Marxismus versus Postmodernismus

 

1. Die letzten 15 Jahren haben nicht nur den weltweiten Niedergang des Stalinismus, der linken Flügel in den sozialdemokratischen Parteien Europas und der sogenannten “Neuen Linken” nach 1968 gesehen, der Marxismus ist überhaupt in die Defensive geraten, da ein großer Teil der ehemaligen linken Intelligenz den Marxismus (oder das, was sie darunter verstanden) aufgegeben hat. Immer zahlreicher und lauter wurden die Stimmen, die die Überholtheit und Veralterung des Marxismus behaupteten: Viele Voraussagen des Marxismus seien nicht eingetroffen, die Entwicklung verlaufe ganz anders als sie es den marxistischen Thesen zufolge tun müßte. Überhaupt gehöre der Marxismus in eine Epoche, die nun zu Ende gegangen sei, er sei endgültig Teil der Vergangenheit und keine Strategie für die Zukunft.

2. Im folgenden sollen einige der zentralen Herausforderungen an den Marxismus diskutiert werden, wie sie in den letzten 10-15 Jahren vorgetragen und kanonisiert wurden. Dabei werden zentrale Aspekte jener alternativen Welt- und Geschichtsbilder untersucht werden, die angeblich den Marxismus ablösen könnten, ja müßten. Genau wie sich Marx mit den herrschenden Ideologien seiner Zeit befaßte und nicht nur deren Falschheit, sondern auch deren Notwendigkeit nachwies, so sollten auch wir an die heutigen Gedankensysteme und Erklärungsmuster herangehen. Es geht nach wie vor nicht darum, die Welt anders zu interpretieren, sondern sie zu verändern.

3. Was uns die neuen PhilosophInnen heute als “postmodern” anbieten, ist keine kohärente, alternative Theorie. Vielmehr ist es ein Bündel einander widersprechender und sich sogar ausschließender Teiltheorien. Dies wird jedoch nicht als Schwäche, sondern als Stärke betrachtet. Die Uneinheitlichkeit ist nämlich Teil des neuen Weltbildes. Was unter Postmodernismus zu verstehen ist, ist gar nicht leicht herauszufinden. Wie gesagt, viel zu uneinheitlich und absichtlich widersprüchlich sind seine ProtagonistInnen. Doch kann man nach einigem Suchen feststellen, daß es sich beim Postmodernismus um das Zusammentreffen von drei unterschiedlichen kulturellen Trends handelt:
a) Es sind Veränderungen im Bereich der Kultur und der Kunst gemeint, die angeblich den in den letzten einhundert Jahren vorherrschenden Trend des Modernismus ablösen. In der Architektur wurde der Postmodernismus besonders berühmt mit zahlreichen Büro- und Hotelbauten v.a. in den USA, in denen der klassische Funktionalismus, die Nüchternheit und Sparsamkeit der Stilmittel (vgl. Bauhaus) abgelöst und durch eine bunte Mischung aller möglichen Stilrichtungen (vgl. z.B. das Hundertwasserhaus in Wien) ersetzt wurde. Die Bauten der 1980er Jahre waren üppig, pluralistisch im Stil und unverschämt luxuriös. In der bildenden Kunst wurden die Malerei eines Picasso und überhaupt alle Überreste von Surrealismus und Konstruktivismus über Bord geworfen und ersetzt. Wodurch? Durch ein Wiederaufnehmen und Mischen aller möglichen früheren Stile. Realismus, Romantik, Biedermeier. Auch in der Literatur zog der Irrationalismus erneut ein. Die Nüchternheit und der Appell an das Rationale, das die moderne Literatur ausgezeichnet hatte, wurde durch mehr Fiktion, Spiritualität, ja Religiosität ersetzt.
b) Als zweite Quelle des Postmodernismus ist eine bestimmte Schule des philosophischen Denkens zu nennen, der sogenannte Poststrukturalismus (Derrida, Foucault, Baudrillard, Lyotard, Deleuze). Alle unterstrichen den fragmentarischen, heterogenen und pluralen Charakter der Realität. Und sie waren der Meinung, daß die Menschen niemals eine Realität objektiv erkennen können. Vielmehr sei jeder Mensch der Träger eines unzusammenhängenden Chaos von Gedanken, Trieben und Begehren.
Bei diesen beiden Aspekten handelt es sich aus marxistischer Sicht um sogenannte “Überbauphänomene”. Das heißt, sie sind Teil des Kampfes der Ideen, Teil der Ideologie des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts. Der Marxismus will von allen Ideen und Ideengebilden, unsere eigenen eingeschlossen, die materiellen Wurzeln aufzeigen, so auch von den “postmodernen”.
c) Als dritter Bestandteil finden sich im postmodernen Weltbild verschiedene Versionen von Theorien über die sogenannte “postindustrielle” Gesellschaft (Daniel Bell, Alain Tourraine). Kurz gesagt wird hier behauptet, daß ein Übergang stattgefunden hätte von einer Ökonomie, die auf industrieller Massenproduktion aufbaut zu einer, in der Information, Wissen und Forschung zu den treibenden Kräften des Wachstums geworden seien.

