150 Jahre Kommunistisches Manifest

Vor 150 Jahren wurde das Kommunistische Manifest, ein Auftragswerk des Bundes der Kommunisten, von dem noch jungen Marx (29 Jahre) verfaßt.
Kein anderes Werk hat in der ArbeiterInnenbewegung und in der Literatur solch tiefe Spuren hinterlassen wie dies das Manifest tat. Bereits 25 Jahre nach der ersten Veröffentlichung erklärten Marx und Engels, daß sie trotz einiger überholter sekundärer Stellen von einer Überarbeitung absehen, da das Werk bereits zu einem historischen Dokument wurde.
Nichtsdestotrotz ist die Aufgabe von MarxistInnen heute nicht jene, die Dokumente aus vergangenen Tagen der ArbeiterInnenbewegung in unkritischer Weise in den Himmel zu loben, sondern jene, ihre aktuelle Bedeutung zu überprüfen. Dieser Artikel soll in diesem Sinne also eine Annäherung an die großen, immer noch gültigen Erkenntnisse sein, andererseits sollten aber auch die überholten Aspekte benannt und aufgezeigt werden, was unter den veränderten Bedingungen ein revolutionäres Programm heute beinhalten müßte.

Die wesentlichen Erkenntnisansätze

1. Der Historische Materialismus, der von Marx und Engels kurze Zeit vorher entwickelt worden war, fand im Manifest erstmals seinen öffentlichen Ausdruck. Diese Entdeckung hat zwei wesentliche Mängel der früheren Geschichtsauffassung beseitigt. Einerseits nur die ideellen Motive des Handelns der Menschen zum Gegenstand zu machen und andererseits die Handlungen der Massen nicht zu betrachten.
Im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung beginnt das Manifest im ersten Kapitel auch mit den Worten: “Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen.”(1) Gerade diese fundamentale These von Marx wurde in den letzten Jahren wieder einmal bestätigt, als nach dem Zusammenbruch des Stalinismus viele bürgerliche PolitikerInnen und JournalistInnen vom “Ende der Geschichte” und dem Ende der Konflikte redeten. Daß dem nicht so ist und daß die nationale Unterdrückung, die ökonomische Abhängigkeit der Länder des Südens zunimmt und auch die Ausbeutungsverhältnisse alles andere als abnehmen, beweist eindrücklich, daß mit dem Bestehen einer Klassengesellschaft auch die Klassenauseinandersetzung nicht aufhören kann. Beispiele gibt es zuhauf: Unterdrückung im Kosovo, Revolution in Albanien, Golfkrieg, die Massenstreiks in Südkorea oder Frankreich.
2. Auch wenn Marx das wissenschaftliche Verständnis des Kapitalismus erst im Kapital erarbeitete, so sind einige wesentliche Züge sehr wohl schon im Manifest enthalten. Marx beschrieb, daß der Wert einer Ware, also auch jener der Arbeit, gleich ihren Reproduktionskosten ist. Auch die Aneignung des Mehrwertes durch die KapitalistInnen und die Konkurrenz als ein Motor der ökonomischen Beziehungen wurden im Manifest angedeutet.
Eine weitere These, die im Manifest aufgestellt wurde, jene, daß die ArbeiterInnenklasse einem zahlenmäßigen Wachstum unterworfen ist, wurde in den letzten Jahrzehnten ebenfalls aufs eindrücklichste bestätigt. Das zeigt auch die Beschäftigungsquote der Frauen: In der ersten Hälfte des Jahrhunderts betrug der Anteil der Frauen, die im Erwerbsprozeß integriert waren, stabile 34%. 1983 überstieg dieser Wert bereits die 40% Marke.
Aber auch die These von der Konzentration des Reichtums bestätigt ihre Richtigkeit täglich. 1% der österreichischen Bevölkerung besitzt heute 25% des gesamten Vermögens. Im internationalen Maßstab fällt die “Verteilung” des Reichtums noch viel eindeutiger aus.
