kritisch, daß wir darlegen, weshalb die Führung der Massen ersetzt werden muß, so der Kampf zu einem dauerhaften Erfolg führen soll. Das Beispiel mit dem Streik (1) ist auch deswegen nützlich, weil es uns daran erinnert, weshalb die Einheitsfronttaktik vom Dritten Weltkongreß der Kommunistischen Internationale entwickelt wurde: Es geht letztlich um die Aufgabe, als KommunistIn mit nicht revolutionären ArbeiterInnen zusammenarbeiten zu können, Lebensinteressen (proletarische oder demokratische) mit ihnen zusammen in der Aktion zu verteidigen, ihnen Vorschläge zu machen, mit welchen Losungen und Mitteln dies am besten zu erreichen ist, so Kontakte und Vertrauen unter den Massen zu gewinnen und die besten schließlich auch vom kommunistischen Programm zu überzeugen (daher auch Propagandafreiheit während der Einheitsfront). Letztlich ist ein unter reformistischer Führung geführter Streik per se nicht mehr wert als ein Kampf gegen nationale Unterdrückung unter nationalistischer Führung. Reformismus und Nationalismus (auch der Unterdrückten) sind beides Hindernisse auf dem Weg zur Revolution und müssen letztlich überwunden werden. Der Eurostreik belgischer, französischer und spanischer ArbeiterInnen gegen das Werksstandorte-Ausspielen bei Renault z.B. ist nicht mehr wert, ist nicht prinzipiell besser als die Dorfmilizen im Kosovo, die die UCK gegen die Einheiten des serbischen Innenministeriums aufstellte. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Die belgischen GewerkschaftsbürokratInnen verkauften schließlich den Streik um Vilvoorde. Das war keine notwendige Niederlage, bedingt durch ungünstige Kräfteverhältnisse - nein, das Renault-Werk Vilvoorde ging wegen des Reformismus, der letztlich bürgerlichen Politik der Gewerkschaftsführung verloren. Die UCK verzichtet weitgehend auf den politischen Kampf, auf die Erziehung der Massen zum Aufstand, um sich auf den militärischen Kampf zu konzentrieren. Das ist genau der Grund, weshalb die UCK schließlich auch den militärischen Kampf gegen die serbische Exekutive verlieren wird. Das wird den Kosova-AlbanerInnen nicht die nationale Freiheit bringen - nicht weil das Kräfteverhältnis ungünstig ist, sondern wegen des Unvermögens der nationalen FührerInnen, eine Klassengesellschaft zu mobilisieren, d.i. zu revolutionieren. Damit aber die Massen siegen, müssen sie in dem einen Fall mit der reformistischen Führung, in dem anderen Fall mit der nationalistischen Führung, kurz mit der falschen Führung brechen und eine Alternative aufbauen. Nicht zuletzt deswegen wurde die Einheitsfronttaktik entwickelt. Wenn wir uns an einer Einheitsfront gegen nationale Unterdrückung beteiligen, so wenden wir auch die üblichen Einheitsfrontgrundsätze an: Konzentration auf wenige, aber erreichbare Ziele, wenig Vorbedingungen, so daß sich möglichst viele beteiligen können; öffentliche Kritik der Einheitsfrontpartner. Was gegenüber diesem klaren Verständnis die Linke verwirrt, ist hingegen, daß es einen relativ fortschrittlichen und einen durch und durch reaktionären nationalen Kampf gibt. Die nationalistische Logik der unterdrückenden Nation (mitunter auch dessen Proletariat) lautet ungefähr so: Wie können wir unseren Lebensstandard gegen ImmigrantInnen, Frauen oder Minderheiten schützen, ohne mit unseren UnternehmerInnen in Konflikt zu geraten? während z.B. sich im Kosovo die Frage stellt: Wie können wie AlbanerInnen es verhindern, daß unsere Brüder und Schwestern von der serbischen Polizei erschossen werden? Der eine Gedankengang hat den Chauvinismus als Grundlage, der andere ist geradezu die Gegenreaktion auf den Chauvinismus. Der Nationalismus vieler AlbanerInnen (die Serben an sich sind schlecht) ist das Produkt einer jahrhundertelangen Existenz als Unterdrückte. Der Nationalismus etwa der Deutschnationalen ist das Produkt der jahrhundertelangen Existenz der unterdrückenden Nation, sowohl in der Monarchie als auch heute. In beiden Fällen ist Nationalismus schlecht und proletarischer Internationalismus besser. Aber der Nationalismus der Unterdrückten darf uns nicht davon abhalten, mit den Unterdrückten zusammenzuarbeiten. Genausowenig wie dies der Reformismus vieler ArbeiterInnen tut. Natürlich gab es schon vor 1989 ein inkonsistentes Verhältnis der Linken zur nationalen