4. Als marxistische Organisation sind wir nicht gegen postmoderne Kunst, Literatur oder Musik, wir verstehen sie als Widerspiegelung gesellschaftlicher Realität und wollen als revolutionäre Partei hier nicht Gebote und Verbote des kulturellen Geschmacks vorgeben. Nur der Stalinismus hat die Kunst unter das Diktat der Partei gestellt. Die eigentliche Debatte besteht derzeit darin, ob es überhaupt eine “postmoderne” Kunst gibt.
Meine persönliche These ist die, daß eine “postmoderne” Epoche nur künstlich von einer “modernen” abgegrenzt werden kann. Dazu muß zuerst der sogenannte Modernismus selbst in ein Schema gepreßt werden.
Der Surrealismus und Konstruktivismus z.B. sind ja in keiner Weise wirklich typisch für das gesamte Jahrhundert, sagen wir von 1870-1970. Die bürgerliche Kultur stand immer in einem dialektischen Verhältnis zur jeweiligen Phase der bürgerlichen Gesellschaft. So drückten die umwälzenden Kunstrichtungen der Jahrhundertwende (etwa der Jugendstil und der Impressionismus) sicherlich das steigende Selbstbewußtsein der Bourgeoisie aus, die sich auch politisch zunehmend emanzipierte.
Surrealismus und Konstruktivismus sind hingegen unverständlich ohne die Wirkung der Oktoberrevolution auf die damaligen KünstlerInnen in Betracht zu ziehen. Die klassische Avantgarde war das Beste, was unter dem Eindruck einer mächtigen ArbeiterInnenbewegung bei den fortgeschrittensten bürgerlichen KünstlerInnen entstehen konnte. Der Niedergang dieser Avantgarde widerspiegelt langfristig vielmehr den Niedergang der revolutionären Arbeiterbewegung als das Ende eines “modernen” Zeitalters. Der Postmodernismus ist, wenn irgend etwas, dann eher die letzte Etappe dieses Niederganges als der Beginn von irgend etwas Neuem.

5. Nun zur poststrukturalistischen Philosophie: Auch hier ist zuerst einmal die Frage zu stellen, wo sich die Paradigmen von Deleuze und Foucault wirklich von der klassischen modernen Philosophie abgrenzen lassen. Von den Poststrukturalisten wird jedenfalls jede Philosophie als “modern” bezeichnet, die sich durch einen sogenannten “Metadiskurs” rechtfertigt. Ein “Metadiskurs”, manchmal auch “Metanarrativ” genannt, bezeichnet ein komplexes theoretisches System, das den Anspruch erhebt, in sich kohärent zu sein, mit einer objektiven Realität in Beziehung zu stehen und Antworten auf wesentliche Fragen der Gesellschaft oder der Geschichte zu geben. Beispiele dafür wären die “Dialektik des Geistes” (Hegel), die “Hermeneutik der Bedeutung” (Dilthey), die “Emanzipation der Vernunft” (Aufklärung) oder die “Emanzipation der Arbeiterklasse” (Marxismus), aber auch die “Schaffung von Reichtum” (Adam Smith). Jeder solche Metadiskurs sei laut Poststrukturalismus fragwürdig und, so das neue Zauberwort, zu “dekonstruieren”. Zerpflückt werden dabei nicht nur alle Bezugnahmen auf “die Vernunft” (mit dem Hinweis auf die Allgegenwart der Unvernunft) oder etwa auf die Menschenrechte (mit dem Hinweis auf die Allgegenwart des Bruchs der Menschenrechte), sondern eben auch jede Referenz auf die Interessen der ArbeiterInnenklasse (mit dem Hinweis auf die arbeiterInnenfeindlichen Resultate “aller” solcher Referenzen). Zusammengefaßt sind die Hauptprobleme der PoststrukturalistInnen darin zu sehen, daß sie
a) dem sogenannten Diskurs, also gesellschaftlich institutionalisierten Kommunikationsmustern, keine Objektivität zubilligen; Metadiskurse, also theoretische Verallgemeinerungen seien besonders künstlich;
b) dem Widerstand gegen Macht und Herrschaft, den sie durchaus artikulieren wollen, keine feste Grundlage geben wollen (jeder Widerstand ist immer partikularistisch und auf das Ganze bezogen irrational);
c) dem menschlichen Subjekt die innere Kohärenz und die Fähigkeit zur Initiative abstreiten. Es gibt also kein menschliches Subjekt mit Handlungsfähigkeit. Auch menschliches Leid ist damit eine Kategorie, die nicht vorkommt.

Nun ist den PoststrukturalistInnen recht zu geben, daß klassisch bürgerliche Theorien immer mechanische Verallgemeinerungen enthalten (etwa Ricardos Formulierung des Wertgesetzes) und daß der stalinistische Pseudomarxismus vor mechanischen Totalisierungen nur so strotzte. Doch die Schlußfolgerung, es sei unmöglich, sich außerhalb des bestehenden Systems zu stellen und jeder solche Versuch sei nur der Beginn einer neuen Wiederholung des Alten (Repression, Menschenrechtsverletzungen etc.), enthält einen idealistischen Kurzschluß. Denn der Standpunkt, den der Marxismus formuliert, ist ja kein rein geistiges “Sich-außerhalb-des-bürgerlichen-Systems-stellen”, sondern er formuliert eine historische Tendenz, die sich aus inneren Widersprüchen ergibt, nämlich den revolutionären Klassenkampf der ArbeiterInnenklasse, der als praktische Umwälzung sehr wohl das herrschende System überwinden kann.

