ArbeiterInnenklasse - das revolutionäres Subjekt?
Ein theoretischer Beitrag gegen zeitgeistige ZweiflerInnen

Aus nur allzu einsichtigen Gründen bestreiten bürgerliche IdeologInnen die Existenz der ArbeiterInnenklasse. Die Herrschaft des Kapitals läßt sich natürlich besser rechtfertigen, wenn sie vom Schleier des gemeinsamen Interesses aller, des Volkes, der Nation, der BürgerInnen umgeben wird, der dadurch den unverrückbaren Interessengegensatz zwischen den Klassen verdeckt. Warum es den Klassengegensatz nach wie vor gibt, warum dieser noch immer die Triebfeder aller historischen Entwicklung ist, warum aber vor allem die ArbeiterInnenklasse auch heute noch die einzige revolutionäre Klasse, die einzige Klasse ist, die der Menschheit dauerhaften Fortschritt sichern kann, erklären wir im folgenden Beitrag.

Auch viele TheoretikerInnen der Antiglobalisierungsbewegung - so sehr sie auch die Profitwirtschaft und den globalen Kapitalismus verabscheuen - gründen ihr politisches Verständnis auf den Gegensatz zwischen Arm und Reich, Herrschenden und Volk (oder in den Worten Negri's "Multidude"), Erster und Dritter Welt. Aber eine Analyse, basierend auf dem marxistischen Verständnis des Klassenantagonismus, und eine Strategie, in deren Mittelpunkt das Proletariat steht, sind auch für sie ein Buch mit sieben Siegeln.
In Wirklichkeit kann aber nur die marxistische Klassenanalyse das Geheimnis der Bewegungs- und Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft lüften. Nur die Erkenntnis der Tatsache, daß die ArbeiterInnenklasse als einzige wirklichen gesellschaftlichen Reichtum produziert und daher das revolutionäre Subjekt ist, liefert den Schlüssel zur Überwindung dieses, tagtäglich Armut, Krieg Unterdrückung und Ausbeutung gebärenden, Systems.

Wirtschaft als Basis der Gesellschaft

Die kapitalistische Gesellschaft basiert - wie jede Gesellschaftsformation in der Geschichte - auf der Produktion und Reproduktion ihrer materiellen Grundlagen. Die Produktionsweise wird bestimmt durch das Zusammenwirken von einerseits dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte - also den durch den Stand von Technik, Wissenschaft, Arbeitsmitteln, der Arbeitsteilung usw. bestimmten Grad der Produktivität der menschlichen Arbeit, und andererseits durch die gerade herrschenden Produktionsverhältnisse - also das durch die Eigentumsform der Produktionsmittel bestimmte Verhältnis der ProduzentInnen zueinander.
Diese Art und Weise, wie materielle Güter hergestellt werden, welche die Existenz der Menschen erst ermöglichen, bestimmt das gesellschaftliche Zusammenleben. Daher sprechen MarxistInnen davon, daß die Wirtschaft, also die Produktionsweise, die Basis der Gesellschaft ist, während die politischen, sozialen, ideologischen Verhältnisse den darauf basierenden Überbau verkörpern. Ihr Verhältnis zueinander ist keineswegs einseitig, sondern sie bedingen und beeinflussen einander wechselseitig, aber die Wirtschaft verkörpert letztlich den Motor der geschichtlichen Entwicklung.
Folglich leitet sich auch der gesellschaftliche Aufbau, das Verhältnis der Menschen zueinander, aus deren Beziehungen in Produktion und Reproduktion ab. Die Stellung im Produktionsprozeß ist der Ausgangspunkt der Bildung voneinander verschiedener Gruppen von Menschen - von Klassen.
Die Geschichte kennt verschiedene Gesellschaftsformationen - wie z.B. die SklavInnenhalterInnengesellschaft, die asiatische Produktionsweise, den Feudalismus - in denen eine Klasse die Macht über eine oder mehrere andere Klassen ausübte.
