| Die Globalisierung Eine marxistische Analyse
Die Globalisierung ist eine der meistdiskutierten Fragen der Gegenwart - sowohl in der bürgerlichen als auch der marxistischen Literatur. Im folgenden Artikel wollen wir den gegenwärtigen Entwicklungsstand der Globalisierung der kapitalistischen Weltwirtschaft untersuchen. Dabei werden wir die heutige Etappe des Kapitalismus in einen historischen Rahmen stellen und vom Gesichtspunkt der Leninschen Imperialismustheorie untersuchen. Abschließend wollen wir noch einen kurzen Ausblick auf die kommende Periode und die Aufgaben der ArbeiterInnenklasse geben. Die Globalisierung der Weltwirtschaft hat in bürgerlichen und linken Kreisen breite Verwirrung ausgelöst. Während die einen - sowohl neoliberale PropagandistInnen als auch diverse post-moderne Linke - die Globalisierung als ein völlig neues Phänomen betrachten, in dem die bisherigen Gesetze des Kapitalismus nicht mehr gelten würden, betonen andere, daß die Globalisierung nicht von Bedeutung sei und außerdem schon einmal in der Geschichte - nämlich in der Periode vor 1914 - eine solche Entwicklung stattgefunden hätte. Wir wollen dagegen im folgenden Artikel die marxistische Position zur Globalisierung weiterentwickeln, die die wichtigen Veränderungen in den letzten beiden Jahrzehnten in Richtung Internationalisierung des Kapitals und die daraus folgenden Konsequenzen betont. (1) Wir gehen dabei von der bereits von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest festgestellten Grunddynamik des Kapitalismus aus: Das Bedürfnis nach dem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte, jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. (...) An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Wir sehen die Entstehung eines globalen Kapitalismus in den beiden letzten Jahrzehnten als eine Entwicklungsstufe innerhalb der imperialistischen Epoche, die durchaus diese Charakteristika trägt und tatsächlich bereits in ähnlicher Entwicklung vor 1914 existierte. Die Antriebsfeder der Globalisierung war und ist der aggressive Drang des Kapitals nach Ausbeutung und Unterwerfung vor dem Hintergrund erschwerter Verwertungsbedingungen. Die Globalisierung ist in diesem Sinne also nicht etwas völlig Neues, wobei natürlich gegenüber den neoliberalen und postmodernen TheoretikerInnen die Grenzen und die spezifische Beschaffenheit der Internationalisierung des Kapitalismus betont werden müssen. Lenins Imperialismus-Theorie Eine Analyse der Globalisierung muß von einer klaren theoretischen Basis ausgehen. Als MarxistInnen stützen wir uns auf die Imperialismustheorie, wie sie von W.I. Lenin 1916 entwickelt wurde. Lenin faßte verschiedene Erkenntnisse marxistischer und auch fortschrittlicher bürgerlicher ÖkonomInnen seiner Zeit zusammen, entwickelte sie weiter und führte sie zu einer in sich logischen Theorie zusammen. (2) Die marxistische Imperialismustheorie geht davon aus, daß der Kapitalismus nach der langen Periode der wirtschaftlichen Depression 1873-1895 in eine neue Epoche trat - die des Imperialismus. Diese zeichnet sich durch eine starke Tendenz zur Bildung von Monopolen aus, die das Wirtschaftsleben zunehmend dominieren. Lenin bezeichnete den Imperialismus daher auch als monopolistischen Kapitalismus. Zweitens charakterisiert den Imperialismus eine Verschmelzung des Industrie- und des Bankenkapitals zum Finanzkapital. Drittens stellte Lenin eine wachsende Tendenz des Exports nicht nur von Waren, sondern zunehmend auch von Kapital, fest. Diese Entwicklung fußt auf der zunehmenden Schwierigkeit, Kapital in den entwickelten kapitalistischen Staaten profitabel anzulegen. Viertens und damit zusammenhängend drängt das Kapital auf eine Unterwerfung der sogenannten Dritten Welt bzw. bekämpft sich gegenseitig um die Anteile an den (halb)kolonialen Märkten. Diese zunehmenden Probleme, profitabel