| Marxismus versus Postmodernismus
1. Die letzten 15 Jahren haben nicht nur den weltweiten Niedergang des Stalinismus, der linken Flügel in den sozialdemokratischen Parteien Europas und der sogenannten Neuen Linken nach 1968 gesehen, der Marxismus ist überhaupt in die Defensive geraten, da ein großer Teil der ehemaligen linken Intelligenz den Marxismus (oder das, was sie darunter verstanden) aufgegeben hat. Immer zahlreicher und lauter wurden die Stimmen, die die Überholtheit und Veralterung des Marxismus behaupteten: Viele Voraussagen des Marxismus seien nicht eingetroffen, die Entwicklung verlaufe ganz anders als sie es den marxistischen Thesen zufolge tun müßte. Überhaupt gehöre der Marxismus in eine Epoche, die nun zu Ende gegangen sei, er sei endgültig Teil der Vergangenheit und keine Strategie für die Zukunft. 2. Im folgenden sollen einige der zentralen Herausforderungen an den Marxismus diskutiert werden, wie sie in den letzten 10-15 Jahren vorgetragen und kanonisiert wurden. Dabei werden zentrale Aspekte jener alternativen Welt- und Geschichtsbilder untersucht werden, die angeblich den Marxismus ablösen könnten, ja müßten. Genau wie sich Marx mit den herrschenden Ideologien seiner Zeit befaßte und nicht nur deren Falschheit, sondern auch deren Notwendigkeit nachwies, so sollten auch wir an die heutigen Gedankensysteme und Erklärungsmuster herangehen. Es geht nach wie vor nicht darum, die Welt anders zu interpretieren, sondern sie zu verändern. 3. Was uns die neuen PhilosophInnen heute als postmodern anbieten, ist keine kohärente, alternative Theorie. Vielmehr ist es ein Bündel einander widersprechender und sich sogar ausschließender Teiltheorien. Dies wird jedoch nicht als Schwäche, sondern als Stärke betrachtet. Die Uneinheitlichkeit ist nämlich Teil des neuen Weltbildes. Was unter Postmodernismus zu verstehen ist, ist gar nicht leicht herauszufinden. Wie gesagt, viel zu uneinheitlich und absichtlich widersprüchlich sind seine ProtagonistInnen. Doch kann man nach einigem Suchen feststellen, daß es sich beim Postmodernismus um das Zusammentreffen von drei unterschiedlichen kulturellen Trends handelt: 4. Als marxistische Organisation sind wir nicht gegen postmoderne Kunst, Literatur oder Musik, wir verstehen sie als Widerspiegelung gesellschaftlicher Realität und wollen als revolutionäre Partei hier nicht Gebote und Verbote des kulturellen Geschmacks vorgeben. Nur der Stalinismus hat die Kunst unter das Diktat der Partei gestellt. Die eigentliche Debatte besteht derzeit darin, ob es überhaupt eine postmoderne Kunst gibt. 5. Nun zur poststrukturalistischen Philosophie: Auch hier ist zuerst einmal die Frage zu stellen, wo sich die Paradigmen von Deleuze und Foucault wirklich von der klassischen modernen Philosophie abgrenzen lassen. Von den Poststrukturalisten wird jedenfalls jede Philosophie als modern bezeichnet, die sich durch einen sogenannten Metadiskurs rechtfertigt. Ein Metadiskurs, manchmal auch Metanarrativ genannt, bezeichnet ein komplexes theoretisches System, das den Anspruch erhebt, in sich kohärent zu sein, mit einer objektiven Realität in Beziehung zu stehen und Antworten auf wesentliche Fragen der Gesellschaft oder der Geschichte zu geben. Beispiele dafür wären die Dialektik des Geistes (Hegel), die Hermeneutik der Bedeutung (Dilthey), die Emanzipation der Vernunft (Aufklärung) oder die Emanzipation der Arbeiterklasse (Marxismus), aber auch die Schaffung von Reichtum (Adam Smith). Jeder solche Metadiskurs sei laut Poststrukturalismus fragwürdig und, so das neue