Heute herrscht weltweit die kapitalistische Produktionsweise, auch wenn sie aufgrund ihrer spezifischen historischen Entwicklung (frühere bzw. verspätete Entwicklung der Produktivkräfte, Kolonialismus/Imperialismus) in den verschiedenen Teilen der Welt unterschiedlich ausgeprägt ist.
Der Kapitalismus zeichnet sich durch die Aneignung eines Mehrwertes - also jenes Teils der geleisteten Arbeitszeit, dessen Gegenwert die ArbeiterInnen nicht als Lohn bezahlt bekommen - durch die EigentümerInnen der Produktionsmittel aus - die KapitalistInnen. Auf der Grundlage dieser Ausbeutung findet die Produktion von Waren für den Markt statt, deren Zweck für das Kapital jedoch ausschließlich in der Aneignung des Profits besteht.

Was ist die ArbeiterInnenklasse?

Wir sehen also, daß die Klassen in der Gesellschaft nicht isoliert voneinander zu betrachten sind, sondern im Gegenteil nur im Verhältnis zueinander analysiert werden können. Die Klasse der ProduktionsmittelbesitzerInnen kann nur unter der Vorraussetzung existieren, daß es eine Klasse gibt, die eben 'frei' von Produktionsmitteln ist und nichts als ihre Arbeitskraft zu verkaufen hat.
Diese "Klasse der modernen Lohnarbeiter, die, da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen, darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können" ist das Proletariat. (Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei)
Die ArbeiterInnenklasse zeichnet sich daher durch ihre Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozeß aus - und nicht durch bestimmte, konkrete Tätigkeiten. Dies zu verstehen ist von zentraler Bedeutung, denn der oft vorgebrachte Einwand, die ArbeiterInnenklasse verschwinde mit dem Rückgang der IndustriearbeiterInnenschaft, verkennt vollkommen das Wesen der Frage. Das Proletariat mit den manuellen ArbeiterInnen im Blaumann gleichzusetzen, hieße den Kapitalismus mit den rauchenden Fabriksschloten zu identifizieren.
Tatsächlich ist der Kapitalismus ein gesellschaftliches Verhältnis, dessen konkrete Formen sich beständig mit dem Fortschritt der Produktivkräfte weiterentwickeln. Der Kapitalismus ist von seinem Wesen her dynamisch - zerstörerisch und schaffend zugleich. Er revolutioniert daher beständig die Produktivkräfte (Stichworte: Dampfmaschine, Eisenbahnen, Autofabriken, Telefon, Radio, Fließband, Automation, PC, Internet). Daher verändern sich die konkreten Formen seiner Existenz. Beginnend mit den Manufakturen über die Industriebetriebe, die Fabriken des 19. Jahrhunderts, die Fließbänder der 1920er bis hin zur Automation, dem modernen Büro und den PCs. All diesen unterschiedlichen Entwicklungsstufen ist das Wesen der kapitalistischen Mehrwertproduktion gemeinsam, doch ihre Formen sind höchst unterschiedlich.
Gemeinsam mit der Weiterentwicklung der Produktivkräfte und der Arbeitsteilung verändert sich auch das Gesicht der ArbeiterInnenklasse: von den HandwerkerInnen und ManufakturarbeiterInnen über die FabrikarbeiterInnen und AkkordarbeiterInnen bis hin zum/r Büroangestellten.
Hinzu kommen noch die enormen Veränderungen in den Lebensbedingungen: Kinderarbeit, und 12-, 14- oder gar 16-Stundentag einst, später dann 8-Stundentag, entstehende FacharbeiterInnenschaft, verallgemeinerte Volksschulbildung bis hin zur 9-jährigen Schulpflicht, der Massenuniversität, dem Auto für die meisten Familien usw. heute. Wir leugnen keineswegs die großen Veränderungen, welche das Proletariat und der Kapitalismus in den letzten 150 bis 200 Jahren durchlaufen haben.
