| abc des Marxismus: Zentrismus In der Geschichte der revolutionären ArbeiterInnenbewegung beginnend bei Marx hatte die kritische Auseinandersetzung mit nicht-revolutionären Strömungen immer schon einen zentralen Stellenwert. Innerhalb der österreichischen Linken jedoch ist es verpönt, den Begriff Zentrismus in den Mund zu nehmen. Noch schlimmer ist es allerdings, die politischen Grundlagen einer Gruppierung als zentristisch zu bezeichnen. Für viele muten die ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der radikalen Linken als Hick-Hack an, als unnütze Kleinkriege unbedeutender, am Rande der realen ArbeiterInnenbewegung stehender Sekten. Dieses weitverbreitete Unverständnis über die Notwendigkeit, sich mit den Positionen anderer Gruppen auseinanderzusetzen, diese wenn nötig einer Kritik zu unterwerfen und politisch zu charakterisieren, bedarf einer Erklärung. Letztlich ist dies eine unpolitische Reaktion und Ausdruck der politischen Rückständigkeit infolge des unterentwickelten Klassenkampfes in Österreich. Sich mit Zentrismus zu beschäftigen und ihn zu kritisieren, dient in erster Linie der Klärung der Frage, welche Art von Partei wir brauchen, um den Kapitalismus zu beseitigen. Wenn wir von Zentrismus reden, handelt es sich nicht darum, ein psychologisches Stigma zu kreieren, um andere, konkurrierende Gruppierungen zu beleidigen oder bloß zu denunzieren. Zentrismus ist vielmehr die Charakterisierung für politische Strömungen, die ebenso wie sozialdemokratische und stalinistische Parteien Teil der ArbeiterInnenbewegung sind, sich aber durch eine besondere politische Methode auszeichnen, die sie sowohl vom Reformismus als auch vom revolutionären Kommunismus unterscheidet. Hier stellt sich die Frage, ob wir überhaupt einen objektiven Maßstab haben, um zu bestimmen, was Zentrismus ist oder nicht. Wie können wir den Charakter einer Partei beurteilen? Ob es sich bei ihr um eine bürgerliche oder um eine ArbeiterInnenpartei handelt? Den Klassencharakter einer Partei können wir generell danach bestimmen, ob sie das Privateigentum an Produktionsmitteln verteidigt oder nicht bzw. danach, welche Beziehungen sie zu den Hauptklassen der Gesellschaft (Bourgeoisie und Proletariat) hat. Von diesem Klassenstandpunkt ausgehend analysierten Trotzki und Lenin den Zentrismus als Übergangsstufe zwischen Reformismus und Kommunismus, als Strömung, die zwischen Reform und Revolution schwankt und daher keine revolutionäre Kraft in der ArbeiterInnenbewegung darstellt. Aber im Unterschied zum Reformismus, der die Interessen der ArbeiterInnenaristokratie vertritt, besitzt der Zentrismus keine feste soziale Basis bzw. kann sie seinem Wesen nach gar nicht haben (Trotzki). Auf theoretischer Ebene äußert sich dies dadurch, daß er versucht, den Marxismus mit der Unterwerfung unter den Opportunismus in Taten zu verbinden (Lenin). Ein Merkmal des Zentrismus ist es also, Schwankungen der (zumeist) fortgeschrittensten Teile der ArbeiterInnenklasse zu reflektieren, die sich - je nach Klassenkampfsituation - nach links oder rechts bewegen. Es gehört dabei zum Wesen des Zentrismus, sich den jeweiligen Massenstimmungen bzw. jenen der fortschrittlichen ArbeiterInnen anzupassen. Ein Beispiel dafür war die 1916 gegründete Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD), die ein Produkt der wachsenden Opposition von Teilen der deutschen ArbeiterInnenklasse gegen Krieg und reformistische Parteiführung (der SPD) war. Ein anderes ist das sich auf den Trotzkismus berufende Vereinigte Sekretariat (VS), welches sich in den 50er Jahren an die damals vorherrschenden Strömungen der ArbeiterInnenbewegung, Stalinismus und Sozialdemokratie, anpaßte. Es verzichtete darauf, eine eigene revolutionäre Partei aufzubauen, indem es darauf verwies, daß der historische Prozeß stärker als die bürokratischen und reformistischen Apparate (so der 4.Weltkongreß, 1954) wäre. Ende der 60er Jahre paßte sich das VS in Westeuropa an neue Avantgardeschichten (StudentInnen) und in Lateinamerika an Guerillabewegungen an. Deshalb beschrieb Trotzki den Zentrismus als eine politische Methode, welche die Beziehung zwischen Führung und Avantgarde nicht versteht. Wenn Zentristen das Verhältnis zwischen den Massen und der Avantgarde, zwischen dem historischen Prozeß und der Politik einer revolutionären Minderheit begreifen würden, würden sie keine Zentristen sein. Denn der Zentrismus weigert sich, die Rolle der Partei als eine führende zu sehen, die klar und offen ein revolutionäres Programm und Perspektive gegenüber der ArbeiterInnenklasse darlegt. Zentrismus ist Anpassung an das vorherrschende Bewußtsein. Zugleich war bzw. ist das Aufkommen einer zentristischen Massenpartei wie der USPD oder die Herausbildung starker zentristischer Organisationen wie der POUM (Vereinigte Marxistische Arbeiterpartei) in Katalonien oder dem POR (Revolutionäre Arbeiterpartei) in Bolivien immer auch der Schwäche oder gar dem Fehlen des subjektiven Faktors - einer revolutionären Partei - geschuldet. Die POUM wuchs 1936 angesichts der Linksentwicklung der ArbeiterInnenklasse binnen weniger Monate von einer kleinen Gruppe zu einer Partei von ca. 40.000 Mitgliedern an. In Bolivien spielte der POR sowohl 1952 (damals noch als Mitglied der 4. Internationale) als auch 1971 eine entscheidende Rolle in der von den Minenarbeitern dominierten bolivianischen Gewerkschaft (COB). Der COB nahm in beiden revolutionären Situationen eine Schlüsselrolle ein. Ein Sturz der Bourgeoisie wäre beide Male objektiv möglich gewesen. Die Beispiele, in denen der Zentrismus zu einem wichtigen Faktor in der Massenbewegung wurde, sind Beleg dafür, daß er keine revolutionäre, sondern eine links vom sozialdemokratischen Reformismus stehende Strömung ist. POUM und POR, die sich formal auf den Marxismus bzw. den Trotzkismus beriefen und in der Revolution die radikale Linke bildeten, betrieben in der Praxis eine reformistisch-bürgerliche Politik. Sie traten in bürgerliche Volksfront-Regierungen ein, welche die ArbeiterInnenklasse entwaffneten, die Landbesetzungen zurücknahmen usw. Ihre Regierungsbeteiligungen führten schließlich dazu, Faschismus, Reaktion und Militärputschs den Weg zu ebnen. All dies zeigt, daß es nicht ausreicht, subjektiv die Revolution zu wollen und antikapitalistisch zu sein, sondern daß es notwendig ist, mit dem Zentrismus als politischer Methode zu brechen, um künftig ähnliche Niederlagen zu vermeiden. Es zeigt also die Notwendigkeit und Dringlichkeit des Aufbaues einer revolutionären Partei! |