Zauberwort, zu dekonstruieren. Zerpflückt werden dabei nicht nur alle Bezugnahmen auf die Vernunft (mit dem Hinweis auf die Allgegenwart der Unvernunft) oder etwa auf die Menschenrechte (mit dem Hinweis auf die Allgegenwart des Bruchs der Menschenrechte), sondern eben auch jede Referenz auf die Interessen der ArbeiterInnenklasse (mit dem Hinweis auf die arbeiterInnenfeindlichen Resultate aller solcher Referenzen). Zusammengefaßt sind die Hauptprobleme der PoststrukturalistInnen darin zu sehen, daß sie Nun ist den PoststrukturalistInnen recht zu geben, daß klassisch bürgerliche Theorien immer mechanische Verallgemeinerungen enthalten (etwa Ricardos Formulierung des Wertgesetzes) und daß der stalinistische Pseudomarxismus vor mechanischen Totalisierungen nur so strotzte. Doch die Schlußfolgerung, es sei unmöglich, sich außerhalb des bestehenden Systems zu stellen und jeder solche Versuch sei nur der Beginn einer neuen Wiederholung des Alten (Repression, Menschenrechtsverletzungen etc.), enthält einen idealistischen Kurzschluß. Denn der Standpunkt, den der Marxismus formuliert, ist ja kein rein geistiges Sich-außerhalb-des-bürgerlichen-Systems-stellen, sondern er formuliert eine historische Tendenz, die sich aus inneren Widersprüchen ergibt, nämlich den revolutionären Klassenkampf der ArbeiterInnenklasse, der als praktische Umwälzung sehr wohl das herrschende System überwinden kann. 6. Sehen wir uns nun etwas genauer die Argumentation für eine nach-industrielle Gesellschaft an. Die klassische Darlegung stammt von Daniel Bell: 7. Doch untersuchen wir das Argument von der Dienstleistungsgesellschaft. Ihr Entstehen gehe parallel zu einer Deindustrialisierung und damit zum Niedergang der industriellen ArbeiterInnenklasse. A. Gorz Buch Abschied vom Proletariat (1980) drückte diese ideologische Tendenz am klarsten aus. Die These ist jedoch nicht haltbar: 8. Die meisten im Dienstleistungsbereich neu geschaffenen Arbeitsplätze entsprechen kaum der von Bell prognostizierten Vorherrschaft des Wissens als Produktivkraft in der Wirtschaft. Es sind miserabel bezahlte Jobs in Fast-Food-Ketten, Schichtarbeitsplätze bei Tankstellen und Supermärkten, bei denen man eine 50 bis 60-Stundenwoche hat oder Taxi- und LKW-Fahrerjobs, wo es aufgrund skandalöser Kilometer-Prämien notwendig ist, mit selbstmörderischem Tempo durch die Stadt oder durch die Lande zu glühen. All dies sieht viel mehr dem üblichen kapitalistischen Sparmodus ähnlich, den Bell mit dem industriellen Zeitalter verschwinden sah als einem neuen Vergesellschaftungsmodus, in dem die Mitarbeiterzufriedenheit an Bedeutung gewönne. Daß die Intellektuellen dennoch nicht müde werden, vom Ende des Produktionsparadigmas zu schwafeln, ja immer noch das Ende der Arbeitsgesellschaft an die Wand malen, muß andere Gründe haben, als die Tatsachen der realen Entwicklung. 9. Damit bleiben zentrale marxistische Thesen in Kraft: Die industrielle Produktion ist nach wie vor die Grundlage der kapitalistischen Ökonomie. Die industrielle ArbeiterInnenklasse ist nach wie vor der Kern der ArbeiterInnenklasse und dieser wächst im globalen Maßstab. Das Gesetz von der Ungleichzeitigkeit der Entwicklung bestätigt sich darin, daß die reichen Industrienationen zunehmend Schwierigkeiten mit ihrer Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Schwellenländern (Südkorea, Taiwan, Mexiko, Chile etc.) bekommen. Der zentrale Motor der wirtschaftlichen Entwicklung ist wie eh und je der Profit. Dessen Rate sinkt jedoch aufgrund der steigenden organischen Kapitalzusammensetzung (d.h. der Zunahme der Maschinerie auf Kosten der Arbeitskräfte). Die Senkung der Löhne, die Angriffe auf die Arbeitsbedingungen und die Attacken auf den Wohlfahrtsstaat stellen nichts anderes dar als Versuche, die durchschnittliche Profitrate wieder zu erhöhen und damit wieder Dynamik in den Markt zu bekommen. Im folgenden geht es um eine marxistische Kritik an der aus der Linken hervorgegangenen Regulationsschule, die das Konzept des Fordismus/Postfordismus vertritt. 