Kapital zu akkumulieren (Überakkumulation), zeichnen auch für ein weiteres Kennzeichen des Imperialismus verantwortlich: seinen parasitären Charakter. Konkret bedeutet dies einen wachsenden Kapitalabfluß in den spekulativen, nicht-produktiven Bereich (Börse usw.). Auf politischer Ebene - die wir in diesem Artikel weitgehend ausklammern und in einer späteren Ausgabe des ASt behandeln werden - bedeutet der Imperialismus eine Tendenz zur Reaktion, zu Krieg und Misere, aber auch zu Revolutionen. Diese Schlußfolgerung Lenins wurde in den letzten hundert Jahren durch die beiden Weltkriege, viele weitere Konflikte und Katastrophen sowie unzählige Revolutionen und Aufstände eindrucksvoll bestätigt. Was also sind heute die zentralen Merkmale der Globalisierung bzw. des globalen Kapitalismus und wie können wir die gegenwärtige Periode des Kapitalismus und insbesondere das Phänomen der Globalisierung in die imperialistische Epoche einordnen? Tendenz zum Monopol Die jüngere Vergangenheit - insbesondere im letzten Jahrzehnt - stellte eine eindrucksvolle Bestätigung der Leninschen These von der Tendenz zum Monopol dar. Eine Welle von Fusionen und Aufkäufen von Großunternehmen prägte und prägt das Wirtschaftsleben. So steigerte sich der Wert der von solchen Zusammenschlüssen betroffenen Konzerne alleine in Europa von ca. 300 Mrd. US-Dollar im Jahr 1995 auf 1.500 Mrd. US-Dollar 1999. Heuer soll der Wert sogar noch darüber liegen. Eine ähnliche Tendenz können wir auch in Asien beobachten, wo der Wert der von Zusammenschlüssen betroffenen Unternehmen seit 1990 kontinuierlich zunimmt und selbst im Krisenjahr 1998 noch dreimal so hoch lag wie am Beginn des Jahrzehnts. In den USA können wir eine ähnliche Entwicklung - mit Aufs und Abs entsprechend dem Konjunkturzyklus - feststellen. Weltweit stieg das Volumen der Unternehmensfusionen von ca. 0.4 Billiarden US-Dollar (1990) auf knapp 2.5 Brd. (1998) und nahm seitdem noch weiter zu. Dies führte zu einer weiteren Konzentration und Zentralisation des Kapitals, also zum Ausbau der Vorherrschaft der größten Konzerne, der Monopole. Eine Studie der Bank für internationalen Zahlungsausgleich zeigt den gewachsenen Anteil der fünf größten Banken am Vermögen. In allen neun untersuchten imperialistischen Staaten stieg die marktbeherrschende Position der Top 5 zwischen 1990 und 1997. Ähnlich ist es in der Autobranche. Kontrollierten noch vor nicht allzu langer Zeit ein Dutzend Konzerne 70% des Weltmarktes, so sind es heute nur noch fünf Monopole, die einen gleich großen Marktanteil beherrschen. Doch - und dies ist ein wesentliches Merkmal des globalen Kapitalismus - findet diese Herausbildung immer größerer Monopole nicht nur im nationalen Rahmen statt, sondern auch grenzüberschreitend. Ein Viertel der Fusionen im Jahre 1998 fand zwischen Konzernen unterschiedlicher nationaler Herkunft statt. Die großen Monopole kaufen heute bewußt (etwas kleinere) Großunternehmen in anderen Ländern auf, um sich dadurch eine zentrale Stellung in den von diesen kontrollierten Märkten und Branchen zu sichern. So z.B. schluckten General Motors oder Ford japanische Konzerne oder die Deutsche Bank die US-Bankers Trust oder Daimler Benz Chrysler. Die beherrschende Stellung dieser Monople läßt sich u.a. an folgender Tatsache ablesen: Anfang der 1990er Jahre kontrollierten alleine die 300 größten Industriekonzerne 25% des sich damals auf insgesamt 20 Billarden US-Dollar belaufenden Betriebsvermögens - und man kann davon ausgehen, daß dieser Anteil seitdem sogar noch zugenommen hat. Die dominierende Stellung der multi-nationalen Konzerne - insgesamt sind dies ca. 44.000 plus 200.000 weitere Tochterunternehmen - läßt sich jedoch nicht alleine am statistischen Marktanteil an der jeweiligen Branche ablesen. Die Vormachtstellung der Monopole zeigt sich noch deutlicher bei ihrer dominierenden Rolle