Aufbau der revolutionären Partei heute:

Bürokratischer versus demokratischer Zentralismus

Der Aufschwung des Klassenkampfes – etwa gegen die schwarz-blaue Regierung in Österreich, die kapitalistische Globalisierung oder den US-Krieg – stellt die Frage, wie diese Kämpfe erfolgreich geführt werden können. Wie ein für alle Mal mit der Wurzel allen Übels – dem Kapitalismus – Schluss machen? Und – trotz Jahrzehnten an postmoderner Gehirnwäsche durch die bürgerlichen IdeologInnen und ihre HandlangerInnen in den sog. neuen sozialen Bewegungen – kommen immer mehr zum Schluss: Dazu bedarf es einer Organisation, einer revolutionären Partei! Denn ohne diese haben wir gegen die geballte Macht der bürgerlichen Herrschaft keine Chance. Doch welche Partei? Wie soll sie aufgebaut sein? Welches Programm muss sie haben? Nach welchen Organisationsprinzipien soll sie funktionieren?

Die Ausbeutung in den Betrieben und Büros bringt die ArbeiterInnenklasse tagtäglich in Konflikt mit ihren Chefs. Dieser alltägliche Klassenkampf sowie die Tatsache, dass die ArbeiterInnen jeden Tag erfahren, dass sie ein gemeinsames Schicksal teilen, führte schon bald zum Zusammenschluss, um sich in diesen Konflikten leichter zur Wehr setzen zu können. So entstanden Kampfgemeinschaften, aus denen sich Gewerkschaften, Parteien und Krankenversicherungen entwickelten.
Auch heute organisieren sich ArbeiterInnen weltweit immer wieder: von Streikkomitees wie auch in Österreich 1950 bis hin zu bewaffneten Volkskomitees wie z.B. in Albanien 1997 oder Asambleas Populares in Argentinien heute. Die ArbeiterInnenklasse erfährt im Produktionsprozess ständig, dass nicht das Produkt des einzelnen entscheidend ist, sondern das Produkt des Kollektivs. Ihre Stärke im Kampf ist das Handeln als Gemeinschaft. Dementsprechend sind die Kampfformen, zu denen oft spontan gegriffen wird, mehr von kollektivem Handeln als von individuellem Heroismus geprägt.
Ein Streik ist eine solche Form kollektiven Handelns. Er stellt die KollegInnen vor die Aufgabe, sich zu koordinieren, um nicht beim ersten Widerstand klein beigeben zu müssen. Der Streik drängt daher zur Organisierung in Form einer demokratischen Streikleitung, eines Streikrates.
In gesellschaftlich zugespitzten Situationen, wo der Kampf nicht nur in einem Betrieb, sondern in größerem Umfang tobt, ist eine Koordinierung auf breiterer Ebene notwendig. In Situationen wie etwa einem Aufstand entstehen meist spontan Organisationsformen wie Komitees oder Räte der Massen. Sie werden der ArbeiterInnenklasse durch den alltäglichen Klassenkampf von den KapitalistInnen aufgedrängt. Aber leider zeigen die Erfahrungen unzähliger gescheiterter Revolutionen (von Österreich 1918 über Spanien 1936 bis Nicaragua und dem Iran 1979), dass der Kampf für den Sozialismus nicht spontan, nicht ohne bewusst-revolutionäre Führung gewonnen werden kann.

