| Globalisierung - was ist das und was dagegen tun?
Der Begriff und die Theorie der Globalisierung sind aus der politischen Diskussion der 1990er Jahre nicht mehr wegzudenken. Doch handelt es sich dabei wirklich um etwas so Außergewöhnliches, um eine neue Form des Kapitalismus gar? Und wie im Interesse der ArbeiterInnen darauf reagieren? Und was haben revolutionäre MarxistInnen dazu zu sagen? Es handelt sich bei der Globalisierung weder um etwas so außergewöhnliches, noch gar um eine neue Form des Kapitalismus. Was ist Globalisierung? Unter dem Begriff Globalisierung wird eigentlich recht Unterschiedliches verstanden, zumeist aber eine Kombination folgender Vorgänge: * Die Absatzgebiete für Produkte werden erweitert, neue Märkte erschlossen (oder besser: aufgebrochen); Import- und Exportbeschränkungen reduziert. * Zölle und nichttarifliche Abgaben werden abgebaut oder zur Gänze beseitigt; * Produktionsstätten werden ins Ausland verlagert und * der Verkehr des sogenannten Finanzkapitals intensiviert sich, Barrieren für diesen Verkehr werden eliminiert, wo es nur geht. Einige dieser Vorgänge könnten auch ganz gut unter dem etablierten Begriff Liberalisierung laufen, nämlich insoferne es sich um wirtschaftspolitische Entscheidungen handelt (wie die Reduktion von Handelsbeschränkungen etwa). Doch wird angenommen, daß die Liberalisierung zusammen mit der verstärkten Internationalisierung des Kapitals (Joint-ventures, Veranlagung über internationale Börsen usw.) folgende Resultate zeitigt: * Der Weltmarkt, der Generalvergleich von Tauschwerten (d.i. die durchschnittliche Arbeitszeit, die zur Produktion einer Ware notwendig ist) gewinnt an Bedeutung. Der Weltmarkt dringt in die entlegensten Täler und stellt eingespielte Klassenbeziehungen auf den Kopf; * Die Nationalstaaten geben einen Teil ihrer Souveränität im Interesse des Kapitals an internationale Organisationen und Gremien ab (IMF - Internationaler Währungsfonds, Weltbank, WTO - Welthandelsorganisation); * Die Regierungen der Nationalstaaten scheinen dem international agierenden Kapital gegenüber mitunter erpressbar; * Das Kapital wandert verstärkt in die Halbkolonien (Dritte Welt) und trägt dort zur Entwicklung bei. Das alles gebe dem Kapitalismus eine neue Qualität - so meinen zumindest die GlobalisierungstheoretikerInnen. Aber tatsächlich ließen sich oben angeführte Vorgänge (etwas pauschal) auf eine einfache Formel bringen: Eine verstärkte Internationalisierung des Kapitals geht mit dem entsprechenden politischen Rahmen einher. Interessante Zyklen Doch das an sich ist weder neu noch für den Kapitalismus außergewöhnlich. Dessen innere Mechanik besteht ja eben darin, daß die Konkurrenz die privaten UnternehmerInnen zu einer Ausweitung der Profitspanne drängt. Das geschieht nicht nur im Kampf um die Intensivierung der Arbeit, der Verlängerung der Arbeitszeit und für die Verringerung des Lohnniveaus, sondern auch im Kampf der KapitalistInnen um den Markt. Akkumulation (Reinvestition des Profits in das Unternehmen) hat letztlich ihre materielle Grundlage in der unentgeltlichen Aneignung des Mehrwerts (die ArbeiterInnen produzieren mehr, als sie in Form des Lohns zum Leben erhalten). Akkumulation führt auch dazu, daß einige Unternehmen auf Kosten von anderen Unternehmen wachsen, an Bedeutung gewinnen, vor allem wenn der Markt begrenzt ist. Große Konzerne entstehen durch den Untergang von MitkonkurrentInnen auf dem Markt. Für diese Konzerne wird der nationale Markt zu klein, um eine Profitspanne einstreifen zu können, zu der sie die (unter den Konzernen nach wie vor bestehende) Konkurrenz zwingt. Das Kapital agiert dann zunehmend auf internationaler Ebene, wo sich das nämliche Spiel auf einer höheren Ebene wiederholt. Wird der Weltmarkt zu klein, entscheiden letztlich oft die Waffen. Die Existenz der Kriege im Zeitalter des Kapitalismus zeigt zugleich, im welchen Dienste der Staat und seine bewaffneten Menschen stehen. Auf dieser allgemeinen Ebene ist es überhaupt nicht verwunderlich, daß Nationalstaaten genauso wie supranationale Institutionen (UNO, WTO usw.) im Dienste der Konzerne oder des Kapitals überhaupt stehen. Daß staatliche und wirtschaftsdiplomatische Entscheidungen den nötigen Rahmen für das Kapital schaffen, ist also weder neu noch - für den Kapitalismus - außergewöhnlich. Aber nicht nur ein kurzer Blick in die innere Mechanik des Kapitalismus, sondern ein ebenso kurzer auf die Geschichte des Weltmarktes läßt das Staunen über die aktuelle Globalisierung erkalten. Denn auch der bisherige historische Verlauf kannte Perioden der zunehmenden Internationalisierung des Kapitals und eine Ausweitung des Weltmarktes wie auch umgekehrt Perioden der Einschränkung des globalen Aktivitätsradius des Kapitals und des Weltmarktes. So kann für das 20. Jahrhundert im groben etwa folgende Abfolge von Perioden (d.h. Zyklen) beobachtet werden: * 1895-1913 massive Ausweitung, * 1913-1924 Einschränkung, * 1924-1929 schwache Ausweitung, * 1929-1950 Einschränkung, * 1950-1973 kontinuierliche Ausweitung und * vor allem seit den 1980er Jahren: massive Ausweitung. Nimmt man etwa die weltweite Bedeutung der Warenexporte und -importe (gemessen an der Wirtschaftsleistung in % pro Jahr = Außenhandelsrate) als Indikator für die Internationalisierung der Ökonomie (1), so können wir zumindest eines sicher sagen: Unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg war die Rolle des weltweiten Warenhandels - gemessen an der Produktion - sogar bedeutender als Anfang der 1990er Jahre. Wir nähern uns in dieser Hinsicht den Verhältnissen von 1913 erst an! Und zwischen 1913 