in den mobilsten, dynamischsten und technisch fortgeschrittensten Teilen der Branche. So z.B. konzentrieren die multi-nationalen Konzerne einen Großteil der Ressourcen für Forschung&Entwicklung in ihren Händen. Eine ähnliche Konzentration zeigt sich beim Handel. So spielt sich etwa ein Drittel des Welthandels innerhalb der einzelnen multi-nationalen Konzerne und ein weiteres Drittel zwischen diesen ab. Mit einem Wort: Über 2/3 des Welthandels werden von den Multis kontrolliert. Allerdings darf diese Tendenz und die wachsende Bedeutung multinational agierender Monopole nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Monopole in der Regel nach wie vor von einem im wesentlichen national verankerten Kapital dominiert werden und daß sich im Durchschnitt 2/3 ihrer Produktion und ihrer Arbeitskräfte im Mutterland befinden. Ebenso muß man die These der Globalisierung dahingehend relativieren, als natürlich keine gleichberechtigte weltweite Vernetzung stattfindet, sondern mindestens 85% der multinationalen Konzerne in den imperialistischen Staaten beheimatet sind. Was ist der Hintergrund dieser zunehmenden Tendenz zum Monopol? Die Ursache dafür liegt im verschärften internationalen Konkurrenzkampf, dessen Antrieb wiederum der Druck auf die Profitrate angesichts einer Überakkumulation des Kapitals ist. Überakkumulation des Kapitals bedeutet, daß sich zuviel Kapital im Umlauf befindet, um profitabel veranlagt zu werden und daher nur ein Teil davon in produktive Investition fließen kann. Welthandel und Kapitalexport Wenn der russische Marxist Leo Trotzki vor fast 90 Jahren von einem Aufruhr der Produktivkräfte, die den Kapitalismus erzeugten, gegen ihre national-staatliche Ausbeutungsform sprach, so trifft dies heute mehr denn je zu. Die Produktivkräfte drängen mit aller Macht über die Grenzen des Nationalstaates hinaus. Hier zeigt sich anhand der massiv anwachsenden Bedeutung des Welthandels wie auch des Kapitalexports die Globalisierung - oder präziser gesagt die Internationalisierung der kapitalistischen Produktion und Zirkulation - besonders deutlich. Beginnen wir mit einer Untersuchung des Welthandels. Der Welthandel wuchs in den vergangenen Jahrzehnten weitaus stärker als die Produktion. Insbesondere seit Beginn der 1970er Jahre klafft die Kluft zwischen dem Volumen der Produktion und des Handels immer weiter auseinander. Nimmt man das Jahr 1950 zum Ausgangspunkt, so stieg das weltweite Brutto-Inlandsprodukt (BIP; ein natürlich nur sehr ungenauer Maßstab für die Produktion von Werten im marxistischen Sinne, da er auch unproduktive Arbeit beinhaltet) um das Fünffache, während der Welthandel um das 16fache anstieg. Man kann heute ohne Übertreibung sagen, daß der Welthandel noch nie in der Geschichte des Kapitalismus eine so große Rolle spielte wie heute. Dieser Punkt ist insoferne auch von Bedeutung, als einige linke KritikerInnen der Globalisierungs-These einwerfen, daß die Globalisierung bloß im Bereich des spekulativen Geldkapitals stattfinde, nicht jedoch beim Warenhandel und der Produktion. Tatsächlich jedoch zeigen Statistiken, daß der Weltwarenexport 1870 5% des BIP ausmachte, 1913 etwa 8-9% und nach einem Niedergang auf ca. 7% (1950) auf heute 13% anstieg. Ähnliche Resultate zeigt ein Vergleich der Bedeutung des Handels für die imperialistischen Kernländer 1913 und heute. Während der gesamte Handel für Britannien 1910 etwa 44% des BIP ausmachte, liegt der Anteil heute bei 54%. Für die USA lauten die Vergleichszahlen 11% (1910) und 24% (1998) und für Deutschland 39% bzw. 48% (ähnliches gilt auch für Frankreich). Die Tendenz zur Internationalisierung findet ebenso - und sogar noch intensiver - beim Kapitalexport statt. Wuchsen die ausländischen Direktinvestitionen von 1970 bis 1985 etwa gleich schnell wie die Exporte, so stiegen sie zwischen 1985 und 1995 um mehr als das Sechsfache