6. Sehen wir uns nun etwas genauer die Argumentation für eine nach-industrielle Gesellschaft an. Die klassische Darlegung stammt von Daniel Bell:
Er unterscheidet drei gesellschaftliche Entwicklungsstufen, die jeweils mit einer bestimmten vorherrschenden Produktivkraft verbunden sind. Die traditionelle Gesellschaft beruht auf der Landwirtschaft, die industrielle Gesellschaft beruht (originellerweise) auf der industriellen Großproduktion und die postindustrielle Gesellschaft ist charakterisiert durch den Übergang zu einer Dienstleistungswirtschaft und die zentrale Bedeutung des Wissens für die Ökonomie. Außerdem würden die Unternehmen in ihrem Handeln von dem bisherigen “Sparmodus” (d.h. einem engstirnig betriebswirtschaftlichen Horizont) zu einem “vergesellschaftenden Modus” übergehen. In letzterem würden sich die Unternehmen bemühen, ihren Arbeitskräften lebenslange Arbeitsstellen zu garantieren und überhaupt würde die Mitarbeiterzufriedenheit zu einer zentralen Produktivkraft. Bell schloß daraus, daß sich die USA weg von einer auf Privateigentum basierenden Marktwirtschaft hin zu einer Gesellschaft entwickle, in der die wesentlichen Entscheidungen politisch gefällt werden, und zwar entsprechend bewußt definierten “Zielen” und “Methoden”. Das war 1973.
Vor allem die Schlußfolgerungen brauchen heute kaum mehr kritisiert zu werden, sie haben sich teilweise bereits selbst entlarvt. Die Vernichtung industrieller Arbeitsplätze, die in den 1980er Jahren geschah, und die Vertilgung von Planposten im Öffentlichen Dienst, die die bisherigen 1990er Jahre kennzeichnete, beweisen zur Genüge, daß von lebenslangen Jobs gerade immer weniger die Rede sein kann. Und von einem Niedergang des privatkapitalistischen Systems phantasiert heute auch kaum noch jemand, wo doch die Privatisierungswelle seit Thatcher und Reagan das Privatkapital so offensichtlich gestärkt hat.

7. Doch untersuchen wir das Argument von der Dienstleistungsgesellschaft. Ihr Entstehen gehe parallel zu einer Deindustrialisierung und damit zum Niedergang der industriellen ArbeiterInnenklasse. A. Gorz’ Buch “Abschied vom Proletariat” (1980) drückte diese ideologische Tendenz am klarsten aus. Die These ist jedoch nicht haltbar:
a) Erstens ging die Zunahme des Dienstleistungsanteils v.a. auf Kosten der Landwirtschaft, deren Anteil in allen Ländern seit der Zwischenkriegszeit kontinuierlich sinkt.
b) Zweitens drückt die Abnahme der industriellen ArbeiterInnenschaft in hohem Maße die Zunahme der industriellen Produktivität aus, während die Produktivitätszunahme im Dienstleistungssektor während der ganzen 1980er Jahre ziemlich gering blieb. Während also die Abnahme des Anteils der IndustriearbeiterInnen an der gesamten Arbeitsbevölkerung in vielen Industriestaaten recht deutlich ausfiel, war die Abnahme des Anteils der Industrieproduktion an der gesamten Wirtschaftsleistung viel geringer. USA: 1964/1982/1993: 24,8/22,8/22,7%;
c) Die Abnahme des Industrieanteils am BIP ist überhaupt nicht universell. In Japan ist er bis in die Gegenwart hinein gewachsen: 1964/1982/1992: 24,1/39,9/42%.
d) In Wirklichkeit werden aufgrund der steigenden Produktivität in der Industrie nach wie vor Dienstleistungen durch Güter ersetzt, man denke nur an die Staubsauger und Waschmaschinen, die Hausfrauenarbeit und Dienstpersonal ersetzen, die Autos, die immer noch Verkehrsleistungsanteile von den Eisenbahnen erobern oder die TV-Geräte, die schon zahlreiche Kinos ruiniert haben.
e) Ein besonders wichtiges Argument aber ist, daß die relative Abnahme der Industriebeschäftigung in vielen reichen Ländern v.a. den Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder reflektieren und keine globale Verschiebung der Proportionen zuungunsten der Industrie. Im selben Zeitabschnitt, wo der Anteil der Industriebeschäftigung etwa in den USA um 6% zurückging, stieg er nämlich z.B. in der Türkei um 65%, in Ägypten um 179%, in Tansania um 623%, in Brasilien um immerhin 212% und um unglaubliche 2500% in Südkorea. Weltweit ist nicht nur die Industrieproduktion fast jedes Jahr seit 1960 gewachsen, sondern eben auch die Industriebeschäftigung. Zwischen 1971 und 1982 etwa um +14,1%.
f) In absoluten Zahlen wuchs das Industrieproletariat zwischen 1970 und 1989 in den USA um 1.3% auf fast 20 Millionen, in Japan um 4% auf über 15 Millionen. Gleichzeitig allerdings erlitt die westeuropäische IndustriearbeiterInnenklasse massive Einschnitte, so daß die Zahl der Industriebeschäftigten in den imperialistischen Ländern (Westeuropa, USA, Japan und Australien) insgesamt um 8% zurückging. Doch ein massives Wachstum der Industriebeschäftigung v.a. in Asien gerade auch in den letzten Jahren machte diese Verluste wett. Heute gibt es mehr industrielle ArbeiterInnen als jemals zuvor in der Geschichte.
g) Während die TheoretikerInnen der postindustriellen Gesellschaft die Zunahme des Dienstleistungssektors meist als Zunahme von Freiheit und Lebensstandard darstellen, sieht die Wahrheit anders aus. Zum Beispiel sind die Löhne in der US-Industrie um gut 30% höher als in den neuen Dienstleistungssektoren. Die Deindustrialisierung war ein schmerzvoller Prozeß mit gesellschaftlich rückschrittlichen Ergebnissen und keineswegs ein Fortschritt in ein neues besseres Zeitalter. Besonders drastisch sieht man dies im Eldorado des Postindustrialismus, in Kalifornien. Mit billigen ImmigrantInnen wurden die Löhne derart gedrückt, daß die kalifornische Textilindustrie heute mit Hongkong und Taiwan konkurrieren kann. In den Dienstleistungsbetrieben ist dies noch krasser, dort sind die Löhne um 40-50% niedriger als in der Industrie. Trotz enormer wirtschaftlicher Wachstumsraten fiel das pro-Kopf- Einkommen in den letzten 20 Jahren.
h) Als MarxistInnen lehnen wir jeden Industriefetischismus ab. Nichtsdestotrotz gehört die IndustriearbeiterInnenklasse aufgrund ihrer zentralen Stellung im Produktionsprozeß und damit der Schaffung des Mehrwerts nach wie vor zur Kernfraktion des Proletariats. Diese Zentralität wird auch nicht dadurch gemindert, daß ihr %-Anteil heute geringer ist als vor zwanzig oder dreißig Jahren.
Darüber hinaus sind neue, andere ArbeiterInnenschichten entstanden bzw. gewachsen, die ebenfalls eine strategische Bedeutung für den kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsprozeß besitzen: Telekommunikation, Computerindustrie, Teile des öffentlichen Dienstes u.a. Teilweise haben diese Schichten ihre Kampfkraft schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt (z.B. Eisenbahnerstreiks in Frankreich 1986 und 1995), teilweise werden diese Schichten in den kommenden Jahren eindrucksvolle Schlachten liefern und sich mehr und mehr organisieren. (siehe z.B. den ersten großen Streik von Computerangestellten bei DASA in Deutschland 1996)