Frage. In den 1980er Jahren war in breiten Kreisen die palästinensische Frage sehr populär. Sie richtete sich gegen den Statthalter des Imperialismus in der Region, nämlich Israel. Hingegen wurde das Recht auf nationale Selbstbestimmung Südtirols von der Linken beharrlich ignoriert, weil es sich um eine deutsche Minderheit handelt und diese Frage von der extremen Rechten aufgegriffen - tatsächlich ihr überlassen wurde (2). Die Leninsche Komintern kannte solche (erst recht wieder nationalistische) Dünkel nicht und sprach ganz offen von einer nationalen Frage, die sich nach dem Friedensvertrag von Versailles für die Deutschen im allgemeinen und für Elsaß-Lothringen im besonderen ergebe. Viele Linke kombinieren gerne und machen die Entscheidung, ob sie den Wunsch einer nationalen Einheit nach Autonomie, Abspaltung, Vereinigung etc. unterstützen oder nicht, davon abhängig, wie sich der politische Ausdruck dieser Minderheit zur sozialen Frage verhält. Sei es, daß es darauf ankommt, wie die politische Führung subjektiv zur Idee des Sozialismus steht, sei es, wie sich die Gewährung der nationalen Wünsche auf den Klassenkampf objektiv auswirken. Diese Junktimierung des nationalen Selbstbestimmungsrecht mit der sozialen Frage gefällt den Linken, weil sie sich dadurch besonders links vorkommen. Jedoch dies von den Massen einer unterdrückten oder kleinen Nation als Vorbedingung zu verlangen, wird im Endeffekt oft dazu führen, Anliegen von Minderheiten nicht zu unterstützen und damit zu ignorieren. Damit sind ernste Hindernisse auf dem Weg zu einer internationalen Klassensolidarität gelegt. Denn die ProletarierInnen der somit zurückgestoßenen nationalen Minderheit werden den restlichen Ideen der Linken dann auch wenig Vertrauen entgegenbringen und den Sozialismus, die kommunistische Idee etc. erst recht wieder mit Unterdrückung gleichsetzen. Jedenfalls kann man die Linke beruhigen: Man wird genau sowenig wie Lenin und Trotzki ein Nationalist, nur weil man mit dem Anliegen kleiner und unterdrückter Nationen sensibel und aufmerksam umgeht. Das Recht auf nationale Selbstbestimmung bedingungslos verteidigen - macht uns des kommunistischen Programms nicht verlustig. Wie denn auch? Das Recht auf nationale Selbstbestimmung gehört schließlich zu dem alten demokratisch-revolutionären Programm des Bürgertums, als dieses noch eine fortschrittliche Rolle in der Geschichte der Menschheit hatte. Als es gegen die feudalen Verhältnisse kämpfte und die Produktivkräfte revolutionierte, ihrer feudalen Fesseln entband und auf der ganzen Welt ausbreitete und damit die Grundlagen für Modernität und Sozialismus schuf. Der Zugang des Marxismus zur nationalen Frage Für Marx und Engels war die Forderung nach nationaler Einigung Teil des revolutionär-demokratischen Programms des Bürgertums gegen die alten, feudalen Verhältnisse. Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein bekämpfte das Bürgertum die verbliebene Macht des Adels und die politischen Verhältnisse der Feudalzeit. Rechtsgleichheit, Gewaltenteilung, Freiheit von der Scholle und persönlicher Abhängigkeit, Privatheit, Markt, nationale Unabhängigkeit bis hin zu Wahlrecht und Parlament - das stand auf den Fahnen des Bourgeois. Gegen die politische Revolution des Bürgertums gab es eben bis ins 19. Jahrhundert hinein zähe GegnerInnen: die ostelbischen Junker etwa, die Habsburger Monarchie und der russische Zar. Letzterer profilierte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts für die nationale Unabhängigkeit der TschechInnen, um die nationale Einigung eines anderen Volkes, der Deutschen, zu sabotieren. In dieser Konstellation sprachen Marx und Engels der Unabhängigkeit der TschechInnen einen fortschrittlichen Charakter ab. Insgesamt gehörten aber die revolutionär-demokratischen Forderungen des Bürgertums zu dem kommunistischen Programm von Marx und der I. Internationale. Denn unzweifelhaft bedeutete sie einen gewaltigen Schritt vorwärts in der Geschichte der Menschheit. Ohne die politische Revolution des Bürgertums gegen die feudalen Verhältnisse wäre etwa die industrielle Revolution und damit letztlich die heutige Technik und unser Lebensstandard undenkbar. Doch nach der Revolution von 1848 hörte das Bürgertum in den meisten Ländern auf, eine revolutionäre Rolle zu spielen. Es begann mit Vorsicht auf die ersten politischen Regungen der ArbeiterInnenklasse zu schielen. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der imperialistische Kapitalismus. Bei der Unterwerfung aller Teile der Welt unter die Trusts und Kartelle spielte Demokratie nur eine Nebenrolle. Das revolutionär-demokratische Programm gegen die Feudalität wurde vom Bourgeois rasch vergessen. Der Feudalismus löste sich entweder auf oder ging ein langfristiges, gleichsam strategisches Bündnis mit dem Bürgertum ein: z.B. in Bismarks Junkerstaat oder Rußland nach der Revolution von 1905. W.I. Lenin vertiefte das Marxsche Verständnis von der nationalen Einigung als etwas Fortschrittliches und paßte das ganze demokratische Programm der sich wandelnden Zeit an. Der Kampf um die revolutionär-demokratischen Forderungen des Bürgertums fiel nun der ArbeiterInnenklasse zu, seitdem das erstere historisch kapituliert hatte. In Österreich z.B. konnte die alte bürgerliche Forderung nach allgemeinem und gleichem Wahlrecht erst durch die ArbeiterInnenrevolution von 1919 verwirklicht werden. Auch die nationale Einigung und Unabhängigkeit hat für den Kampf der ArbeiterInnenklasse eine eigene Bedeutung. In seinen Thesen Die sozialistische Revolution und das Sebstbestimmungsrecht der Nationen (1916) schreibt Lenin u.a. folgendes: Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen bedeutet ausschließlich das Recht auf Unabhängigkeit im politischen Sinne (...) Konkret bedeutet diese Forderung der politischen Demokratie die volle Freiheit der Agitation für die Antrennung (...), so daß diese Forderung nicht der Forderung der Abtrennung, der Zerstückelung, der Bildung kleiner Staaten gleich ist (...). Je mehr die demokratische Organisation des Staates bis zur vollständigen Freiheit der Abtrennung ausgestaltet ist, desto seltener und schwächer wird in der Praxis das Bestreben auf Abtrennung sein, denn die Vorteile der großen Staaten sind sowohl vom Standpunkt des ökonomischen Fortschritts als auch von demjenigen der Interessen der Menschen zweifellos. (3) Und: Die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts ist nicht gleichbedeutend mit der Anerkennung des Prinzips der Föderation. Man kann ein entschiedener Gegner dieses Prinzips, ein Anhänger des demokratischen Zentralismus sein, aber der nationalen Nichtgleichberechtigung die Föderation als den einzigen Weg zum vollständigen demokratischen Zentralismus vorziehen. (4) Und weiters: Das Proletariat kann nicht an der für die imperialistische Bourgeoisie besonders unangenehmen Frage der Grenzen des Staates, die auf nationaler Unterjochung beruhen, stillschweigend vorbeigehen. (...) Andernfalls wird der Internationalismus des Proletariats zu leeren Worten; weder Vertrauen noch Klassensolidarität unter den Arbeitern der unterdrückten und der unterdrückenden Nation sind möglich (...). Andererseits müssen die Sozialisten der unterdrückten Nationen auf die vollständige und bedingungslose, auch organisatorische Einheit der Arbeiter der unterdrückten Nation mit denen der unterdrückenden Nation besonders bestehen und sie ins Leben rufen.(...) Denn die Bourgeoisie der unterdrückten Nationen mißbraucht beständig die Losung der nationalen Befreiung, um die Arbeiter zu betrügen. (5) Kurzum: Die ArbeiterInnenklasse kann keinen Vorteil an einem Zurück zu den kleinräumigen Gemeinschaften der Feudalzeit sehen. Aber überall, wo es unter den Massen den Ruf nach Autonomie oder nationaler Unabhängigkeit gibt, muß das Recht auf nationale Selbstbestimmung unterstützt und verteidigt werden. Wird dies nicht getan, so werden die ArbeiterInnen einer unterdrückten Nation die ArbeiterInnen der unterdrückenden Nation kaum als Brüder, sondern vielmehr als HelfershelferInnen ihrer eigenen herrschenden Klasse, der Bourgeoisie sehen. Dies fördert die Kollaboration der ArbeiterInnenklasse mit der eigenen Bourgeoisie, diesseits und jenseits der Grenzen. Diese Kollaboration ist ein gefährliches Hindernis für den Klassenkampf und somit ein Hindernis, soziale Anliegen der ArbeiterInnenklasse zu erkämpfen. Die Verteidigung des demokratischen Rechtes auf nationale Selbstbestimmung diesseits und jenseits der Staatsgrenzen ist in Wirklichkeit Mittel und Voraussetzung der Verbrüderung der