| Das Schwarzbuch des Kommunismus: Vorwärts, Vorwärts und schnell vergessen! Als der französische Verlag Robert Laffonte das Livre noir du communisme (Schwarzbuch des Kommunismus) veröffentlichte, wollte er dem französischen Publikum klarmachen, daß Nationalsozialismus und Kommunismus dasselbe sei. Auch wenn der ehemalige maoistische Berufsrevolutionär und jetzige Herausgeber des Schwarzbuch des Kommunismus Stephane Courtois behauptet, er hätte nichts mit Politik zu tun, so betreibt dieser selbstgefällige Historiker doch nichts anderes als anti-kommunistische Politik. Es ist eine bekannte Arbeitsteilung in der bürgerlichen Gesellschaft zwischen jenen, die die Herrschaft ausüben und jenen, die sie ideologisch rechtfertigen. Angesichts immer stärker werdender sozialer Spannungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft z.B. 35.7 Millionen US-AmerikanerInnen und 50 Millionen EU-BügerInnen leben unter der Armutsgrenze wächst der Bedarf nach Ideologien, daß dieses System das beste aller möglichen ist. Es gilt zu beweisen, daß jede gesellschaftsverändernde Perspektive zwangsläufig in einem totalitären, diktatorischen System enden muß. Daher die Gleichstellung faschistischer und kommunistischer Verbrechen.
Wer kommt ins Guiness Buch der Rekorde? Die wichtigste These des Schwarzbuch ist die Gleichsetzung von Klassengenozid mit Rassengenozid. Das wäre an und für sich nichts Neues, da revisionistische AutorInnen der extremen Rechten seit Jahren versuchen, die Verbrechen der Nazis zu relativieren und jenen des Kommunismus gleichzusetzen. Doch das Neue an dem Schwarzbuch ist, daß es von Alt-68ern geschrieben wurde und somit nicht den Hinterzimmergeruch des Revisionismus trägt. Nichtsdestotrotz treffen sich hier Konvertierte und solche, die es schon immer gewußt haben, zu einem zynischen Zahlenspiel und erheben den Fetisch der Zahlen zur göttlichen Erkenntnis. Doch wie fragwürdig solche Zahlenspiele sind, läßt sich anhand eines Beispiels eindrucksvoll darstellen. Die vielen Millionen Opfer des Kommunismus werden von den AutorInnen auf höchst dubiose Art errechnet. Die 150.000 kommunistischen Opfer in Lateinamerika gehen z.B. darauf zurück, daß die AutorInnen die 50.000 Toten des Bürgerkrieges gegen die Somoza-Diktatur in Nicaragua und die 50.000 Toten des Krieges gegen die von den USA finanzierten Contras alle auf das Konto der SandinistInnen verbuchen. So rasch sind dann also 100.000 Opfer des Kommunismus beisammen. Was kann man hier also noch als revolutionärer Kommunist einwenden, gegen so viel bürgerlich-demokratische Mathematik?!
Erkenntnis versus Herrschaftslegitimation Bürgerlich-demokratische IdeologInnen haben den Begriff Totalitarismustheorie erfunden für jenes seltsame Gedankengebäude, das alle nicht-liberalen Systeme in einen Topf wirft. Als Ende der 1930er Jahre die Theorie des bürokratischen Kollektivismus - eine linke Variante der Totalitarismustheorie - entstand, war dies ebenso wenig ein Zufall wie die Wiederbelebung der bürgerlichen Totalitarismustheorie nach dem Zusammenbruch des Stalinismus. Die TheoretikerInnen des bürokratischen Kollektivismus versuchten, die Degeneration der russischen Revolution und die Ursachen des Hitler-Stalin-Paktes zu erklären. Es war aber im wesentlichen eine Kapitulation vor dem ansteigenden demokratischen Antikommunismus. Von der entgegengesetzten Richtung nähert sich die bürgerliche Totalitarismustheorie. Sie betet den Fetisch der bürgerlichen Demokratie an und opfert als brave Dienerin die Wissenschaftlichkeit auf ihrem Altar: Völlig unterschiedliche Gesellschaftsformen wie eine nachkapitalistische Planwirtschaft und ein faschistischer Staatskapitalismus werden auf dieselbe Stufe gehoben. Beide Theorie gründen auf einer völlig oberflächlichen, empiristischen Analyse. Einige Ähnlichkeiten in der Erscheinungsform - Unterdrückung demokratischer Freiheiten, Diktatur, staatliche Wirtschaftsfunktionen - reichen aus, um für die bürgerlichen IdeologInnen eine Wesensgleichheit von an sich gegensätzlichen Gesellschaftssystemen herzustellen. Doch in Wirklichkeit trennen Faschismus und Stalinismus unterschiedliche Produktionsverhältnisse. Ersterer beruht - unabhängig von gewissen staatlichen Koordinierungsfunktionen - auf dem Privateigentum und dem kapitalistischen Wertgesetz. Letzterer hat nachkapitalistische, proletarische Eigentumsverhältnisse zur Grundlage. Eine solche Verwechslung ist etwa ebenso dumm wie die Gleichsetzung des monarchistischen Frankreich eines Louis XIV. mit dem des Napoleon