3. Auch die “Verelendungstheorie” oder besser gesagt, die Tendenz des Kapitalismus, das Lebensniveau der ArbeiterInnen zu senken, zeigt sich in der Realität täglich. Selbst wenn heute nicht nur bürgerliche KlassenvertreterInnen diese Theorie bestreiten, sondern auch SozialdemokratInnen den immerwährenden Fortschritt beschwören, ändert dies nichts an den Gegebenheiten. Beginnen wir mit den imperialistischen Zentren, in welchen es laut Christlichsozialen, SozialdemokratInnen und gewendeten StalinistInnen eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen geben soll. 1985 lebten “in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft 50 Millionen Menschen, rund 15% der Gesamtbevölkerung, in Armut; in den USA, wo die offizielle Armutsgrenze etwa 41% des Durchschnittseinkommens entspricht, wurden 33 Millionen Menschen, 14% der Bevölkerung, als arm eingestuft. Sieben Jahre später, 1992 gab es in den USA 35,7 Millionen Arme”(2)
In den Halbkolonien Afrikas sieht die Lage noch trister aus. In den 1980er Jahren schrumpfte das durchschnittliche Einkommen jährlich um 0,5%. In den Jahren 1990 bis 1993 beschleunigte sich dieser Trend noch und das Pro-Kopf-Einkommen sank jährlich um 1,5%.(3) Aber auch “in Lateinamerika und der Karibik, wo 1990 rund 10% der Armen lebten, nahm die Armut in den 80er Jahren in absoluten Zahlen wie auch als Anteil der Bevölkerung zu.”(4)
Das beweist natürlich nicht das Wirken einer permanenten Tendenz zur absoluten Verelendung. Tatsächlich ist diese auf bestimmte Regionen und Perioden der Geschichte beschränkt. Im allgemeinen hat aber der Wert der Ware Arbeitskraft zugenommen (absolut), aber gleichzeitig sind die Unterschiede zwischen den Klassen gewachsen (relative Verelendung).
Nicht übersehen werden darf jedoch, daß seit den Krisen der 1970er Jahre die Tendenzen zur absoluten Verelendung wieder zunehmen und in einer Reihe von Ländern (vor allem in Afrika, Lateinamerika, aber auch in den USA) sogar wieder eindeutig vorherrschen. “Der Anteil der reichsten 20% der Bevölkerung am Welteinkommen stieg zwischen 1960 und 1991 von 70 auf 80%; der Anteil der Ärmsten schrumpfte von 2.3 auf 1.4%.”(5)
4. Eine weitere Erkenntnis des Manifestes, die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, wurde bei jeder geeigneten oder ungeeigneten Situation nicht nur von Bürgerlichen, sondern auch von SozialdemokratInnen geleugnet. Begonnen hat die Auseinandersetzung am Ende des letzten Jahrhunderts, als eine enorme Produktivkraftentwicklung stattgefunden hat. Über die Diskussion hierzu in der deutschen Sozialdemokratie gäbe es viel zu sagen, was aber nicht die Aufgabe des Artikels ist. Kurz und gut, trotz eines überdurchschnittlich langen Konjunkturzyklus schlitterte der Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine tiefe Krise. Die Überakkumulation, das imperialistische Streben nach neuen Märkten und die damit verbundene ausweglose Situation des deutschen Kapitals produzierten schließlich den ersten Weltkrieg. Ähnliches kann über den zweiten Weltkrieg gesagt werden. Hiermit sind wir auch schon bei einem Mittel, wie der Kapitalismus eine Überproduktionskrise lösen kann - Krieg.
Nach einer Pause von drei Jahrzehnten tauchte die Diskussion wiederum auf der Tagesordnung des politischen Diskurses auf. Der Wirtschaftsboom der 1950er bis 1970er Jahre stellte für viele, die mit dem Kapitalismus schon ihren Seelenfrieden geschlossen hatten, den Beweis dar, daß es mit der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus ja doch nicht so sein kann, wie es die politische Ökonomie von Marx definierte. Als neue Heilslehre tauchte der Keynesianismus auf, mit welchem jede konjunkturelle Delle ausgebügelt werden könne, wenn man nur den Staatshaushalt ein bißchen strapaziere und das “Geld” für ein Anheizen der Konjunktur verwende. In diesem Sinne ist auch der Anspruch Kreiskys zu verstehen, daß ihm ein paar Milliarden Budgetdefizit nicht so viele schlaflose Nächte bereiten wie einige hunderttausend Arbeitslose. In den 1980er und 1990er Jahren zeigte sich allerdings, daß diese Spielart reformistischer Politik unter den geänderten Bedingungen (Ende des Nachkriegsbooms, Überakkumulation usw.) nicht mehr anwendbar ist. Kreisky konnte die Krise nicht verhindern!