ArbeiterInnenklasse, ist praktische internationale Solidarität. Lenin, der immer in internationalen Perspektiven dachte, verstand dies mit der ihm eigenen Schärfe. Der 2. Komintern-Kongreß Lenin schrieb den Entwurf zu den Thesen zur nationalen und zur kolonialen Frage für den 2. Kongreß der III. (oder kommunistischen) Internationale 1920. Diese Thesen waren noch recht allgemein, legten aber erste Fundamente: Das bürgerliche internationale (Gleichheits-)Recht verschleiert bloß die Existenz von de facto nicht gleichberechtigten, formell unabhängigen Nationen; bürgerliche, nationale Befreiungsbewegungen dieser unterdrückten Nationen müssen unterstützt werden; bei voller Propagandafreiheit und organisatorischer Selbständigkeit der Parteien der ArbeiterInnenklasse. Damit legte Lenin den Grundstein für die revolutionäre Konzeption der antiimperialistischen Einheitsfront. Doch bei jeder nationalen Befreiungsbewegung hat man es auch mit Nationalismus als Ideologie zu tun. Ohne Zweifel spielt der Nationalismus in den Reihen der ArbeiterInnenklasse keine fortschrittliche Rolle, da er die ArbeiterInnen an ihre eigene Bourgeoisie bindet. Letztlich kann man den Nationalismus in der ArbeiterInnenklasse - der zwangsläufig immer entsteht, wenn ein Volk brutal unterdrückt wird - nicht dadurch bekämpfen, indem man bloß erklärt, daß Nationalismus etwas Schlechtes ist. Den Nationalismus als bürgerliche Ideologie innerhalb der ArbeiterInnenklasse kann man nur aufheben, indem man seine Grundlagen bekämpft: die nationale Unterdrückung. Lenin hatte vom Nationalismus innerhalb der ArbeiterInnenklasse ein historisches, materialistisches Verständnis und verfiel nicht auf ein moralisches Naserümpfen, wie folgende seine Worte deutlich zeigen: Je rückständiger andererseits ein Land ist, desto stärker sind in ihm die landwirtschaftliche Kleinproduktion, der patriarchalische Geist und die Krähewinkelei, die den am tiefsten verwurzelten kleinbürgerlichen Vorurteilen, nämlich den Vorurteilen des nationalen Egoismus und der nationalen Beschränktheit, unvermeidlich zu besonderer Kraft und Dauerhaftigkeit verhelfen. Da diese Vorurteile erst nach dem Verschwinden des Imperialismus und des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern und nach der radikalen Umgestaltung aller Grundlagen des wirtschaftlichen Lebens der zurückgebliebenen Länder verschwinden können, geht das Absterben dieser Vorurteile notwendigerweise nur sehr langsam vor sich. Daraus erwächst dem klassenbewußten kommunistischen Proletariat aller Länder die Pflicht, sich besonders behutsam und besonders aufmerksam zu den überlebenden nationalen Gefühlen in den am längsten unterdrückten Ländern und Völker zu verhalten, wie auch die Pflicht, gewisse Zugeständnisse zu machen, damit dieses Mißtrauen und diese Vorurteile rascher überwunden werden. (6) Das war Lenins Urteil über den Nationalismus der unterdrückten Länder. Lenin unterschied dies von Anfang an ganz klar vom Nationalismus der Unterdrückernationen: (...) der englische Durchschnittsarbeiter halte es für Landesverrat, die Aufstände der geknechteten Völker gegen die englische Herrschaft zu unterstützen. Es ist richtig, daß die (...) chauvinistisch gestimmte Arbeiteraristokratie Englands und Amerikas die größte Gefahr für den Sozialismus und die stärkste Stütze der II. Internationale ist, daß wir es hier mit dem schlimmsten Verrat der Führer und Arbeiter zu tun haben, die dieser bürgerlichen Internationale angehören. Ein Verrat der Arbeiter! (7) Die nationale Frage im ArbeiterInnenstaat Nach der Oktoberrevolution 1917 übernahm die ArbeiterInnenklasse die politische Macht im ehemaligen Zarenreich. Die Reste des feudalen Staates wurden ebenso wie das bürgerliche Parlament durch die proletarische Staatsform ersetzt. Diese bestand aus Räten (Sowjets) - Delegierte der Massen, die ihrer Basis rechenschaftspflichtig waren. Nach und nach wurde auch die soziale Macht der UnternehmerInnen gebrochen; Betriebe standen unter ArbeiterInnenkontrolle und wurden dann vom Staat übernommen. Es wurde eine geplante Wirtschaft aufgebaut. Privatbesitz an Produktionsmittel blieb nur auf dem Land (bis zur Kollektivierung der Landwirtschaft unter Stalin ab 1929) erhalten. Welche Rolle spielt hier noch die Nation, ein Gebilde, daß mit dem