10 Jahre LRKI:

10 Jahre Kampf für revolutionären Internationalismus

Als InternationalistInnen haben wir von Anfang an versucht, eine revolutionäre Organisation international aufzubauen. 1984 gründeten GenossInnen aus Britannien, Irland, Deutschland und Frankreich die Bewegung für eine revolutionär-kommunistische Internationale (BRKI). Nach ihrer Gründung 1986 trat die Gruppe ArbeiterInnenstandpunkt (Ast) umgehend der Bewegung bei, um die Erfahrungen im Klassenkampf international austauschen zu können, und nationale Einseitigkeiten durch den gemeinsamen Aufbau einer internationalen Organisation zu überwinden.

Vier Organisationen gründeten vor 15 Jahren haben die BRKI - Workers Power (Britannien), Irish Workers Group, Pouvoir Ouvrier (Frankreich) und die Gruppe Arbeitermacht (BRD). Ihr Ziel war, eine neue demokratisch-zentralistische internationale Tendenz aufzubauen, in der nach eingehender demokratischer Diskussion eine gemeinsame Linie gefunden wird, die dann gemeinsam in der Praxis angewandt und somit geprüft wird. Dieses Ziel wurde 1989 nach 5 Jahren intensiver Diskussion erreicht. In diesen Jahren wurden zu zentralen Themen wie der Rolle des Reformismus, der Bewegungen in Polen, der Frauenunterdrückung und der Atomkraft Thesen erstellt, die Ausdruck der erreichten internationalen programmatischen Übereinstimmung waren.
Die Delegierten des ersten Kongresses hatten aus persönlicher Erfahrung in verschiedenen Organisationen aber auch im Klassenkampf, etwa im britischen Bergarbeiterstreik 1984, und aus der Geschichte des Klassenkampfes eine Reihe von Schlußfolgerungen gezogen, welche die neue internationaleTendenz prägen sollten. 1. Die stalinistischen Diktaturen hatten bewiesen, daß nur die Weltrevolution zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft führen kann und nicht der Versuch der stalinistischen Bürokratien, den Sozialismus in einem Lande zu schaffen. 2. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen RevolutionärInnen international organisiert sein, um internationale Erfahrungen einzubringen, und die Kämpfe international zu koordinieren. 3. Folglich muß die neue Partei der Weltrevolution von Anfang an international aufgebaut werden. Dies ist eine Idee die heute angesichts der Globalisierung des Kapitals, der Internationalisierung gewerkschaftlicher Kämpfe und der fortschreitenden Integration imperialistischer Handelsblöcke weit verbreitet sein müßte. Widerstand bloß auf nationaler Ebene ignoriert die Tatsache, daß unsere FeindInnen international organisiert sind.
Bis zum Kongreß der Liga für eine revolutionär-kommunistische Internationale (LRKI) schlossen sich zwei weitere Organisationen der LRKI - Poder Obrero (Peru) und die Gruppe ArbeiterInnenstandpunkt. Auf diesem Kongreß wurde auch ein vorher schon lange und eingehend diskutiertes gemeinsames Programm besprochen, abgeändert und schließlich angenommen: Das Trotzkistische Manifest. Weiters wurden die Körperschaften einer demokratisch-zentralistischen internationalen Tendenz gewählt.
Der erste Kongreß der LRKI fand in einer bewegten Zeit statt. Kurz zuvor hatten in Polen ‚freie’ Wahlen stattgefunden und hatte das stalinistische Regime in China die Demokratiebewegung der ArbeiterInnen und StudentInnen in Blut ertränkt. Wenig später begannen die degenerierten ArbeiterInnenstaaten in Osteuropa einer nach dem anderen zusammenzubrechen. Eine der entscheidenden Perioden des zwanzigsten Jahrhunderts war eröffnet - vergleichbar nur jenen Phasen rund um die beiden imperialistischen Weltkriege. Die LRKI stellte fest, daß die nun folgende zweijährige Phase bis 1991 das Potential für eine politische Revolution, für den Sturz der herrschenden stalinistischen Kasten in sich trug. Gleichzeitig war uns bewußt, daß diese Phase auch das Potential der Niederlage in sich trägt - angesichts der Illusionen in die bürgerliche Demokratie und des Fehlens einer revolutionären Führung.
Wir waren also alles andere als überrascht, als die Niederlage dann eintrat. Vielmehr versuchten wir mit unseren beschränkten Kräften in Osteuropa zu intervenieren. GenossInnen haben Rußland, Polen, Jugoslawien, Rumänien und Ungarn besucht. Durch die gemeinsame Anstrengung von GenossInnen aus Österreich, Deutschland und Großbritannien war es uns möglich, kontinuierlich in der DDR zu intervenieren. Das Ergebnis war der Aufbau einer ostdeutschen Sektion, welche schließlich mit der westdeutschen Gruppe Arbeitermacht fusionierte.