Revolutionäre Partei

Da aber revolutionäres Klassenbewusstsein nicht einfach spontan durch die Alltagserfahrung entsteht, muss es als programmatische Synthese und theoretische Verarbeitung der aktuellen und historischen Erfahrungen organisiert und verbreitet werden. Genau dazu bedarf es einer revolutionären Partei.
Dieser von Lenin in “Was tun” entwickelte Gedankengang ist die zentrale theoretische Prämisse aller MarxistInnen für das Verhältnis zwischen Partei und Klasse. Daraus folgt, dass die Partei offen und ehrlich aussprechen muß, welche Ziele, welche Teilschritte, welche Kampfmittel notwendig sind, um die Interessen des Proletariats durchzusetzen. Unabhängig davon, ob das Proletariat diese Einsichten bereits teilt oder nicht, muß die Partei die Wahrheit aussprechen, auch wenn sie manchmal “unpopulär” ist.
Viele zentristische Organisationen haben jedoch Angst davor, “unpopuläre” Wahrheiten auszusprechen. Dies rechtfertigen sie gerne dadurch, dass die Massen “eh von selber draufkommen”. Mit dieser Logik kann man sich nur schwer erklären, warum fast alle Revolutionen - trotz heroischer Initiativen der Massen - bisher gescheitert sind. Was eben meistens fehlte, war eine starke, revolutionäre Partei. Es ist daher auch kein Zufall, daß z.B. der Begründer der “International Socialist Tendency” (IST), Tony Cliff, oder jener des CWI, Ted Grant, Lenin’s These vom Hineintragen des revolutionären Klassenbewusstseins in das Proletariat offen zurückweisen. (1)
In der revolutionären Partei verbinden sich die fortgeschrittensten und entschlossensten Teile der Klasse auf Grundlage eines revolutionären Programms. Ihr Ziel ist es, dieses durch Propaganda in Wort und Tat in immer weitere Teile des Proletariats zu tragen und so die gesamte Klasse über die Tageskämpfe hinaus zur Vollendung ihrer historischen Aufgabe – dem Sturz des Kapitalismus – zu führen. Zugleich schulen und festigen die Mitglieder durch die gemeinsame Aktion und Diskussion ihr programmatisches Verständnis und die für den revolutionären Kampf erforderlichen praktischen und theoretischen Fähigkeiten. In der Partei immunisiert sich das revolutionäre Klassenbewusstsein aber auch gegen das Trommelfeuer der bürgerlichen Ideologie, unter welchem unorganisierte Individuen früher oder später unweigerlich den Kampf aufgeben.
Die Schlüsselrolle, die eine revolutionäre Partei für die Revolution spielt, zeigt sich darin, dass sich die bedeutendsten VertreterInnen der marxistischen Tradition auch intensiv als ParteigründerInnen bzw. -führerInnen engagierten. Marx und Engels u. a. im “Bund der Kommunisten” - der ersten kommunistischen Partei überhaupt - und später in der I. Internationale; Lenin, in der erfolgreichsten dieser Parteien überhaupt, bei den Bolschewiki, die das russische Proletariat zum Sieg in der Oktoberrevolution führten; gemeinsam mit Trotzki gründete er die Kommunistische Internationale, deren Tradition letzterer nach der stalinistischen Degeneration in der Vierten Internationalen fortsetzte. In diesen Organisationen erkennen wir auch die wichtigsten Merkmale revolutionärer Parteien, insbesondere den spezifischen Charakter ihres Programms und ihre Organisationsprinzipien.
Das Programm einer revolutionären Partei ist eine Anleitung zum Sturz des Kapitalismus und zur Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft. Es ist ihr Werkzeug, um die Massen für die revolutionäre Aktion zu gewinnen. Zu diesem Zweck muss es ein System von Übergangsforderungen enthalten. Wir verstehen darunter Forderungen, die sich in einer bestimmten Klassenkampfsituation unmittelbar stellen, für die ernsthaft zu kämpfen aber in immer umfassendere Konfrontationen mit der kapitalistischen Ordnung mündet. So kann etwa der Kampf für eine Arbeitszeitverkürzung bei gleichbleibendem Lohn, konsequent geführt, bald die Notwendigkeit von Streiks mit Betriebsbesetzung einsichtig machen, diese wiederum, konsequent geführt, die Notwendigkeit bewaffneter Selbstverteidigungsgruppen usw.
Eine revolutionäre Partei ist eine Partei von AktivistInnen (also keinen passiven Mitgliedern, die nur auf Listen aufscheinen, aber nicht am Parteileben und dem Klassenkampf teilnehmen). Nur wer das revolutionäre Programm in seiner Gesamtheit unterstützt und nach außen vertritt, kann Mitglied sein. Diese notwendige programmatische Disziplin opfert eine revolutionäre Partei niemals den Verlockungen von “Breite” und schnellem Mitgliedergewinn, wie wir es etwa in den Schwenks und Anpassungen an verschiedene zeitgeistige Strömungen wie z.B. den Pazifismus (Linkswende: “Krieg ist keine Lösung”; SLP: “Eine friedliche Überwindung des Kapitalismus ist möglich”) immer wieder sehen.
Die Struktur der revolutionären Partei folgt den Prinzipien des demokratischen Zentralismus. Die Organisation legt ihre Ziele demokratisch fest, verpflichtet aber gleichzeitig alle Mitglieder und Teilorganisationen (auch solche, die mit ihren Vorschlägen in der Minderheit geblieben sind), die beschlossene Linie diszipliniert umzusetzen und nach außen zu vertreten. Zugleich hat die Minderheit das Recht und sogar die Pflicht, parteiintern weiterhin für ihre Positionen zu kämpfen.