und heute gab es ein auf und ab in der Entwicklung des Weltmarktes. Neue Theorien Bücher zum Thema Globalisierung und neue Theorien dazu gibt es mittlererweile wie Sand am Meer. Grob lassen sie sich einteilen in solche, die der wieder verstärkten Internationalisierung des Kapitals und der Ausweitung des Weltmarktes positive Seiten abgewinnen können und solche, die in vornehmlich düsteren Farben bis hin zu gewittrig-scharz malen. Wir wollen uns in diesem 1. Teil aber auf die erste Gruppe, die Euphoriker, konzentrieren. Deren zentrale Aussagen lauten schlichterdings: * Die Unterschiede zwischen den imperialistischen Staaten (Industrieländern) und den Halbkolonien (Dritte Welt) verringern sich durch die Globalisierung und - noch erstaunlicher: * Es wird keine Kriege mehr geben. Der erste Gedanke geht davon aus, daß die großen Konzerne den hohen Lohnkosten, Steuern und Umweltauflagen in Europa, Japan und Nordamerika dadurch entfliehen, daß nach und nach immer mehr Produktionsstätten in die Halbkolonien verlagert werden. Diese Konzerne haben eben eine Größe erreicht, die weltweit arbeitsteiliges Produzieren möglich mache. In den Halbkolonien wiederum würde die Arbeitslosigkeit abgebaut, die Binnennachfrage erhöht, Wirtschaft, Ausbildung und Technik angekurbelt. Abgesehen davon könne eine Ausweitung des Welthandels ja nur den Handel der Halbkolonien untereinander und mit den imperialistischen Ländern heben; kurz: immer mehr Gebiete werden in den Welthandel integriert und profitieren dadurch früher oder später. Diese Theorie hinkt an allen Ecken und Enden: 1) Es können nicht alle Branchen einfach mir nichts, dir nichts ihr variables Kapital, ihre Arbeitskräfte, austauschen: Gerade Branchen, die postfordistische Managementmethoden wie Just in time, Teamwork, Kontinuierlicher Verbesserungsprozeß anwenden, brauchen gut ausgebildete, sich mit den Unternehmen identifizierende ArbeiterInnen. Im allgemeinen gilt: Je komplexer der Arbeitsprozeß und die Technologie, umso komplizierter und schwieriger ist das Auslagern in Billiglohnländer. Und umso seltener wird es gemacht. Branchen, die leichter in solche Länder auslagern können, wie etwa die Textilindustrie, bringen damit eben wenig technologisch Neues in die Halbkolonien. 2) Wird aber die Produktion in Halbkolonien ausgelagert, so ja gerade deswegen, weil dort bestimmte Standards (Löhne, Unternehmenssteuern, Umweltschutz) niedriger sind, als in den Kernländern. Natürlich gibt es auch Edelhalbkolonien mit gestiegener Produktivität und Arbeitskämpfen, die ein hohes Lohnniveau erreicht haben - wie Südkorea etwa. Aber gerade Südkorea exportiert auch Kapital, das relativ hohe Lohnniveau ist gerade nicht die Konsequenz von Kapitalimport! Und es gibt andererseits Halbkolonien, die statt der Mindestlöhne sogenannte Höchstlöhne eingeführt haben! Als z.B. Indien mit der Deregulierung 1991 mehr ausländisches Kapital ins Land holen wollte, führte dies (nämlich die Deregulierung) gleichzeitig dazu, daß der Großteil der erbrachten Wirtschaftsleistung wieder in die Kernländer zurückfließt. In die Entwicklung der Halbkolonie wird damit recht wenig investiert. 3) Selbst wenn es durch die Expansion des Weltmarktes zu einer absoluten und relativen Ausweitung des Handels der Halbkolonien mit den imperialistischen Ländern käme - wer profitiert davon vor allem? Es ist ja gerade das Charakteristikum des Weltmarktes, alle Tauschwerte miteinander zu vergleichen, um jenes Produkt in das Rampenlicht zu stellen, das am billigsten produziert wurde - dessen Preis gilt dann auf dem Weltmarkt. Da Technologie und Produktivität in den Kernländern viel höher als in den Halbkolonien sind, tauschen diese Ländergruppen im Handel letztlich Waren mit unterschiedlichen Arbeitszeiten. Je mehr Handel zwischen diesen beiden Ländergruppen, umso mehr ungleicher Tausch (da in den Halbkolonien dafür länger gearbeitet wurde als in den Kernländer). 4) Was lehrt abgesehen davon ein Blick auf die Statistik? Die Integration der Halbkolonien hat in Wirklichkeit nicht zugenommen, sondern sogar abgenommen. (2) Der Anteil der Halbkolonien am Welthandel ist insgesamt rückläufig, und innerhalb der halbkolonialen Welt wiederum verstärkten sich die Unterschiede - die 10 ökonomisch fortgeschrittenen Halbkolonien prägen immer mehr die statistischen Ziffern dieses Teils der Welt (3). Und wo hat der Weltwarenhandel vor allem zugenommen? Innerhalb der Ländergruppen - sprich innerhalb der imperialistischen Welt (und - wesentlich geringer - innerhalb der halbkolonialen Welt). Nicht zugenommen hat er aber zwischen den imperialistischen Ländern und den Halbkolonien! (4) Doch werfen wir noch einen Blick auf die Entwicklung der direkten Auslandsinvestitionen (Foreign Direct Investment - FDI), was wohl mehr über die vermeintliche Globalisierung aussagt als die Entwicklung des Warenhandels. Im Schnitt fand bis zum Jahr 1960 ungefähr die Hälfte der direkten Auslandsinvestitionen ihren Weg in die Halbkolonien. 1966 war es nur noch ein Drittel, und 1974 wurde nur noch ein Viertel der FDI in Halbkolonien getätigt. 