Aufkommen des Bürgertums einherging? Tatsächlich entspricht die Nation den Bedürfnissen der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Im Rahmen einer geplanten Wirtschaft mit vergesellschaftetem Eigentum an Produktionsmitteln besteht für die Nation kein Bedarf. Keine Bourgeoisie kann Kleinbürgertum und ArbeiterInnenklasse mit dem machtvollen Band von gemeinsamer Kultur, Sprache und Wirtschaftsraum an sich binden. Ganz einfach deswegen, weil es keine Bourgeoisie mehr gibt. Die historische Notwendigkeit der Nation fällt weg. Doch wie die meisten historischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft wird die Nation mit der Machtergreifung der ArbeiterInnenklasse nicht einfach per Dekret abgeschaft. Genauso unsinnig wäre es z.B. Kleinfamilie und Ehe zu verbieten (was die Bolschewiki auch nicht taten) oder eine bestimmte proletarische oder sozialistische Kunst zu dekretieren (was später die StalinistInnen versuchten). Die ArbeiterInnen an der Macht stellten 1918 die Frau vor dem Gesetz dem Mann gleich, ermöglichten die Ehescheidung und bauten Kindergärten, Großkantinen und Gemeindewäschereien auf. An diesem Beispiel wird ersichtlich, daß die Elemente der bürgerlichen Gesellschaft, wie eben Kleinfamilie und Ehe, sich erst dann in eine reifere, historisch entwickeltere Form erheben, wenn dies die materielle Basis, sprich die Ökonomie, erlaubt. Die Kleinfamilie in der Stadt und die Großfamilie auf dem Land blieben auch in Sowjetrußland die häufigste Form des Zusammenlebens. Die Familie bietet persönliche Unterstützung, die die Gesellschaft ohne Familie noch nicht ersetzen kann, solange sie nicht mehr Überfluß produziert als im Kapitalismus. Genauso verhält es sich mit der Kunst oder eben der Nation und dem Staatsapparat. Natürlich haben Staatsapparat und Nation im ArbeiterInnenstaat eine andere Funktion, Form, Typus und Gesicht als im Kapitalismus. Aber solange etwa die geplante Wirtschaft nicht alle historisch gewachsenen Gebiete aneinander angepaßt, angeglichen, unterschiedslos miteinander verwoben und die Entwicklungsunterschiede aufgehoben hat, solange wird es Reste der alten Nationen und wohl auch Nationalbewußtsein geben. So gesehen, und in einer weitgespannten historischen Perspektive, ist Nationalbewußtsein nichts anderes als eine Ideologie des Mangels. Erst im allgemeinen Reichtum - dem Sozialismus - wird es keinen Anlaß mehr geben, sich etwa als Deutsche von den PolInnen abzugrenzen. In Lenins Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen Frage für den 2. Komintern-Kongreß findet sich auch ein Passus über die Föderation: Ein starker Zusammenhalt der verschiedenen Sowjetstaaten ist - solange es auch militärisch und wirtschaftlich überlegene kapitalistische Staaten gibt - notwendig. Das Prinzip des Zentralismus ist an sich am besten geeignet, die gesamten Ressourcen der ArbeiterInnenstaaten gegen den Kapitalismus zu mobilisieren. Aber erst mit dem weltweiten Sieg und dem Sozialismus kann es zur Aufhebung der Nationen als historisches Produkt kommen. Bis dahin muß man äußerst behutsam mit nationalen Fragen umgehen, denn im ArbeiterInnenstaat ist die nationale Frage (Grenzen, Sprache, Erinnerung an nationale Unterdrückung, ungleiche ökonomische Entwicklung) keineswegs verschwunden. In einer der letzten Aufzeichnungen Lenins (Zur Frage der Nationalitäten oder der Autonomisierung , Dezember 1922) verurteilt er in klaren Worten den Einsatz von Waffengewalt des Sowjetverantwortlichen Ordschonikidses gegen die georgische Bevölkerung, wofür er politisch Stalin und Dserschinski verantwortlich machte. Lenin wörtlich und bissig: Unter diesen Umständen ist es ganz natürlich, daß sich die Freiheit des Austritts aus der Union, mit der wir uns rechtfertigten, als ein wertloser Fetzen Papier herausstellen wird, der völlig ungeeignet ist, die nichtrussischen Einwohner Rußlands vor der Invasion jenes echten Russen zu schützen ... Und immer wieder: Man muß unterscheiden zwischen dem Nationalismus einer unterdrückenden Nation und dem Nationalismus einer unterdrückten Nation, zwischen dem Nationalismus einer großen Nation und dem Nationalismus einer kleiner Nation. (8) Lenin weist Stalins Plan der Autonomisierung (die nicht-russischen Republiken sollen der RFSR beitreten und autonome