abc des Marxismus: Gewerkschaft

Gewerkschaften entstanden im vorigen Jahrhundert. Sie sind Zusammenschlüsse von ArbeiterInnen im ökonomischen Kampf gegen das Kapital. Wo immer der Kapitalismus ArbeiterInnen in größerem Ausmaß hervorbrachte, lernten sie aus den Erfahrungen ihres täglichen Existenzkampfes bald, daß sie die Konkurrenz untereinander überwinden mußten und nur gemeinsam der ärgsten Ausbeutung durch die UnternehmerInnen Paroli bieten konnten. Als Verkäufer von Arbeitskraft, die sie waren, bildeten sie sozusagen ein Kartell. Ihre besondere Waffe war der Arbeitskraftboykott, der Streik.
Der ökonomische Kampf ist freilich ein Kampf um Ziele innerhalb des kapitalistischen Systems - höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, kürzere Arbeitszeit. Jeder Sieg in einem solchem Kampf ist nur zeitweilig. Die KapitalistInnen sind bei Strafe ihres eigenen Untergangs gezwungen, ihren Profit zu maximieren und führen daher einen unausgesetzten Angriff auf die ArbeiterInnen. Heute erstrittene höhere Löhne können schon morgen durch Rationalisierungen, damit verbundenen Entlassungen, Einsatz von billigerer Arbeitskraft, Betriebsverlagerungen etc. bedroht sein. Marx empfahl den ArbeiterInnen, sie sollten “statt des konservativen Mottos ‘Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk’ auf ihr Banner schreiben: ‘Nieder mit dem Lohnsystem’ “.
Eine Gewerkschaft ist keine revolutionäre Partei, kann diese nicht ersetzen. Sie organisiert die ArbeiterInnen auf der Grundlage spontaner Kampfbereitschaft gegen unzumutbare Arbeits- und Lebensbedingungen und setzt keine umfassende Einsicht in ihre Klassenlage oder die Zustimmung zu einem revolutionären Programm voraus. Das Bewußtsein von der Notwendigkeit des ökonomischen Kampfes gegen die Bourgeoisie führt auch keineswegs automatisch zum Bewußtsein von der Notwendigkeit ihres Sturzes, ihrer Enteignung und des Aufbaus einer kommunistischen Gesellschaft. Dieses Bewußtsein bedarf der Organisierung in einer Partei und durch eine Partei.
Doch wandten sich Marx und Engels gegen all jene, die gewerkschaftlichen Kampf für überflüssig hielten. Eine Gewerkschaft erlaubt eine viel umfassendere und breitere Organisierung der ArbeiterInnen als eine revolutionäre Partei. Auch weniger klassenbewußte ArbeiterInnen werden so in die Kämpfe um ihre Interessen hereingezogen, lernen sie führen und werden offen für revolutionäre Argumente. Gewerkschaften sind “Schulen des Klassenkampfes”. Das eigentliche Ergebnis im Auf und Ab des ökonomischen Kampfes ist nicht dieser oder jener bescheidene Lohnzuwachs oder die Verhinderung dieser oder jener Entlassung, sondern die “immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter”.
Nicht der ökonomische Klassenkampf ist das Problem, sondern die Beschränkung darauf oder aber die Einschränkung des Klassenkampfes auf bloße Reformen innerhalb des kapitalistischen Systems. Denn der nur-ökonomische Klassenkampf gibt der Bourgeoisie Gelegenheit, einen Keil zwischen die ArbeiterInnenaristokratie (die materiell und ausbildungsmäßig am besten gestellten ArbeiterInnen) und den Rest der Klasse zu treiben. In allen reichen Ländern verwendet die Bourgeoisie einen Teil ihrer Extraprofite, um - während das Gros der Klasse und die sozial unterdrückten Schichten (Frauen, ImmigrantInnen, Jugendliche) kräftig ausgebeutet werden - der ArbeiterInnenaristokratie ein passables Lohnniveau zu garantieren. Diese in der ArbeiterInnenbewegung einflußreichsten ArbeiterInnen machen ihren Frieden mit dem Kapitalismus und werden zu TrägerInnen der reformistischen Ideologie, der Auffassung, ArbeiterInneninteressen könnten im Kapitalismus dauerhaft befriedigt werden.