1988/98 sank dieser Anteil auf ganze 16.9%! Im gleichen Ausmaß ist der FDI-Anteil in den imperialistischen Ländern natürlich gestiegen! Aber es kommt noch härter, denn die direkten Auslandsinvestitionen, die in die Halbkolonien fließen, konzentrieren sich auf die gerade 10 wichtigsten, ökonomisch fortgeschrittenen Halbkolonien und hierbei auf die dynamischen Gebiete (in China z.B. die Sonderwirtschaftszonen und Peking). Auf diese 10 Länder entfallen 16.4% der FDI. Zusammen mit den imperialistischen Länder kommt man überhaupt zu folgendem Wert: In Gebieten mit nur 29% der Weltbevölkerung finden sich 91.5% der direkten Auslandsinvestitionen! Läßt sich eine größere Disharmonie in der internationalen Entwicklung des Kapitals vorstellen? Auch die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens (Bruttonationalprodukt gemessen an der Bevölkerungsanzahl) zeigt eine geradezu erschreckende Zunahme der Unterschiede. Das Verhältnis zwischen Halbkolonien und Imperialismus entwickelte sich permanent zuungunsten der ersteren. (5) D.h. 1989 war das Pro-Kopf-Einkommen in den imperialistischen Ländern schon 18mal höher als in den Halbkolonien. Von einer Harmonisierung der Weltwirtschaft, des Kapitalismus, die die sozialen Unterschiede verringert, kann also keine Rede sein. Ganz im Gegenteil, die Konzentration der globalen wirtschaftlichen Entwicklung zugunsten der imperialistischen Länder und einigen Edelkolonien hat immens zugenommen. Es gibt tatsächlich eine Zunahme des internationalen Aktionsradius des Kapitals, im wesentlichen aber innerhalb der imperialistischen Welt. Das ist auch überhaupt kein Wunder, wo wir es doch mit einer Zeit der Formierung von drei imperialistischen Blöcken zu tun haben, die einige ausgewählte Halbkolonien um sich scharen. Die Wahrheit ist: Wir haben es nicht mit einer Globalisierung des Kapitals im Sinne einer weltweiten Integration zu tun, sondern mit einer Internationalisierung, ja einer Regionalisierung! Es stimmt allerdings, daß indirekte Auslandsinvestitionen - eben im Gegensatz zu den direkten - weltweit rasant angewachsen sind. Aus einem einfachen Grund: Das Finanzkapital (so wird umgangssprachlich das Geldkapital bezeichnet, also jenes Kapital, das nicht mit dem Industriekapital verschmilzt) ist in den letzten Jahren rasant angewachsen. Oft gibt es im nationalen Markt gar keine ausreichend profitable Verwendung mehr, sodaß es eben ins Ausland strömt (wie die privaten Rentenfonds der USA nach Lateinamerika). Wenn also irgendetwas neu oder bemerkenswert an der Entwicklung des Kapitalismus der letzten Jahrzehnte ist, dann eben das Treibhaus-Wachstum des Geldkapitals. Der tiefere Grund für diese Entwicklung liegt in der strukturellen Überakkumulation der industriellen Unternehmen heutzutage: Es ist weltweit mehr fixes Kapital (Maschinen, Anlagen, Fabriken) vorhanden, als ausreichend profitabel verwertet werden könnte. Die Profite werden vermehrt von der direkten Produktion auf die Ebene der Währungsspekulation, Versicherungsgeschäfte und Privatkredite verlagert. In den 1980er Jahren wuchsen internationale Bonds um das 6fache und internationale Bankkredite um das 23fache, also weit mehr als das durchschnittliche Wirtschaftswachstum der imperialistischen Länder im gleichem Zeitraum (2.2%). Das Schwergewicht des internationalen Geldkapitals liegt aber nach wie vor innerhalb der imperialistischen Welt. Das bedeutet natürlich nicht, daß die halbkoloniale Welt für den Imperialismus heutzutage keine oder nur noch eine marginale Rolle spielen, wie das wiederum bürgerliche GegnerInnen der Globalisierungstheorien behaupten. Auch wenn sich das relative Gewicht der Weltwirtschaft noch stärker in die Kernländer verlagert hat, stellt die absolute Masse an Überausbeutung in den Halbkolonien, an ungleichem Tausch oder schlicht an brutaler Unterdrückung nach wie vor eine unverzichtbare Lebensader der imperialistischen Epoche des Kapitalismus dar. Auch ein kurzer Blick auf die politische Ebene macht dies deutlich: Die wohl zurückgebliebenste Region auf dem Globus, Afrika zwischen der Sahara im Norden und der Südafrikanischen Republik im Süden sah in den den letzten Jahren eine Reihe von blutigen Bürgerkriegen und Umgestaltungen - ein Ergebnis davon aber war die Stärkung des US-amerikanischen Einflusses und eine Schwächung des französischen Imperialismus. Vor gut sieben Jahrzehnten entwickelte Leo Trotzki die Theorie von der kombinierten und ungleichzeitigen Entwicklung. Der Kapitalismus breitet sich immer weiter aus, wirft die entlegensten Gebiete in die Schlacht um Markt und Profit, wälzt traditionelle Gesellschaftsbeziehungen nieder, wo sie ihm im Wege stehen und schafft geradezu blind ein weltweit gültiges Wertesystem. Aber je später Länder, Staaten und Gebiete vom Kapitalismus erfaßt wurden, umso größer ist inzwischen der Unterschied zwischen der alten, traditionellen und der neuen Zeit des Profits geworden, umso entwickelter, fertiger betritt der Kapitalismus als fremder Bote den neuen Boden. Und umso unharmonischer wird er integriert, ja eigentlich implantiert. An bürgerlich revolutionären Gehalt (Nation, Bodenreform, allgemeine Wahlen, usw.) hat er inzwischen immer mehr verloren. Denn der Kapitalismus breitet sich nicht nur geographisch aus, er beutet auch die Arbeit aus und schließt ein faules Bündnis mit den alten AusbeuterInnen. Deshalb gibt es in Indien heute, selbst nach 50 Jahren Unabhängigkeit, Atomtechnologie und Kastenwesen ungeniert nebeneinander! Die bürgerliche Revolution hat hier viel unerledigt gelassen. Trotzki schrieb 1930 über Indien: Ebenso wie die älteren bürgerlichen Staaten werden die zahlreichen Völker Indiens zur Nation nur durch eine Revolution, die sie Zug um Zug politisch eint. Aber im Unterschied zu den alten bürgerlichen Staaten ist diese Revolution eine koloniale, eine Revolution, die sich gegen die ausländischen Unterdrücker richtet. Außerdem ist dies die Revolution einer historisch verspäteten Nation, in der sich - während die feudale Leibeigenschaft, das Kastensystem und sogar die Sklaverei noch fortbestehen - der Klassenantagonismus zwischen Proletariat und Bourgeoisie sehr