5. Ein weiterer Punkt im Manifest, die Notwendigkeit der revolutionären, gewaltsamen Machtübernahme durch das Proletariat behielt trotz aller anderslautenden Beteuerungen durch SozialdemokratInnen, StalinistInnen und ZentristInnen seine absolute Berechtigung.
Die Oktoberrevolution, mittlerweile 80 Jahre jung, hat hier unbeschreibliche Verdienste, was die Lehren für revolutionäre MarxistInnen betrifft. Als einzige siegreiche proletarische Revolution, aufbauend auf ArbeiterInnen- und SoldatInnenräten ist es ihr gelungen, den Kapitalismus durch eine Übergangsgesellschaft zu beseitigen - die Diktatur des Proletariats. In allen anderen Fällen, wo ArbeiterInnen und BäuerInnen einen heroischen Kampf führten, aber der stalinistische oder der sozialdemokratische Reformismus die Führung inne hatte, sind blutig gescheitert (Spanien 1936/37, Chile 1973). Die gescheiterten Revolutionen und ungenutzten revolutionären Situationen (Deutschland 1923) führten schließlich zu blutigen bürgerlichen Diktaturen eines Hitler, Franco oder Pinochet.
Aber nicht nur in der Vergangenheit zeigt sich die Notwendigkeit des gewaltsamen Sturzes der bürgerlichen Herrschaft. Gerade auch in der Gegenwart haben die albanischen Ereignisse 1997 gezeigt, daß nur mit der entschiedensten Vorstellung von dem, was man erreichen will und mit der Bereitschaft, dies auch mit Waffengewalt durchzusetzen, eine Erfolgsaussicht vorhanden ist.
6. “Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung.”(6) Die stalinistische Sowjetbürokratie und ihre Helfeshelfer, die “Kommunistischen Parteien”, haben diesen Bestandteil des Manifestes liquidiert und durch die These vom “Sozialismus in einem Lande” ersetzt. Sie haben ihre eigenen Privilegien vor die Interessen der ArbeiterInnenklasse gestellt und sich damit als konterrevolutionäres Element herausgestellt. Ob dies nun Stalin persönlich war, der die Kommunistische Internationale auf Wunsch der ImperialistInnen auflöste, Gorbatschow, der die Restauration des Kapitalismus forcierte oder Deng Xiaou Ping und sein marktwirtschaftliches Entwicklungskonzept für China - alle haben die Barrikadenseite gewechselt.
7. Marx und Engels entwickelten aus ihrem Verständnis heraus die These, daß die ArbeiterInnen kein Vaterland haben. Dies heißt konkret, daß KommunistInnen niemals ihre Unterstützung dafür abgeben können, daß ArbeiterInnen im Namen der Nation auf andere ArbeiterInnen schießen und ihr Blut im Schützengraben für die Interessen des Kapitals fließen lassen.

Was im Lichte der Ereignisse überholt ist

Wie wir gesehen haben, spielt das kleine, mittlerweile 150 Jahre alte Buch in der aktuellen Auseinandersetzung weiterhin eine unersetzliche Rolle. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch einige Punkte, die durch die Entwicklungen überholt wurden und die daher ergänzt werden mußten. In diesem Sinne sind revolutionäre MarxistInnen ja auch keine religiösen Prediger, die, einmal die “Wahrheit” gefunden, für immer und ewig mit ihr hausieren gehen.