10. Parallel zum offen bürgerlichen Postmodernismus und Postindustrialismus hat sich auch in der Linken eine analoge Strömung gebildet, die wir zusammenfassend als Postmarxismus beschreiben wollen. Hier greifen wir nur eine Gruppe heraus, die sowohl im deutschsprachigen als auch im angelsächsischen Raum Bedeutung hat, nämlich die Regulationsschule mit ihrem Fordismus/Postfordismus-Konzept (z.B. Hirsch/Roth, Lipitz, Marxism Today). Hier wird behauptet, daß das fordistische Akkumulationsmodell abgelöst wird von einem postfordistischen. Fordismus war ein System der industriellen Massenproduktion von standardisierten Produkten. Fließbandtechnologie und tayloristische Arbeitsorganisation gehörten ebenso dazu wie der Erhalt einer gewissen Massenkaufkraft durch Protektionismus und keynesianischen Staatsinterventionismus. Die Krisen der 1970er Jahre haben dieses Modell gesprengt und in den 1980er Jahren ist ein neues entstanden. Der Postfordismus ist konsumgeleitet. Neuere Technologien erlauben eine viel individueller Produktgestaltung, spezifische Konsumentengruppen werden durch besondere Produktgestaltung angesprochen. Außerdem erlauben neue computergesteuerte Verteilungssysteme das Vermeiden von großen Lagern (just-in-time-delivery). Design wird viel wichtiger und durch die flexible Spezialisierung wird dies auch möglich. Die Computervernetzung erlaubt den Abbau verschiedener Hierarchieebenen (lean production). Die Größe der Betriebe nimmt wieder ab und sie sind nicht mehr so sehr in Großstädten angesiedelt. Die neuen Produktionsmethoden teilen die Arbeitskraft in einen hochqualifizierten und geschützten Kern und in leicht auswechselbare periphere Arbeitskräfte. Dieses Modell paßt gut mit der gleichzeitig entstandenen Vorstellung einer Zweidrittel-Gesellschaft zusammen. 11. Was den klassischen MarxistInnen gerade immer vorgeworfen wurde, nämlich daß sie mechanisch aufgebaute, überkonsistente Totalsysteme konstruieren, wird hier zum Exzeß realisiert. Alles paßt scheinbar zusammen: Von der Produktionstechnologie, über die Arbeitsorganisation, die Verteilungssysteme und Produktionspaletten, bis zu Qualifikationshierarchien, entsprechenden kulturellen und psychologischen Trends und gesamtgesellschaftlichen Gruppenbildungen. Dem postfordistischen Akkumulationsmodell entspricht dann auch meistens ein zurückgezogener, schlanker Staat, entmachtete Bürokratien und das Aufblühen einer zivilen Gesellschaft, in der sich eine Vielzahl von Konflikten zivilisiert austragen lassen (Gramscis Zivilgesellschaft wird nicht zufällig plötzlich populär), ohne konsistente und dauerhafte Ideologien hervorzubringen oder gar Zwei-Klassen-Polarisierungen wieder entstehen zu lassen. Das ist insofern ein schrecklicher Reduktionismus als die Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Realität ausgeblendet wird. 12. a) Wie schon bei der Moderne zeigt sich auch hier, daß der Fordismus zuerst als kohärentes System erfunden werden muß, um sich dann gegen den angeblich neuen Postfordismus abgrenzen zu lassen. In Wirklichkeit paßte aber das Modell der Fließband- und Massenproduktion niemals auf alle oder auch nur die meisten Industriebranchen. Es fand weder in der Bekleidungs- noch etwa in der Möbelindustrie seine Verwirklichung, auch im Grundstoffbereich wird man vergeblich nach solchen Technologien suchen. 