| Abschied von einem alten Genossen: Zum Tod von Georg Scheuer Am 15. September 1996 ist ein Veteran der österreichischen anti-stalinistischen Linken verstorben. Die jüngeren GenossInnen kannten ihn nur seit seiner Rückkehr nach Wien im Jahre 1983. Da war Georg Scheuer bereits 68 und als Paris-Korrespondent der AZ längst in Pension. Doch beteiligte er sich bald wieder am politischen Leben in Wien und seine schriftstellerische Arbeit war umfangreicher als je zuvor. Er kam bis zuletzt zu Demonstrationen und politischen Veranstaltungen der Linken. Er suchte ein gewisses Naheverhältnis zu den trotzkistischen Organisationen, doch hat er sich keiner der existierenden Gruppen angeschlossen. Ich gehöre allen, pflegte er zu sagen. Er interessierte sich für die politischen Differenzen zwischen Vorwärts, ASt, SOAL und RKL, und zeigte sich für neue Fragen immer wieder aufgeschlossen. In den wesentlichen Grundpositionen hielt er an seinen jahrzehntealten Überzeugungen fest. Und diese beinhalteten tiefe Meinungsverschiedenheiten mit Trotzki und den TrotzkistInnen. Georg Scheuer war mit 17 Jahren in den Kommunistischen Jugendverband (KJV) eingetreten, doch entwickelte er bereits wenige Jahre später eine zunehmend scharfe Kritik am Stalinismus. Er gründete 1935 gemeinsam mit Karl Stadler, Josef Hindels, Karl Fischer, u.a. die Revolutionären Kommunisten Österreichs (RK). Sie näherten sich zuerst den TrotzkistInnen (Bolschewiki-Leninisten) an und sogar Fusionspläne wurden erwogen. Georg Scheuer kämpfte gegen den reißenden Strom der Lügen und der Niedertracht des Stalinismus. Die KPÖ hetzte damals gegen die RK gerichtet: Der Kampf gegen den Trotzkismus als Verbündeten des Faschismus ist Angelegenheit der gesamten aufrechten und ehrlichen Jugend Österreichs. KPÖ und KJV denunzierten damals TrotzkistInnen wie RK bei der Polizei. Georg Scheuer wurde zusammen mit einer Reihe anderer Trotzkisten 1936 verhaftet und zu 5 Jahren Kerker verurteilt. Seit 1937 entstanden zwischen den RK und den TrotzkistInnen zunehmend Differenzen. Diese gipfelten darin, daß Georg Scheuer, der 1938 amnestiert und über Prag ins Pariser Exil gelangt war, bei der Gründungskonferenz der IV.Internationale gegen deren Gründung stimmte. Die wohl schwerwiegendste Differenz war jedoch, daß sie die Sowjetunion im 2.Weltkrieg nicht gegen Hitlers Überfall verteidigten, weil sie ihrer Analyse zufolge kein degenerierter Arbeiterstaat mehr war. Georg Scheuers Eltern wurden 1942 von den Nazis ermordet. Er selbst beteiligte sich in heroischer Weise am antifaschistischen Widerstand in Frankreich. Nach dem Krieg blieb er dort und arbeitete die folgenden Jahrzehnte als Journalist und Buchautor. Die Revolutionären Kommunisten hatten sich als politische Strömung nicht erhalten und so blieb auch Georg Scheuer ohne engere politische Heimat. Er blieb zeit Lebens ein überzeugter Sozialist, ein überzeugter Marxist und ein subjektiver Revolutionär. Das ist mehr als man von vielen anderen sagen kann. Und dafür sind wir ihm dankbar. La lotta continua! (der Kampf geht weiter, ital.) |