Aus der ArbeiterInnenaristokratie rekrutiert sich auch größtenteils die Führungsbürokratie der Gewerkschaften. Es handelt sich dabei nicht etwa um die fähigsten, kämpferischsten und mutigsten GewerkschafterInnen sondern im Gegenteil, die angepaßtesten und rückgratlosesten. Sie stützen ihre Führungsrolle auf a) die Akzeptanz als VerhandlungspartnerInnen und die bescheidenen kampflosen Erfolge, die ihnen die Bourgeoisie (in guten Zeiten) für ihre Verräterpolitik zugesteht; b) die ArbeiterInnenaristokratie, der diese Erfolge zumeist zugute kommen und die in den heutigen Gewerkschaften meist überrepräsentiert ist; c) ein sehr undemokratisches internes Regime, das ihnen erlaubt, weitgehend unkontrolliert von der Basis zu agieren.
Durch die Einbindung in den bürgerlichen Staat und durch entsprechende Privilegien ist die ArbeiterInnenbürokratie von der Bourgeoisie gekauft. Diese Bürokratie hat kein Interesse an der Überwindung des Kapitalismus. Im Gegenteil, sie lebt von der Vermittlung zwischen ArbeiterInnenklasse und Bourgeoisie, sie steht und fällt also mit der bürgerlichen Klassengesellschaft und muß daher um jeden Preis für ihren Fortbestand eintreten. Sie wird damit zu einer bürgerlichen Agentur innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Die in Österreich übliche Verbindung von ökonomischem und politischem Klassenkampf auf einer Ebene, die den Kapitalismus nicht antastet, läßt die reformistische ArbeiterInnenbewegung zur sozial gerechteren Verwalterin der Herrschaft der Bourgeoisie werden.
Aber was ist die Antwort darauf? Sollen sich ArbeiterInnen von solchen bürokratisierten Gewerkschaften (Musterbeispiel ÖGB) fernhalten? Sollen Mitglieder, die die Ausverkaufspolitik und Funktionärsdiktatur ankotzt, ihr Mitgliedsbuch zurückgeben? Nein. Nichts würden die UnternehmerInnen lieber sehen, als eine atomisierte und vollkommen widerstandsunfähige ArbeiterInnenschaft. Das zeigen die USA und Britannien, wo konservative Regierungen alles taten, um die Gewerkschaften in die Knie zu zwingen. Oder sollen die kämpferischen ArbeiterInnen eine eigene oppositionelle - rote - Gewerkschaft gründen? Nein. Nicht die Spaltung und damit Schwächung der Gewerkschaft kann das Ziel sein. Die ArbeiterInnenklasse braucht eine möglichst starke Gewerkschaft mit einer klassenkämpferischen Führung.
Die richtige, revolutionäre Taktik ist die der “klassenkämpferischen Basisbewegung”, einer Einheitsfront aller kampfbereiten ArbeiterInnen innerhalb der Gewerkschaft mit dem Ziel, die Bürokratie zu stürzen und die Gewerkschaft zum Instrument revolutionären Klassenkampfes zu wandeln. Wesentliche Programmpunkte einer solchen Bewegung müssen sein: umfassende Demokratisierung der Gewerkschaften, Absage an jede Klassenkollaboration sowie Eintreten für Kampf- und Organisationsformen, die die aktive Beteiligung und Solidarisierung der Werktätigen erlauben (Streik und Betriebsbesetzungen bzw. Streikkomitees und Massenversammlungen). Wir werden in dieser Bewegung für ein revolutionäres Aktionsprogramm kämpfen.