Für uns werden Programme und Perspektiven im Lichte der Ereignisse betrachtet, ergänzt und weiterentwickelt. Was aber bleibt, ist, daß die Korrekturen und Ergänzungen auf der Erkenntnismethode des “Manifestes” basieren. Dies ist es, was den Marxismus von seinen zentristischen und reformistischen Verfälschungen unterscheidet.
1. Marx und Engels waren revolutionäre Optimisten und glaubten, daß die Revolution, lange bevor sich der Kapitalismus von einem “verhältnismäßig reaktionären” in einen “absolut reaktionären” verwandeln würde, stattfände. Ihr Fehler hinsichtlich dieser historischen Fristen entsprang einerseits der Unterschätzung der Möglichkeiten des Kapitalismus, die Produktivkräfte weiterzuentwickeln und andererseits der Überschätzung der Reife der ArbeiterInnenklasse. Marx und Engels konnten 1847 die Entstehung einer ArbeiterInnenbürokratie und damit das politische Phänomen des Reformismus nicht vorhersehen.
2. Marx und Engels entwickelten das Verständnis, daß der Kapitalismus die Produktivkräfte hemmt. Nichtsdestotrotz hat es nach dem zweiten Weltkrieg ein Wachstum der Produktivkräfte gegeben. Die Grundlage des Wachstums war einerseits der Kriegsausgang, welcher den nordamerikanischen Imperialismus ungemein stärkte und andererseits das politische und ökonomische System der Nachkriegsordnung.
Wie schon der erste Weltkrieg hat auch der zweite die bürgerlichen Staaten gezwungen, Elemente der Planwirtschaft einzuführen und somit die ökonomische Funktion des Staates ungemein ausgeweitet. Hinzu kam noch, daß das Problem der Absatzmärkte nicht mehr den gleichen Stellenwert hatte wie zu Beginn der imperialistischen Epoche. Viel bedeutender wurde die Rolle des Kapitalexportes. Was sich im wesentlichen also abspielte, war, daß sich die amerikanische Überproduktion (nach dem zweiten Weltkrieg) kombiniert mit der Kriegszerstörung in Europa in eine allgemeine Krise hätte verwandeln müssen. Diese Krise konnte aber durch den enormen amerikanischen Kapitalexport nach Europa und Übersee verhindert werden, und es konnte die Grundlage für den Nachkriegsboom gelegt werden.
3. Aber auch das ökonomische System hatte sich seit Marx und Engels in einigen wesentlichen Grundkonstanten verändert. “Der Kapitalismus (hat) jetzt eine Handvoll (weniger als ein Zehntel der Erdbevölkerung, ganz “freigebig” und übertrieben gerechnet, weniger als ein Fünftel) besonders reicher und mächtiger Staaten hervorgebracht, die - durch einfaches “Kuponschneiden” - die ganze Welt ausplündern.”(7) Lenin hat in seinem Buch “Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” dieser Entwicklung Rechnung getragen und somit das Verständnis über die neuen politischen und ökonomischen Wechselwirkungen und Widersprüche geschärft.
Lenin attestiert in seinem Buch dem Imperialismus, daß sich mittels des gigantischen Extraprofites, den die KapitalistInnen aus der Ausbeutung der Kolonien und Halbkolonien erhalten, die Möglichkeit ergeben hat, daß in den imperialistischen Zentren eine ArbeiterInnenaristokratie in breitem Maße bestochen werden kann, was dem System eine größere Stabilität verleiht.
4. Marx und Engels konnten zur Zeit der Entstehung des Manifestes, als sich der Kapitalismus als ein System freier Konkurrenz entwickelte, noch nicht die Rolle der Monopole erkennen. Die Tendenz des Kapitalismus, die freie Konkurrenz durch die Monopole zurückzudrängen, hat bis zum heutigen Zeitpunkt enorme Ausmaße angenommen und führte dazu, daß mittlerweile ca. 400 Konzerne 2/3 des betrieblichen Vermögens besitzen und 75% des Welthandels kontrollieren. Doch wie Lenin schon erkannte, ist diese Entwicklung des Kapitalismus wie ein zweischneidiges Schwert. “Die Konkurrenz wandelt sich zum Monopol. Die Folge ist ein gigantischer Fortschritt in der Vergesellschaftung der Produktion”(8), eine Vergesellschaftung, die - gekettet an den Privatbesitz an den Produktionsmitteln - zu enormen politischen und wirtschaftlichen Widersprüchen führt.