stark entwickelt hat. (6) Kapitalismus und Imperialismus schufen keine harmonischen, friedlichen Verhältnisse - in den Kolonien und Halbkolonien schon gar nicht. So daß folgende Frage fast schon rhetorisch anmutet: Nie mehr Krieg und stirbt jetzt der Staat? Manche Globalisierungs-Theorien kommen aber mehr oder weniger dezidiert zu diesem Schluß. Ihr Gedankengang ist folgender: Beginnend in den 1980er Jahren haben sich vor allem in den 1990er Jahren einige multinationale Konzerne zu sogenannten transnationalem Kapital (transnational capital - TNC) entwickelt. Dafür werden einige ökonomische Indikatoren herangezogen (das Verhältnis direkter Auslandsinvestitionen und des Handels zu dem Output der Konzerne etwa). Das braucht uns hier im Detail aber nicht zu interessieren. Jedenfalls haben diese Konzerne eine Größe erreicht, die sich mit der Wirtschaftsleistung einiger kleinerer Staaten messen kann. Das mag auch stimmen, wenngleich auch die Globalisierungs-TheoretikerInnen zugeben, daß die TNC-Indikatoren nur für einige wenige Konzerne zutreffen. Aber das macht nichts - so die Theorie - , denn diese Konzerne sind ökonomisch so groß, daß sie das gesamte Wirtschaftsleben de facto beherrschen. Gleichzeitig ist das internationale Geldkapital (eben in Form von Bonds, Fonds, Calls and Options, Kredite und Darlehen) weltweit so rasant angewachsen, daß es zu einem dichten Netz um den Globus geworden ist, das zu zerreißen niemand wagen kann. Der Nationalstaat und Kriege zwischen diesen wären nun unnötig und unmöglich, da * sich Nationalstaaten von den TNCs z.B. in Standortfragen erpressen lassen müssen, d.h. an Gestaltungskraft immer mehr verlieren; * die transnationalen Konzerne ihre politische Schutzmacht naherliegenderweise in supranationalen Organisationen (UNO, WTO etwa) sehen - und nicht in Nationalstaaten; * Kriege den TNCs ja nur selbst schaden würden, da ihr wirtschaftlicher Aktionsradius international, ja global ist. Selbige Wirkung soll analog dazu das Geldkapital haben. Diese glatte pazifistische Utopie hat aber zwei zentrale Schwächen. Zum einen ist es nicht einzusehen, weshalb transnationale Konzerne nicht in eine Konfrontation zu einander geraten können. Die Konkurrenz als Triebfeder des Kapitalismus ist ja keineswegs aufgehoben. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts meinten einige TheoretikerInnen, die Entstehung von großen Konzernen, die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital zu Finanzkapital, ja zu Monopolen führe zu einem Suprakapitalismus ohne Konkurrenz und mit viel Planung und noch mehr Frieden. Der berühmte (Ex-)Marxist Karl Kautsky schrieb damals: Diese Ausdehnungsbestrebungen (des Kapitals) werden am besten nicht durch die gewalttätigen Methoden des Imperialismus, sondern durch die friedliche Demokratie gefördert und: Vom rein ökonomischen Standpunkt ist es nicht ausgeschlossen, daß der Kapitalismus eine neue Phase erlebt, die Übertragung der Kartellpolitik auf die äußere Politik, eine Phase des Ultrakapitalismus, (...) der gemeinsamen Ausbeutung der Welt durch das international verbündete Finanzkapitals. Lenin schrieb hingegen sein Buch Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus und zeigte genau das Gegenteil auf: Je mehr Konzentration, umso gewaltiger, ja globaler die Konkurrenz und die Folge: blutige Weltkriege mit einem immensen Verlust an Menschenleben und Gütern. Lenin schrieb sein Buch 1916, unter anderem gegen die Theorien Kautskys. Heute, am Ende des 20. Jahrhunderts lehrt ein flüchtiger Blick in die Geschichtsbücher, wie unendlich unrecht Kautsky & Co. hatten. Die zweite zentrale Schwäche liegt in dem Verkennen der Rolle des Staates, der ja nach wie vor im wesentlichen ein Nationalstaat ist. Supranationale Instanzen wie die UNO haben einen bestimmten Zweck: Die Koordination vor allem der imperialistischen Mächte (die ja auch vornehmlich im letztlich entscheidenden Sicherheitsrat sitzen). Diesen - allerdings historisch begrenzten - Zweck leugnet niemand. Aber Instanzen wie die UNO ersetzen eben nicht den Nationalstaat. Alle bedeutenden Aktionen der UNO im Interesse des Kapitals kamen ja nur dadurch zustande, weil Nationalstaaten dahinter standen und Druck machten. Ein Beispiel: Die Niederbombung des aufmüpfigen Irak. Und umgekehrt: Immer dann, wenn Nationalstaaten nicht genügend hinter der UNO stehen, oder nur solche, die wenig Macht verkörpern, wie z.B. bei der UNESCO und ihrem an sich schönen Programm für eine neue Weltinformationsordnung, so kommt gar nichts Handfestes dabei heraus. Die WTO ist auch nicht der Kern einer zukünftigen Weltregierung, wie es einem träumerischen Leitartikler der österreichischen Tageszeitung Die Presse rührend entfuhr. Freilich, die WTO setzte sich gegenüber der EU in der Bananenfrage durch. Die EU darf nicht mehr ausschließlich aus ihren ehemaligen Kolonien dieses schmackhafte Obst importieren. Aber hinter diesem Beschluß stand ganz massiv die USA, ein Nationalstaat eben. Wird deshalb die WTO die Regierung einer Bananenrepublik? Wenn es drauf ankommt, setzen auch die großen Konzerne, die TNCs und das Geldkapital auf die geballte politische, diplomatische und militärische Macht der Nationalstaaten. Und umgekehrt begreifen diese bürgerlichen Nationalstaaten auch die TNCs, die auf ihrem Gebiet und mit ihren UnternehmerInnen groß geworden sind, als ihr Interesse. 