8. Die meisten im Dienstleistungsbereich neu geschaffenen Arbeitsplätze entsprechen kaum der von Bell prognostizierten Vorherrschaft des Wissens als Produktivkraft in der Wirtschaft. Es sind miserabel bezahlte Jobs in Fast-Food-Ketten, Schichtarbeitsplätze bei Tankstellen und Supermärkten, bei denen man eine 50 bis 60-Stundenwoche hat oder Taxi- und LKW-Fahrerjobs, wo es aufgrund skandalöser Kilometer-Prämien notwendig ist, mit selbstmörderischem Tempo durch die Stadt oder durch die Lande zu glühen. All dies sieht viel mehr dem üblichen kapitalistischen “Sparmodus” ähnlich, den Bell mit dem industriellen Zeitalter verschwinden sah als einem neuen “Vergesellschaftungsmodus”, in dem die Mitarbeiterzufriedenheit an Bedeutung gewönne. Daß die Intellektuellen dennoch nicht müde werden, vom Ende des “Produktionsparadigmas” zu schwafeln, ja immer noch das “Ende der Arbeitsgesellschaft” an die Wand malen, muß andere Gründe haben, als die Tatsachen der realen Entwicklung.

9. Damit bleiben zentrale marxistische Thesen in Kraft: Die industrielle Produktion ist nach wie vor die Grundlage der kapitalistischen Ökonomie. Die industrielle ArbeiterInnenklasse ist nach wie vor der Kern der ArbeiterInnenklasse und dieser wächst im globalen Maßstab. Das Gesetz von der Ungleichzeitigkeit der Entwicklung bestätigt sich darin, daß die reichen Industrienationen zunehmend Schwierigkeiten mit ihrer Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Schwellenländern (Südkorea, Taiwan, Mexiko, Chile etc.) bekommen. Der zentrale Motor der wirtschaftlichen Entwicklung ist wie eh und je der Profit. Dessen Rate sinkt jedoch aufgrund der steigenden organischen Kapitalzusammensetzung (d.h. der Zunahme der Maschinerie auf Kosten der Arbeitskräfte). Die Senkung der Löhne, die Angriffe auf die Arbeitsbedingungen und die Attacken auf den Wohlfahrtsstaat stellen nichts anderes dar als Versuche, die durchschnittliche Profitrate wieder zu erhöhen und damit wieder Dynamik in den Markt zu bekommen.

Im folgenden geht es um eine marxistische Kritik an der aus der Linken hervorgegangenen Regulationsschule, die das Konzept des Fordismus/Postfordismus vertritt.