Ebenso sehr gilt es auch zu berücksichtigen, welch große Unterschiede bei den Arbeits- und Lebensbedingungen zwischen den ArbeiterInnen in den imperialistischen Zentren, relativ entwickelten halbkolonialen Ländern wie die Tschechische Republik oder Argentinien und rückständigen Halbkolonien wie in Zentralafrika existieren.
Die ArbeiterInnenklasse auf eine bestimmte Erscheinungsform zu reduzieren, wie sie in Geschichtsbüchern oder unseligen Soziologie-Lehrbüchern präsentiert wird, hat daher nicht das geringste mit einer wissenschaftlichen, historisch-materialistischen Methode zu tun.
Diese Methode geht nämlich von einem dialektischen, also die Dinge in ihrer Entwicklung und Widersprüchlichkeit erfassenden, Verständnis aus. Der Mensch ist bekanntlich seinem Wesen nach immer ein Mensch, allerdings in permanent sich wandelnder Erscheinungsform: Baby - Kleinkind - Jugendlicher - Erwachsener - alter Mensch. Ebenso erfaßt die marxistische Kategorie der ArbeiterInnenklasse das Wesen dieser Klasse, nicht ihre permanent in Verwandlung und Weiterentwicklung begriffene Erscheinungsform.
Diese wissenschaftliche Herangehensweise ermöglicht uns daher auch, das Proletariat in seiner objektiven Existenz zu begreifen - unabhängig davon, von welchem konkreten Bewußtsein es gerade erfüllt ist. Denn das von diversen linken Intellektuellen gerne vorgebrachte Argument, daß es die ArbeiterInnenklasse nicht mehr gäbe, da sich heute niemand mehr als Teil dieser Klasse begreife, taugt genauso wenig wie der vorher genannte Einwand.
Lassen wir einmal beiseite, daß sich der Großteil der ArbeiterInnenklasse zwar nicht bewußt als durch das Kapital ausgebeutete einheitliche Klasse versteht, sehr wohl jedoch als Teil einer größeren Gruppe von Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen schuften und sich von Chefs drangsalieren lassen müssen.
Der entscheidende Punkt ist jedoch der, daß das Bewußtsein über die Gesellschaft und die eigene Lage oft nicht mit den realen Gegebenheiten übereinstimmt. Die ÄgypterInnen mögen an die Göttlichkeit und Unsterblichkeit ihrer PharaonInnen geglaubt haben, doch das minderte keineswegs die Wirkung der unerbittlichen Gesetze der Biologie. Die alten Juden/Jüdinnen hielten sich vielleicht tatsächlich für das von Gott auserwählte Volk, doch auch das verhinderte nicht ihr irdisches Schicksal der Vertreibung und Unterwerfung durch feindliche Völker. Viele mögen auch heute an das Fegefeuer, ein Leben nach dem Tod oder die Kraft des Schicksals glauben, das ändert aber nichts an den naturwissenschaftlichen Tatsachen. Ebenso mögen sich heute Teile der Angestellten als Mittelschicht fühlen, trotzdem können sie morgen nur all zu leicht durch die Informationstechnologie wegrationalisiert und auf die Straße gesetzt werden.
Fassen wir also zusammen: die ArbeiterInnenklasse ist die Klasse der Lohnabhängigen, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen und deren Mehrarbeit von KapitalistInnen angeeignet wird. Sie existiert unabhängig vom konkreten Bewußtsein, das sie oder einzelne ihrer Teile gerade über ihre gesellschaftliche Lage haben.

Im Verschwinden begriffen?

Auch die landläufige Behauptung über das Verschwinden der ArbeiterInnenklasse hält einer empirischen Betrachtung nicht stand. Zieht man die letzten hundert oder 70 Jahre zum Vergleich heran, so springt vielmehr der Rückgang des klassischen Mittelstandes und des KleinbürgerInnentums ins Auge. Machten 1907 in Deutschland das KleinbürgerInnentum noch 34% und die Klasse der Lohnabhängigen 63% aus, so sank der Anteil des ersteren bis 1985 auf 8,3%, während mittlerweile über 90% der erwerbstätigen Bevölkerung sogenannte "ArbeitnehmerInnen" geworden waren. In der EU insgesamt waren im Jahr 2000 83,7% aller Erwerbstätigen lohnabhängig.