Als 1991 Janajew in Rußland einen Putschversuch unternahm, waren Mitglieder der Liga in Moskau. Die LRKI hat sofort den Massenwiderstand gegen den Putsch unterstützt, ohne allerdings Jelzins Gegenoffensive unwidersprochen zu lassen. Diese Position hat zu schweren Meinungsverschiedenheiten in der Liga, aber auch mit zwei sympathisierenden Organisationen geführt - der Communist Left of New Zealand und der Revolutionary Trotskyist Tendency (USA). Innerhalb der Liga waren es v.a. die peruanische und die bolivianische Sektion (letztere war 1991 beigetreten), welche sich in dieser Situation weigerten, den von Jelzin angeführten Massenwiderstand gegen den Putsch zu unterstützen. Sie vertraten eine stalinophile Linie, d.h. sie paßten sich an die stalinistische Bürokratie an.
Diese Meinungsverschiedenheiten prägten den zweiten Kongreß zum Jahreswechsel 1991/92. Deshalb wurden auch die geplanten programmatischen Dokumente im wesentlichen nicht verabschiedet. Die offen gebliebenen programmatischen Fragen mußten in der Folge vom Internationalen Exekutivkomitee gelöst werden. Trotzdem konnte auf diesem Kongreß eine neuseeländische Sektion in unseren Reihen begrüßt werden.
Angesichts des fortschreitenden Übergangs zum Kapitalismus in den degenerierten ArbeiterInenstaaten erkannten wir, daß sich hier nunmehr eine doppelte Aufgabe stellt - politische Revolution gegen die Bürokratie sowie soziale Revolution gegen die kapitalistische Restauration. Wir entwickelten unsere Analyse des Restaurationsprozesses weiter. Diese Weiterentwicklung gipfelte schließlich in der Feststellung, daß diese Länder eine neue Qualität erreicht hatten - jene der moribunden ArbeiterInnenstaaten. Unsere Arbeit zu diesem Thema war aber nicht nur theoretisch. Zwischen 1991-93 lebte ein österreichischer Genosse in Moskau, GenossInnen aus anderen Sektionen hielten sich dort für kürzere Perioden auf. Neben Diskussionen mit russischen Linken haben wir in dieser Zeit auch eine kleine Zeitung auf Russisch herausgegeben. V.a. aber war es uns so möglich, direkte Erfahrungen mit den Auswirkungen der neoliberalen Schocktherapie auf die ArbeiterInnenklasse, deren politischer Paralyse und dem Block von stalinistischen HardlinerInnen und faschistischen Elementen zu sammeln. Auch haben die lateinamerikanischen Sektionen uns einen tiefen Einblick in die Bedingungen revolutionärer Arbeit in den Halbkolonien erlaubt.
In den Jahren 1992-94 haben wir auch auf anderen Gebieten unsere Programmatik weiterentwickelt, z.B. mit den Thesen zu den frühen Phasen des Parteiaufbaues, zu demokratischen Forderungen in der politischen Revolution und zur Einheitsfront. Gleichzeitig konnten auch die Diskussionen mit einer Gruppe von GenossInnen in der schwedischen Sektion des Vereinigten Sekretariats (deren österreichische Sektion die SOAL ist) erfolgreich abgeschlossen werden, welche 1994 nach einem Fraktionskampf der LRKI als Arbetarmakt beitraten.
Auf dem dritten Kongreß 1994 gab es erneut Auseinandersetzungen um die stalinophilen Positionen eines Teils der neuseeländischen und der lateinamerikanischen Sektionen. Diese Positionen wurden mit großer Mehrheit zurückgewiesen. Gleichzeitig konnte eine Reihe politischer, organisatorischer und technischer Probleme auf dem Weg zu einem lebendigen demokratischen Zentralismus überwunden werden.
Nach dem Kongreß kam es in Österreich zu einer Spaltung und Austritten. Die peruanische Sektion brach zusammen. Ein Jahr später haben sich dann auch die bolivianische und ein Teil der neuseeländischen Sektion abgespalten. Zu diesen massiven Verlusten kamen in den nächsten drei Jahren noch Verluste durch individuelle Austritte und politische Rückzüge älterer GenossInnen. Zum Teil konnte diese Schwächung durch ein schnelles Wachstum der französischen sowie die Gründung einer australischen Sektion kompensiert werden. Gleichzeitig begannen wir auch Diskussionen mit einer bedeutenden, sich nach links entwickelnden trotzkistischen Organisation, der argentinischen PTS.