Auch wenn die Liberalisierung des Kapitalflusses seit den 1980er Jahren (die sogenannte “Globalisierung”) viele nationale Monopole aufbrach und sie der internationalen Konkurrenz aussetzte, so geht die Tendenz zum Monopol nun auf globaler Ebene weiter. Schon entstehen erste Weltmonopole (siehe Microsoft bei der PC-Software).
5. Ein weiterer Punkt, den das Manifest nicht behandeln konnte, war der Aufstieg und Fall des Stalinismus. Marx stellte bewußt keine abgeschlossenen Konstrukte auf, wie der Sozialismus auszuschauen hätte. Dies war ja einer der Unterschiede zu den utopischen SozialistInnen. Folglich gibt uns das Manifest auch keine Ratschläge, wie man die Degeneration eines ArbeiterInnenstaates verhindern und bekämpfen kann. Dieses Verdienst kam Trotzki und der Linksopposition zu, die eine konsistente Alternative zur stalinistischen Konterrevolution präsentierten.
6. Weiters wurde das Manifest der Zuspitzung und Explosivität der nationalen Frage nicht gerecht. Es sagte insoferne nichts über die anti-kolonialen Befreiungskämpfe aus, als sich die Aussage im wesentlichen darauf beschränkte, daß der Kapitalismus die rückständigen Länder in seinen Strudel reiße, und da die Revolution in den entwickelten Zentren nur eine Frage von einigen Jahren sei, löse sich die Frage der Kolonien automatisch. Wie schon oben ausgeführt, verschätzten sich Marx und Engels in der Zeitprognose und so mußte auch für die kolonialen und halbkolonialen Länder ein Programm entwickelt werden. Dies wurde von Trotzki mit dem Konzept der “Permanenten Revolution” nachgeholt und somit das Manifest ergänzt.
7. Zu Beginn der Industrialisierung und der Ausbreitung des Kapitalismus konnten die Autoren des Manifestes die ökologischen Auswirkungen eines weltumspannenden profitorientierten Systems natürlich noch nicht voraussehen. So verwundert es nicht, daß im Manifest keine Hinweise zu finden sind, die dieser Frage den Stellenwert einräumen, welcher ihr heute zusteht.
8. Ähnlich verhält es sich mit der sozialen Unterdrückung. Das Manifest hielt wohl folgendes fest: “Die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände.”(9) Dennoch gibt uns dies keine konkret ausgearbeitete Handlungsanleitung für die Frauenbefreiung oder die der Schwulen und Lesben. Diese Arbeit blieb der revolutionären Komintern, der IV. Internationale und der LRKI vorbehalten.
9. Ein weiterer Punkt, der heute nicht mehr zutrifft, ist Marx-Engels These des gradlinigen Proletarisierungsprozesses des Kleinbürgertums. Historisch betrachtet hat “das Kapital (...) das Kleinbürgertum viel schneller ruiniert als proletarisiert.”(10)
Weiters stützt sich der bürgerliche Staat in den imperialistischen Zentren bis heute auf die Unterstützung der Mittelschichten, wobei wir neben dem Schwinden der selbständigen Mittelschichten das Entstehen von neuen lohnabhängigen Mittelschichten beobachten können.
10. Die Analyse des Staates blieb 1847 noch unvollständig. Die Notwendigkeit, den bürgerlichen Staatsapparat zu zerschlagen, wurde erst nach der 1848er Revolution bei der Untersuchung des Staatsstreichs des späteren Napoleon III. klar. Und die These von der Ersetzung des alten Staatsapparates durch einen arbeiterInnendemokratischen Halbstaat konnte erst mit den Erfahrungen der Pariser Kommune entworfen werden. Durch das Entstehen des Stalinismus mußte die Staatstheorie im 20. Jahrhundert weiter verfeinert werden. Diese Arbeit blieb der LRKI vorbehalten.