13. a) Das Ausmaß und die Bedeutung der abnehmenden Konzentration der Werktätigen in Großbetrieben in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten (Toyotismus) wird ebenso überschätzt. Erstens darf man nicht die Abnahme der Konzentration in einem Betrieb mit der Abnahme der Konzentration in einem Konzern gleichsetzen. Denn die Tendenz zum Monopol, einem Grundmerkmal der imperialistischen Epoche, ist nicht verschwunden, sie ist höchstens schwerer erkennbar geworden aufgrund der subtilen Verschachtelungen von Besitzverhältnissen und der stärkeren Arbeitsteilung. Darüber hinaus nimmt sich das Ausmaß dieser abnehmenden Konzentration weniger dramatisch aus, als es von der Regulationsschule suggeriert wird. So veränderte sich beispielsweise die durchschnittliche Anzahl der Beschäftigten eines europäischen Industriebetriebes von Beginn der 1970er Jahre bis zu den späten 1980er Jahren in Deutschland von 86.9 auf 71.9, in Belgien von 34.2 auf 30.3. In anderen Ländern fiel dieser abnehmende Trend weit stärker aus (z.B. GB), in manchen aber nahm die durchschnittliche Beschäftigung per Industriebetrieb sogar zu (Schweden, Norwegen, Schweiz). 14. Die These von der geringer werdenden Rolle des Staates in der Ökonomie ist ebensowenig haltbar. Trotz aller neoklassischen (ein Begriff der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft) und laissez faire Rhetorik war beispielsweise die Reagan-Ära eine Phase massiver Staatsintervention, sowohl bei der Manipulation der Währung, als auch bei der Auftragsbeschaffung für die Wirtschaft durch die Rüstungsprogramme. M. Thatcher, die Propagandamutter für den neoliberalen Nachtwächterstaat, hat zum Zeitpunkt des blutigen Montags am 19.10.1987 (Sturz der Aktionkurse auf der New Yorker Börse) grünes Licht für massive Währungsinterventionen durch die Bank von England gegeben. Auch seither haben die diversen Krisen des EWS gezeigt, daß von einem Rückzug des Staates aus der Wirtschaft keinesfalls geredet werden kann. Eher schon im Gegenteil. Der ganze Aufschwung am Ende der 1980er Jahre war keynesianisch induziert. Ansonsten wären ja auch die Staatsdefizite nicht so gewaltig, hätten die Nationalstaaten nicht ständig mehr Geld ausgegeben. 15. Schließlich kommen wir zur zivilen Gesellschaft und zur These von der Pluralität der gesellschaftlichen Konflikte. Diese These stellt nur die Weiterentwicklung einer schon 40 Jahre alten soziologischen Argumentation dar, daß nämlich die früheren sozialen Klassen in verschieden zusammengesetzte Gruppen von einander überlappenden Interessengruppen zerfielen und daher der Klassenkampf als Begriff und Strategie obsolet sei. AtomkraftgegnerInnen und TierschützerInnen, Straßenanrainer und Techno-Kulturbegeisterte, KonsumentInnen, die in der Nacht einkaufen wollen und religiöse Gruppen, die die Heiligkeit des Sonntags anbeten, alle solche Gruppen stehen in Konflikten miteinander. Die einzelnen Individuen sind Mitglieder mehrerer Gruppen und finden sich in Teilkonflikten z.T. auf der gleichen Seite, z.T. auf verschiedenen Seiten der Barrikaden. Die Pluralität der Konflikte entspricht dem Chaos, in dem sich das poststrukturalistische Individuum findet. 