Bürokratischer Zentralismus

Und hier gelangen wir zu einem Punkt, welcher den bürokratischen Zentralismus in der Praxis recht häufig vom demokratischen Zentralismus unterscheidet, und welcher nicht zuletzt für die Diskreditierung des Begriffes Zentralismus innerhalb der ‘radikalen Linken’ mitverantwortlich ist. Während es in den stalinistischen Parteien offensichtlich ist, dass Minderheiten kein Recht auf die Bildung von Fraktionen und Tendenzen haben, was es ihnen ermöglichen würde, organisiert für ihre politische Linie zu kämpfen, so ist dem in zentristischen Organisationen oft nicht so. In der “Internationalist Socialist Tendency” (in Österreich: Linkswende) oder dem “Comittee for a Workers’ International” (CWI – in Österreich SLP) haben Minderheiten formell sehr wohl das Recht auf die Bildung von Fraktionen oder Tendenzen.
Allein, die Praxis straft dieses formale Recht oft Lügen, wenn – wie es etwa in den beiden genannten Tendenzen immer wieder vorkommt – das formale Recht dazu in der Praxis mit Füssen getreten wird. Das Recht ist eine schöne Sache, wo aber bleibt es, wenn oppositionellen Mitgliedern vor einer ausreichenden internen Diskussion und noch lange vor der Bildung von z.B. einer Fraktion mitgeteilt wird, dass sie sich entweder der Leitung unterzuordnen haben, oder für sie kein Platz mehr in der Organisation ist? Dass die internationale zur nationalen Führung steht, und dass ohne vorhergehende ernsthafte Diskussion der unterschiedlichen Positionen? Dass nationale Leitungen gegen den Willen der Mehrheit der Mitglieder einer nationalen Sektion an der Macht gehalten werden? Das ist es, was in bürokratisch-zentralistischen Organisationen immer wieder passiert.
Und genau diese Form des bürokratischen Zentralismus unter dem Deckmäntelchen des “demokratischen Zentralismus” führt dann immer wieder zu Spaltungen und Ausschlüssen, wenn GenossInnen nicht bereit sind, sich den Entscheidungen der Bürokratie unterzuordnen und auf ihre den Prinzipien des demokratischen Zentralismus entsprechenden Rechte pochen. Ganze Generationen von überzeugten RevolutionärInnen sind solchen bürokratischen Manövern, die letztlich nur dazu dienen, eine Clique um der Macht selbst willen, und nicht wegen der Korrektheit ihrer Perspektive, an der Macht zu halten, schon zum Opfer gefallen und haben die revolutionäre Politik verlassen. Abgesehen davon ist diese Herangehensweise mit dem demokratischen Prinzip der revolutionären Partei nicht vereinbar. “In Erkenntnis der Unbestreitbarkeit des Prinzips des demokratischen Zentralismus betrachtet die Konferenz die weite Umsetzung des Wahlprinzips als notwendig, und unter Gewährleistung der vollen Macht der gewählten Zentren in ideologischen und praktischen Führungsangelegenheiten sind diese gleichzeitig abwählbar, ihre Handlungen stehen unter breiter Beobachtung und sie sind für ihre Taten streng rechenschaftspflichtig.”(2)
Ohne die Rückkehr zu den Prinzipien eines unverfälschten demokratischen Zentralismus, wird sich das auch in Zukunft immer und immer wieder wiederholen. Auch darum sind zentristische Organisationen ein Hindernis beim Aufbau einer revolutionären Partei und dadurch letztlich ein Hindernis für den Sturz des Kapitalismus.
Auf welcher Seite werden sie während oder gar nach einer Revolution stehen. Aus unzähligen Beispielen in der Geschichte wissen wir, daß zentristische Organisationen oft eine schwankende Rolle oder gar eine offen arbeiterInnenfeindliche Haltung einnehmen. So z.B. unterstützte das “Vereinigte Sekretariat” (in Österreich: SOAL) die Unterdrückung von linken KritikerInnen durch die SandinistInnen in Nicaragua.