Bonaparte. Beide hatten einen Kaiser an der Spitze und KritikerInnen landeten im Gefängnis. Aber während das eine noch auf feudalistischen Klassenverhältnissen beruhte, hatte das andere bereits moderne, kapitalistische Produktionsverhältnisse zur Grundlage. Letztlich dient die bürgerliche Ideologie nicht der Erkenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern der Verschleierung und Legitimation der besten aller Ordnungen, nämlich jener, die gerade existiert: der kapitalistischen. Stalinismus: Gegenteil des Kommunismus Viele Linke begehen nun den gegenteiligen Fehler und verteidigen das stalinistische System. Natürlich sprechen die meisten von Auswüchsen der bürokratischen Herrschaft die Zeiten, wo man als trotzkistischeR KritikerIn der UdSSR weitgehend isoliert war, sind vorbei. Doch irgendwie sei die stalinistische Diktatur doch etwas anderes. Als revolutionäre TrotzkistInnen haben wir immer klar unterschieden zwischen dem, was wir an den stalinistischen, degenerierten ArbeiterInnenstaaten verteidigen und was nicht. Unsere Verteidigung der UdSSR lag nicht darin begründet, daß wir die politische Herrschaftsform die brutale bürokratische Diktatur für besser hielten als bürgerliche Demokratie oder Faschismus. Das fortschrittliche dieser Staaten war ausschließlich ihre wirtschaftliche und soziale Grundlage: der geplante Charakter der Ökonomie trotz aller bürokratisch verursachter Verzerrung und Verschwendung. Die Überwindung der kapitalistischen Anarchie enthält das Potential enormer sozialer Fortschritte, was sich auch in der beeindruckenden Industrialisierung und diversen sozialen Reformen andeutete. Genau wegen dieser nach-kapitalistischen Wirtschaft bezeichnen wir diese Staaten als ArbeiterInnenstaaten. Jedoch sind sie aufgrund der Diktatur einer bürokratischen Kaste degenerierte ArbeiterInnenstaaten, weswegen in diesen Staaten eine politische Revolution der ArbeiterInnenklasse zum Sturz dieser privilegierten herrschenden Schicht notwendig war. Denn das Gewicht der parasitären Bürokratie erdrückte letztlich nicht nur jegliche demokratische Freiheit, sondern auch den wirtschaftlichen Fortschritt. Der Stalinismus war von Anfang an ein zum Tode verurteiltes System. Daher gibt es für uns, im Unterschied zu diversen linken HistorikerInnen, auch keine Notwendigkeit, die Verbrechen des Stalinismus künstlich in ein besseres Licht zu stellen und sie auch nur irgendwie als unvermeidliche Modernisierungsopfer zu verharmlosen. Selbstverständlich ist es bei jeder revolutionären Umwälzung der Gesellschaft unvermeidlich, gewisse Gewaltmaßnahmen gegen die AnhängerInnen der alten Ordnung anzuwenden. Wir MarxistInnen scheuen uns nicht davor, die Notwendigkeit der Anwendung eines roten Terrors in einer Bürgerkriegssituation anzuerkennen. Doch was den gerechtfertigten roten Terror der frühen, revolutionären Sowjetunion von dem Massenterror der stalinistischen Bürokratie unterscheidet, sind sowohl Form als auch Inhalt. Der stalinistische Terror richtete sich in erster Linie gegen die Masse der ArbeiterInnen und Bauern und liquidierte vorzugsweise oppositionelle KommunistInnen. Er diente der Aufrechterhaltung der bürokratischen Herrschaft. Der revolutionäre Terror dagegen dient der Verteidigung der Rätemacht der ArbeiterInnen und Bauern in Situationen des zugespitzten militärischen Kampfes und richtet sich daher vor allem gegen ausgewählte AktivistInnen der Konterrevolution. Außerhalb solcher Bürgerkriegsperioden wollten die Bolschewiki die Todesstrafe abschaffen (und taten dies auch in ruhigeren Zeiten). Deswegen forderte der revolutionäre Terror selbst in den Jahren des blutigen Bürgerkrieges 1918-20 vergleichsweise wenig Opfer (ca. 50.000), während der Stalinismus Millionen Menschen außerhalb jeglicher zugespitzter Bürgerkriegsperiode ermordete. Nur die völlige Öffnung der sowjetischen Archive kann Aufschluß über die genaue Opferbilanz des Stalinismus geben. Es ist kein Zufall, daß das bürgerliche Jelzin-Regime die Sowjetarchive weitgehend verschlossen hält. Nicht die revolutionäre Idee, sondern nur Bürgerliche und StalinistInnen haben von einer solchen Öffnung etwas zu befürchten. Die Aufgabe zukünftiger marxistischer Geschichtsforschung wird sein, nicht nur ein wahrheitsgetreues Schwarzbuch des Stalinismus zu verfassen, sondern auch ein Schwarzbuch über die Verbrechen der bürgerlichen Herrschaft sei es in ihrer faschistischen oder in ihrer demokratischen Form (mit den unzähligen Opfern der US-Atombombenabwürfe oder der Hungerblockade gegen den Irak). |