10. Parallel zum offen bürgerlichen Postmodernismus und Postindustrialismus hat sich auch in der Linken eine analoge Strömung gebildet, die wir zusammenfassend als “Postmarxismus” beschreiben wollen. Hier greifen wir nur eine Gruppe heraus, die sowohl im deutschsprachigen als auch im angelsächsischen Raum Bedeutung hat, nämlich die “Regulationsschule” mit ihrem Fordismus/Postfordismus-Konzept (z.B. Hirsch/Roth, Lipitz, Marxism Today). Hier wird behauptet, daß das fordistische Akkumulationsmodell abgelöst wird von einem postfordistischen. Fordismus war ein System der industriellen Massenproduktion von standardisierten Produkten. Fließbandtechnologie und tayloristische Arbeitsorganisation gehörten ebenso dazu wie der Erhalt einer gewissen Massenkaufkraft durch Protektionismus und keynesianischen Staatsinterventionismus. Die Krisen der 1970er Jahre haben dieses Modell gesprengt und in den 1980er Jahren ist ein neues entstanden. Der Postfordismus ist konsumgeleitet. Neuere Technologien erlauben eine viel individueller Produktgestaltung, spezifische Konsumentengruppen werden durch besondere Produktgestaltung angesprochen. Außerdem erlauben neue computergesteuerte Verteilungssysteme das Vermeiden von großen Lagern (just-in-time-delivery). Design wird viel wichtiger und durch die flexible Spezialisierung wird dies auch möglich. Die Computervernetzung erlaubt den Abbau verschiedener Hierarchieebenen (lean production). Die Größe der Betriebe nimmt wieder ab und sie sind nicht mehr so sehr in Großstädten angesiedelt. Die neuen Produktionsmethoden teilen die Arbeitskraft in einen hochqualifizierten und geschützten Kern und in leicht auswechselbare periphere Arbeitskräfte. Dieses Modell paßt gut mit der gleichzeitig entstandenen Vorstellung einer Zweidrittel-Gesellschaft zusammen.

11. Was den klassischen MarxistInnen gerade immer vorgeworfen wurde, nämlich daß sie mechanisch aufgebaute, überkonsistente Totalsysteme konstruieren, wird hier zum Exzeß realisiert. Alles paßt scheinbar zusammen: Von der Produktionstechnologie, über die Arbeitsorganisation, die Verteilungssysteme und Produktionspaletten, bis zu Qualifikationshierarchien, entsprechenden kulturellen und psychologischen Trends und gesamtgesellschaftlichen Gruppenbildungen. Dem postfordistischen Akkumulationsmodell entspricht dann auch meistens ein zurückgezogener, schlanker Staat, entmachtete Bürokratien und das Aufblühen einer zivilen Gesellschaft, in der sich eine Vielzahl von Konflikten zivilisiert austragen lassen (Gramscis “Zivilgesellschaft” wird nicht zufällig plötzlich populär), ohne konsistente und dauerhafte Ideologien hervorzubringen oder gar Zwei-Klassen-Polarisierungen wieder entstehen zu lassen. Das ist insofern ein schrecklicher Reduktionismus als die Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Realität ausgeblendet wird.

12. a) Wie schon bei der Moderne zeigt sich auch hier, daß der Fordismus zuerst als kohärentes System erfunden werden muß, um sich dann gegen den angeblich neuen Postfordismus abgrenzen zu lassen. In Wirklichkeit paßte aber das Modell der Fließband- und Massenproduktion niemals auf alle oder auch nur die meisten Industriebranchen. Es fand weder in der Bekleidungs- noch etwa in der Möbelindustrie seine Verwirklichung, auch im Grundstoffbereich wird man vergeblich nach solchen Technologien suchen.
b) Es ist unhaltbar, daß die Massenmärkte in kleinere Segmente und Nischen zerlegt würden. Obwohl viele Firmen zunehmend mehr Varianten von einzelnen Produkten anbieten, werden im Zuge der Internationalisierung der Märkte dennoch von jedem Produkt immer größere Stückzahlen produziert. Die heimischen Unternehmen arrangieren sich mit der ausländischen Konkurrenz, indem sie selbst immer mehr für den Export arbeiten.
c) Die Bedeutung der “flexiblen Spezialisierung”, also dem Einsatz von Technologien, die wechselnde und dennoch spezialisierte Produkte erzeugen können, wird häufig übertrieben. Die Einrichtung von CAD/CAM-Systemen ist derartig teuer, daß sie sich nur für exorbitant riesige Produktionszahlen rentiert. Solche werden in vielen Bereichen nach wie vor nicht erreicht und daher wird durchaus weiterhin mit spezialisierten Maschinen gearbeitet.
d) Die Teilung der Arbeitsbevölkerung in einen geschützten und privilegierten Kern und eine unterdrückte und überausgebeutete Peripherie wird auch übertrieben. Denn ein solches Modell würde voraussetzen, daß die KapitalistInnen wirklich rational planen und daß sie ihrem Kern tatsächlich sichere Arbeitsplätze anbieten könnten. In Zeiten des verschärften internationalen Wettbewerbs ist selbst dies aber nicht möglich. Daher werden immer wieder auch vermeintlich geschützte Sektoren attackiert, die Angriffe auf die BeamtInnen zeigen, daß es selbst im Staatssektor keine Sicherheit gibt. Natürlich gibt es privilegiertere und schlechter gestellte Sektoren der Arbeiterklasse. Doch solche hat es immer gegeben. Was sich nicht belegen läßt, ist, daß es zwei starr getrennte Sektoren gibt. Die Realität zeigt eher eine weiterhin stattfindende Durchmischung der “Sektoren”, die damit auch die Basis für übergreifende Solidarisierungen bildet.