Entstellungen

“Die Partei ist keine Arena für die Entfaltung der freien Individualität, sondern ein Instrument der proletarischen Revolution”. Diese Worte Trotzkis von 1939 bilden den Hintergrund, vor dem Lenin sich der Frage der Demokratie in der revolutionären Partei näherte. Das Verhältnis zwischen Zentralismus und Demokratie in der Partei hängt immer von den jeweiligen Bedingungen des Klassenkampfes ab. Verschwinden darf aber keiner der beiden Pole jemals!
Nach dem Zusammenbruch des Stalinismus war es ‘in’, die Prinzipien des demokratischen Zentralismus in Frage zu stellen. Manche meinten, dass die ArbeiterInnenklasse keine demokratische zentralistische Partei braucht, sondern eine dezentrale, vielfältige, bunte Bewegung, andere hingegen, dass es unmöglich ist, heute eine solche Partei aufzubauen, selbst wenn das notwendig wäre. Was vielmehr heute auf der Tagesordnung steht, ist – ihrer Ansicht nach – die Annäherung der Vielzahl linker Gruppen in einer neuen Form.
Ihnen folgten dabei reumütige (Ex-)StalinistInnen, welche die Probleme bei der Degeneration der russischen Revolution allein den demokratischen Unzulänglichkeiten der KPdSU in die Schuhe schieben. Sie behaupten, dass die Wurzeln des Stalinismus in der leninistischen Partei und ihrem organisatorischen Grundsatz – dem demokratischen Zentralismus – zu finden wären. Der folgenschwere, von Lenin und Trotzki mitgetragene, Fehler der Verbannung von Fraktionen in der Partei 1921 beruhte aber tatsächlich auf der falschen Einschätzung, dass die Gefahr von außen größer war als die von innerhalb der Partei und des Staatsapparates. Der Prozess der Bürokratisierung führte zur Schwächung der parteiinternen Demokratie und hemmte schließlich den Kampf Trotzkis und der Linksopposition dagegen.
Auch wenn viele den demokratischen Zentralismus der Bolschewiki korrekterweise nicht mit dem stalinistischen bürokratischen Zentralismus gleichsetzten, so stellen sie ihn doch oft als Werkzeug dafür dar. Ihm fehlt dann vorgeblich das Gegengewicht der föderalen und dezentralen Elemente, welche eine Verbürokratisierung verhindern könnten. Laut dieser Sichtweise muss der Leninismus mit linksreformistischen oder liberalen Prinzipen ergänzt werden, oftmals verkleidet als Feminismus, wie etwa in der KPÖ oder der PDS.