an, während sich die Exporte nur verdreifachten. Ausländische Direktinvestitionen sind darüberhinaus seit 1980 dreimal so schnell gewachsen wie inländische Investitionen. Der weltweite Kapitalexport beträgt heute im Verhältnis zum BIP über 10% und ist damit doppelt so hoch wie 1960 und 1980. Damit wurde auch der bisherige historische Höchststand (im Jahre 1913: 9%) überschritten. Wachsender Parasitismus Wie bereits oben angeführt liegt der zunehmenden Globalisierung die Überakkumulation des Kapitals zugrunde. Das Kapital, eingeschränkt in seinen Möglichkeiten der profitablen Verwertung, sucht immer entschlossener oder sagen wir verzweifelter nach neuen, weiteren Anlagemöglichkeiten. Daher das beharrliche Insistieren auf das Niederreißen aller Handelsbarrieren, aller Tarife unter dem Schlagwort der Liberalisierung. Aus dem gleichen Grund ist der globale Kapitalismus von einem zunehmenden Parasitismus gekennzeichnet. Aufgrund der eingeschränkten Möglichkeiten für die produktive Selbstverwertung des Kapitals fließt ein wachsender Teil in die Spekulation statt in die Produktion. Aufblähung der Börsenwerte, die Ausbreitung immer raffinierterer Spekulationsformen (Währungsspekulation, Optionen, Derivate, Futures usw.) und eine immer raschere Jagd des Geldkapitals rund um den Globus sind die Folge. Alleine im spekulativen Währungshandel werden heute täglich 1.5 Billiarden US-Dollar umgesetzt. Im Vergleich dazu beträgt der tägliche Geldwert der Exporte bloß 25 Mrd. US-Dollar. In fast allen imperialistischen Staaten wuchs von 1981 bis heute die Summe der an der Börse gehandelten Werte (die sogenannte Börsenkapitalisierung) im Verhältnis zum BIP um das Doppelte, Dreifache oder noch mehr. Insgesamt wird geschätzt, daß nur 5% des täglichen Kapitalflusses mit der Realwirtschaft in Verbindung stehen - eine drastische Umkehrung des Verhältnisses von vor 30 Jahren. Es ist zweifellos der Bereich des Geldkapitals, wo die Globalisierung am weitesten fortgeschritten ist. Hier kombiniert sich der wachsende Überfluß an nicht produktiv verwertbarem Kapital mit den Errungenschaften der neuen Technologie, die mittels der Enter-Taste die Verschiebung von Milliardenbeträgen in Sekundenschnelle von einer Börse zur anderen ermöglicht. Das explosionsartige Anwachsen des spekulativen Geldkapitals ist eine äußerst manifeste Bestätigung der Leninschen These, daß der Imperialismus seinem Wesen nach parasitär und verfaulend ist - auch wenn dies der Glitzer der Konsumwelt in den reichen Ländern überdecken mag. Wie grotesk und zynisch der moderne Kapitalismus ist, zeigt alleine der Hinweis, daß mit weniger als 30 Mrd. US-Dollar - also einem Bruchteil des Spekulationskapitals - die Basisversorgung für alle Hungernden der Welt für ein Jahr garantiert werden könnte! Aber erst eine geplante sozialistische Weltwirtschaft kann dieses Potential zugunsten der Menschheit verwirklichen. Unterwerfung der Halbkolonien Wenden wir uns einem weiteren Merkmal des globalen Kapitalismus zu: der zunehmenden Unterwerfung der Halbkolonien, der sogenannten Dritten Welt, durch die imperialistischen Großmächte. In einer Periode der Überakkumulation und der verschärften Konkurrenz drängt das Kapital mit immer größerer Vehemenz in alle verbleibenden Marktnischen, erzwingt das Niederreißen verbliebener Handelsbarrieren nationaler Märkte sowie die Privatisierung staatlicher Unternehmen. Genau dies konnten wir in den vergangenen beiden Jahrzehnten beobachten: IWF-Kredite mit entsprechenden Liberalisierungsauflagen, GATT- und WTO-Runden, Freihandelszonen usw. All dies führte dazu, daß multinationale Konzerne und der Imperialismus insgesamt die Halbkolonien heute mehr denn je ihrem Kommando unterworfen haben. So kontrolliert z.B. das imperialistische Kapital heute fast 20% des brasilianischen und knapp 40% des venezuelanischen und argentinischen