1994 intervenierte die Regierung der USA ganz massiv, um den großen FondsanlegerInnen (indirekte Auslandsinvestitionen) den Verlust von 50 Billionen Dollar zu ersparen, der durch den Kollaps des mexikanischen Peso drohte. Die Mär vom Absterben des Staates ist auch dadurch genährt, weil sich mehrere Regierungen aus ihrer Rolle als Unternehmer zurückgezogen haben (Privatisierung von Staatsbetrieben), ihr Budget sanieren und die Wirtschaft deregulieren. Das hängt natürlich auch mit der realen Gefahr von Währungsspekulationen zusammen, die das Geldkapital verursachen kann. Etwa 1993, als die italienische Lire aus dem europäischen Wechselkurssystem katapultiert wurde. Aber was bedeutet dies eigentlich? Daß die Regierungen in zentralen Finanzangelegenheiten sich nicht dem munteren Spiel der Märkte ausliefern wollen - was ihnen allerdings bei der neuen Potenz des Geldkapitals nicht immer gelingen mag. Dadurch verschwindet aber nicht der Nationalstaat, er reagiert nur mittels einer spezifischen Politik auf Eigenheiten des Kapitals. Das ist aber schon gar nichts Neues. Aber die europäischen Nationalstaaten geben doch Kompetenzen an die EU ab! Richtig, aber weil sie eben in einem festeren, regionalen Staatenbund oder gar einem neuen europäischen Staat ihre Chance gegen die KonkurrentInnen aus Übersee erblicken. Ob ihnen dies gelingen wird, ist wieder eine andere Frage. Auch bedeutet weniger Staat innerhalb der EU ein mehr an Staat an den Außengrenzen der EU. Jede legale oder illegale Immigrantin und jeder Flüchtling weiß darüber wohl ein trauriges Lied zu singen. Auf dem Gebiete der Politik enden Tagträume immer mit einem unsanften Erwachen. Der utopische Pazifismus, der heute in der Globalisierungstheorie angelegt ist, wird sich morgen gewaltsamen Konflikten, Kriegen und Revolutionen gegenübersehen. Die Grundlagen für diese Entwicklung sind schon längst gelegt: Der tendenzielle Fall der Profitraten (Überakkumulation), die Ausweitung des Weltmarktes, die der Natur der Sache nach zu einer Neuaufteilung führen muß, das wirtschaftliche, politische und letztlich militärische Aufrüsten der Wirtschaftsblöcke und nicht zuletzt der steigende Widerstand der weltweit gewachsenen ArbeiterInnenklasse gegen sinkenden Lebensstandard (Streiks in Europa z.B.), gegen die Verelendung auf dem Weg der Restauration des Kapitalismus (Aufstand in Albanien z.B.) und für demokratische Rechte (Streiks in Südkorea z.B.). Das ist das Gemisch der kommenden Zeit. Darauf gilt es sich vorzubereiten. Da haben Flausen keinen Platz! Im Folgenden wird es um eine mindestens genauso wichtige Frage gehen: Nämlich wie die ArbeiterInnenbewegung und die Linke zur Globalisierung stehen und was revolutionäre MarxistInnen dazu zu sagen haben. Was tun gegen die kapitalistische Globalisierung?
Bücher zum Thema Globalisierung und neue Theorien dazu gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Grob lassen sie sich einteilen in solche, die der wieder verstärkten Internationalisierung des Kapitals und der Ausweitung des Weltmarktes positive Seiten abgewinnen können und solche, die in vornehmlich düsteren Farben bis hin zu gewittrig-schwarz malen. Die PessimistInnen kommen teils aus dem offen bürgerlichen Lager, teils aus den Reihen der ArbeiterInnenbewegung. Allerdings überwiegen in der ArbeiterInnenbewegung die PessimistInnen. Das ist keineswegs ein Zufall. Und widerspiegelt letztlich das Wesen von Parteien wie SPÖ und KPÖ als Parteien mit proletarischer Basis und bürgerlicher Führung bzw. Politik. Denn zum einen sind die ArbeiterInnen klarerweise tatsächlich weniger mobil als das Kapital. Sie können weit weniger leicht Ort (Wohnung, Familie, Arbeitsplatz) wechseln und dorthin ziehen, wo die Lebensbedingungen für sie vielleicht ein wenig besser sind. Das Kapital tut sich hier entschieden leichter (und das Geldkapital noch leichter als die Industrie). Insofern drückt das Gejammer der ArbeiterInnenparteien über die gestiegene Internationalisierung der Wirtschaft und über den Abbau von Grenz-, Zoll- und Importbarrieren dieses Ungleichgewicht zwischen den Klassen aus. Andererseits ist die gestiegene Internationalisierung des Kapitals ja auch ein Produkt der bürgerlichen Politik derselben, nun über die Globalisierung jammernden ArbeiterInnenparteien. Die SPD etwa war in den 1970er Jahren an der Macht, PS (Parti Socialiste) und KPF (Kommunistische Partei Frankreichs) waren unter Mitterand in den 1980er Jahren an der Regierung, in Spanien waren die Sozialdemokraten bis zum Vorjahr am Ruder, von Österreich ganz zu schweigen. Die Liste ließe sich freilich fortsetzen. In den 1970er Jahren schlug der Reformismus eine Politik des Ausbaues des Sozialstaates und der Intervention der öffentlichen Hand in die Wirtschaft der Nationalstaaten ein. In den 1990er Jahren betätigt sich der Reformismus als Sozialabbauer und reduziert den Einfluß des Staates auf die Wirtschaft. Frankreichs Jospin signalisiert immer öfter, daß er die Wahlversprechen des Linksbündnisses als solche betrachten und den Kurs seines Vorgängers Juppé fortsetzen wird. Britanniens Blair kam erst gar nicht in die Versuchung, eine andere Politik zu versprechen. Italiens PDS und Prodi führten neue Massensteuern ein; die Rifundazione Communista unterstützte dies sogar einige Zeit lang. Wenn heute SozialdemokratInnen oder KommunistInnen der Moskauer Schule über die Globalisierung jammern, drängt sich ein Verdacht auf: * Offensichtlich war der Reformismus in den 1970er Jahren unwillens und unfähig zu verhindern, daß das Kapital seine natürliche Stärke gegenüber der Arbeit in letzter Zeit ausbauen konnte. * Offensichtlich war der Reformismus dies auch in den 1980er Jahren. * Und in den 1990er Jahren ebenso. Das ist kein Zufall. Der Reformismus und die von ihm politisch dominierten Gewerkschaften stützen sich auf die ArbeiterInnenaristokratie. Dies ist