11. Zum Abschluß seien noch die zehn Forderungen im Manifest erwähnt, die die Sofortmaßnahmen für den Übergang zum Sozialismus benennen. Marx und Engels kritisieren im Vorwort von 1872 diese Punkte selbst: “Einzelnes wäre hie und da zu verbessern. Die praktische Anwendung dieser Grundsätze,” erklärt das “Manifest” selbst, “wird überall und jederzeit von den geschichtlich vorliegenden Umständen abhängen, und deshalb wird durchaus kein besonderes Gewicht auf die am Ende von Abschnitt II vorgeschlagenen revolutionären Maßregeln gelegt.”

Was ist das Wesen eines revolutionären Programmes heute?

Wie wir schon erwähnt haben, haben sich die zehn Forderungen im Manifest mittlerweile durch die Erfahrungen der Oktoberrevolution enorm konkretisiert. Was aber selbst bei den zehn Forderungen schon beinhaltet war, ist die Methode von Übergangsforderungen. “Das Kommunistische Manifest entwickelt historische Ziele und Grundsätze des Kommunismus, enthält aber zugleich in kurzer und loser Form Übergangsforderungen (keine Minimalforderungen) nebst einigen Forderungen des Arbeiterschutzes (Schutz der Kinderarbeit).”(11)
Und genau diesen Grundgedanken wollten die Delegierten bei den Sitzungen zum Programmentwurf der Komintern 1921/22 gerecht werden. Diese Programmatische Diskussion wurde einerseits dadurch notwendig, daß Kommunistische Parteien wie die KPD in ihrem Spartakusprogramm von einer völlig anderen Grundsituation ausgingen. Der Ausgangspunkt des Spartakusprogrammes war nicht die bürgerliche Republik, sondern waren die ArbeiterInnen- und SoldatInnenräte in Deutschland. Andererseits war in der noch jungen Komintern das Verständnis von Übergangsforderungen noch nicht wirklich ausgeprägt vorhanden.
“Ein jetzt abzufassendes kommunistisches Programm müßte in der Form (im Grundplan), nicht dem Inhalt nach, zum Typus des Kommunistischen Manifestes insofern zurückkehren, als es neben der Begründung und Fixierung der kommunistischen Ziele und Grundsätze Übergangsforderungen enthalten müßte, politische und ökonomische Übergangsmaßregeln, die, an die bürgerliche Demokratie und an die kapitalistische Produktions- und Eigentumsordnung anknüpfend, über sich selbst hinaustreiben”.(12)
Dieses grundlegende Verständnis des Programmes, nämlich daß man ein revolutionäres Programm nicht in zwei Teile trennen kann, in einen Teil von tagespolitischen Minimalforderungen und einen Teil von abstrakten Sonntagsreden über Revolution und Sozialismus, trennt das revolutionäre vom reformistischen Verständnis.
Aber revolutionäre MarxistInnen sind heute nicht nur mit diesem Ansatz konfrontiert, sondern müssen sich auch den diversen Verzerrungen und Entstellungen eines Übergangsprogrammes durch die ZentristInnen stellen. Genau diese Unvollständigkeit finden wir bei Funke, SOAL, Vorwärts und RKL.
Bei Funke und Vorwärts wird je nach opportunistischem Appetit die eine oder andere zentrale Übergangsforderung fallengelassen, um es sich mit dem jeweiligen Milieu, auf das sie sich gerade orientieren, nicht zu verscherzen. Bei diesen beiden Gruppierungen sind es meist die Fragen, wie man den Kapitalismus stürzt. In gewissen Situationen geht dies sogar so weit, daß diese Organisationen den “friedlichen Übergang zum Sozialismus” proklamieren. Was hier zum Ausdruck kommt, ist ein völliges Unverständnis des methodischen Zusammenhalts aller Forderungen.