Bankkapitals. Der Ausbau der imperialistischen Vormachtstellung zeigt sich u.a. daran, daß während der 1990er Jahre ca. 11% der Investitionen in den sogenannten Entwicklungsländern durch ausländisches Kapital finanziert wurden - in den 1980er Jahren waren es dagegen bloß ca. 4%. Der Anteil ausländischen Kapitals am gesamten Kapitalstock betrug 1995 in Osteuropa bereits über 5%, in Afrika über 6%, in Asien 9% und in Lateinamerika gar über 11%. Insgesamt nahm zwischen 1982 und 1994 z.B. das Volumen der durch multinationale Konzerne in den halb-kolonialen Staaten produzierten Waren (als Anteil am BIP) deutlich zu: In Lateinamerika von 7% auf 11%, in Asien von knapp 5% auf 9%, ähnlich in Afrika und in Osteuropa von 0% auf zumindest 2.5%. De facto ergibt sich daraus eine überaus dominante Stellung, da diese Konzerne in der Regel die modernsten und größten Monopole stellen und wichtige Teile der Wirtschaft direkt oder indirekt kontrollieren. In der Tschechischen Republik z.B. kontrollieren die Multis 70% der Exporte. Widersprüche und Grenzen Der zentrale Fehler der post-modernen Globalisierungs-EuphorikerInnen liegt darin, daß sie weder die inneren Grenzen, Widersprüche und Einseitigkeiten der Globalisierung erkennen, noch die Einordnung der jüngsten Periode des globalen Kapitalismus in die imperialistische Epoche. Beginnen wir mit folgender Feststellung: Der Begriff Globalisierung ist - wie wir gezeigt haben - vollkommen falsch und irreführend, wenn er suggerieren soll, daß die Nationalstaaten keine Rolle mehr spielen und die Weltwirtschaft von Konzernen ohne nationale Bindung und Kern beherrscht werden würde. Er ist ebenso falsch, wenn er eine gleichmäßige Integration der gesamten Welt impliziert. Tatsächlich ist die Globalisierung in erster Linie eine Intensivierung des Handels und Kapitalexportes zwischen den imperialistischen Staaten. Knapp 3/5 aller ausländischen Direktinvestitionen spielen sich zwischen dieser kleinen Minderheit reicher Länder ab und die restlichen 40% konzentrieren sich ebenfalls auf eine kleine Anzahl sogenannter Schwellenländer (v.a. in Ostasien und Lateinamerika). Eine genauere Untersuchung der Waren- und Kapitalströme zeigt darüberhinaus, daß die Globalisierung - zwar nicht ausschließlich, aber doch überwiegend - eine Art Regionalisierung des Wirtschaftslebens darstellt. So bildeten sich in den beiden vergangenen Jahrzehnten bedeutende Wirtschaftsblöcke heraus. Diese Blöcke formieren sich um eine imperialistische Großmacht herum - NAFTA um die USA, Ostasien um Japan - bzw. um eine Koalition imperialistischer Mächte - die EU um v.a. Deutschland und Frankreich. So z.B. wickelt Mexiko über 70% seines Handels mit den USA ab und 2/3 der ausländischen Direktinvestitionen kommen von seinem nördlichen Nachbarn. Ähnlich verhält es sich mit Kanada. Die gleiche Tendenz kann man bei der Europäischen Union beobachten, wo ein zunehmender Teil der Exporte der Mitgliedsstaaten in andere Mitgliedsstaaten geht. Die Ursache dieser regionalen Blockbildung liegt wiederum in der zunehmenden kapitalistischen Konkurrenz. Diese zwingt sowohl zum Zusammenschluß von Konzernen zu noch größeren Einheiten als auch zum Zusammenschluß mehrerer Staaten bzw. Volkswirtschaften - in der Regel unter dem Kommando einer imperialistischen Großmacht bzw. einer kleinen Gruppe solcher Mächte. Natürlich besteht auch weiterhin eine kapitalistische Konkurrenz innerhalb dieser Blöcke. Aber gleichzeitig nimmt die Konkurrenz zunehmend die Form von Handelskonflikten usw. zwischen diesen Blöcken an. Kurz und gut: Im globalen Kapitalismus bekämpfen sich die Monopole und die imperialistischen Großmächte auf einer höheren Ebene - in Form von Wirtschaftsblöcken. Der Begriff Globalisierung ist jedoch zutreffend, wenn er als Internationalisierung verstanden wird, als unbändiges Streben der Produktivkräfte und des Kapitals