eine Schichte von relativ gut gestellten ArbeiterInnen, vorwiegend männlich, Inländer, heterosexuell und mit vergleichsweise guter Ausbildung und sicherer Anstellung. Dies ist aber entschieden die Minderheit der ArbeiterInnen! Für die Mehrzahl der ArbeiterInnen hatte und hat der Reformismus wenig Errungenschaften erkämpft. Gegenüber dieser Mehrheit verhalten sich SPÖ und KPÖ oft ignorant. Die Kampfkraft der ArbeiterInnenklasse gegenüber dem Kapital wird dadurch geschwächt. Aus den Reihen der ArbeiterInnenaristokratie rekrutiert der Reformismus seine FunktionärInnen für Partei und Gewerkschaft, eine abgehobene Schicht von ArbeitervertreterInnen (also verhandelnde BürokratInnen zwischen Kapital und Arbeit), die die Macht des Kapitals in der Gesellschaft nie ernstlich in Frage stellen. Und die im Konfliktfall immer auf der anderen Seite stehen. Der Reformismus bedeutet daher ganz entschieden eine epidemische Schwächung der ArbeiterInnenklasse gegenüber dem Unternehmertum. Wenn dies schon auf nationaler Ebene stimmt, dann erst recht auf der internationalen Ebene. Betrachten wir z.B. die EU. Es gibt eine Fülle von ExpertInnen der Kommission, die tagaus tagein an der Liberalisierung der europäischen Wirtschaft herumfeilen. Demgegenüber hat der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) vielleicht ein paar Büros und FunktionärInnen. Nicht, daß mehr EGB-Büros und noch mehr FunktionärInnen allein die Verwandllung des EGB vom Papiertiger zum Drachen bewirken könnten - aber das Beispiel ist symptomatisch. Außer einem Papier ohne Sanktionsmöglichkeiten, der sogenannten Sozialcharta, hat die offizielle europäische Gewerkschaftsbewegung nichts zustande gebracht. Ganz zu schweigen von dem Treffen der sozialdemokratischen Parteien in Stockholm vor einigen Monaten, wo man höchstens verglich, welche sozialdemokratische Partei an der Macht geschickter und effizienter den Sozialstaat entschlackt. Der widersprüchliche, aber bürgerliche Charakter des Reformismus zeigt sich anläßlich des nun wieder gestiegenen, internationalen Aktivitätsradius des Kapitals besonders eindringlich: Die ArbeiterInnen vieler europäischer Länder wählen heute wieder den Reformismus an die Macht (Italien, Frankreich, Britannien etwa), gerade weil sie sich einen Schutz vor der Sanierung der UnternehmerInnenseite für die Weltmarktschlacht auf ihre Kosten erwarten. Und gerade der Reformismus steht der Internationalisierung des Kapitals besonders hilflos gegenüber und beugt sich den strategischen Wünschen der großen, weltmarktorientierten Unternehmen. Diese werden als Naturnotwendigkeit hingestellt, zu der es letztlich keine Alternative gibt. Höchstens werden einige Kanten geschliffen - eine Mühe, die sich offen bürgerliche Parteien weit weniger machen müssen. Das Verwechseln von Politik und Wirtschaft Eine Naturkatastrophe war das Hochwasser diesen Sommer. Und wenn ein Konzern heute sagt: Die Lohnkosten und die rigide Arbeitszeitregelung erzwingen die Verlagerung des Standortes in die Tschechische Republik oder nach China, dann sagt die SPÖ zumeist: Das ist schlecht, damit verlieren wir Arbeitsplätze, aber dagegen können wir letztlich nichts tun außer Nachgeben. Das ist aber keine Naturkatastrophe, sondern ihre Politik. Nichts und niemand hindert die SPÖ und ihre GewerkschafterInnen, auf solche Anlässe etwa mit Streiks, Betriebsbesetzungen und länderübergreifenden Betriebsrätekonferenzen zu reagieren. Nichts hindert die SPÖ daran - außer eben ihre Politik. Um diesen Umstand vor den ArbeiterInnen zu verschleiern, beruft sie sich auf wirtschaftliche Sachzwänge, die Globalisierung und ähnliches mehr. Das ist aber Politik und nicht Wirtschaft. Die Wirtschaft, die Lage der einzelnen Unternehmen zueinander und auf internationaler, ja globaler Ebene ist vielmehr dafür verantwortlich, welche strategischen Ziele die UnternehmerInnenseite ins Auge faßt. Hier sind SPÖ und KPÖ wiederum grundlos optimistisch, z.B. was das Wirtschaftswachstum der nächsten Dekade betrifft. Oder die Notwendigkeit weiterer Angriffe auf den sozialen Standard der Massen. Auch dieser Optimismus hat - wie alles im Leben - einen Grund: Die grundsätzliche Orientierung des Reformismus an den Interessen der UnternehmerInnen macht SPÖ und KPÖ blind gegenüber den Zielen und Zwängen des Kapitals. Welche strategischen Ziele hat nun das Kapital heute und weshalb? Dies kann man nur in der historischen Entwicklung sehen: Nach dem zweiten Weltkrieg entstand 1948 die Nachkriegsordnung. Die kontinuierliche Ausweitung des Weltmarktes von 1948-1973 war weniger durch die Zerschlagung politischer Barrieren des Welthandels erfolgt, als vielmehr durch einen, allerdings historisch einmaligen, langen Boom des Wirtschaftswachstums. Anfang der 1970er Jahre zerbrach das System von Bretton Woods, d.h. fixer Währungswechselkurse. Der lange Boom fand in einer schwereren Rezession sein Ende, und die Ölkrise ließ die imperialistischen Mächte ihre relative Abhängigkeit von den arabischen Halbkolonien empfindlich spüren. Auf diese Einbrüche reagierte die imperialistische Welt ihren Möglichkeiten entsprechend (z.B. Erschließung von Erdölvorkommen in der Nordsee). Insgesamt reflektierte das Ende von Bretton Woods die Überakkumulation von Kapital, die zur profitablen Veranlagung von überschüssigem Kapital zwang und sich in einer stärkeren Dynamik der Finanzströme, der Finanzanlagen und der Spekulation gegenüber der realen Industrieproduktion ausdrückte. Von nun an konnte überaus rentabel mit und gegen Währungen spekuliert werden. Das größte Problem blieb aber das Ende des langen Booms, der den tendenziellen Fall der Profitraten (Profitrate = Profit gemessen am gesamten Kapitaleinsatz, d.h. Maschinen ebenso wie Arbeitskraft) durch hohe Wachstumsraten überdeckte. Seitdem macht sich der tendenzielle Fall dieser Rate wieder stärker bemerkbar. 