Gebiete werden) als verfrüht zurück und überlegt sogar, ob ein Schritt zurück angebrachter wäre: Reduktion des Unionsapparats auf gemeinsame militärische und diplomatische Koordinierung. De facto setzte Stalin wenig später sein Konzept unter dem (nun eigentlich mystifizierenden) Namen UdSSR durch. Lenin: Deshalb muß der Internationalismus seitens der unterdrückenden oder sogenannten großen Nation (...) darin bestehen, nicht nur die formale Gleichheit der Nationen zu beachten, sondern auch solch eine Ungleichheit anzuerkennen, die seitens der unterdrückenden Nation, der großen Nation, jene Ungleichheit aufwiegt, die sich faktisch im Leben ergibt. Denn, so Lenin, hier muß man darauf achten, die proletarische Klassensolidarität nicht zu verletzten: Weil nichts die Entwicklung und Festigung der proletarischen Klassensolidarität so sehr hemmt wie die nationale Ungerechtigkeit und weil die gekränkten nationalen Minderheiten für nichts ein so feines Gefühl haben, wie für die Gleichheit und für die Verletzung dieser Gleichheit durch ihre Genossen Proletarier. Deshalb ist in diesem Falle ein Zuviel an Entgegenkommen und Nachgiebigkeit gegenüber den nationalen Minderheiten besser als ein Zuwenig. (9) Ein Beispiel: Polen 1920 Auch wenn die proletarische Staatsmacht mit einem kapitalistischen Land Krieg führt, spielen solche Überlegungen eine Rolle, ja fließen sogar in die konkrete Kriegsführung ein. Das wohl eindrucksvollste Beispiel gab Trotzki während des Krieges der Sowjetrepublik mit Polen vom April bis Oktober 1920. Nach Scheitern der direkten militärischen Intervention der imperialistischen Armeen während des Bürgerkrieges versuchten es die Westmächte ein letztes Mal mit einer indirekten militärischen Intervention, mittels des bürgerlichen Polens. Die Ausgangslage schien daher relativ eindeutig: Ein militärisches Vorgehen der Roten Armee kann nur als eine Verteidigung der Errungenschaften der Oktoberrevolution und höchstens ein Zuhilfekommen für die von General Pilsudski unterdrückten polnischen ArbeiterInnen verstanden werden. Das ist nicht bloß eine politische Frage, sondern auch eine militärische. Denn im Krieg entscheidet nicht bloß das überlegene Material (der gesellschaftliche Reichtum), sondern genauso die Moral. Moral bedeutet: die Soldaten identifizieren sich mit dem Kriegsziel, auch nach den Strapazen des Kampfes. Die Sowjetsoldaten verteidigen mit dem Gewehr ihre eigenen Klasseninteressen, die polnischen Soldaten müssen ein Regime der Ausbeutung und Unterdrückung verteidigen. Keine Frage, auf welcher Seite die Moral größer sein wird. Doch Trotzki, Oberbefehlshaber der Roten Armee, drängte, so lange es ging, auf Verhandlungen, um den Krieg zu verhindern. Pilsudski versuchte dies militärisch auszunutzen und die polnische Armee drang tief in die Sowjetgebiete vor. Trotzki wußte, daß die polnischen ArbeiterInnen eben nicht nur ArbeiterInnen, sondern auch Polen waren und daß das kollektive Gedächtnis der Polen voll der Erniedrigungen ist, die die polnische Nation über Jahrhunderte hindurch von Rußland erfahren hatte. Konnten die Polen denn sicher sein, daß hier nicht wieder der russische Stiefel (wenngleich diesmal unter einem roten Stern) marschierte? Die defensive Kriegsführung Trotzkis gab den polnischen ArbeiterInnen zumindest die praktische Gelegenheit zu verstehen: Es ist Pilsudski und hinter ihm die Großmächte, die die Sowjetordnung, die geplante und vergesellschaftete Wirtschaft zerstören wollen. Doch hören wir Trotzki selbst: Der damalige englische Premier Bonard Law zitierte im Unterhaus meinen Brief an die französischen Kommunisten als Beweis dafür, daß wir im Herbst 1920 die Absicht gehabt hätten, Polen zu vernichten. Eine ähnliche Behauptung ist im Buche des ehemaligen polnischen Kriegskommissar Sikorski enthalten (...) Das alles ist von Anfang bis Ende purer Unsinn. Selbstverständlich hatte ich niemals Veranlassung gehabt, dem Polen Pilsudskis meine Symphatien auszusprechen. daß heißt dem Polen der Unterjochung und Bedrückung unter dem Deckmantel patriotischer Phrasen und heldischer Prahlerei. Man kann mühelos nicht wenige meiner Erklärungen sammeln, wonach wir, falls uns Pilsudski den Krieg aufzwingen sollte, uns bemühen würden, nicht auf halbem Weg stehenzubleiben. Erklärungen solcher