über die nationalstaatlichen Grenzen hinaus. Er ist legitim als Beschreibung einer Tendenz zur weltweiten wirtschaftlichen Integration. Ebenso verwenden MarxistInnen den Begriff des Monopols und des Monopolkapitalismus, obwohl es im wortwörtlichen Sinne in der Regel kein einzelner Monopolkonzern ist, der die Wirtschaft oder selbst bloß eine Branche beherrscht. Vielmehr handelt es sich um eine Tendenz zur Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Genauso ist es mit dem Begriff der Globalisierung. Der globale Kapitalismus bildete sich also in den beiden letzten Jahrzehnten heraus und stellt eine neue Entwicklungsstufe bzw. einen neuen Abschnitt innerhalb der imperialistischen Epoche dar. Seine Antriebsfeder ist die dieser Epoche eigene Krisenhaftigkeit und der Drang des Kapitals, diesen Widersprüchen zum Trotz die Profitrate zu erhöhen. Die Globalisierung ist nicht etwas völlig Neues - bereits im ersten Abschnitt des Imperialismus (vor 1914) sahen wir eine ähnliche Entwicklung. Aber nichtsdestotrotz hat die Internationalisierung des Kapitals ein historisch sehr hohes Niveau erreicht und ist in wichtigen Bereichen sogar weiter fortgeschritten als vor 1914. Die Globalisierung hat in den beiden letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen und stellt für die internationale ArbeiterInnenklasse eine zentrale Herausforderung dar. Revolutionäres Potential In diesem Artikel können wir die politischen Auswirkungen der Globalisierung für die internationale ArbeiterInnenbewegung nur kurz anschneiden. Die erste wichtige Schlußfolgerung lautet: Globalisierung ist keine gleichberechtigte Integration der Welt, sondern der Vormarsch des Monopolkapitals und der imperialistischen Großmächte. Und gerade hierin liegt auch der innere Widerspruch - oder besser gesagt ihr explosives, destabilisierendes Potential. Denn dieser Drang nach weltweiter Ausbreitung und Neuverteilung der Einflußsphären - also die Globalisierung - ist ein Grundcharakteristikum des Imperialismus. Das sahen wir bereits vor 1914 und wiederum nach dem II. Weltkrieg. Aber diese Dynamik ruft gleichzeitig Gegentendenzen hervor (Protektionismus, Handelskriege, Blockbildung bis hin zu offenen militärischen Auseinandersetzungen), die diese Tendenz zur Internationalisierung blockieren oder gar umdrehen. Aber nur in einem bestimmten Ausmaß, denn gleichzeitig führt die Unterdrückung der ökonomischen Ausbreitung des Kapitals zu einer unbezwingbaren Tendenz zur militärischen Ausbreitung (also Eroberungskriege wie die beiden Weltkriege). Und Ziel dieser Kriege wiederum ist die Ermöglichung, oder besser gesagt Erzwingung, eben der ökonomischen Globalisierung. Globalisierung birgt also immer auch ihre eigene Verneinung in sich, schließt also das Potential von Konflikten und Kriegen unausweichlich mit ein. Deswegen ist die Welt des globalen Kapitalismus keine stabile, in der sich liberale Demokratie und freie Marktwirtschaft ungestört und unabwendbar weltweit ausbreiten und durchsetzen. Im Gegenteil, es kommt unausweichlich zu scharfen Gegenreaktionen, zu nationalistischen Antworten und sozialen Revolten. Globalisierung führt zu Revolten und Aufständen, die die Möglichkeit einer sozialen Revolutionen der ArbeiterInnenklasse in sich bergen. Darüberhinaus zwingt die Globalisierung die ArbeiterInnenklasse, den Blick nach vorne und international auszurichten. In einer Welt der multinationalen Konzerne drängt sich die Notwendigkeit der grenzüberschreitenden Koordination der KollegInnen in den einzelnen Standorten auf. Ebenso kann der wachsende Lohndruck zwischen den einzelnen Staaten nur durch eine solche bekämpft werden. Internationale Klassenkämpfe wie jene um das Renaultwerk in Vilvoorde oder Ansätze für grenzüberschreitende Gewerkschaftsaktionen und Kollektivvertragsverhandlungen weisen bereits in die richtige Richtung. Die