1989/91 mit dem Zusammenbruch des europäischen Stalinismus entstand ein neuer politischer Rahmen für den Kampf um den Weltmarkt. Denn dessen Ausweitung bedeutet zugleich auch eine zunehmende politische Konkurrenz um Einflußsphären. Eine Konkurrenz, die bis 1989/91 durch das Gegenüber von (degenerierten) ArbeiterInnenstaaten gehemmt und im Zaume gehalten wurde. Damit ist es nun vorbei, und seitdem formieren sich - allem Gerede von einer globalen Wirtschaft und einer Neuen Weltordnung zum Trotz - hurtig und munter imperialistische Blöcke: USA/NAFTA/Merkosur; EU samt Anhang in Ost/Südosteuropa und Japan/Südostasien. Natürlich ist das kein widerspruchsloser Prozeß, denn einerseits gibt es auch gemeinsame Projekte und Interessen mehrerer Blöcke, und andererseits ist der europäische Block noch lange nicht in jeder politischen oder gar militärischen Hinsicht geeint. Und Südostasien ist mehr denn je das heiße und schwierigste Pflaster internationaler Politik (China versus Japan versus USA versus neue Tiger; ArbeiterInnenunruhen in Südkorea 1997 z.B.). Zusammengefaßt ist es die chronische Überakkumulationskrise des Imperialismus seit Anfang der 1970er Jahren, die die strategischen Ziele des Kapitals bestimmen. Die Folgen: weltweite Angriffe auf die Errungenschaften der ArbeiterInnenklasse und die Bildung von aggressiven Wirtschaftsblöcken. Die europäische Bourgeoisie muß - will sie gegenüber den beiden Überseeblöcken nicht zurückfallen - einen konzentrierten Angriff auf die sozialen Standards der ArbeiterInnen starten. Der Versuch von Daimler-Benz und FDP 1996, die Lohnfortzahlung während des Krankenstandes kalt abzuschaffen, weist in diese Richtung. Die Attacke konnten zwar 350.000 streikende IG-Metaller verhindern, aber die sozialdemokratischen Parteien wiegen sich in Illusionen, wenn sie glauben, ein Zugeständnis jetzt und ein Sparpaket heute bewirken ein Ende der bürgerlichen Angriffe. Orientierungslosigkeit und revolutionärer Realismus Auch die Linke innerhalb der Sozialdemokratie reagiert auf diese Perspektive mit Konfusion. Oder - genauso schlimm - mit Unernsthaftigkeit, Angst vor notwendigen politischen Auseinandersetzungen und Ignoranz gegenüber proletarischen Kampfmethoden. Hier einige Beispiele: * Die Bezirksorganisation Landstraße der SPÖ sorgte sich am Wiener Parteitag 1997 um die amerikanische Entwicklung des österreichischen Arbeitsmarktes (McJobs) und verlangte z.B.: die stärkere Besteuerung der Gewinne und des Kapitaleinkommens zur Finanzierung der Sozialleistungen für die Einkommensschwächeren (z.B. durch Einkommenssteuerregelungen auf europäischer Ebene) und die öffentliche Finanzierung z.B. im Gesundheits-, Sozial-, und Bildungsbereich und die Förderung von Umweltschutzmaßnahmen. Zu letzterem hätte Kreisky selbstzufrieden geschmunzelt, aber er ist schon lange tot und die Rolle der SPÖ für den Kapitalismus heute eine andere. Ansonsten fehlen wie üblich bei solchen Anlässen so zentrale Angaben, wie eine stärkere Besteuerung der Gewinne und des Kapitaleinkommens gegenüber der ÖVP und gegenüber den UnternehmerInnen durchgesetzt werden soll. Das war vermutlich auch der Grund, weshalb die Antragsprüfungskommission den Antrag dem Parteitag zur Annahme empfehlen und der SP-Bürgermeister Häupl kurz darauf seine Lösung der Arbeitslosigkeit öffentlich präsentieren konnte: Werde UnternehmerIn! * Die Initiative für eine Sozialistische Politik der SPÖ fordert: Der wichtige Kampf um Arbeitsplätze kann im Zeitalter der ökonomischen Globalisierung und der daraus folgenden, sich verschärfenden Verteilungsungleichheit, nur durch internationale Solidarität erfolgreich sein. (...) die Einführung der 32-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich (...) ist daher unerläßlich. Wir wären schon mit der 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich zufrieden, wenn sie nicht bloß auf dem Papier stünde. Seit der Einführung der 37,5-Stunden-Woche sind SPÖ und ÖGB in dieser Frage nicht mehr aktiv geworden, und die Initiative weiß auch nicht so recht, wie die SPÖ zum Handeln zu bringen ist. Was die internationale Solidarität betrifft, so wäre es doch ein erster Schritt gewesen, wenn die Initiative aktiv für den Euromarsch gegen die neue Arbeitslosigkeit in Europa mobilisiert und nicht nur ein paar bekannte Köpfe zum Transparent-Tragen hingeschickt hätte. Tat sie nicht. * Tauchen innerhalb der SJ Resolutionen und Anträge gegen die Globalisierung auf, so haben sie durchwegs folgenden Charakter: Zollbarrieren, Einreiseverbote (für den Hr. Grünberg) usw. Der Nationalstaat soll hier wieder aufgewertet werden, die Linke in der Sozialistische Jugend ist anscheinend nicht europafit. Wäre sie dies, müßte sie doch eher europaweite Betriebsräte- und Gewerkschaftskonferenzen und (im Falle der Standorterpressung durch Konzerne) Demonstrationen, Streiks und Betriebsbesetzungen fordern. Semperit in Traiskirchen ist ein Werk des großen Autoreifenkonzerns Continental. Im Sommer 1996 ließ das Management in Hannover die Katze aus dem Sack: Abbau von Arbeitsplätzen, Auslagerung in die Tschechische Republik. Der Fall erregte mediales Aufsehen in Österreich. Der SP-Vorsitzende und Bundeskanzler Vranitzky setzte auf Gespräche mit der Konzernleitung. So einschläfernd wie wirkungslos. Die Gewerkschaften wollten einen Kaufboykott der Conti-Waren. Schon besser, aber ungenügend. Die Belegschaft