Funktion

Die klarste und prägnanteste Darstellung der Methode des demokratischen Zentralismus ist Trotzkis Artikel “Über den demokratischen Zentralismus: Einige Worte über die Parteiordnung”: Hier schrieb er: “Eine Partei ist ein aktiver Organismus. Sie entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit äußeren Hemmnissen und inneren Widersprüchen. (...) Die Ordnung einer Partei fällt nicht fertig vom Himmel, sondern wird allmählich im Kampf gebildet. Eine politische Linie beherrscht die Ordnung. Zuallererst ist es nötig, strategische Probleme und taktische Methoden zu deren Lösung korrekt zu definieren. Die organisatorischen Formen sollen mit der Strategie und der Taktik übereinstimmen. Nur eine korrekte Politik kann eine gesunde Ordnung garantieren.”
Und später: “Demokratie und Zentralismus finden nicht in unveränderlichem Verhältnis zueinander. Alles hängt von den konkreten Umständen, von der politischen Situation im Land, von der Stärke der Partei und ihrer Erfahrung, vom allgemeinen Niveau ihrer Mitglieder und der Autorität, die die Führung vor einer Konferenz gewonnen hat, ab. Wenn das Problem das der Formulierung der politischen Linie für die nächste Periode ist, triumphiert die Demokratie über den Zentralismus. Wenn das Problem die politische Aktion ist, unterwirft der Zentralismus die Demokratie. Die Demokratie setzt ihre Rechte durch, wenn es für die Partei notwendig ist, ihre Aktionen kritisch zu betrachten. Das Gleichgewicht zwischen Demokratie und Zentralismus bildet sich im realen Kampf, in gewissen Momenten ist es gestört und dann wieder hergestellt.”(3)
Eine Partei ist jener Teil der Klasse, der die Notwendigkeit versteht, sich zu organisieren, um ins politische Geschehen einzugreifen. Sie muss daher klare Ziele haben, die das Programm bilden. Sie muss auch über Taktiken zur Erreichung dieser Ziele verfügen. Sie muss Prinzipien aufweisen, die ihre internen Konflikte regeln.
Keine Partei kann ohne programmatische Basis gegründet werden. Das Lebenswerk von Marx und Engels war der Entwicklung eines solchen Programms und seines organisatorischen Ausdrucks gewidmet. Ihre Arbeit in der I. Internationale fand am Londoner Kongress im September 1871 ihren Höhepunkt, der erklärte, dass “die ArbeiterInnenklasse gegen diese Gesamtgewalt der besitzenden Klassen nur als Klasse handeln kann, indem sie sich selbst als besondere politische Partei konstituiert, im Gegensatz zu allen alten Parteibildungen der besitzenden Klassen” (4).
Marx und Engels erarbeiteten zwar kein explizites Konzept der Form, die eine solche Partei annehmen muss. Doch die auf sie zurückgehenden Statuten des Kommunistischen Bundes stellen bereits eine zukunftsweisende Formulierung der Beziehung zwischen Demokratie und Zentralismus in der Partei dar. Die Weiterentwicklung des demokratischen Zentralismus blieb jedoch dem russischen Marxismus und hier vor allem Lenin überlassen. Doch die Theorie und Praxis der leninistischen Partei bildet eine Kontinuität zu Marx’ und Engels’ Denken und Handeln.
Lenin hatte eine aktive, kämpferische Vorstellung von der revolutionären Partei, die an den aktuellen Kämpfen teilnehmen, sie entfachen und mit dem Ziel der sozialistischen Revolution verbinden würde. Wenn dies die Aufgabe der Partei ist, so musste eine organisatorische Form entwickelt werden, die den Alltagskampf mit dem revolutionären Ziel verknüpft. Eine solche Partei wird intern, im jeweils möglichen Ausmaß, demokratisch, doch in der Verfolgung ihrer Ziele zentralisiert und diszipliniert sein müssen.

“Was tun?”

Lenin scheute sich nicht, offen für eine politische Organisation einzutreten, die vom Zentrum nach außen hin oder “von oben her” strukturiert war, und die dazu imstande ist, jeden Teil der Gesamtorganisation zu mobilisieren und zu dirigieren. Trotz der Tatsache, dass “Was tun?” vor der russischen Revolution von 1905 geschrieben wurde, bleibt es der Grundstein für die leninistische Partei.
Lenin dachte keine Minute daran, dass der aus BerufsrevolutionärInnen bestehende Apparat der Partei ein eigenständiger, selbstgenügsamer “Repräsentant der ArbeiterInnenklasse” (wie in vielen reformistischen und zentristischen Organisationen) wäre. Seine Aufgabe ist es, sich auf die spontanen Kampfausbrüche zu beziehen, auf die zeitweilige Organisation des Kampfes.