Aber auch SOAL und RKL unterscheiden sich in dieser Frage nicht von anderen ZentristInnen. Um während des aktuellen europäischen Einigungsprozesses stets am Ball zu bleiben, läßt man kurzerhand das marxistische Grundprinzip des Internationalismus fallen und verteidigt die österreichische Unabhängigkeit gegen die EU. Plötzlich wandeln sich hier die wortgewaltigen SchwätzerInnen in VaterlandsverteidigerInnen: in VerteidigerInnen eines “guten” Schillings gegen den “bösen” Euro.
Die Ursache für dieses Verhalten der ZentristInnen liegt in der Anpassung an das Bewußtsein der ArbeiterInnenklasse und steht ebenfalls konträr zum im Manifest enthaltenen Prinzip des “Aussprechen was ist”. (“Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung.”(13))
Als MarxistInnen richten wir uns nicht nach der Mentalität und dem Bewußtsein der ArbeiterInnen, sondern wollen es entwickeln. In diesem Verständnis steht auch unsere gesamte Arbeit.

Das Trotzkistische Manifest als lebendiges Erbe des Manifestes

Wie wir bei der Betrachtung der ZentristInnen schon gesehen haben, ist der Stellenwert des Programmes bei ihnen ein anderer als bei Marx, Engels, Lenin und Trotzki. In diesem Sinne verwundert es dann auch nicht, wenn all diese Organisationen über kein eigenes Programm verfügen, welches den Anforderungen der Zeit gerecht wird. Sehr eindrücklich wird dies am Beispiel der sozialen Konterrevolution in Rußland. Während wir mit unserer internationalen Tendenz über ein abgeschlossenes System von Forderungen, nicht nur für den Klassenkampf in den imperialistischen Zentren, verfügen, reduzieren sich die ZentristInnen auf ein Kommentieren der Ereignisse. Die Notwendigkeit der Erstellung eines Programmes und einer Taktik gegen die Restauration des Kapitalismus in Osteuropa wird von ihnen entweder geleugnet oder aber als nebensächliche Spielerei abgetan. Im Gegensatz hierzu haben wir mit der Neufassung des 5. Kapitels des Trotzkistischen Manifestes unseren Beitrag zur Aktualisierung des “Übergangsprogrammes”geleistet.
Dasselbe trifft auf die Strategie gegenüber den halbkolonialen Ländern zu, wo wir in der Vergangenheit bei jedem Konflikt bewiesen haben, daß das Gerede der ZentristInnen von der antiimperialistischen Einheitsfront bei uns auch auf praktischer Ebene ihre Schlußfolgerungen mit sich bringt. Immer wenn ZentristInnen bei einer Auseinandersetzung zwischen Imperialismus und halbkolonialer Welt ihr Programm begruben (Falklands, Golfkrieg ...), erarbeiteten wir ein konkretes Aktionsprogramm als Anleitung zum Kampf, denn bloß das Wort “Solidarität” in den Mund zu nehmen, ist keine reale Solidarität.
Für uns revolutionäre KommunistInnen ist die Theorie die Verallgemeinerung der Wirklichkeit. Wir sehen uns in einer großen Tradition von KlassenkämpferInnen, deren Erbe wir auch weiterführen wollen. Gerade auch aus diesem Verständnis heraus hat für uns das revolutionäre Programm einen enormen Stellenwert. Wir wollen nicht wie so viele zentristische KommentatorInnen die Welt nur interpretieren. Wir wollen die soziale Wirklichkeit umformen und dies gelingt nur mit einem ausgeprägtem Verständnis des Charakters eines Programmes. Wir wollen nicht losmarschieren, ohne uns im klaren zu sein, wohin der Weg führt. Wir wollen bewußt unsere Geschichte selbst bestimmen.

(1) Marx Engels Werke (MEW), Bd. 4, S.462
(2) Globale Trends 1996, S.49
(3) ebd., S.43
(4) ebd., S.47
(5) ebd., S.40
(6) MEW Bd. 4, S. 479
(7) Lenin Werke (LW) Bd.22, S.199
(8) LW Bd.22, S.209
(9) MEW Bd. 4, S.493
(10) Leo Trotzki, Denkzettel, S.335
(11) A. Thalheimer, Zum Kommunistischen Programmm, S.39
(12) ebd., S.40
(13) MEW Bd.4, S.493