16. Was sind aber nun die Ursachen dafür, daß die ehemalige linke Intelligenz fast geschlossen in die postmoderne Richtung gegangen ist? Welche historischen Bedingungen spiegeln sich in dieser ideologischen Bewegung nach rechts wider? Zunächst muß einmal gesagt werden, daß gerade die lautesten anti-marxistischen Schreihälse in der Vergangenheit einer reformistischen oder zentristischen Karikatur des Marxismus angehangen sind. Zum Beispiel wurden zahlreiche VertreterInnen diverser maoistischer Strömungen, die aus der StudentInnenbewegung der frühen 1970er Jahre hervorgegangen waren, später zu SprecherInnen von anti-marxistischen und rechten Strömungen. Manche wurden offene PropagandistInnen der freien Marktwirtschaft, sei es in der konservativen Variante (z.B. Andrè Glucksmann und andere französische nouveau philosophes) oder in der sozialdemokratischen Variante (z.B. Regis Debray, Otto Schily). Andere wurden zu keynesianischen KritikerInnen des Kapitalismus (viele Ex-StalinistInnen, wie Eric Hobsbawn oder Jürgen Bischoff, aber auch AnhängerInnen der Regulationsschule) und wieder andere wurden zu ApologetInnen der neuen sozialen (=nicht-proletarischen) Bewegungen (z.B. Hirsch, Negri, Trampert/Ebermann etc.). So viel diese verschiedenen Gruppierungen auch unterscheiden mag, sie verbindet die Ablehnung sowohl einer auch nur halbwegs logischen Weltanschauung als auch der Orientierung auf das Proletariat und der sozialen Revolution. 17. Die radikale Linke war Anfang der 1970er Jahre mit dem Anspruch angetreten, die verfaulende Sozialdemokratie abzulösen. Viele konnten dann jedoch nicht verstehen, daß die Sozialdemokratie von den ArbeiterInnen (etwa in Österreich, Deutschland, Portugal, später in Spanien und Frankreich) in die Regierung gewählt wurde. Als diese Parteien dann an der Macht eine zunehmend rechte und neoliberale Politik betrieben und die ArbeiterInnen dennoch nicht in Massen zu den selbsternannten linken Avantgardeparteien überliefen, war für viele stalinistische Intellektuelle die ArbeiterInnenklasse als historisches Subjekt gestorben. Daß es ihre eigene Unfähigkeit war, durch eine konsistente Einheitsfronttaktik die ArbeiterInnen von ihren traditionellen Organisationen zu lösen, wurde ihnen nicht bewußt. Die StalinistInnen aller Couleurs hatten entweder von der 3.Periode oder aus der Volksfrontperiode der Komintern eine völlig falsche, die blinden Flecken der Sowjetbürokratie widerspiegelnde, Konzeption von Sozialdemokratie übernommen. 18. Doch auch die sich auf Trotzki berufenden ZentristInnen verirrten sich in opportunistische und/oder sektiererische Abenteuer in Bezug auf die traditionellen Organisationen der ArbeiterInnenklasse. Dies war das Erbe der Degeneration der IV. Internationale Anfang der 50er Jahre. Die IV.Internationale war daran gescheitert, die veränderte Weltlage nach dem II. Weltkrieg zu begreifen und hatte unter der zunehmend weltfremden Erwartung eines kurzfristig bevorstehenden 3.Weltkrieges ihr eigenes revolutionäres Programm revidiert und dem Linksstalinismus angepaßt. Dieses fehlerhafte programmatische Erbe der IV.Internationale rächte sich in der Zeit der neuen ArbeiterInnenradikalisierungen in den 1970er Jahren, als es den diversen TrotzkistInnen nicht gelang, programmatische Festigkeit mit Verankerung in den ArbeiterInnen- und Jugendkämpfen zu verbinden. 