Weiterentwicklung

Die Jahre der ersten russischen Revolution 1905-07 waren wesentlich für die Entwicklung des demokratischen Zentralismus. Ausgehend vom Zustrom von ArbeiterInnen in Sozialdemokratische ArbeiterInnenpartei Russlands (SDAPR) dehnte er sich auf die Wahl und Absetzbarkeit aller Führungsorgane der Partei, vom Lokalkomitee bis zum Zentralrat, aus. Grundlage waren jährliche souveräne Kongresse. Das demokratische Prinzip erlaubte die Existenz von Gruppierungen innerhalb der Partei, die Lenin “Tendenz” nannte, die sich aber auch verhärten konnten, um Fraktionen zu bilden. Die Grundlage des demokratischen Zentralismus blieb jedoch die Disziplin in der Aktion.
Diese sehr demokratische Struktur wurde durch die revolutionäre Situation, die de facto-Legalität, die Existenz legaler täglicher Zeitungen, großer öffentlicher Treffen und Debatten in den Arbeitsstätten möglich und notwendig. Einige KommentatorInnen – wie Marcel Liebmann – haben diese Situation zur ewig gültigen Norm idealisiert (5). Andere – wie die Sekte der “Spartakisten” – beharren darauf, dass der demokratische Zentralismus dieser Periode überhaupt kein wahrer Leninismus wäre (6).
Beide liegen falsch. Wenn sich Lenins Ansichten über die Parteidemokratie, die Möglichkeit des Austragens offener Konflikte in der Partei, verändert hatten und wieder verändern sollten, so lag das in den Jahren 1908-1914 nicht an einem Rückfall ins SektiererInnentum oder den Bürokratismus (Liebmann) und auch nicht daran, dass sich der ausgereifte Bolschewismus erst 1912 entfaltete (SpartakistInnen), sondern an sich verändernden Klassenkampfbedingungen. Es ist leicht zu erkennen, dass die bolschewistische Partei 1917 mit ihren heftigen internen Polemiken, die sich sogar in der Parteipresse wiederfanden, den häufigen Konferenzen, den Änderungen in Strategie und Taktik, eine Partei war, die dem sehr nahe kam, was Lenin in seinen Schriften über demokratischen Zentralismus 1905-06 dargestellt hatte.
Wenn es widersprüchliche Positionen gab, so lag das daran, dass die Handhabung des demokratischen Zentralismus mit Trotzkis Worten vom “Kampf mit äußeren Hindernissen und inneren Widersprüchen” abhängt. Natürlich ist das Modell von 1906 nicht für alle Zeiten gültig. Es war selbst das Produkt des Kampfes in bestimmten historischen Umständen und sollte sich im Kampf und mit sich verändernden Klassenkampfbedingungen weiterentwickeln.
Im April/Mai 1906 wurde die SDAPR wiedervereint, Lenins umstrittene Formulierung von 1903 “Alle Parteiorganisationen werden auf dem Prinzip des demokratischen Zentralismus errichtet”(7) ohne Opposition angenommen! Die Statuten fassten die Grundsätze des demokratischen Zentralismus zusammen. In einem Aufruf an die Partei durch Delegierte zum Einheitskongress kommentierten die “ehemaligen Bolschewisten” speziell die Minderheitenrechte: “Alle waren wir einig über das Prinzip des demokratischen Zentralismus, über die Wahrung der Rechte jeder Minderheit und jeder loyalen Opposition, über die Autonomie jeder Parteiorganisation, über die Anerkennung der Wählbarkeit, Rechenschaftspflicht und Absetzbarkeit aller Parteifunktionäre. In der praktischen Einhaltung dieser Organisationsprinzipien, in ihrer aufrichtigen und konsequenten Verwirklichung sehen wir eine Garantie gegen Spaltungen, als Garantie dafür, dass der ideologische Kampf in der Partei mit der strengsten organisatorischen Einheit, mit der Unterordnung aller unter die Beschlüsse des allgemeinen Parteitags durchaus vereinbar sein kann und muss.”(8)
Als kurz nach dem Kongress das Zentralkomitee versuchte, die Kritikfreiheit auf Parteipresse und Parteitreffen zu beschränken und in öffentlichen Treffen zu verbieten, konterte Lenin: “Das Prinzip des demokratischen Zentralismus und der Autonomie für lokale Organisationen umfasst universelle und volle Freiheit der Kritik, solange das nicht die Einheit einer bestimmten Aktion stört: das schließt alle Kritik aus, die die Einheit einer von der Partei beschlossenen Aktion stört oder erschwert ...”(9)
Für Lenin schloss der demokratische Zentralismus während dieser Periode und unter diesen Umständen - wo die Partei eine Massenpartei und keine Propagdangruppe war - das Recht mit ein, Differenzen in den Parteipublikationen zu veröffentlichen, eigene Minderheitenpublikationen herauszugeben, und sogar auf öffentlichen Treffen gegen die Partei zu sprechen. Doch es war nicht gestattet, sich einer beschlossenen Aktion entgegenzustellen, “noch soll Kritik an der Entscheidung toleriert werden, bis alles vorbei ist”.