wollte sich an die Maschinen anketten, um einen Abtransport zu verhindern. Heroisch für österreichische Verhältnisse. Der SP-Betriebsrat kanalisierte schließlich die neue Wut der ArbeiterInnen. Eine Niederlage. Aber was wollte die KPÖ und ihre Gewerkschaftsfraktion, der GLB? Der GLB verteilte ein Flugblatt vor den Werkstoren, in dem er sich um die österreichische Wirtschaft und Eigenständigkeit sorgte: Gegen die Ausplünderung und den Ausverkauf unseres Landes (...) Österreich darf nicht zur deutschen Kolonie werden und was der chauvinistischen Rülpser mehr sind. Keine Vorschläge, was die ArbeiterInnen konkret machen sollten, um die drohende Werksschließung zu verhindern. Keine Vorschläge, welche Perspektive sich daraus für die tschechischen ArbeiterInnen oder für die irischen (ein weiterer Continental-Standort, der im Gespräch war) ergeben. Nichts. Den ArbeiterInnen kann man doch nicht vorschreiben, was sie tun sollten - heißt es dann immer gerne. Aber auf diese Art und Weise verhindert man wohl kaum den Verrat der SP-Betriebsräte und GewerkschafterInnen. Im Gegenteil, so macht man ihnen das Spiel leicht. Manfred Groß begnügte sich damit, Jörg Haider vor dem Werk die Hände zu schütteln. Die KPÖ machte vermittels der flinken Feder eines Grabher einen famosen Vorschlag: Weshalb sollte die österreichische Republik (vielleicht zusammen mit dem reichen Hannes Androsch) nicht das Werk von Continental zurückkaufen und sich mit einem italienischen Reifenmulti gegen den Deutschen zusammentun. Fürwahr, die Germanophobie der KPÖ (eine Variante des österreichischen Nationalismus) treibt sie direkt in die Hände eines multinationalen Konzerns, der sich dem Standorteausspielen wohl nicht weniger entsagen wird, als dies Hr. Grünberg tut. Eine tolle Politik gegen das internationale Kapital und der Globalisierung. Wir, die Gruppe ArbeiterInnenstandpunkt, fuhren immer wieder vor das Werk und argumentierten für jene Handlungen, die geeignet sind, der Sache der Belegschaft zum Durchbruch zu verhelfen: * Für einen aktiven Streik und sofortige Werksbesetzung! Nur so kann der geplante Abbau von Arbeitskräften und der Abtransport der Maschinen bekämpft werden. * Für eine internationale Notkonferenz des Eurobetriebsrates! Die VertreterInnen von Semperit sollen eine Zusicherung der anderen KollegInnen erwirken, keine Zusatzschichten im Falle eines Arbeitskampfes zu fahren (...). * Ebenso sind gewerkschaftliche Solidaritätsaktionen unabdingbar. Wir fordern die Gewerkschaften auf, einen Marsch auf Wien mit einer Großdemonstration vor dem Parlament zu organisieren (...). * Für die sofortige Öffnung der Geschäftsbücher! Die Belegschaft hat ein Recht zu erfahren, wohin in den letzten Jahren die von ihr erarbeiteten Gewinne geflossen sind. Eine bürgerliche Lokalzeitung, die Badener Rundschau, entlarvte uns daraufhin als die Leute vom Mars. Doch auch die Badener Rundschau konnte nicht verhindern, daß die ArbeiterInnen des belgischen Renault-Werkes in Vilvoorde, das 1997 in die gleiche Situation das Conti-Werk Semperit kommen sollte, einen guten Teil der Vorschläge vom Mars selbst aufgriffen. Sie schickten Delegierte zu den Standorten in Frankreich und Spanien und erreichten einen einheitlichen Solidaritätsstreik quer durch Europa. Es kam zu Kundgebungen und Demonstrationen. In welch engem und muffigem Kammerl hat sich doch die Badener Rundschau ihre Artikel zusammengereimt! Vilvoorde ist der erste Schritt, weitere werden folgen. Tatsächlich haben nur die BürokratInnen aus SPÖ, KPÖ samt deren Anhängsel vor dem internationalen Klassenkampf Angst. Sie können nur verlieren. Die ArbeiterInnen, so auch jene Europas, werden nach anfänglichen Stolpern auf dieser neuen internationalen Bühne nur profitieren und von einander lernen. Der Angriff der europäischen Bourgeoisie gegen soziale Standards zwingt die ArbeiterInnen zu einem verstärkt internationalen Vorgehen. Sie betreten damit ein Terrain, auf dem der Reformismus sich kaum zu Hause fühlt. Das ist eine Chance, die Borniertheit der offiziellen ArbeiterInnenbewegung zu überwinden. Wir verteidigen nicht die Nationalstaaten - auch nicht gegen die Globalisierung. Wir weisen den Weg für ein Europa der ArbeiterInnen. Dieser Weg hat mehrere Stationen: * Abwehr aller Angriffe der UnternehmerInnen, ihrer Parteien und Verbände. Die gewerkschaftlich organisierten Massenstreiks und Demonstrationen in den größeren europäischen Ländern 1996 und 1997 zeigen, wie es geht. * Der Kampf um einheitliche Sozialstandards, die auf dem höchsten gegebenen Niveau basieren. Dieser Kampf wird die unterschiedlichen Kontingente europäischer ArbeiterInnen zusammenschweißen. * Für eine europäische konstituierende Versammlung, bei der die gemeinsamen Interessen der ArbeiterInnen Europas artikuliert werden. * Für die sozialistischen Staaten von Europa Anmerkungen: (1) Zahlen nach Ankie Hoogvelt, Globalisation and the Postcolonial World, London 1997. (2) Das entsprechende statistische Material führte neben Industrieländer (Imperialismus) und Entwicklungsländer (Halbkolonien) den Anteil der ehemaligen COMECON-Länder getrennt an. Zahlen nach Hoogvelt, a.a.O und GATT, International Trade, 1962, 1973, 1990-1991 (3) Ein Viertel des internationalen Warenhandels der halbkolonialen Welt entfällt (1990) auf Hong Kong, Singapore, Korea und Taiwan. (4) Zahlen aus Hoogvelt, a.a.O. (5) Zahlen aus: Paul Bairoch, The Economic Developement of the Third World, London 1975 . Und aus: UNDP, Human Development Report, Oxford 1992. (6) Trotzki Schriften, Band 2.2, Über China 1928-1949, Die Revolution in Indien, Seite 631f; Hamburg 1990. |