13. a) Das Ausmaß und die Bedeutung der abnehmenden Konzentration der Werktätigen in Großbetrieben in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten (“Toyotismus”) wird ebenso überschätzt. Erstens darf man nicht die Abnahme der Konzentration in einem Betrieb mit der Abnahme der Konzentration in einem Konzern gleichsetzen. Denn die Tendenz zum Monopol, einem Grundmerkmal der imperialistischen Epoche, ist nicht verschwunden, sie ist höchstens schwerer erkennbar geworden aufgrund der subtilen Verschachtelungen von Besitzverhältnissen und der stärkeren Arbeitsteilung. Darüber hinaus nimmt sich das Ausmaß dieser abnehmenden Konzentration weniger dramatisch aus, als es von der Regulationsschule suggeriert wird. So veränderte sich beispielsweise die durchschnittliche Anzahl der Beschäftigten eines europäischen Industriebetriebes von Beginn der 1970er Jahre bis zu den späten 1980er Jahren in Deutschland von 86.9 auf 71.9, in Belgien von 34.2 auf 30.3. In anderen Ländern fiel dieser abnehmende Trend weit stärker aus (z.B. GB), in manchen aber nahm die durchschnittliche Beschäftigung per Industriebetrieb sogar zu (Schweden, Norwegen, Schweiz).
b) Weiters ignoriert die Regulationsschule - und dies zeichnet generell ihre Postfordismus-These aus -, daß die Tendenz der abnehmenden betrieblichen Konzentration der (Industrie-) ArbeiterInnen bzw. der relativen Abnahme der IndustriearbeiterInnen an der GesamtarbeiterInnenklasse in den imperialistischen Ländern keine neue Tendenz der 1980er Jahre ist, sondern zumeist schon in der ersten Hälfte der 1960er Jahre einsetzte. Außerdem sollte noch angemerkt werden, daß in den sich rasch entwickelnden kapitalistischen Halbkolonien (v.a. Südostasien) die Konzentration der IndustriearbeiterInnen in den letzten Jahrzehnten gewaltig zugenommen hat.
c) Schließlich widerlegt die Erfahrung in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts den ökonomistischen Automatismus zwischen industrieller Konzentration des Proletariats bzw. Größe des Industrieproletariats und der politischen Kampfbereitschaft der ArbeiterInnenklasse anhand der Entwicklungen. Zwischen 1910 und 1930 beispielsweise ging der Anteil der IndustriearbeiterInnen an alle Lohnabhängigen in Deutschland leicht (von 41% auf 40%), in Großbritannien stärker zurück (von 52% auf 46%). In anderen Ländern (z.B. Frankreich) stagnierte er oder stieg nur leicht an. Nichtsdestotrotz zeichnete sich diese Periode durch ein Höchstmaß an klassenpolitischer Zuspitzung und revolutionären Situationen aus.
Das grundlegende Produktionsverhältnis, d.h. das Lohnarbeit/Kapital-Verhältnis blieb seit der Zeit des Hochkapitalismus dasselbe. Vor diesem Hintergrund bleibt für die Kampffähigkeit des Proletariats der subjektive Faktor, das heißt die wesentliche Rolle der revolutionären Partei entscheidend. Relative Veränderungen der objektiven Strukturen (Proportionen der Industriebranchen, Betriebsgrößen u.ä.) sind wichtige Randbedingungen für die politische Taktik, insgesamt sind sie aber sekundär.
d) Der Anteil der IndustriearbeiterInnen am gesamten Proletariat veränderte sich historisch gesehen weit weniger dramatisch als es die Regulationsschule glaubt: Statt einem Verschwinden des Industrieproletariats können wir selbst in Westeuropa, dem Teil der Welt mit dem größten Rückgang des Industrieproletariats, eine Veränderung des Anteils der IndustriearbeiterInnen (an der Gesamtarbeiterklasse) von 41% (1910) auf 45% (1960er Jahre) auf ca. 33% (Mitte der 1980er Jahre). In Deutschland selbst liegt der Anteil der IndustriearbeiterInnen noch immer über dem Niveau vor 1945.

14. Die These von der geringer werdenden Rolle des Staates in der Ökonomie ist ebensowenig haltbar. Trotz aller “neoklassischen” (ein Begriff der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft) und laissez faire Rhetorik war beispielsweise die Reagan-Ära eine Phase massiver Staatsintervention, sowohl bei der Manipulation der Währung, als auch bei der Auftragsbeschaffung für die Wirtschaft durch die Rüstungsprogramme. M. Thatcher, die Propagandamutter für den neoliberalen “Nachtwächterstaat”, hat zum Zeitpunkt des blutigen Montags am 19.10.1987 (Sturz der Aktionkurse auf der New Yorker Börse) grünes Licht für massive Währungsinterventionen durch die Bank von England gegeben. Auch seither haben die diversen Krisen des EWS gezeigt, daß von einem Rückzug des Staates aus der Wirtschaft keinesfalls geredet werden kann. Eher schon im Gegenteil. Der ganze Aufschwung am Ende der 1980er Jahre war keynesianisch induziert. Ansonsten wären ja auch die Staatsdefizite nicht so gewaltig, hätten die Nationalstaaten nicht ständig mehr Geld ausgegeben.