Wie können diese Verluste erklärt werden? Zum Teil durch methodische Unterschiede, welche wir nicht überwinden konnten. Diese lassen sich zusammengefaßt als revolutionärer Marxismus vs. Anpassung an den Stalinismus bezeichnen. Andererseits gab es auch unterschiedliche Einschätzungen zur Weltlage. In Österreich gab es z.T. die pessimistische Einschätzung einer langandauernden konterrevolutionären Periode, welche manche zum passiven Propagandismus verführte. Auch die Niederlagen der ArbeiterInnenklasse gingen nicht spurlos an uns vorüber - manche wurden von ihnen demoralisiert, ohne aber politische Differenzen mit uns zu haben.
Auch wenn Anfang der 1990er Jahre eine konterrevolutionäre Phase existierte, mit einem historisch niedrigen Niveau der Klassenkämpfe und einem allgemeinen Rechtsschwenk der weltweiten ArbeiterInnenbewegung, so ließ sich doch ab Mitte des Jahrzehnts in Europa ein Aufschwung der Klassenkämpfe feststellen. Basierend darauf hat der vierte Kongreß 1997 festgestellt, daß sich die konterrevolutionäre Phase weltweit dem Ende nähert. Nach intensiven Diskussionen hat sich dieser Kongreß schließlich auch dazu entschlossen, in Zukunft verstärktes Augenmerk auf die Jugendarbeit zu legen, und wo immer möglich unabhängige Jugendorganisationen mit eigenen Zeitungen aufzubauen, resultierend aus der Erfahrung, daß theoretische Weiterentwicklung ohne Verbindung mit der Praxis des Kampfes unmöglich ist. Also müssen wir uns auf diejenigen orientieren, die aktiv kämpfen. Dies sind heute die jungen vom Skeptizismus unverdorbenen Generationen, welche nicht von den Niederlagen der letzten Jahrzehnte demoralisiert wurden. Unser Arbeit seither war v.a. auf diesen Bereich ausgerichtet. In den letzten beiden Jahren wurden erfolgreiche internationale Jugendlager veranstaltet.
1998 hat die Marxistische Linke in Schweden mit unserer Sektion fusioniert. Sowohl 1997 als auch heuer waren wir mit einem internationalen Kontingent aller europäischen Sektionen auf den Euromarsch-Demonstrationen vertreten. Erst letzten Monat hat sich die SOP in der Tschechischen Republik, mit der wir seit längerem diskutieren, auf einer Konferenz einstimmig zum Beitritt zur LRKI entschlossen.
Die LRKI hat den Test der letzten - für das Ende dieses Jahrhunderts entscheidenden - Jahre bestanden. Wir haben Schlüsse daraus gezogen. Ihr Ergebnis ist ein Programm, welches auch den Test der vor uns liegenden revolutionären Periode bestehen wird. Gleichzeitig sind wir aber auch jederzeit offen für Diskussionen und auch Fusionen mit Organisationen, die denselben Weg gehen.
In den letzten 10 Jahren haben wir große Fortschritte erzielt. Wir haben uns programmatisch und theoretisch weiterentwickelt. Wir haben heute eine Reihe verschiedener Publikationen. Wir sind als internationale Tendenz gewachsen. Und das in einer Periode, wo zahlreiche linke Publikationen und Gruppen untergegangen sind, wo viele ZentristInnen das Banner des Trotzkismus endgültig eingerollt haben. Wir haben GenossInnen um uns geschart, die Internationalismus als eine alltägliche Aufgabe begreifen und nicht nur als schönes Gefühl, das nur am 1. Mai aus der Mottenkiste hervorgeholt wird. Auch haben wir in einem begrenzten Ausmaß unsere Spuren in der ArbeiterInnenbewegung hinterlassen und Erfahrungen gesammelt.
Nächstes Jahr wird unser fünfter Kongreß diese Arbeit bewerten und eine neue Perspektive erarbeiten. Eines ist aber sicher: Demokratischer Zentralismus funktioniert! Er ist der einzige Weg, ein abgerundetes Programm und internationalistische Kader zu entwickeln. All die bestehenden internationalen Diskussionsforen können das nicht und werden folglich keinen Beitrag zum Aufbau einer neuen revolutionär-kommunistischen Internationale leisten. Eine solche aber muß die ArbeiterInnenklasse nun aufbauen.
10 Jahre harter Arbeit liegen hinter uns. 10 Jahre, welche die Basis für wirkliche Fortschritte bilden. 10 Jahre, auf die wir stolz sein können.