Methode – nicht Abziehbild!

Der Bolschewismus war weder bürokratisch, monolithisch, noch sektiererisch. Die leninistische Partei und der demokratische Zentralismus entsprangen nicht fertig dem Hirn Lenins. Keine einzige Arbeit, nicht einmal “Was tun?” beinhaltet eine Blaupause dafür. Trotzdem wäre es falsch, daraus zu schließen, dass es keine leninistischen Organisationsprinzipien gibt. Praxis und Theorie erwuchsen im Klassenkampf.
Lenin erlebte durch bittere Erfahrung, dass der Kampf um die organisatorischen Prinzipien der Partei ein unaufhörlicher ist – in allen Stadien des Parteiaufbaus. Sie alle sind von Krisen, Zusammenbrüchen, Spaltungen genauso wie von Fusionen, Wiederkehr zu früheren Stadien und rapiden Fortschritten gekennzeichnet. Eine revolutionäre Partei aufzubauen ist nicht nur ein Kampf gegen die KapitalistInnen und ihren Staatsapparat. Es ist ein Kampf gegen bürgerliche (und kleinbürgerliche) Einflüsse und jene, die diese Einflüsse in die Reihen der Klasse tragen – die objektiven oder subjektiven AgentInnen der Bourgeoisie.
Was Lenin immer suchte, war Klarheit über programmatische Ziele, taktische Prinzipien und Methoden jener Organisation, die erstere verwirklichen sollte. Aus diesem Grund kritisierte er die VersöhnlerInnen, die es den ArbeiterInnen erschwerten, zu sehen, wer Freund und Feind ist, am schärfsten.
Genau dies verstehen SLP, Linkswende, AL oder AGM nicht. Die Wahrheit aussprechen, dem Proletariat eine Perspektive weisen bedeutet auch zu sagen, wer eine falsche Perspektive angibt. Es existiert kein einziges Werk von Lenin oder Trotzki, in dem sich keine scharfe Kritik der Pseudo-RevolutionärInnen finden würde. Das war keine Vorliebe für Spaltungen und Polemik, sondern die Erkenntnis, dass die Schulung der Kader absolute Klarheit hier und jetzt verlangt. Man kann nicht darauf warten, bis die ArbeiterInnen die Erfahrungen selbst machen würden, was auch die Gelegenheit für VerräterInnen ist, den Kampf in Verwirrung und Niederlage zu führen.
Wenn interner Kampf und politische Positionsklärung ein notwendiger Bestandteil des politischen Lebens, wenn Spaltungen und Vereinigungen notwendig zur Schaffung einer politischen Führung für die ArbeiterInnenklasse, die im entscheidenden Moment die Initiative ergreifen kann, sind, dann müssen die Prinzipien des Parteilebens darauf Rücksicht nehmen. Diese Prinzipien, die ab 1905 als demokratischer Zentralismus bekannt wurden, ermöglichen die Ausarbeitung einer Strategie, welche die RevolutionärInnen in einer Partei vereinigen und den revolutionären Kampf zum Sieg führen kann.

Fußnoten
(1) Siehe Ted Grant: “Die koloniale Revolution und die deformierten Arbeiterstaaten”, S. 34. In der Broschüre “Partei und Klasse” (Frankfurt 1989) sowie in dem Essayband “Party and Class” (London 1996) argumentieren die TheoretikInnen der IST, daß Lenin’s “Was tun”-Konzept falsch gewesen sei bzw. dieser es selber überwunden hätte.
(2) zitiert nach LeBlanc, Paul (1990): Lenin und die revolutionäre Partei, New Jersey. S. 128f
(3) Trotzki, Leo: Über den demokratischen Zentralismus: Einige Worte über die Parteiordnung, in: “Writings of Leon Trotsky 1937/38”. S. 90 (Eigenübersetzung)
(4) Marx, Karl: Londoner Konferenz der Internationalen Arbeiterassoziation, in: MEW 17, S. 422
(5) Liebmann, Marcel(1975): Leninismus unter Lenin, London. S. 45-61
(6) Spartacist-Broschüre (1978): Lenin und die Avantgardepartei, New York, S. 49-53
(7) LeBlanc, ebda., S. 129
(8) LW 10, S. 315f
(9) LeBlanc, ebda., S. 131