15. Schließlich kommen wir zur “zivilen Gesellschaft” und zur These von der Pluralität der gesellschaftlichen Konflikte. Diese These stellt nur die Weiterentwicklung einer schon 40 Jahre alten soziologischen Argumentation dar, daß nämlich die früheren sozialen Klassen in verschieden zusammengesetzte Gruppen von einander überlappenden Interessengruppen zerfielen und daher der Klassenkampf als Begriff und Strategie obsolet sei. AtomkraftgegnerInnen und TierschützerInnen, Straßenanrainer und Techno-Kulturbegeisterte, KonsumentInnen, die in der Nacht einkaufen wollen und religiöse Gruppen, die die Heiligkeit des Sonntags anbeten, alle solche Gruppen stehen in Konflikten miteinander. Die einzelnen Individuen sind Mitglieder mehrerer Gruppen und finden sich in Teilkonflikten z.T. auf der gleichen Seite, z.T. auf verschiedenen Seiten der Barrikaden. Die Pluralität der Konflikte entspricht dem Chaos, in dem sich das poststrukturalistische Individuum findet.
Die Praxis des Klassenkampfes zeigt hingegen eine andere Dynamik. Immer wieder finden sich größere Teile der Klasse zu gemeinsamen Kämpfen zusammen, dann zerfallen die Klassenstrukturen wieder und Teile der Klasse lassen sich hinter kleinbürgerlichen Führungen für bornierte Teilziele mobilisieren. Es ist eine Frage des Bewußtseins über die übergreifenden und grundlegenden Widersprüche bzw. Zusammenhänge, das darüber entscheidet, in welcher Klarheit diese zutage treten. Deswegen hat eine revolutionäre Partei auch eine analysierende und Perspektive gebende Funktion.

16. Was sind aber nun die Ursachen dafür, daß die ehemalige linke Intelligenz fast geschlossen in die postmoderne Richtung gegangen ist? Welche historischen Bedingungen spiegeln sich in dieser ideologischen Bewegung nach rechts wider? Zunächst muß einmal gesagt werden, daß gerade die lautesten anti-marxistischen Schreihälse in der Vergangenheit einer reformistischen oder zentristischen Karikatur des Marxismus angehangen sind. Zum Beispiel wurden zahlreiche VertreterInnen diverser maoistischer Strömungen, die aus der StudentInnenbewegung der frühen 1970er Jahre hervorgegangen waren, später zu SprecherInnen von anti-marxistischen und rechten Strömungen. Manche wurden offene PropagandistInnen der “freien Marktwirtschaft”, sei es in der konservativen Variante (z.B. Andrè Glucksmann und andere französische “nouveau philosophes”) oder in der sozialdemokratischen Variante (z.B. Regis Debray, Otto Schily). Andere wurden zu keynesianischen KritikerInnen des Kapitalismus (viele Ex-StalinistInnen, wie Eric Hobsbawn oder Jürgen Bischoff, aber auch AnhängerInnen der “Regulationsschule”) und wieder andere wurden zu ApologetInnen der “neuen sozialen (=nicht-proletarischen) Bewegungen” (z.B. Hirsch, Negri, Trampert/Ebermann etc.). So viel diese verschiedenen Gruppierungen auch unterscheiden mag, sie verbindet die Ablehnung sowohl einer auch nur halbwegs logischen Weltanschauung als auch der Orientierung auf das Proletariat und der sozialen Revolution.

17. Die radikale Linke war Anfang der 1970er Jahre mit dem Anspruch angetreten, die “verfaulende” Sozialdemokratie abzulösen. Viele konnten dann jedoch nicht verstehen, daß die Sozialdemokratie von den ArbeiterInnen (etwa in Österreich, Deutschland, Portugal, später in Spanien und Frankreich) in die Regierung gewählt wurde. Als diese Parteien dann an der Macht eine zunehmend rechte und neoliberale Politik betrieben und die ArbeiterInnen dennoch nicht in Massen zu den selbsternannten linken Avantgardeparteien überliefen, war für viele stalinistische Intellektuelle die ArbeiterInnenklasse als historisches Subjekt gestorben. Daß es ihre eigene Unfähigkeit war, durch eine konsistente Einheitsfronttaktik die ArbeiterInnen von ihren traditionellen Organisationen zu lösen, wurde ihnen nicht bewußt. Die StalinistInnen aller Couleurs hatten entweder von der “3.Periode” oder aus der “Volksfrontperiode” der Komintern eine völlig falsche, die blinden Flecken der Sowjetbürokratie widerspiegelnde, Konzeption von Sozialdemokratie übernommen.