Allerdings zählen für MarxistInnen nicht alle formell Lohnabhängigen zum Proletariat. In den letzten Jahrzehnten hat sich eine neue Mittelschicht höherer Angestellter herausgebildet, die - ebenso wie die Angehörigen des Repressionsapparates (Polizei, Armee, Sicherheitsdienste usw.) - nicht zur ArbeiterInnenklasse gehören. (LeserInnen, die sich mit dieser Frage genauer auseinandersetzen wollen, seien auf unsere diesbezügliche Analyse im Revolutionären Marxismus 28, verwiesen.) Insgesamt können heute in den imperialistischen Staaten etwa ¾ der erwerbstätigen Bevölkerung zur ArbeiterInnenklasse gerechnet werden.
Selbst die IndustriearbeiterInnenschaft - für welche die postmodernen TheoretikerInnen schon unzählige Totenreden hielten - wuchs in den vergangenen Jahrzehnten weltweit gesehen. Zwischen 1970 und 1989 nahm das Industrieproletariat in den USA um 1,3% auf fast 20 Millionen Beschäftigte zu, in Japan um 4% auf über 15 Millionen. In Westeuropa ging seine Zahl zwar zurück, weltweit gesehen kam es jedoch aufgrund einer massiven Industrialisierung in Asien und Lateinamerika zu einem deutlichen Wachstum des Industrieproletariats (zwischen 1971 und 1984 etwa um 14,1%).
Allerdings wuchs die Zahl der ArbeiterInnen im Dienstleistungssektor rascher als in der Industrie, weswegen es innerhalb des Proletariats zu einer wachsenden Bedeutung der Transport- und DienstleistungsarbeiterInnen kommt. Die große Mehrzahl dieser neuen Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor sind jedoch keine privilegierten Angestelltenjobs, sondern schlechtbezahlte, überausgebeutete Tätigkeiten in Fastfood-Ketten, Supermärkten, Botendiensten usw.
Nichtsdestotrotz gehört das Industrieproletariat aufgrund seiner zentralen Stellung im Produktionsprozeß, wo der gesellschaftlichen Mehrwert geschaffen wird, nach wie vor zur Kernfraktion der ArbeiterInnenklasse.

Revolutionäre Klasse

Warum stellt die ArbeiterInnenklasse nun das revolutionäre Subjekt dar - warum nicht auch die Intellektuellen, die StudentInnen, die fortschrittlichen Mittelschichten? Oder warum nicht einfach all jene, die 'gegen das System' sind?
Die Frage, welche Klasse objektiv revolutionär ist, hat nichts damit zu tun, welche sozialen Schichten gerade welches konkretes politisches Bewußtsein besitzen. Klassen sind nicht je nach politischer Konjunkturlage revolutionär oder nicht-revolutionär, sondern entsprechend ihrer objektiven historischen Interessenslage; also danach, welche Interessen ihre Entwicklungsrichtung bestimmen, sie in Richtung Klassenkampf drängen.
Für dialektische MaterialistInnen sind diese Fragen der Ausgangspunkt aller Überlegungen. Denn es ist - wie Marx postulierte - das Sein, welches das Bewußtsein bestimmt und nicht umgekehrt. Das bedeutet, daß die objektive Interessenslage, die Umstände, in denen Menschen leben und arbeiten, letztlich dafür ausschlaggebend ist, welches Bewußtsein von ihrer Lage sie entwickeln und welche Handlungen sie folglich setzen.