Art ergaben sich aus der Situation. Aber daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, wir hätten den Krieg mit Polen gewollt oder vorbereitet, heißt den Tatsachen und dem gesunden Verstand gegenüber zu lügen. Wir wollten mit allen Kräften diesen Krieg vermeiden. Wir haben zu diesem Zweck kein Mittel ungenutzt gelassen. Sidkorski gesteht, daß wir äußerst geschickt die Friedenspropaganda getrieben hätten. Er versteht es nicht, oder tut, als verstehe er es nicht, daß das Geheimnis dieser Geschicklichkeit sehr wenig geheimnisvoll war: Wir erstrebten aus allen Kräften den Frieden, selbst um den Preis großen Konzessionen. Vielleicht bin in erster Reihe ich es gewesen, der diesen Krieg zu vermeiden trachtete, denn ich hatte nur klar vorausgesehen, wie schwer es uns werden würde, ihn nach drei Jahren ununterbrochenen Bürgerkrieges zu führen. Die polnische Regierung hat, was wiederum aus dem Buche Sikorskis klar ersichtlich ist, den Krieg bewußt und vorsätzlich begonnen, trotz unserer unermüdlichen Bestrebungen, den Frieden zu wahren, Bestrebungen, die unsere Außenpolitik in ein Gemisch aus Geduld und pädagogischer Beharrlichkeit verwandelte. (...) Pisudski zwang uns den Krieg auf. Wir konnten diesen Krieg nur deswegen führen, weil die breiten Volksmassen tagaus, tagein unser diplomatisches Duell verfolgt und sich restlos davon überzeugen konnten, daß der Krieg uns aufgezwungen ward; und sie hatten sich nicht ein Jota darin geirrt. (...) (10) Es sei nicht unerwähnt, daß Trotzkis Kriegsführung auch den russischen Bauern die Möglichkeit gab, noch einmal ihr letztes in der Uniform der Roten Armee zu geben, gerade weil durch Trotzkis Agieren der Eindruck eines bolschewistischen Angriffskrieges vermieden wurde. Denn die Bauern unterstützten die Bolschewiki, weil sie diese mit der Agrarreform identifizierten. Deswegen waren sie bereit, die Oktoberrevolution zu verteidigen - nicht aber, für ArbeiterInnen fremder Länder ihr Leben zu lassen 11). Weil Trotzki das Heer politisch mobilisieren konnte, gelang es schließlich, die polnischen Truppen aus dem Sowjetgebiet zu fegen und schließlich bis vor Warschau vorzudringen. Allerdings führte dies nicht dazu, daß die polnischen ArbeiterInnen die schwache Stellung Pilsudskis im Spätsommer 1920 zur Organisierung eines Aufstandes gegen die polnische Bourgeoisie ausnützten: Die Besetzung Kievs durch die Polen, die an sich jeden militärischen Sinnes entbehrte, erwies uns einen großen Dienst: Das Land wurde aufgerüttelt.(...) Unsere Erfolge begannen. Die Polen gingen mit einer Schnelligkeit zurück, mit der ich nicht gerechnet hatte.(...) Es entstand und festigte sich die Stimmung, den Krieg, den wir als Verteidigungskrieg begonnen hatten, in einen revolutionären Angriffskrieg umzuwandeln. Prinzipiell konnte ich natürlich kein Argument dagegen haben. Die Frage lief auf das Kräfteverhältnis hinaus. Eine unbekannte Größe bildete die Stimmung der polnischen Arbeiter und Bauern. Einige polnische Genossen, wie der verstorbene J. Marchalewski, der Mitarbeiter Rosa Luxemburgs, schätzte die Lage sehr nüchtern ein. (...) (12) Als die Rote Armee von der Defensive in die (vorerst erfolgreiche) Offensive ging, gab es erste Anzeichen, daß die polnischen ArbeiterInnen und Massen gerade wenig Lust auf revolutionäre Verbrüderung mit den Russen hatten. Die Stadt Lwow z.B. zeigte trotz ihres hohen Anteils an proletarischer Bevölkerung erbitterten Widerstand gegen die rote Armee. Auch gelang es der Roten Armee nicht, polnische Kriegsgefangene oder Freiwillige in der Roten Armee zu verwenden. (13) Pilsudski selbst hatte keinen blassen Schimmer vom Leben der polnischen ArbeiterInnen, aber er verstand etwas vom (verletzten) nationalen Stolz. In seiner Autobiographie schrieb er später: Polen war über hundertzwanzig Jahre von fremder Herrschaft überwältigt; eine Herrschaft, die es so leidenschaftlich haßte, weil sie durch die Macht der feindlichen Bajonette aufrechterhalten wurde. Als Tuchaschewsky seine Hand nach dem Zentrum unseres nationalen Lebens ausstreckte, nach Warschau, unserer Hauptstadt, als seine Bajonette bei uns ihre Arbeit getan haben, blieb der einzig bleibende Platz für die Sowjetrevolution jener, wo diese entstanden ist, während sie für Polen keine Gültigkeit hatte. Dabei