internationale wirtschaftliche Vernetzung zeigt darüberhinaus, daß die gesellschaftliche Überwindung des Kapitalismus und der Aufbau eines ArbeiterInnenstaates in einem einzelnen Land unmöglich sind. Nur weltweit, nur im Rahmen einer internationalen Föderation von ArbeiterInnenstaaten, kann der gesellschaftliche Fortschritt gesichert und der Rückfall in den Kapitalismus verhindert werden. Die Globalisierung bestätigt somit einen wesentlichen Grundsatz unserer Strömung - des Trotzkismus -, den wir seit Jahrzehnten gegen die auf den Nationalstaat beschränkten ReformistInnen und insbesondere den Stalinismus hochhielten: Weltrevolution statt Sozialismus in einem Land! Nicht zuletzt zeigt die Globalisierung das enorme Potential für eine internationale sozialistische Planung. Heute ist es mehr denn je möglich, das wirtschaftliche Leben mittels der modernen Kommunikationstechnologien international zu planen. Neoliberale IdeologInnen mögen behaupten, daß dies - wie überhaupt jegliche Planung - unmöglich sei. Aber das ist eine Lüge. Die KapitalistInnen planen selber bereits weltweit! Mindestens ein Drittel des gesamten Welthandels verläuft innerhalb eines multinationalen Konzerns. Diese Handelsströme werden geplant, gelenkt und die Preise administrativ festgelegt. Selbst ein glühender Befürworter der kapitalistischen Globalisierung muß zugeben, daß dies offen der bürgerlichen Theorie des Welthandels widerspricht: Dieser Handel innerhalb des Konzerns findet auf Basis von Transferpreisen statt, die von den Firmen selber im Rahmen einer globalen Strategie festgesetzt werden. Dies bestätigt nicht gerade die landläufige Theorie über den Handel, nach der dieser vom Gesichtspunkt des Wettbewerbsvorteils bestimmt sei. (3) Warum sollte das unter den Bedingungen einer weltweiten Föderation von ArbeiterInnenstaaten nicht möglich sein, wenn es bereits heute für die KapitalistInnen möglich ist?! Eine internationale sozialistische Planwirtschaft würde ebenso den Austausch von Gütern weltweit organisieren. Bloß würde eine solche Planung - im Unterschied zu den Multis heute - nicht nach den Kriterien des Profits verlaufen, sondern entsprechend der gesellschaftlichen Bedürfnisse. Mit einem Schlag könnten die tagtäglichen Hungerkatastrophen in Afrika verhindert werden! Oder Hilfe für Länder wie Mosambique oder Honduras gewährleistet werden, die von sogenannten Naturkatastrophen betroffen sind (für die in Wirklichkeit der kapitalistische Raubbau verantwortlich ist). Aber die Multis werden alles tun, um dies zu verhindern. Welche herrschende Klasse hat schon jemals in der Geschichte freiwillig ihre Macht abgegeben?! Die internationale ArbeiterInnenklasse wird sich aber nicht spontan international organisieren. Die Bürgerlichen und ihre Medien versuchen ja gerade, dies zu verhindern, indem sie ihr chauvinistisches Gift in die Hirne der ArbeiterInnen versprühen. Von selbst wird es nie zu einer sozialistische Revolution kommen - weder in einem Land noch weltweit. Deswegen arbeitet unsere internationale Strömung - die Liga für eine revolutionär-kommunistische Internationale - am Aufbau einer internationalen Partei, die den Kampf gegen den globalen Kapitalismus und jede bürokratische Diktatur organisiert. Unser Antwort auf die Internationalen des Kapitals - IWF, Weltbank, G-7, WTO usw. - lautet: Aufbau einer revolutionären Internationale der ArbeiterInnen und Jugendlichen! Fußnoten: (1) Unsere bisherigen Analysen finden sich in ASt 86 und 87 sowie Trotskyist International 21. Diese Ausgaben können über unsere Kontaktadresse bezogen werden. (2) Siehe dazu insbesondere Lenins Hauptwerk zum Imperialismus Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (Lenin Werke (LW) Bd. 22) sowie Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus (LW 23) (3) Robert Gilpin: The Challenge of Global Capitalism. New Jersey, 2000, S.169 |