Dies gilt es als gesellschaftliches Gesetz zu verstehen, nicht aber als Erklärung jeder individuellen Handlung. Ebenso darf dieser Grundsatz nicht in einem einseitigen, mechanischen Sinne verstanden werden. Denn das sich unter konkreten gesellschaftlichen Umständen herausbildende Bewußtsein wirkt wiederum auf die Verhältnisse, beeinflußt und verändert sie. In kritischen Situationen des Zusammenstoßens gegensätzlicher Klasseninteressen gibt sogar oft das Bewußtsein, die Entschlossenheit, ja die Rolle Einzelner den Ausschlag. Aber in ihrer Gesamtheit, in ihrer historischen Entwicklungsrichtung kann die Bewegung der gesellschaftlichen Klassen nur durch ihre objektiven Interessen erklärt und verstanden werden.
Was also unterscheidet nun die ArbeiterInnenklasse von den anderen Klassen und worin liegt ihr revolutionäres Potential? Der grundlegendste Unterschied besteht darin, daß sie - im Unterschied zur Bourgeoisie aber auch den KleineigentümerInnen (GreisslerInnen, Bauern/Bäuerinnen usw.) - kein Klasseninteresse an der Aufrechterhaltung eines Systems des Privateigentums an Produktionsmitteln und damit der Ausbeutung besitzt. Ihre gesellschaftliche Position beruht nicht auf der Ausbeutung und Unterdrückung anderer Klassen wie z.B. bei den Mittelschichten (Polizei, unteres und mittleres Management usw.).
Das Proletariat - eben weil es die Verkörperung der Besitzlosigkeit von Privateigentum ist - birgt somit die Überwindung des Kapitalismus in sich. In diesem Sinne ist daher auch die berühmte Losung von Marx zu verstehen, daß das Proletariat nichts als seine Ketten zu verlieren hat (, nicht aber in dem Sinne, daß das Proletariat immer verarmt und verhungert sein muß). Frühere Klassen, die kein Privateigentum an Produktionsmittel besaßen - wie z.B. die SklavInnen im antiken Griechenland, dem römischen Reich oder den islamischen Kalifaten - konnten keine kommunistische Gesellschaftsordnung verwirklichen, weil sie keine ausreichend entwickelten Produktivkräfte vorfanden, um eine Gesellschaft zu errichten, welche tatsächlich die Bedürfnisse aller befriedigen kann. Diese bittere Erfahrung mußten auch die heroischen Aufstände eines Spartakus oder der Zing machen. Erst der Kapitalismus mit der enormen Revolutionierung der Technik schuf die Vorraussetzungen für die Aufhebung jeglicher Form des Privateigentums an Produktionsmitteln.
Der oft vorgebrachte Einwand gegen den Kommunismus, die ArbeiterInnen hängen so sehr an ihrem Privatbesitz wie z.B. dem Auto und seien daher dem Privateigentumsdenken verhaftet, weist eher auf den beschränkten Horizont diverser Möchtegern-Intellektueller hin: sie vermischen Produktionsmittel - deren Eigentum die Ausbeutung anderer Menschen und damit Profit ermöglicht - und Konsumtionsmittel (Konsumgüter), die nicht zur Ausbeutung fremder Arbeitskraft taugen und bloß der individuellen Bedürfnisbefriedigung dienen.
In diesem Sinne verkörpert das Proletariat die Verneinung jeglicher Ausbeutung. Im Unterschied zu allen Klassen zuvor birgt es daher das Interesse am kollektiven Eigentum, der Kontrolle der Gesellschaft über die Produktionsmitteln, in sich - und damit die einzig mögliche Zukunft der Menschheit: einer vernünftigen Planung der gesellschaftlichen Ressourcen ohne Krisen, Krieg und Umweltkatastrophen. Deswegen kämpfen wir für die Machtergreifung der ArbeiterInnenklasse - als Einleitung eines Prozesses des Absterbens jeglicher Form von Klassen und Klassenunterschieden, mit anderen Worten, den Beginn einer wirklich kommunistischen Gesellschaftsordnung (und nicht der stalinistischen Polizeistaatskarikatur).