18. Doch auch die sich auf Trotzki berufenden ZentristInnen verirrten sich in opportunistische und/oder sektiererische Abenteuer in Bezug auf die traditionellen Organisationen der ArbeiterInnenklasse. Dies war das Erbe der Degeneration der IV. Internationale Anfang der 50er Jahre. Die IV.Internationale war daran gescheitert, die veränderte Weltlage nach dem II. Weltkrieg zu begreifen und hatte unter der zunehmend weltfremden Erwartung eines kurzfristig bevorstehenden 3.Weltkrieges ihr eigenes revolutionäres Programm revidiert und dem Linksstalinismus angepaßt. Dieses fehlerhafte programmatische Erbe der IV.Internationale rächte sich in der Zeit der neuen ArbeiterInnenradikalisierungen in den 1970er Jahren, als es den diversen “TrotzkistInnen” nicht gelang, programmatische Festigkeit mit Verankerung in den ArbeiterInnen- und Jugendkämpfen zu verbinden.

19. Vor dem Hintergrund des sozialdemokratischen, stalinistischen und zentristischen Erbes gelang es dem weitaus überwiegenden Teil der linken Intellektuellen nicht, die Ursachen für die beständigen politischen und ökonomischen Niederlagen der ArbeiterInnenklasse zu verstehen und einen effektiven Kampf dagegen aufzunehmen. Und es gelang den aus der StudentInnenbewegung gewachsenen Organisationen nicht, wirklich in der ArbeiterInnenklasse Fuß zu fassen. Statt also die reformistischen BürokratInnen und ihre zentristischen HelfershelferInnen für die Niederlagen verantwortlich zu machen - und damit letztlich die Notwendigkeit einer Neuerarbeitung des Programms zu akzeptieren - suchten sie die Schuld lieber bei der ArbeiterInnenklasse selbst. Kurz: die Orientierung auf die ArbeiterInnenklasse als einem revolutionären Subjekt wäre von Anfang an falsch gewesen.

20. Anfang der 1980er Jahre kamen nun mehrere Tendenzen zusammen. Die ArbeiterInnenklasse war von den europäischen sozialdemokratischen Parteien in zahlreiche Niederlagen geführt worden, die zunehmende Krisenhaftigkeit des internationalen Kapitalismus zwang die Bourgeoisie zu immer schärferen Offensiven (Thatcher, Reagan etc.), die stalinistische und zentristische Linke hatte keine ausreichenden Erklärungen und Strategien für diese Situation parat, insbesondere scheiterte die Linke auch an einem korrekten Verständnis der Krise der stalinistischen Länder (Jaruselski-Putsch, Afghanistan-Invasion etc.). Wegen des Fehlens eines revolutionären Programms wirkte es sich nun gewichtig aus, daß die meisten linken Organisationen einen hohen Intellektuellen-Anteil hatten. Intellektuelle sind aufgrund ihrer spezifischen materiellen Lage stärker als andere Schichten der Gesellschaft dem jeweiligen ideologischen Druck der sozialen Hauptklassen ausgesetzt. Die bürokratischen bzw. zentristischen Führungen hatten die ArbeiterInnenklasse in die Defensive geführt, die Bourgeoisie blies nicht nur zum Angriff, sondern ging tatsächlich erfolgreich - real wie ideologisch - in die Offensive. Dies trieb die Intellektuellen als nahezu geschlossene Schicht nach rechts. Der Postmodernismus in seinen zahlreichen Varianten ist nichts als der ideologische Ausdruck der verschiedenen Rückzugsgefechte der linken Intelligenz.

21. Was wir da tatsächlich vor uns haben, ist nicht ein “Versagen” oder eine “Krise” des Marxismus. Tatsächlich war es die Verballhornung des Marxismus durch Linkssozialdemokratie, Stalinismus und Zentrismus, die es der Bourgeoisie erlaubte, das gesellschaftliche Kräfteverhältnis seit den späten 1970er Jahren massiv zu ihren Gunsten zu verschieben. Diese Kräfteverschiebung wirkte sich im ideologischen Bereich noch viel stärker aus als im materiellen, da eben die Intellektuellen entweder eine kleinbürgerliche Klassenlage haben oder lediglich Randschichten der ArbeiterInnenklasse bilden. Es war nur eine kleine Gruppe von subjektiv revolutionären Intellektuellen und ArbeiterInnen, die seit Mitte der 1970er Jahre die schwere Aufgabe auf sich nahmen, das revolutionäre Programm wiederzuerarbeiten und auf dieser Grundlage eine von Anfang an internationale revolutionäre Organisation aufzubauen (unsere britische Schwesterorganisation Workers Power und die LRKI). Die “postmoderne Wende” der linken Intelligenz ist auch eine Flurbereinigung. Der sich als marxistisch verstehende Sektor der Gesellschaft ist zwar sehr viel kleiner geworden, aber es sind dadurch auch zahlreiche Verfälschungen und Verdrehungen des Marxismus verschwunden. Alles was nicht lebendig und den neuen Herausforderungen gewachsen war, ist im Sturm der bürgerlichen Offensive nach rechts gegangen. Dies kann es den wirklich revolutionär-marxistischen Kräften auch ermöglichen, in der ArbeiterInnenklasse entstandene Verunsicherungen oder Vakua zu füllen. In der Niederlage steckt immer auch eine Chance.