19. Vor dem Hintergrund des sozialdemokratischen, stalinistischen und zentristischen Erbes gelang es dem weitaus überwiegenden Teil der linken Intellektuellen nicht, die Ursachen für die beständigen politischen und ökonomischen Niederlagen der ArbeiterInnenklasse zu verstehen und einen effektiven Kampf dagegen aufzunehmen. Und es gelang den aus der StudentInnenbewegung gewachsenen Organisationen nicht, wirklich in der ArbeiterInnenklasse Fuß zu fassen. Statt also die reformistischen BürokratInnen und ihre zentristischen HelfershelferInnen für die Niederlagen verantwortlich zu machen - und damit letztlich die Notwendigkeit einer Neuerarbeitung des Programms zu akzeptieren - suchten sie die Schuld lieber bei der ArbeiterInnenklasse selbst. Kurz: die Orientierung auf die ArbeiterInnenklasse als einem revolutionären Subjekt wäre von Anfang an falsch gewesen. 20. Anfang der 1980er Jahre kamen nun mehrere Tendenzen zusammen. Die ArbeiterInnenklasse war von den europäischen sozialdemokratischen Parteien in zahlreiche Niederlagen geführt worden, die zunehmende Krisenhaftigkeit des internationalen Kapitalismus zwang die Bourgeoisie zu immer schärferen Offensiven (Thatcher, Reagan etc.), die stalinistische und zentristische Linke hatte keine ausreichenden Erklärungen und Strategien für diese Situation parat, insbesondere scheiterte die Linke auch an einem korrekten Verständnis der Krise der stalinistischen Länder (Jaruselski-Putsch, Afghanistan-Invasion etc.). Wegen des Fehlens eines revolutionären Programms wirkte es sich nun gewichtig aus, daß die meisten linken Organisationen einen hohen Intellektuellen-Anteil hatten. Intellektuelle sind aufgrund ihrer spezifischen materiellen Lage stärker als andere Schichten der Gesellschaft dem jeweiligen ideologischen Druck der sozialen Hauptklassen ausgesetzt. Die bürokratischen bzw. zentristischen Führungen hatten die ArbeiterInnenklasse in die Defensive geführt, die Bourgeoisie blies nicht nur zum Angriff, sondern ging tatsächlich erfolgreich - real wie ideologisch - in die Offensive. Dies trieb die Intellektuellen als nahezu geschlossene Schicht nach rechts. Der Postmodernismus in seinen zahlreichen Varianten ist nichts als der ideologische Ausdruck der verschiedenen Rückzugsgefechte der linken Intelligenz. 21. Was wir da tatsächlich vor uns haben, ist nicht ein Versagen oder eine Krise des Marxismus. Tatsächlich war es die Verballhornung des Marxismus durch Linkssozialdemokratie, Stalinismus und Zentrismus, die es der Bourgeoisie erlaubte, das gesellschaftliche Kräfteverhältnis seit den späten 1970er Jahren massiv zu ihren Gunsten zu verschieben. Diese Kräfteverschiebung wirkte sich im ideologischen Bereich noch viel stärker aus als im materiellen, da eben die Intellektuellen entweder eine kleinbürgerliche Klassenlage haben oder lediglich Randschichten der ArbeiterInnenklasse bilden. Es war nur eine kleine Gruppe von subjektiv revolutionären Intellektuellen und ArbeiterInnen, die seit Mitte der 1970er Jahre die schwere Aufgabe auf sich nahmen, das revolutionäre Programm wiederzuerarbeiten und auf dieser Grundlage eine von Anfang an internationale revolutionäre Organisation aufzubauen (unsere britische Schwesterorganisation Workers Power und die LRKI). Die postmoderne Wende der linken Intelligenz ist auch eine Flurbereinigung. Der sich als marxistisch verstehende Sektor der Gesellschaft ist zwar sehr viel kleiner geworden, aber es sind dadurch auch zahlreiche Verfälschungen und Verdrehungen des Marxismus verschwunden. Alles was nicht lebendig und den neuen Herausforderungen gewachsen war, ist im Sturm der bürgerlichen Offensive nach rechts gegangen. Dies kann es den wirklich revolutionär-marxistischen Kräften auch ermöglichen, in der ArbeiterInnenklasse entstandene Verunsicherungen oder Vakua zu füllen. In der Niederlage steckt immer auch eine Chance. |