Die ArbeiterInnenklasse verkörpert jedoch nicht nur die Verneinung des Privateigentums, sondern auch die wirkliche Macht, die Gesellschaft umzuwälzen. Im Unterschied zur permanent aus dem Arbeitsprozeß ausgeschlossenen städtischen Armut (oft auch als Lumpenproletariat bezeichnet) besitzt sie tatsächlich die Macht, die kapitalistische Klasse zu stürzen. Denn es ist diese Klasse, die den Mehrwert für die Bourgeoisie erzeugt - also das Blut für diese Vampire. Und ohne dieses Blut kann das Kapital nicht existieren.
Eine längerer Massenstreik - geschweige denn ein Generalstreik - versetzt die herrschende Klasse weit mehr in Schrecken als zig heroische Straßenschlachten empörter StudentInnen. Ersterer schmerzt ernsthaft, letztere kitzeln die Bourgeoisie bloß. Deswegen sah sich z.B. zuletzt die Regierung Toldeo in Peru rasch zur vorläufigen Rücknahme ihrer neoliberalen Privatisierungspläne gezwungen, während die mutigen (und keineswegs zu unterschätzenden) Straßenkämpfe in Genua im Vorjahr Berlusconi nicht aus dem Sattel warfen.
Und in der Tat: das Diktum des "Kommunistischen Manifestes", wonach alle Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist, hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Die Generalstreiks von Millionen in Spanien, Italien und Uruguay im Sommer, die Massenstreiks in Peru, Paraguay oder Deutschland - all dies unterstreicht, daß die ArbeiterInnenklasse alles andere als tot ist. Sie zeigen, dass die Geschichte der Menschheit und der Menschen nach wie vor eine von Klassenkämpfen ist.
Selbst in Österreich beweisen die beiden Postbusstreiks, daß die ArbeiterInnenklasse - selbst in einem vom Klassenfrieden geistig so vergifteten Land - wieder zu kämpfen beginnt. Die brutale Realität des Kapitalismus läßt ihr auch keine andere Wahl!

Das Klassenbewußtsein

So sehr der Kapitalismus und seine Krisen das Proletariat immer wieder zum Kampf drängen, so sorgen doch auch die Ausbeutung und die Unterdrückung keineswegs von selbst für die Herausbildung einer tieferen Erkenntnis der Ursachen ebendieser gesellschaftlichen Verhältnisse. Eine Armee, die unter Beschuß gerät, weiß zwar, daß sie auf den Feind gestoßen ist, aber über dessen Stärke und Strategie gibt der Kanonendonner noch keinen Aufschluß.
Eine tieferes, theoretisches Verständnis des Kapitalismus und der Bedingungen seiner Überwindung verlangt eine wissenschaftliche Analyse. Denn der Kapitalismus verhindert, daß die Ausgebeuteten spontan eine Einsicht in seine Funktionsweise und inneren Widersprüche gewinnen. Deswegen wird der Marxismus oft auch als wissenschaftlicher Sozialismus bezeichnet - im Gegensatz zu jenen, die den Kapitalismus bloß aus moralischer Empörung ablehnen.
Die wissenschaftliche Analyse braucht es aber nicht nur deswegen, weil die Bourgeoisie gewaltige Mittel der Manipulation kontrolliert (z.B. die Massenmedien) und mit den Mitteln der Verunglimpfung und Repression gegen ihre OpponentInnen vorgeht. Der tiefere Grund liegt darin, daß die Erscheinungsformen des Kapitalismus die ArbeiterInnen bloß seine Resultate - und diese nur in verzerrter Form - wahrnehmen läßt. Krisen entstehen daher offenbar nicht, weil die Profitrate fällt, sondern weil es scheinbar keinen Absatzmarkt für die Waren gibt. Das System erscheint als etwas von den Menschen unabhängiges, wo die Waren, die Märkte, die Aktienmärkte Eigenständigkeit besitzen und unkontrollierbar sind, während es in Wirklichkeit ein konkretes, gesellschaftliches Machtverhältnis darstellt. MarxistInnen nennen dieses Phänomen den Warenfetischismus.