haben all die Berechnungen von Tuchaschewsky auf der Idee basiert, daß man bloß den Bajonetten das Wort zu geben braucht, um der Sowjetrevolution eine Entwicklungschance in jenen Ländern zu geben, die besetzt wurden. (14) So sah es der bürgerliche General Pilsudski. Wie sah es Trotzki auf der anderen Seite? Es gab die heiße Hoffnung auf einen revolutionären Aufstand der polnischen Arbeiter. Jedenfalls entstand in Lenin der feste Plan, die Sache bis ans Ende durchzuführen, das heißt in Warschau einzumarschieren, um den polnischen Arbeitermassen zu helfen, die Regierung Pilsudskis zu stürzen und die Macht zu ergreifen. (...) Ich widersetzte mich dem entschieden. Die Polen baten bereits um Frieden. Ich war der Ansicht, daß wir den Höhepunkt der Erfolge erreicht hätten und, falls wir ohne Berechnung unserer Kräfte weiter vorrückten, an den errungen Siege vorüber in die Niederlage kommen könnten. (...) (15) Die jahrhundertlange Tradition von nationaler Unterdrückung spielte für die polnischen ArbeiterInnen und Bauern in Uniform eine größere Rolle, als es dem revolutionären Optimismus der Sowjetführung lieb war. Das ganze nationale Outfit der sowjetischen Gegenoffensive verhinderte, daß die PolInnen in den SowjetsoldatInnen ihre Klassenschwestern und -brüder sahen und die Gewehre gegen Pilsudski kehrten. Das Wunder an der Weichsel fand statt:. Pilsudski konnte Warschau erfolgreich verteidigen. Und das militärische Abenteuer war in der Zwischenzeit leider auch zu einen politischen geworden: Der Fehler der strategischen Berechnung im polnischen Krieg hatte große geschichtliche Folgen. Das Polen Pilsudskis kam ganz unerwartet gefestigt aus dem Krieg heraus. Dagegen war der Entwicklung der polnischen Revolution ein grausamer Schlag zugefügt worden. (16) Was können wir heute daraus lernen? Ein richtiges, historisch-materialistisches Verständnis der nationalen Frage ist nicht bloß eine Frage von hehren Idealen. Das richtige Verständnis von demokratischen Fragen - zu denen auch die nationale Frage zählt - entscheidet über Erfolg oder Mißerfolg der sozialen Revolution des Proletariats. Es gibt nichts Dümmeres, als etwa soziale gegen demokratische Forderungen auszuspielen und über letztere, weil alt und bürgerlich, die Nase zu rümpfen. Für die Massen gibt es diesen akademischen Unterschied nicht. Und es sind die Massen, die Revolutionen machen, und nicht die Partei. Die wirklich großen Marxisten wie Lenin und Trotzki haben das immer verstanden. Anmerkungen: (1) Trotzki führte dieses Beispiel in den 1930er Jahren des öfteren an. (2) Ganz analog dazu zollt etwa die RKL dem sardischen Nationalismus Tribut (Klassenkampf Nr.54), weil sich die Sardigna Natzione eine sozialistische Rhetorik geben. Einen Luxus, den die Kosova-AlbanerInnen bislang nicht aufbrachten. Weshalb ihr Verlangen, den Kosova von Serbien zu lösen, von der RKL beharrlich ignoriert wird. (3) Lenin Werke, Band 22, Seite 147, 148 (4) Ebenda, Seite 148 (5) Ebenda, Seite 149 (6) Lenin Werke, Band 31, Seite 138, 139 (7) Ebenda, Seite 233 (8) Lenin Werke, Band 36, Seite 591 (9) Ebenda, Seite 594 (10) Trotzki: Mein Leben, Dietz Verlag 1990, Seite 406ff. (11) In mehreren ländlichen Gebieten hielt sich noch einige Jahre nach 1917 das Mißverständnis, daß die Bolschewiki und die Kommunisten zwei unterschiedliche Parteien sein. (12) Trotzki: Mein Leben, Dietz Verlag 1990, Seite 406ff. (13) Siehe auch Erich Wollenberg, The Red Army. London 1978 {1938}, Seite 144f. In diesem Buch eines deutschen Freiwilligen in Trotzkis Roter Armee findet sich ein eigenes Kapitel über die Polnischen Feldzug. (14) Ebenda, Seite 144f; eigene Übersetzung. Wollenberg zitiert hier aus der Autobiographie Pilsudskis, die von diesem späteren Faschisten kurioserweise The Memories of a Polish Revolutionary and Soldier betitelt wurde. Tuchaschewski war der Oberbefehlshaber der Sowjettruppen, die gegen Polen zum Einsatz kamen und ein Anhänger der linken Militäropposition gegen Trotzki, die die proletarische Revolution vorwiegend mittels Waffengewalt in Europa verbreiten wollten. (15) Trotzki: Mein Leben, Dietz Verlag 1990, Seite 406ff. (16) Ebenda. Siehe auch Trotzkis Resume in: Military Doctrine or Pseudo-military Doctriniairism (1921). Military Writings, Pathfinder Press 1986, Seite 49. |