Noch weniger spontan entsteht das Verständnis, wie dieses System bekämpft und überwunden werden kann. Die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ist reich an Beispielen der spontanen Kreativität des Proletariats. Aber noch nie gelangte die ArbeiterInnenklasse spontan an die Macht - oder auch nur an deren Schwelle.
Ein solches wissenschaftliches Studium der Geschichte, der aktuellen Bedingungen des Kapitalismus, im internationalen und auch nationalen Rahmen, der Lehren unzähliger gewonnener und verlorener Klassenschlachten - ein solches Studium bedarf systematischer Anstrengungen. Anstrengungen nicht bloß ‘einzelner kluger Köpfe’, sondern einer Organisation, die theoretisch begabte Intellektuelle und ArbeiterInnen in einem Kollektiv vereint, Theorie und Praxis verbindet sowie nationale und internationale Erfahrungen zusammenbringt. Eine solche Synthese nennen wir die revolutionäre Weltpartei. Nur in einem solchen Rahmen kann revolutionäres Klassenbewußtsein - also das Bewußtsein über den Kapitalismus und die Mittel zu seiner Überwindung - entstehen. Entstehen, um wieder in die Klasse zurückgetragen zu werden, wie es Lenin in seiner berühmten Schrift "Was tun" (und vor ihm Karl Kautsky) darlegte.
Damit also das objektive revolutionäre Potential der ArbeiterInnenklasse sich zum subjektiven revolutionären Willen erhebt, bedarf es einer Partei. Oft wird dem Gedanken der Partei entgegengehalten, daß diese etwas von der Klasse getrenntes darstellen würde. Doch dieser Einwand geht am Kern der Sache vorbei. Eine solche Partei - will sie die Interessen der ArbeiterInnenklasse tatsächlich vertreten - muß selbstverständlich in den Betrieben verankert sein. Die tagtäglichen Erfahrungen der Ausbeutung und des Widerstandes dagegen braucht sie wie der Mensch die tagtägliche Ernährung.
Doch um die Interessen der gesamten ArbeiterInnenklasse - über den einzelnen Betrieb, die Stadt, das Land hinaus, auch unabhängig von den jeweiligen politischen Konjunkturschwankungen - vertreten zu können, muß sie notwendigerweise in einem gewissen Maße von diesem oder jenem Sektor der Klasse getrennt sein. Sie muß die besten, aktivsten Teile des Proletariats vereinigen und vom Druck der jeweils konkreten Umstände loslösen, so dass diese den Kampf gegen das System als solches aufnehmen können, statt nur dessen einzelne Schweinereien zu bekämpfen.
Und schließlich zählt es auch zu den Aufgaben der revolutionären Partei, jene Kräfte politisch zu bekämpfen, die statt revolutionäres Bewußtsein in die ArbeiterInnenklasse zu tragen, diese mit nicht-revolutionären Vorstellungen zu beeinflussen versuchen (z.B. ReformistInnen wie die Sozialdemokratie oder der Stalinismus, ZentristInnen wie diverse Linksparteien in Argentinien und Linkswende oder SLP in Österreich). Gerade weil revolutionäres Klassenbewußtsein nicht spontan entsteht, kann es keine Organisierung der besten AktivistInnen zu einer Partei ohne gleichzeitigen energischen politischen Kampf gegen alle nicht-revolutionären Organisationen geben. Nicht zufälligerweise findet man daher auch kaum eine Schrift von Marx, Lenin oder Trotzki, die keine scharfen Polemiken gegen ihre nicht-revolutionären OpponentInnen beinhalten würde.
Letztlich entstehen siegreiche Revolutionen aus dem Zusammentreffen des spontanen Willens des Proletariats zum Kampf, zur Rebellion gegen das System, und einer theoretisch und praktisch vorbereiteten revolutionären Partei. Dieser Vorbereitungsarbeit ist die Tätigkeit des ArbeiterInnenstandpunkt und unserer internationalen Tendenz - der Liga für eine revolutionär-kommunistische Internationale - gewidmet.